Sonntag, 12. Juli 2026

Getauft auf Jesu Namen - 6. Sonntag nach Trinitatis

Spannende Aufgabe!

An diesem Sonntag war ich eingeladen, die Predigt in der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde (Baptisten) hier in Meppen zu halten. Das Besondere: Nach unserer lutherischen Tradition steht der 6. Sonntag nach Trinitatis ganz im Zeichen der Taufe. Ein lutherischer Pastor predigt bei den Baptisten über die Taufe? Ja, das war eine echte Herausforderung – aber vor allem eine wunderbare Fügung!

Auch wenn wir theologische Unterschiede im Taufverständnis haben, verbindet uns so viel mehr: Gottes bedingungslose Zusage und unser gemeinsamer Glaube.

Wochenspruch

So spricht der Herr, der dich geschaffen hat, Jakob, und dich gemacht hat, Israel: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein. (Jes 43, 1)

Gottesdienstablauf

Der Gottesdienstablauf wurde wie immer von den Mitarbeitern aus der Baptistischen Gemeinde zusammengestellt. Als Lesung hatte ich Apg. 8, 26 -39 vorgeschlagen - die Taufe des Kämmerers aus dem Äthiopien. 

Der Engel des Herrn redete zu Philippus und sprach: Steh auf und geh nach Süden auf die Straße, die von Jerusalem nach Gaza hinabführt und öde ist. 27 Und er stand auf und ging hin. Und siehe, ein Mann aus Äthiopien, ein Kämmerer und Mächtiger am Hof der Kandake, der Königin von Äthiopien, welcher ihren ganzen Schatz verwaltete, der war nach Jerusalem gekommen, um anzubeten. 28 Nun zog er wieder heim und saß auf seinem Wagen und las den Propheten Jesaja. 29 Der Geist aber sprach zu Philippus: Geh hin und halte dich zu diesem Wagen! 30 Da lief Philippus hin und hörte, dass er den Propheten Jesaja las, und fragte: Verstehst du auch, was du liest? 31 Er aber sprach: Wie kann ich, wenn mich nicht jemand anleitet? Und er bat Philippus, aufzusteigen und sich zu ihm zu setzen. 32 Der Inhalt aber der Schrift, die er las, war dieser (Jesaja 53,7.8): «Wie ein Schaf, das zur Schlachtung geführt wird, und wie ein Lamm, das vor seinem Scherer verstummt, so tut er seinen Mund nicht auf. 33 In seiner Erniedrigung wurde sein Urteil aufgehoben. Wer kann seine Nachkommen aufzählen? Denn sein Leben wird von der Erde weggenommen.» 34 Da antwortete der Kämmerer dem Philippus und sprach: Ich bitte dich, von wem redet der Prophet das, von sich selber oder von jemand anderem? 35 Philippus aber tat seinen Mund auf und fing mit diesem Wort der Schrift an und predigte ihm das Evangelium von Jesus. 36 Und als sie auf der Straße dahinfuhren, kamen sie an ein Wasser. Da sprach der Kämmerer: Siehe, da ist Wasser; was hindert's, dass ich mich taufen lasse? (37 Philippus aber sprach: Wenn du von ganzem Herzen glaubst, so kann es geschehen. Er aber antwortete und sprach: Ich glaube, dass Jesus Christus Gottes Sohn ist.) 38 Und er ließ den Wagen halten, und beide stiegen in das Wasser hinab, Philippus und der Kämmerer, und er taufte ihn. 39 Als sie aber aus dem Wasser heraufstiegen, entrückte der Geist des Herrn den Philippus, und der Kämmerer sah ihn nicht mehr; er zog aber seine Straße fröhlich.

Vor der Predigt sangen wir "Vergiss es nie". Das Lied "Vater, deine Liebe" rundete die Gedanken zur Predigt ab und leitete den Anbetungsteil ein. 

Die übrigen Lieder waren "Komm, jetzt ist die Zeit", "Vater, ich komme jetzt zu dir", "Ich weiß, wer ich bin", "Mutig komm ich vor den Thron" und "Wandle du mein Herz".

Im Video ...

Ich habe das Video so eingestellt, dass es mit der Predigt beginnt. Wer den ganzen Gottesdienst sehen will, schiebt die Zeitleiste ganz an den Anfang, auf Null. 

Predigt

Die Anfrage von Pastor Rebers, ob ich am 12.07. die Predigt übernehmen könnte, erreichte mich im Urlaub auf Sardinien. Ich schaute kurz in den Kalender und konnte spontan zusagen. Später fiel mir auf, dass der heutige Sonntag nach der lutherischen Zählung der 6. Sonntag nach Trinitatis ist und damit der Sonntag, an dem bei uns die Taufe im Mittelpunkt steht. Das ist doch eine echte Herausforderung, aber auch eine gute Fügung. 

Die Geschichte von der Taufe des Kämmerers aus Äthiopien ist eine der schönsten und dynamischsten Taufgeschichten des Neuen Testaments! Sie zeigt par excellence, was die Erwachsenen- bzw. die Gläubigentaufe betont: Hören des Wortes Gottes, Verstehen durch Philippus' Erklärung, der Wunsch des Kämmerers getauft zu werden, und das bewusste Bekenntnis. 

Es gibt natürlich weitere Taufberichte. 

Die "Ur-Taufe" und die Massentaufen

Diese Erzählungen betonen sehr stark die Predigt, die Umkehr und den anschließenden Glaubensschritt der Erwachsenen.

  • Jesus selbst (Matthäus 3,13–17 u.a.): Jesus lässt sich von Johannes im Jordan taufen - Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!. Obwohl Jesus ohne Sünde ist, tut er es, „um alle Gerechtigkeit zu erfüllen“. Bewusst lässt er sich als Erwachsener taufen.

  • Die Pfingstgemeinde (Apostelgeschichte 2,37–41): Nach Petrus’ fulminanter Predigt geht den Zuhörern das Wort „durchs Herz“. Sie fragen: „Was sollen wir tun?“ Petrus antwortet: „Tut Buße, und jeder von euch lasse sich taufen auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung eurer Sünden, so werdet ihr empfangen die Gabe des Heiligen Geistes.“ An diesem Tag ließen sich etwa 3.000 Menschen taufen.

  • Die Samariter und Simon der Magier (Apostelgeschichte 8,12–13): Bevor Philippus den Äthiopier taufte, predigte er in Samarien. Männer und Frauen kommen zum Glauben und lassen sich taufen – darunter sogar ein stadtbekannter Zauberer namens Simon.

Die "Oikos-Taufen"

In der Apostelgeschichte gibt es eine Gruppe von Erzählungen, die für die lutherische Tradition von Bedeutung sind. Hier wird nämlich nicht nur eine Einzelperson getauft, sondern der gesamte „Oikos“ (griechisch für das „Haus“, was die Familie, die Kinder, die Sklaven und Angestellten umfasste).

  • Die Purpurhändlerin Lydia (Apostelgeschichte 16,14–15): In Philippi hört die wohlhabende Geschäftsfrau Lydia Paulus zu. Gott öffnet ihr das Herz. Der Text sagt knapp: „Als sie aber und ihr Haus getauft war...“ Hier fragte niemand nach dem individuellen Glauben jedes einzelnen Hausbewohners; das Ja der Hausherrin schloss alle ein.

  • Der Gefängniswärter von Philippi (Apostelgeschichte 16,25–34): Nach einem Erdbeben, das das Gefängnis erschüttert hat, will sich der Aufseher verzweifelt das Leben nehmen, weil er meint, die Gefangenen seien geflohen. Doch Paulus rettet ihn. Darauf fragt der Gefängniswärter: „Was muss ich tun, dass ich gerettet werde?“ Paulus antwortet: „Glaube an den Herrn Jesus, so wirst du und dein Haus selig!“ Und der Text berichtet: „...und er ließ sich taufen und alle die Seinen.“

  • Krispus, der Synagogenvorsteher (Apostelgeschichte 18,8): In Korinth kommt Krispus zum Glauben an den Herrn „mit seinem ganzen Hause“, und viele Korinther, die zuhörten, wurden gläubig und ließen sich taufen.

  • Das Haus des Stephanas (1. Korinther 1,16): Paulus erinnert sich in seinem Brief beiläufig: „Ich habe aber auch Stephanas' Haus getauft.“

Besondere Bekehrungstaufen (Fokus: Gottes radikaler Eingriff)

  • Saulus / Paulus (Apostelgeschichte 9,17–19): Der größte Christenverfolger wird vor Damaskus blind. Hananias legt ihm die Hände auf, Saulus wird geheilt: „...und er stand auf und ließ sich taufen.“

  • Der Hauptmann Kornelius (Apostelgeschichte 10,44–48): Diese Taufe ist kirchengeschichtlich revolutionär, weil Kornelius ein Heide (Römer) ist. Während Petrus noch predigt, fällt der Heilige Geist bereits auf die heidnischen Zuhörer. Petrus erkennt: Gott hat hier längst gehandelt! Er sagt: Kann auch jemand denen das Wasser zur Taufe verwehren, die den Heiligen Geist empfangen haben ebenso wie wir? 48 Und er befahl, sie zu taufen in dem Namen Jesu Christi.

Von der Erwachsenentaufe zur Kindertaufe

In den ersten Generationen nach den Aposteln war die Erwachsenentaufe von Konvertiten logischerweise der Normalfall, die Kirche wuchs durch Mission. Doch schon sehr früh taucht die Kindertaufe als etablierte Praxis auf.

  • Irenäus von Lyon (um 185 n. Chr.) ist der Erste, der die Kindertaufe indirekt, aber deutlich bezeugt. Er schreibt, dass Jesus kam, um alle zu retten, die durch ihn „neu geboren“ werden, die also getauft werden: „Säuglinge, Kinder, Knaben, Jünglinge und Alte.“

  • Hippolyt von Rom (um 200 n. Chr.) beschreibt in seiner Kirchenordnung (Traditio Apostolica) den konkreten Ablauf eines Gottesdienstes: „Tauft zuerst die Kinder. Und alle, die für sich selbst sprechen können, sollen sprechen. Für die aber, die nicht für sich selbst sprechen können, sollen die Eltern sprechen oder jemand aus ihrer Familie.“ Das ist der älteste Beleg für das Patenamt!

Die Diskussion der Kirchenväter 

Durch Augustinus (354–430 n. Chr.) kam im 5. Jahrhundert der Wendepunkt zur flächendeckenden, unhinterfragten Praxis der Kindertaufe. Im Streit mit Pelagius zementierte Augustinus die Lehre von der Erbsünde. Er argumentierte, dass jeder Mensch von Geburt an verdammt und mit der Sünde Adams infiziert sei. Wenn ein Säugling ungetauft stirbt, geht er verloren. Durch diese sehr düstere Drohkulisse wurde die Kindertaufe im Laufe des 5. und 6. Jahrhunderts im gesamten Römischen Reich zur Pflichtpraxis.

Diese Diskussion nicht wieder aufnehmen. Die ist unfruchtbar. Unselige Geschichte im Zeitalter der Reformation. 

Was sagen unsere unterschiedlichen Traditionen?

Die baptistische Sicht – Das bewusste „Ja“ und seine Grenzen

Die Stärke: Das mündige Bekenntnis

Wenn ich auf die baptistische Tradition blicke, dann tue ich das mit großem Respekt. Ihre Stärke liegt in der Klarheit des Aufrufs: Glaube braucht eine Entscheidung. Die Gläubigentaufe setzt ein deutliches Zeichen: Hier sagt ein Mensch ganz bewusst und öffentlich 'Ja' zu Jesus Christus. Ihr geht eine Zeit des Fragens, des Unterrichts und der inneren Auseinandersetzung voraus. Das ist kostbar, denn es nimmt den Glauben und die Nachfolge radikal ernst.

Die Grenze: Das Ringen des Glaubens (Markus 9,24)

Aber wo liegt die Grenze, die wir alle – ob Baptist oder Lutheraner – als Menschen erleben? Die Grenze liegt dort, wo wir merken: Wie sicher kann ich mir meines eigenen Glaubens eigentlich sein?

Das Evangelium führt uns da an eine ganz feine, verletzliche Stelle. Ein verzweifelter Vater kommt zu Jesus und bittet um Hilfe für sein Kind. Und als Jesus das Thema Glauben anspricht, bricht es aus diesem Mann unter Tränen heraus: 'Ich glaube; hilf meinem Unglauben!' (Mk 9,24).

Was für ein ehrlicher Schrei! Er zeigt uns: Der menschliche Glaube ist selten zu 100 Prozent perfekt. Er ist oft ein Ringen. Da ist Vertrauen, ja, aber direkt daneben sitzt der Zweifel.

Ich habe das immer wieder in den Gesprächen mit meinen Konfirmandinnen und Konfirmanden erlebt. Jugendliche, die die Vorbereitung extrem ernst genommen haben, fragten mich manchmal mit bangem Blick: 'Darf ich mich überhaupt konfirmieren lassen, wenn ich doch noch so viele Zweifel habe? Reicht mein Glaube überhaupt aus?'

Und meine Antwort war immer dieselbe: Ja! Weil der Zweifel zum Glauben dazugehört. Wir müssen und wir können unseren Glauben nicht perfekt 'produzieren'. Wir dürfen unsere Zweifel, genau wie jener Vater im Evangelium, vertrauensvoll in Gottes Hand legen. Wenn die Taufe nur von der Perfektion meines Glaubens abhinge, stünde sie auf wackeligem Boden.

Die lutherische Sicht – Das Geschenk und die Begleitung

Was die Kindertaufe nach außen trägt: Reines Geschenk

Und genau an dieser Sollbruchstelle unseres menschlichen Vermögens setzt das an, was die Kindertaufe nach außen tragen möchte. Sie feiert, dass das Leben, der Glaube und die Liebe Gottes ein reines Geschenk sind. Ein Säugling kann sich nicht entscheiden, er kann nichts leisten, er kann noch nicht einmal glauben. Und doch wird ihm über dem Taufbecken zugesprochen: 'Fürchte dich nicht, ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein.' (Jes 43,1). Gott geht immer den ersten Schritt. Er liebt uns, bevor wir antworten können. - Das hat aber nichts mit der Sündenlehre zu tun, wie sie Augustinus vertreten hat. 

Die Verantwortung: Glauben lernen im Alltag

Aber dieses Geschenk ist kein magischer Automatismus. Die Kindertaufe entlässt uns nicht aus der Verantwortung – im Gegenteil. In jedem Taufgespräch habe ich den Eltern und Paten eine ganz praktische Frage gestellt: Wie wollt ihr diesem Kind helfen, in dieses 'Ja' Gottes hineinzuwachsen? Wie wollt ihr es christlich erziehen?

Denn Glaube fällt nicht vom Himmel, er wird vorgelebt. Es geht um die kleinen, kostbaren Rituale im Alltag:

  • Die Taufkerze, die vielleicht am Geburtstag angezündet wird, damit das Kind lernt: Ich bin getauft. Und Jesus ist das Licht, das mich in dieser Welt begleitet.

  • Das gemeinsame Beten. Ganz einfache, kleine Gebete am Mittagstisch oder am Bett vor dem Einschlafen.

  • Das Vorlesen aus der Kinderbibel, damit die großen Geschichten Gottes vertraute Wegbegleiter werden.

  • Und das gemeinsame Besuchen von Familiengottesdiensten, damit die Kinder von klein auf spüren: Diese Kirche, dieser Raum, diese Gemeinschaft – das ist mein Zuhause.

Manchmal hört man ja das Argument: 'Ich lasse mein Kind nicht taufen, es soll später selbst entscheiden.' Das klingt tolerant. Aber ich sage dann immer: Damit ein Kind sich später einmal fundiert für oder gegen etwas entscheiden kann, muss es doch erst einmal gelernt und geschmeckt haben, wofür oder wogegen es sich überhaupt entscheidet! Man muss ihm den Raum des Glaubens zeigen, damit es ihn später bewusst betreten kann.“

Der Ausblick: Der Konfirmandenunterricht und die Teamer

Der Ort, an dem diese beiden Linien – das lutherische Geschenk und die baptistische Entscheidung – dann wieder zusammenlaufen, war für mich immer der Konfirmandenunterricht. Wenn die Jugendlichen im Alter von 12 bis 14 Jahren beginnen, das als Kind empfangene Geschenk mit eigenen Augen zu prüfen - oder, wenn sie noch nicht getauft sind, sich auf die Taufe am Ende der Konfirmandenzeit vorzubereiten. Es war die große Chance, ihren eigenen, ganz persönlichen Glauben zu stärken.

Und das Schönste daran war zu sehen, was daraus erwächst: Aus diesen Konfirmanden rekrutierten sich später immer wieder unsere 'Teamer' – Jugendliche, die als Mitarbeiter auf Freizeiten mitfuhren. Und wenn diese Jugendlichen dann den Jüngeren aus ihrer Sicht, in ihrer Sprache vom Glauben erzählten, dann passierte genau das, was wir uns alle für unsere Gemeinden wünschen: Der Glaube wurde lebendig, mündig und ansteckend.

Am Ende merken wir: Ob wir nun die Entscheidung des Erwachsenen feiern oder das Geschenk an das Kind – wir wollen dasselbe. Wir wollen Menschen begleiten, damit sie aus der Gewissheit leben: Ich bin getauft. Ich gehöre zu Christus.

Exegetischer Exkurs zu Römer 6,3–11 

3 Wisst ihr nicht, dass alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind, die sind in seinen Tod getauft? 4 So sind wir ja mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, damit, wie Christus auferweckt ist von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, auch wir in einem neuen Leben wandeln. 

5 Denn wenn wir mit ihm verbunden und ihm gleichgeworden sind in seinem Tod, so werden wir ihm auch in der Auferstehung gleich sein. 6 Wir wissen ja, dass unser alter Mensch mit ihm gekreuzigt ist, damit der Leib der Sünde vernichtet werde, so dass wir hinfort der Sünde nicht dienen. 7 Denn wer gestorben ist, der ist frei geworden von der Sünde. 

8 Sind wir aber mit Christus gestorben, so glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden, 9 und wissen, dass Christus, von den Toten erweckt, hinfort nicht stirbt; der Tod kann hinfort über ihn nicht herrschen. 

10 Denn was er gestorben ist, das ist er der Sünde gestorben ein für allemal; was er aber lebt, das lebt er Gott. 11 So auch ihr, haltet dafür, dass ihr der Sünde gestorben seid und lebt Gott in Christus Jesus.

Die nachfolgenden Gedanken erläutern, was die Taufe für beide Konfessionen bedeutet, worauf sie zielt. Diesen Teil aber in Gänze vorzutragen, würde den Rahmen einer Predigt, auch wenn sie bei den Baptisten länger als 20 Minuten sein darf, sprengen. Am Ende dieses Exkurses stehen die Notizen für den Vortrag im Gottesdienst. 

1. Das Bild des Sterbens: Die existentiell-physische Dimension (V. 3–5)

Paulus nutzt hier die radikalste Metapher, die ihm zur Verfügung steht: Den Tod. Die Taufe ist kein oberflächliches Reinigungsritual, sie ist ein Mit-Sterben und Mit-Begrabenwerden.

  • Das baptistische und das lutherische Bild: Hier greift das baptistische Ur-Bild der Taufe durch Untertauchen par excellence. Es ist das, was ich meinen Konfirmanden im Bild des Freibads verdeutliche: Wenn man unter Wasser gedrückt wird, verliert man für einen Moment die Kontrolle. Man ringt nach Luft. Wenn man auftaucht, ist das wie ein Aufatmen, ein geschenktes neues Leben.

  • Die theologische Pointe: Im Wasser der Taufe bleibt etwas zurück. Es stirbt der Anspruch, das Leben komplett allein zu beherrschen. Und man taucht auf in die Tsedaka, in die Christus-Gemeinschaft. Wir sind ihm gleichgeworden im Tod, also werden wir es auch in der Auferstehung sein. Das verbindet Lutheraner und Baptisten im Kern: Die Taufe ist die radikale Wende des Lebens.

2. Die Neudefinition der Sünde: Die „religiöse Pubertät“ (V. 6–7)

Wenn Paulus davon spricht, dass der „Leib der Sünde vernichtet“ und der „alte Mensch gekreuzigt“ ist, müssen wir präzise definieren, was „Sünde“ im biblischen Sinne meint.

  • Kein moralischer Zeigefinger, keine biologische Erbsünde: Sünde meint hier eben nicht die Summe moralischer Verfehlungen (die „einzelnen Sünden“). Es meint aber auch nicht die Erbsünde im klassischen, augustinischen Sinn einer biologisch-genetischen Infektion von Geburt an.

  • Sünde als existentielle Disposition (Genesis 3): Sünde ist das Erwachen des Bewusstseins für die eigene Autonomie. Es ist die Verführung aus Genesis 3: „Ihr werdet sein wie Gott.“ Es ist der Drang des Menschen, absolut autonom zu sein, Gott vom Thron zu stoßen und das eigene Leben – und letztlich die Welt – völlig ohne Rückfrage nach Gottes Willen zu gestalten. Die heutige Weltlage in Politik und Wirtschaft zeigt das in erschreckender Deutlichkeit: Der Mensch agiert als sein eigener Gott. 

  • Das Bild der Pubertät: Dieses Streben nach Autonomie ist jedoch zutiefst menschlich und fast ein notwendiger Durchgangsstadium – wie die Pubertät. Ein Jugendlicher muss sich von den Eltern abgrenzen, sich auflehnen, um ein eigenes Selbstbewusstsein zu entwickeln. Verläuft dieser Prozess gut, finden Eltern und Kinder danach auf Augenhöhe zu einem neuen, reifen Verhältnis zurück. Genau so funktioniert die „religiöse Pubertät“: Wir durchleben die Abgrenzung von Gott, das Autonomiestreben. Aber wenn wir uns an unsere Taufe erinnern, wenn wir wissen, dass wir zu Jesus gehören, dürfen wir nach der Auflehnung zurückkehren in ein geheiltes, vertrauensvolles Verhältnis zu unserem Schöpfer. Der „alte Mensch“ (der rebellische Pubertierende, der Gott nicht braucht) stirbt; der „neue Mensch“ (der versöhnte Sohn, die versöhnte Tochter) lebt auf.

3. Der Sieg über den Tod (V. 8–9)

Paulus verbindet das Sterben mit Christus direkt mit der Gewissheit des Lebens: „...so glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden.“

  • Die Konsequenz: Wer mit Christus stirbt, für den verliert der physische Tod seinen ultimativen Schrecken. Weil das Entscheidende bereits im Taufwasser passiert ist: Unser Leben ist bereits in Gott geborgen. Der Tod hat über Christus keine Macht mehr – und damit auch nicht mehr über uns.

4. Die neue Freiheit des Christenmenschen (V. 10–11)

Die Schlussfolgerung des Paulus ist von bestürzender, fast humorvoller Logik: Tote können nicht sündigen. Ein Leichnam reagiert nicht mehr auf Einflüsse, er kann nicht mehr gegen die Beziehung verstoßen.

  • Die Machtlosigkeit der Sünde: Wenn wir in der Taufe mit Jesus gestorben sind, hat die Sünde als Herrschaftsmacht ausgespielt. Natürlich ist sie in der Welt noch aktiv, natürlich versucht sie uns wie eine Schwerkraft von Gott wegzuziehen. Aber als bewusste, getaufte Christen müssen wir ihr keinen Raum mehr geben. 

  • Für die Praxis (Konfi-Unterricht): Ich sage den Jugendlichen immer: Seit der Taufe habt ihr es einfach nicht mehr nötig, der Sünde, dem Egoismus, dem Trend zur Gottlosigkeit hinterherzulaufen. Ihr seid frei! Ihr seid der Sünde gestorben und lebt für Gott. Aus dieser Freiheit heraus, aus diesem tiefen Aufatmen nach dem Untertauchen, können wir jetzt ganz befreit das Gute tun – nicht um etwas zu verdienen, sondern weil wir bereits alles geschenkt bekommen haben.

Fazit:

Diese Auslegung zeigt: Römer 6 ist das gemeinsame theologische Fundament. Während das Bild des Untertauchens die Baptisten schmerzhaft an den Ernst der Entscheidung erinnert, erinnert die Zusage der Freiheit die Lutheraner an die unverdiente Gnade. Am Ende zielt die Taufe bei beiden auf dasselbe: Das Sterben des Egotrips und das Aufstehen zu einem Leben in der Beziehungs-Treue (Tsedaka) mit Gott.

Zurück zum Predigtvortrag:

Worauf zielt die Taufe nach der Beschreibung von Römer 6

Wisst ihr nicht, dass alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind, die sind in seinen Tod getauft? ... 6 Wir wissen ja, dass unser alter Mensch mit ihm gekreuzigt ist, damit der Leib der Sünde vernichtet werde, so dass wir hinfort der Sünde nicht dienen. 7 Denn wer gestorben ist, der ist frei geworden von der Sünde. 

8 Sind wir aber mit Christus gestorben, so glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden, ... 10 Denn was er (Jesus) gestorben ist, das ist er der Sünde gestorben ein für allemal; was er aber lebt, das lebt er Gott. 11 So auch ihr, haltet dafür, dass ihr der Sünde gestorben seid und lebt Gott in Christus Jesus.

Was ist Sünde? 

Nicht die Summe der Tatsünden, nicht die "Erbsünde" im augustinischen Sinn, mit der wir im Grunde genommen seit der Zeugung infiziert sind und vor der wir durch die Taufe möglichst schnell nach der Geburt geschützt werden müssen. Sünde ist eine Disposition in uns Menschen, wie sie die Bibel in Genesis 3 beschreibt. Die Schlange flüstert den Menschen ein: Wenn ihr vom Baum der Erkenntnis esst, werde ihr sein wie Gott. Das ist die Versuchung und Verführung der Sünde: Sein wollen wie Gott. - Vergleich mit der Pubertät.

Was bewirkt die Taufe?

Die Taufe befreit uns von der Macht der Sünde. Die Sünde und die Versuchung bleiben zwar, aber wir haben es nicht mehr nötig, ihr Raum zu geben. Wir können als Menschen, die sich auf ihre Taufe besinnen, damit beginnen, Gutes zu tun, nicht weil wir müssen, nicht weil wir uns etwas verdienen wollen, sondern ganz allein, weil unser Glaube uns dazu in die Lage versetzt. 

Fazit

s.o.

Taufe Jesu

Ich möchte zum Schluss noch einmal auf die Taufe Jesu zu sprechen kommen, wie Matthäus sie uns beschreibt. Jesus kommt zu Johannes an den Jordan. Obwohl er ohne Sünde ist, besteht er darauf, sich taufen zu lassen, und sagt diesen monumentalen Satz: 'Denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen.'

Vielleicht erinnert sich der eine oder die andere von Ihnen noch daran, was Ihr Pastor Rebers zu genau dieser Stelle am 1. Sonntag nach Epiphanias im Januar gesagt hat. Er erklärte dieses schwere Wort 'Gerechtigkeit' damals so:

Dieses Wort müssen wir auch im Neuen Testament vom Alten Testament her verstehen – vom hebräischen Denken, nicht vom juristischen Denken der Griechen oder Römer. Im Alten Testament ist Gerechtigkeit ein Beziehungswort. Gerecht ist nicht der, der fehlerfrei alle Regeln einhält. Gerecht ist der, der die Dinge wieder ins richtige Verhältnis setzt, der eine Gemeinschaft stärkt oder heilt. Gerecht ist der, der eine Verbindung schafft, wo sie abgerissen war.

Genau das dürfen wir auf die Taufe Jesu – und auf unsere eigene Taufe – anwenden! Gott antwortet am Jordan nicht mit einem juristischen Protokoll: 'Das habt ihr formal richtig gemacht.' Nein, der Himmel bricht auf und Gott antwortet mit einer puren Liebeserklärung: 'Dies ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.'

Die 'Gerechtigkeit' der Taufe erfüllt sich darin, dass unsere Beziehung zu Gott wieder zurechtgerückt wird. Jesus stellt sich hier ganz bewusst mit uns in die Reihe der Sünder. Er geht mit uns ins Wasser, er geht mit uns nach ganz unten. Und genau damit stiftet er – und in ihm Gott selbst – diese unzertrennliche Gemeinschaft mit uns Menschen. Er heilt die Verbindung, die durch unsere Schuld abgerissen war. Er gibt uns die Kraft, dass die Sünde keine Macht mehr über uns hat. 

Und so schließt sich heute der Kreis zu unserem Wochenspruch für diesen Sonntag:

'So spricht der Herr, der dich geschaffen hat, Jakob, und dich gemacht hat, Israel: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein.' (Jes 43,1)

Egal, ob wir als Säugling oder als Erwachsener getauft wurden: Auf diesen Zuspruch dürfen wir Tag für Tag unser Leben aufbauen. Wir sind gerufen. Wir gehören dazu. Im Leben und im Sterben sind wir geborgen in der Hand dessen, auf dessen Namen wir getauft sind: Gott der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.

Amen.


Sonntag, 31. Mai 2026

Trinitatis: Ein Fenster in den Himmel

Wenn Sie das nächste Mal in die Gustav-Adolf-Kirche kommen, dann schauen Sie doch einmal genauer auf die drei schmalen Fensterbahnen hoch oben in der Altarwand. Sie können von unten nicht alle Farbelemente erkennen. Deshalb habe ich die Fenster von einem erhöhten Standpunkt fotografiert. Sie sind ein Sinnbild für das, was wir am Sonntag Trinitatis bedenken: die Trinität - die Dreieinigkeit - Gottes.

Hans Ohlms 1967

Oft wurde ich gefragt: „Was hat es eigentlich mit dieser Dreieinigkeit auf sich? Das klingt so kompliziert – drei in einem, eins in drei?“

An diesem theologischen Rätsel haben sich seit Jahrhunderten kluge Köpfe abgearbeitet. Aber wenn ich auf diese drei Fenster schaue, dann verliert das Thema für mich seine „akademische Schwere“ und wird zu einer Geschichte, die von unserem Leben erzählt.

Drei Fenster, ein Licht

Wie Sie sehen, sind es drei einzelne Fenster, voneinander getrennt durch das Mauerwerk. Doch es ist dasselbe Licht, das durch alle drei Fenster in den Kirchenraum fällt. Genau so haben die ersten Christen Gott erfahren. Sie hatten keine Theorie im Kopf, sondern eine Geschichte im Herzen:

  • Das erste Feld: Gott, der Schöpfer.

  • Das mittlere Feld: Gott, der Sohn.

  • Das dritte Feld: Gott, der Heilige Geist.

Lassen wir nun die Farben auf uns wirken

Wer genauer hinsieht, bemerkt, dass die Farben nicht zufällig verteilt sind. Hans Ohlms nutzt eine theologische Grammatik, die eng mit den klassischen, liturgischen Farben der Kirche verwoben ist:

  • Das Wechselspiel an den Rändern (Grün und Gelb): 

In den beiden äußeren Fenstern entdecken wir ein vertrautes Echo. Links (Gott, der Schöpfer) dominiert das große Grün – die Farbe des Lebens und der Schöpfung – mit einem kleinen gelben Tupfer darunter. Rechts (Gott, der Heilige Geist) dominiert das große Gelb – die Farbe des göttlichen Lichts und der Pfingstwärme – mit einem kleinen grünen Tupfer darunter. Schöpfung und Geist spiegeln sich ineinander wider: Gottes Atem ist von Anfang an in der Schöpfung, und der Geist lässt in uns neues Leben wachsen.

  • Die diagonale Klammer (Violett und Blau): 

Wenn wir die äußeren Fenster ganz oben und ganz unten betrachten, entdecken wir eine faszinierende, kreuzweise Symmetrie:

    • Links oben und rechts unten leuchtet Violett. Violett ist in der Kirche die Farbe der Vorbereitung, der Besinnung und des Wartens (wie in der Passionszeit und im Advent). Das Schöpfungsfenster beginnt im Violett des Anfangs (bevor das Licht kam); das Geistfenster mündet unten im Violett, denn der Geist führt uns in die innere Einkehr und Umkehr und das Warten auf Gottes Ewigkeit.

    • Links unten und rechts oben leuchtet Blau. Blau steht für den Himmel und die Unendlichkeit Gottes. Das Schöpfungsfenster gründet unten im göttlichen Blau, während das Geistfenster oben in den offenen Himmel führt. Diese Überkreuzung klammert die beiden äußeren Fenster fest zusammen: Anfang und Ende, Himmel und Erde halten sich die Waage.

  • Das mittlere Fenster: Die ganze Fülle in Christus 

Das mittlere Fenster (Gott, der Sohn) bricht aus diesem starren Symmetriesystem aus. Es ist das einzige Fenster, das die gesamte göttliche Farbpalette in einer vertikalen Linie in sich vereint. Es erzählt uns die Lebens- und Heilsgeschichte Jesu von oben nach unten:

    • Ganz oben das Gelb: Christus kommt aus dem göttlichen Licht des Vaters zu uns.

    • Darunter das Blau: Er durchschreitet den Himmel und wird Mensch auf der Erde.

    • Im Zentrum das große, einmalige Rot: Diese Akzentuierung unterstreicht das reformatorische „Solus Christus“ (Allein Christus). Die Menschwerdung Gottes, sein Leiden und Sterben für uns, ist ein einmaliges, unübersehbares geschichtliches Ereignis. Gott ist ein einziges Mal Mensch geworden und für uns gestorben. Dieses markante Rot verweist direkt auf Golgatha – ein exklusiver Liebesbeweis, der im Zentrum unseres Glaubens steht.
    • Ganz unten das Grün: Das Kreuz ist jedoch nicht das Ende. Es mündet unten im frischen Grün. Das ist die Farbe der Hoffnung, der Auferstehung und des neuen, ewigen Lebens, das aus dem Grab hervorgeht. Das Sterben Christi bringt der Welt neues Leben.

Was wir im Geiste sehen können: Unsichtbare Symbole

Wer dieses Originalfenster betrachtet, entdeckt eine bewusste, abstrakte Komposition, die auf konkrete Formen verzichtet. Und doch lädt uns diese Reduziertheit geradezu ein, im Geiste Symbole einzufügen, die den Farben ihren tiefen Sinn geben:

  • Im linken, grünen Fenster spüren wir die Schöpfung. Wir könnten uns hier die Erde vorstellen, gehalten von Gottes Händen, oder das erste junge Grün, das auf sein schöpferisches Wort hin wächst. Er ist der Schöpfer des Himmels und der Erde.

  • Im rechten, gelben Fenster leuchtet das Pfingstfest auf. Vor unserem inneren Auge taucht die Taube auf – das biblische Bild für den Heiligen Geist, der bei der Taufe Jesu herabkam und der auch uns heute mit Gottes Liebe erfüllt.

  • Im mittleren, roten Fenster schließlich fließen zwei kraftvolle Bilder zusammen. Jesus bezieht im Johannesevangelium das alte Bild aus Psalm 23 („Der Herr ist mein Hirte“) direkt auf sich selbst: „Ich bin der gute Hirte.“ Gedanklich können wir in diese schmale Bahn einen Hirtenstab einzeichnen, der uns durch die dunklen Täler führt. Doch Jesus sagt auch: „Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe.“ Und so verbindet sich der Hirtenstab im Geiste untrennbar mit dem Kreuz, das mitten in diesem tiefen, vergossenen Rot aufleuchtet.


nicht das Original - bearbeitet

Eingebettet im Licht

Drei einzelne Fenster, voneinander getrennt durch das Mauerwerk, doch es ist dasselbe Licht, das durch alle drei fällt. - Wie die drei Erscheinungsweisen in Gott selbst kommunizieren – Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist – das darf ein Geheimnis bleiben. Das müssen wir nicht lösen wie eine Rechenaufgabe. Es ist wie mit dem Licht an unserer Altarwand: Wir müssen die Physik des Lichts nicht bis ins Letzte erklären können, um uns an der Helligkeit und der Wärme zu freuen, die es in unsere Kirche bringt.


Trinitatis 2026

Auch für diesen Sonntag hat Petra Heidemann wieder ihre aktuelle Predigt zur Veröffentlichung an dieser Stelle zur Verfügung gestellt. Der eine oder die andere wird sie im Gottesdienst direkt gehört haben. 

Am Ende dieses Beitrags füge ich noch die übrigen Fensterkompositionen von Hans-Ohlms ein.

P r e d i g t           zum Sonntag Trinitatis           Text: Joh. 3, 1 - 15 

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Liebe Gemeinde!

Sagen Sie mal, kennen Sie / kennt Ihr das eigentlich auch, dass man abends ins Bett geht und schlafen möchte, und dann fängt es an, mit einem zu denken? Nicht umsonst ist die Werbung ja auf den Zug „Einschlafstörungen“ aufgesprungen.

Tausend Dinge gehen einem dann plötzlich durch den Kopf, ob man will oder nicht:

Man denkt über ein Gespräch nach, da sich tagsüber ergeben hat und für das einem jetzt im Nachhinein einfällt, was man hätte sagen sollen; über einen Menschen, mit dem man zu tun hatte oder um den man sich sorgt; irgendetwas ist nicht so gelaufen, wie es beabsichtigt war; vielleicht hat man etwas gehört oder gelesen und weiß jetzt nicht, was man davon halten soll. Vielleicht liegt auch Problem an, das man von allen Seiten überdenkt und für das man eine Lösung sucht. Vielleicht hat man sich geärgert, vielleicht lässt einen Angst nicht zur Ruhe kommen. Vielleicht steht eine Entscheidung, ein Ereignis oder eine Reise an.

Und manchmal fragt man sich zu solcher Stunde auch, wer bin ich eigentlich, wo stehe ich, was macht mein Leben aus, was will ich eigentlich.

All das sind Gedanken, zu denen man tagsüber oft weder Zeit noch Muße hat. Aber wenn der ganze Alltagskram erledigt ist und es ruhig wird im Haus, dann kommt man zu sich selbst und zur Besinnung. Ja, und meistens schlafen wir irgendwann darüber ein.

Bei Nikodemus war das anders. Es war Nacht, und auch Nikodemus hatte eine Menge nachzudenken. Da war dieser Jesus, von dem alle Welt sprach. Dieser Jesus, der weder eine priesterliche Ausbildung hatte noch richtig ordiniert war und der dennoch durchs Land zog und lehrte und sogar Wunder vollbrachte.

Gut, das mit den Wundern, da gab es auch noch andere, und Lehrer gab es auch immer wieder, aber irgendwas war mit diesem Jesus anders. Auf jeden Fall musste er wohl von Gott geschickt worden sein, denn Wunder wirken - war das nicht so etwas wie ein Beweis?

Nikodemus wollte es genau wissen, es ließ ihm einfach keine Ruhe. Er war bekannt dafür, dass er immer alles sehr genau nahm, vor allem mit der Auslegung des Gesetzes. Nicht umsonst hatte er es mit seinen 60 Jahren zu hohem Ansehen gebracht. Er war einer der hervorragendsten Schriftgelehrten seiner Zeit, und so gehörte er als Vertreter der Pharisäer sogar dem Hohen Rat an.

Wer war dieser Jesus? Nikodemus muss es wissen – und zwar jetzt und gleich. Das kann man doch nicht auf morgen verschieben und erst einmal darüber schlafen.

Also gibt sich Nikodemus einen Ruck, steht auf und geht zu Jesus hin – jetzt, mitten in der Nacht. Ein Gespräch möchte er mit ihm führen, ein Gespräch unter Fachleuten, unter Kollegen, denn Nikodemus schätzt Jesus durchaus als ebenbürtigen Fachmann – auch ohne nachweisliche Ausbildung, die Wunder sind ihm Zeichen genug für Gottes Wirken durch diesen Jesus.

Nikodemus geht also los – nicht um zu fragen, nein, er weiß er weiß doch selbst Bescheid über Gottes Wort. Schließlich beschäftigt er sich seit Jahren intensivst damit. Er geht vielmehr hin, um sachlich zu diskutieren, wie der Mensch sich am besten vervollkommnen kann, um für das Reich Gottes würdig zu werden. Denn dazu sind ja alle Gesetze und Bestimmungen und Gebote schließlich da. So denkt Nikodemus wie jeder gute Rabbiner.

Und Jesus? Der scheint ihm gar nicht richtig zugehört zu haben, denn er geht überhaupt nicht auf das ein, was Nikodemus da zu ich sagt. Stattdessen durchkreuzt er gründlich alle Gedanken und Überzeugungen des Nikodemus und sagt:

Nee, Nikodemus, so nicht, so überhaupt nicht. Nur, wer neu geboren wird, de wird das Reich Gottes zu sehen bekommen.

Was für eine Antwort ! Neu geboren werden, wie sollte das wohl gehen?

Ich denke, diese merkwürdige Antwort ist für uns genauso geheimnisvoll und unverständlich wie für Nikodemus. Da hat Nikodemus nun wissen wollen, wer Jesus eigentlich ist, und da dreht Jesus den Spieß um und, statt sachlich zu diskutieren, geht es plötzlich um Nikodemus‘ eigenes Seelenheil, um ihn ganz persönlich – und damit auch um mich. Wie könnte ich den wiedergeboren werden?

Nikodemus nimmt das nun wörtlich und provoziert Jesus damit, um ihn zu einer Erklärung herauszufordern, einer greifbaren, realistischen Erklärung.

Geboren werden – das ist etwas, das mache ich doch nicht selber, das geschieht mit mir, dazu kann ich doch gar nichts beitragen. Geboren werden – das ist der totale Neubeginn, ein radikaler Anfang. Geboren werden – ein neues Leben vom absoluten Nullpunkt an. 

Nikodemus dämmert es, wie radikal und kompromisslos die Antwort Jesu ist. Alles, aber auch alles, was er bisher gedacht hat, passt plötzlich nicht mehr. Egal, wie sehr man sich anstrengt, Gottes Willen möglichst 100%ig zu erfüllen, die Gesetze durch Diskussionen und immer genauere Auslegungen zu verstehen und zu befolgen, egal, wie sehr man sich bemüht, durch eigene Anstrengung möglichst vollkommen zu werden. Alles richtig und Gott und den Menschen recht zu machen, alles vorauszudenken – alles das funktioniert nicht. Es spiegelt nur wider, wie unvollkommen der Mensch ist. Fleisch bleibt Fleisch. Was immer der Mensch anstellt, er bleibt menschlich. 

Der Weg zum Reich Gottes geht über kein Erziehungsprogramm, keinen moralischen oder gesellschaftspolitischen Reifeprozess, keine innere Kraftanstrengung, keine Selbstvervollkommnung oder religiöse Klimmzüge. Das alles richtet gar nichts aus. Gottes Reich kann man sich nicht verdienen.

Das Reich Gottes ist allein durch Gottes Wirken möglich. Wenn Jesus von einer neuen Geburt spricht, dann spricht er eben nicht davon, unsere vorhandenen Fähigkeiten und Möglichkeiten zu verbessern, zu reparieren, umzugestalten, oder davon, unsere Lücken und Mängel zu stopfen, sondern Jesus spricht vom total neuen Menschen, aus dem Geist Gottes heraus geboren, geboren aus Wasser und Geist.

In der Taufe befreit uns Gott von allen Sachzwängen unseres Menschseines und schenkt uns neues Leben durch seinen Heiligen Geist. Gott schafft, wo er Mensch seinen Geist bei sich einziehen lässt, so radikal neu, dass dieses Ereignis nur mit dem Bild einer Neugeburt annähernd zu beschreiben ist. Jetzt und hier, in diesem Augenblick geschieht Erlösung aus dem Gefangensein unserer Menschlichkeit, jetzt und hier sprengt Gott diese Grenzen auf, und jetzt und hier können wir als Kinder Gottes aus seinem neuen Geist heraus leben. Jesus ist keine Jenseitsvertröstung aus der Fernsehwerbung. Jetzt und hier beginnt das neue Leben, nicht erst nach unserem körperlichen Tod. Nein, dieses neue Leben erfüllt uns schon jetzt, und wir bringen es im Sterben bereits it. Deshalb ist dem Tod die Macht genommen.  Wenn das kein Angebot ist! Aber, wie gesagt, ein Angebot Gottes, das Angebot Gottes, aber er zwingt es keinem auf.

Und wir merken – genau wie Nikodemus – in eine sachliche Diskussion könne wir uns nicht flüchten. Und raushalten können wir uns auch nicht. Hier gilt es jetzt, Farbe zu bekennen: Pro oder Contra. Nikodemus muss sich – ich muss mich – entscheiden, ob ich dazu bereit bin, mich von Gott durch seinen Geist neu machen zu lassen. 

Schön und gut – aber wie soll das nun ganz konkret in meinem Leben aussehen?

Jesus spricht zum besseren Verständnis in einem Gleichnis; er spricht vom Wind.

Menschen können – und das gilt bis heute – den Wind weder steuern noch genau vorhersagen. Wind lässt sich nicht auf den Punkt festmachen, wo fängt er an, wo hört er auf. Er hat weder Anfang noch Ende, bestenfalls Zonen. Man kann ihn nicht sehen, aber man kann ihn hören, man kann ihn spüren. Er kann einem ganz kräftig entgegenwehen, er kann mich mit Übermacht vorantreiben, er kann mich tragen und umwerfen. Er treibt Segelboote voran und setzt Windradflügel in Bewegung.

Wind kann mich erfrischen. Wind kann unglaubliche Kräfte freisetzen. Wind bringt etwas in Bewegung. Ich habe das letzten Sonntag schon in meiner Pfingstpredigt zur Sprache gebracht. Erkennen kann ich den Wind immer nur an seinen Auswirkungen. 

Und so darf ich auch Gottes geist verstehen – nicht als Markenzeichen, nicht als sichtbares Aushängeschild, nein, Gottes Geist ist an seinen Auswirkungen erkennbar.

Wer sich von Gottes Geist neu schaffen und antreiben lässt, der wird Spuren hinterlassen. Wo dieser Geist wirksam wird, da geschieht etwas – da geschieht etwas in mir und durch mich und um mich herum. Da fängt Gottes Reich an. Christen leben  i n  der Welt, aber nicht abhängig von der Welt. 

Gut, Nikodemus hat, ich habe begriffen, dass etwas durch Gottes Geist geschieht und dass  es allein durch Gottes Gnade geschieht. Aber wie, Jesus, wie?

Ach Nikodemus, sagt Jesus, da bist Du nun ein so guter Gläubiger, ja, Du bist sogar einer der angesehentsten Fachleute und Lehrer, in diesem Wissen hast Du vielleicht mehr gelernt als ich. Aber darum geht es hier gar nicht. In den Schriften kennst Du Dich aus, aber von Gott kann nur ich etwas wissen, da bin ich der Fachmann. Denn Gott und Ich und der Heilige Geist, wir sind eins.

Das ist das Entscheidenden, was Nikodemus erkennen muss: Jesus als wahrer Mensch und wahrer Gott ist die Brücke, über die er gehen kann – mit allen seinen Fragen und Zweifeln. Das gilt auch für mich, das ist mein Weg, so wie ich bin, mit allen meinen Macken.

Das ist der Weg zum Heil, der einzig mögliche Weg. Nur wenn der Weg zum Heil über Jesus führt, führt er nicht in die Irre. Nur so ist die bildhafte Wiedergeburt im Geist Gottes möglich, nur so ist der neue Mensch möglich, nur so verwirklicht sich Gottes Reich.

Jesus, der uns Gott - und Gott uns näherbringt, Jesus, der von Gott kommt und einer von uns wird – und der dann ans Kreuz geht und aufersteht, damit er uns mit sich ziehen kann zu Gott, seinem und unserem Vater.

So sehr liebt Gott uns, dass er das auf sich nimmt. Das ist vollendete Liebe, auch vollendete Feindesliebe, in unserer Alltagswelt praktiziert – ein Lebensmodell für uns – möglich durch das Wirken des Geistes.

Gott will, dass wir leben – nicht kurzfristig, nicht mittelfristig und auch nicht langfristig – Gott will ewiges Leben für uns. Dafür gibt er sich preis, liefet sich der Welt aus, um von ihr angenommen zu werden, damit wir uns durch Jesus zu ihm führen lassen können. 

Da wir nur mit menschlichen Augen begreifen, nimmt er in Jesus unsere Gestalt, unser Leben an, ist mitten unter uns. So wird das Kreuz Jesu für uns zum Wegkreuz, gibt uns Richtung, Weg und Ziel an.

Der Mensch hat kein Anrecht auf Rettung, diese Freiheit ist nicht erwerbbar, aber jedem gilt Gottes Angebot. Niemand wird zum Unglauben verdammt, keiner wird zum Glauben gezwungen.

Ich muss mich halt entscheiden, wessen Geistes Kind ich sein will.

Glauben heißt: sich voller Vertrauen in die Hand Jesu fallen zu lassen, den Absprung zu wagen ohne selbergestrickte Sicherheitsleine, sich auf Jesus einzulassen und sich von Gottes Geist anwehen und in Bewegung setzen zu lassen.

So wie bei Nikodemus: Nicht über den eigenen Grübeleien resignieren, sondern wie er – aufstehen, sich aufraffen ohne Verzögerung und spontan auf Jesus zugehen. Das ist es.

Dann kann man nicht bleiben, was man war, dann wird man verändert, und dann wird man verändern.

Gott liebt diese Welt, und wir sind sein Eigen.

Wohin er uns stellt, sollen wir es zeigen

Gott liebt diese Welt.

Sein Reich ist jetzt und hier mitten unter uns.

A m e n .

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Fenster im Turm - Richtung Westen

Fenster Richtung Süden

Großes Fenster in der Taufecke


Gesamtansicht Taufecke

Fenster im Altarraum zur Nordseite

Fenster im Kirchenschiff
zur Nordseite

Im großen Fenster in der Taufecke rechts unten


Montag, 25. Mai 2026

Ökumenischer Pfingstgottesdienst

Pfingstmontag

25. Mai 2026 - 11.00 Uhr

Marktplatz

Wo der Geist weht ...

Predigt: Pastorin Jessica Banna - reformierte Kirche


Rückblick 2025

Wer meine Predigt aus dem letzten Jahr noch einmal nachlesen will, kann die mit diesem Link aufrufen. Ich hatte die Predigt bei "Krügers Studien" gespeichert. Ich verstehe die Predigt nach wie vor als einen Weckruf für die Kirchen. Es ist erschütternd zu sehen, welchen Weg insbesondere die evangelischen Landeskirchen einschlagen. Dazu ist manches in meinen Studien nachzulesen. 


2025 - Ankommen ...

2025 - Alle Stühle besetzt ...

Sonntag, 24. Mai 2026

Der Geist Gottes weht, wo er will ... Pfingsten 2026

 Der Geist Gottes setzt in Bewegung ...

Das erste Jahr Pfingsten, dass ich nicht im Einsatz bin. Deshalb habe ich wieder einmal Frau Heidemann gebeten, mit ihre Predigt für den Blog zur Verfügung zu stellen. Jetzt, da Sie den Text lesen können, ist der Gottesdienst zu Ende. Vielleicht war der eine oder die andere da und genießt es jetzt, alles noch einmal nachlesen zu können. 

Ich wünsche ein gesegnetes Pfingstfest!


P r e d i g t     zum Pfingstsonntag

Text:  1. Kor. 2, 12-16                                                        

Liebe Gemeinde!

„Hör mal, gehst Du nächsten Sonntag mit in die Kirche?“

„Weiß nicht - wer predigt denn?“  Ein Name wird genannt.

„Ach nee, dann schlafe ich lieber aus, der predigt immer so langweilig und findet kein Ende. Ein anderes Mal vielleicht wieder.“

Solch vorsonntägliches Gespräch ist nicht selten, die Argumente wechseln. Aber oft wird die Qualität des Gottesdienstes gemessen an der Person, die den Gottesdienst hält. Der kann nicht singen, der redet zu leise, der betet immer so schön, der hat immer so tolle Beispiele in der Predigt, der hat so ein nettes Gesicht. Ähnliches erlebe ich durchaus nach manchem Gottesdienst: „Heute kam in der Predigt ja kaum etwas von Jesus vor, und dabei bin ich deshalb eigentlich überhaupt nur gekommen.“

„Wie können Sie im Fürbittengebet sagen ‚Guter Gott‘, das heißt doch wohl immer noch ‚Lieber Gott‘!“ 

Der eine möchte, dass ich mich zur Politik äußere, der andere nimmt es mir übel, wenn ich es tue. Der eine hat am Ende des Gottesdienstes gefunden, was er gesucht hat und geht erfüllt nach Hause, der andere findet etwas zum Ärgern und ist für den Rest des Gottesdienstes blockiert.

Es ist nicht anders als in der Schule oder im Beruf. Der Lernerfolg wird in erster Linie als vom Lehrer abhängig beurteilt, im Beruf steht und fällt der Wert des Menschen mit seiner messbar erbrachten Leistung. Wir lassen gern nur eine Meinung gelten, am liebsten die eigene. Wenn ich als Ehrenamtliche nicht genug Anerkennung für mein Bemühen von den anderen bekomme, dann kann ich es ja auch einfach mal lassen, dann mache ich eben nicht mehr mit. Wenn der Lehrer schon wieder auf diesem Thema herumreitet, dann schwänze ich den Unterricht. Wenn der oder die etwa auch zur Geburtstagsfete kommt, dann gehe ich gar nicht erst hin. 

Und was wir für richtig oder falsch erachten, was wir glauben oder nicht glauben, ist oft mehr eine Frage, wem wir glauben.

Ob es nun der neueste Tratsch und Klatsch ist, ob es sich um aktuelle Forschungsergebnisse handelt oder ob um Gottes Wort - die Glaubwürdigkeit des Gehörten ist meistens gekoppelt an die Glaubwürdigkeit der übermittelnden Person. Zunächst lassen wir uns von einer Person begeistern und in den Bann ziehen, erst in zweiter Linie von dem, worum es geht. Oft ist das Auftreten eines Politikers wichtiger und überzeugender als sein politisches Konzept; oft ist die Melodie eines Liedes oder eines Songs das Entscheidende für den Erfolg, der Sinn des Textes eher zweitrangig. Unsere Maßstäbe heißen Aussehen, Auftreten, Leistungsfähigkeit, Beweisbarkeit, Sicherheit, Effektivität, Nutzen, bahnbrechende Sensation, Beliebtheit, Erfolg. Und wenn bei einer Person der Funke überspringt, dann wächst die Zahl der Fans, und die Begeisterung kennt keine Schranken und Grenzen mehr, die jubelnde Menschenmasse reißt mit, man braucht seine Idole und seine Helden, man braucht sie aus der Nähe, am besten zum Anfassen. Letztendlich war es das, was die Israeliten dazu bewegte, sich ein goldenes Kalb hinzustellen. 

Alle Versprechungen, Hoffnungen und Zusagen waren so wenig beweiskräftig, so wenig greifbar. Der menschliche Geist sucht nach Handfestem, Greifbarem und Begreifbarem, Konkretem, Handhabbarem und nicht zuletzt nach seinen geistigen Führern.

Das war schon immer so. Das war so auch in Korinth.

Wir befinden uns in einer bedeutenden, internationalen, ausgesprochen turbulenten, lebendigen, bunten Hafenstadt.  Korinth ist römische Kolonie; fremdländische Einflüsse aller Art, Menschen aller Hautfarben in unterschiedlichster Kleidung, fremdartige Traditionen und Gebräuche, ein babylonisches Sprachengewirr, eine Vielzahl von Kulturen und religiösen Riten prägen das Straßenbild. An jeder Ecke steht ein anderer Prediger und verkündet den Vorübergehenden und Stehen-Bleibenden seine allein selig machende Weisheit und versucht, mit seinen Argumenten überzeugender als all die anderen zu sein. 

In dieser Umgebung hat es die kleine christliche Gemeinde, die Paulus gegründet hat, nicht leicht, ihren Weg zu finden und zu gehen. Die Wiederkunft Christi lässt auf sich warten, man muss sich in dieser Welt irgendwie einrichten, dem christlichen Glauben eine Wohnstatt in dieser Welt geben, sich mit der Welt arrangieren und den Alltag zu seinem Recht kommen lassen. Wie das alles gehen soll – darüber sind sie inzwischen geteilter Meinung. Es gibt Eifersüchteleien, Flügelkämpfe, Grundsatzstreitigkeiten. Man lebt sich auseinander, man folgt verschiedenen Richtungen, verschiedenen Wortführern, verschiedenen Leitfiguren. Da ist der Wundertäter Apollonius; da ist Petrus, der die jüdische Beschneidung nach wie vor für unbedingt notwendig erachtet für einen Christen; da gibt es Christusschwärmer, die besonders fromm tun, dabei aber Jesu Namen für ihre eigenen Interessen vermarkten und nutzen und alle anderen verketzern. 

Auch heute gibt es Frömmigkeitsmagneten, die die Masse zu begeistern und in ihren Bann zu ziehen verstehen, und es gibt Streitfragen, die nur allzu schnell spaltend wirken und einen Riss durch die Christenheit ziehen – z. B. die Frage nach der Stellung der Frau in der Kirche, die Frage der Abendmahlspraxis, die Frage, wie streng man mit Konfirmanden umgehen soll, ob kleine schreiende Kinder in den Gottesdienst gehören, die Frage des Zölibats etc., und es gibt unterschiedlich große Sympathien für diesen oder jenen Geistlichen. So fremd ist uns also die Situation in Korinth keineswegs.

Paulus gefällt das alles nicht. So schreibt er vorbeugend einen Brief – einen Brief gegen die Gefahr des Auseinanderlebens, gegen Flügelkämpfe, Eifersüchteleien und Grundsatz-streitigkeiten. Verschiedene Wellenlängen sollen sich nicht gegenseitig unterkriegen und wirkungslos machen, sondern verschiedene Wellenlängen sollen sich gerade ergänzen, um mehr erreichen zu können. Es ist egal, durch wen und wie die Betreffenden dem Glauben nähergekommen sind, 

egal, wer für wen den Christus-Glauben glaubwürdiger verkörpert – Christus ist nicht auseinanderzudividieren. Christus ist geboren, hat gelebt und gewirkt, ist gestorben und auferstanden, gerade um alle Grenzen zwischen Gott und Mensch, aber auch zwischen Mensch und Mensch aufzusprengen. Wer die Gemeinschaft spaltet, hat Christus gegen sich, arbeitet gegen Christus, auch wenn er meint, in Christi Namen zu handeln. 

Die Verabsolutierung eines noch so gut und christlich gemeinten Standpunktes ist Demontage. Das heißt nicht, dass man nicht seinen Standpunkt haben dürfte – oh nein, jeder hat seinen bestimmten Platz am Tisch des Herrn, aber die Plätze sind gleichwertig, die Speise am Tisch des Herrn ist für alle gleich, egal, von welcher Seite man zugreift. Da verweist man einander nicht vom Tisch. Pluralismus statt Polarisierung, vielfältiges Miteinander statt einfältiges Entweder-Oder - der Leib Christi hat viele Glieder und Organe.

Es geht nicht um selbstruhmreiche, glanzvolle Nachfolge Einzelner in christlichem Rampenlicht, es geht um das Einander-Dienen. Es gibt nicht Christen unterschiedlicher Qualitätsstufen. 

Für alle gleichermaßen richtungsweisend ist dabei das Kreuz, dort hat Christus sich für uns verausgabt. Die Theologie mit ihrer wissenschaftstheoretischen Auseinandersetzung ist Weggehilfe, ein wichtiger Weggehilfe, aber eben auch nur Weggehilfe. Der Weg selbst will von jedem selber unter die Füße genommen werden, gehen muss jeder selber, mit Stehenbleiben ist niemandem gedient. Aber gemeinsam geht es sich besser. Und wir haben die Sicherheit unseres Zieles; denn im Gegensatz zu all den falschen Propheten in Korinth und den falschen Versprechen unserer Zeit legt Jesus nicht uns aufs Kreuz, sondern sich selbst.       

Deshalb mahnt Paulus auch uns, zu bedenken, wessen Geistes Kinder wir sind. Menschliches Wissen, menschliche Weisheit – das braucht man in dieser Welt. 

Aber wenn das unser einziger Maßstab ist, dann sind wir auch der menschlichen Weisheit ausgeliefert und werden an ihr gemessen. Dann ist aber nicht sehr viel los mit uns. 

Erst der Geist Gottes hilft unserer Schwachheit auf, erst der Geist Gottes lehrt zu unterscheiden. Glaube ist nichts Angelerntes, Erlernbares. Glaube stärkt sich nicht durch Frömmigkeits-klimmzüge. Vielmehr sollen wir uns als Gefäß verstehen, das den Geist Gottes einlässt und aufnimmt. Wenn wir uns auf ihn einlassen, ihn einlassen, dann wird er uns verändern; und zwar nicht dadurch, dass er wie die Geister dieser Welt unsere Begabungen, unser Denken, Fühlen und Wollen an sich reißt und sich derer bemächtigt und unser Innerstes umkrempelt und unsere Persönlichkeit auslöscht und für die eigenen Zwecke ausnutzt, sondern indem er sich dieser unserer Begabungen, unseres Denkens, Fühlens und Wollens ganz individuell in Liebe annimmt und zum Wirken Gottes werden lässt. Dieses Wirken muss durchaus nicht spektakulär sein oder sensationelle 

Schlagzeilen aufwerfen, dieses Wirken kann ganz in der Stille geschehen. Aber es wird auf jeden Fall die Welt verändern. 

Ausschlaggebend ist nur, dass wir uns von Gott erreichen lassen, uns von seiner Liebe und seinem Geist anstecken lassen, entflammen lassen, mit unauslöschlicher brennender Be-Geist-erung Feuer und Flamme sind, so wie es die Pfingstgeschichte von den Jüngern bildhaft berichtet. Sie haben sich anstecken lassen – und schon war es vorbei mit all ihrer zaghaften Unsicherheit und Ratlosigkeit. Welche der Geist Gottes treibt .....     Sie haben sich antreiben lassen, sie haben den Geist Gottes mit ihren Stimmen zu Worte kommen lassen, haben alle zwischenmenschlichen Grenzen gesprengt, und der Funke ist übergesprungen, sie wurden von allen verstanden. Das war die Initialzündung, die Geburtsstunde ökumenischen Glaubens-verständnisses. Und dieser Funke darf nicht auslöschen. Lassen wir uns ebenfalls anstecken und die Flamme weitertragen – gerade in dieser unserer Welt.    

Das Ganz-Andere ist nicht an Diesem-Hier zu messen. Der Glaube hat mit Wahrheiten zu tun, die dem Geist der Welt einfach unzugänglich sind, die nicht begriffen werden können, aber auch nicht bestritten oder widerlegt werden können. Als Christ in dieser Welt habe ich nun diesen Glauben zu vertreten, als Mensch dieser Welt lebe ich aber auch gleichzeitig in ständiger Anfechtung und bin mit den Alltagsrealitäten dieser Welt verstrickt. Das kann ich nicht immer unter einen Hut bringen. Aber seit Pfingsten weiß ich eines ganz sicher:

Bei allem, was ich in dieser Welt bin und tu, in Glauben und Unglauben, in Stärke und im Versagen bin ich doch auch der geistliche Mensch, der davon und darin lebt, dass der Geist Gottes in mir ist. Wenn ich auch versage – Gottes Geist in mir versagt aber nicht. Mir geht der Mut verloren – aber er hilft meiner Schwachheit auf. Mein Gebet mag erlahmen oder in Angst und Zweifeln ersticken – aber Gottes Geist vertritt mich. Ich zweifle – aber Gottes Geist ist meine Rechtfertigung. Gottes Gerechtigkeit ist keine begrenzte Gesetzesgerechtigkeit menschlicher Gerichte. 

Ich kann mich zeitweise ganz weit weg von Gott fühlen  – aber sein Geist wohnt in mir. Wo ich versage, da nimmt er mir die Dinge aus der Hand und macht sich für mich stark. Ich brauche mich von keiner menschlichen Instanz kontrollieren und beurteilen zu lassen. Für mich steht Gottes Geist ein. Das macht mich in einem letzten Sinne unangreifbar. Das ist meine Gewissheit. Welch anderer Sicherheiten und Versicherungen könnte ich da noch bedürfen?  Ich habe nichts zu verlieren, ich bin in seiner Geborgenheit, sein Geist wohnt in mir. Und darum darf ich mich mutig anstecken lassen von der Triebkraft dieses Geistes, darf mich in Bewegung versetzen lassen und selbst in seinem Sinne in Bewegung setzen.

Gottes Geist wird oft als Windhauch beschrieben oder auch als Sturmwind, ein Wind, der überall weht. 

Kann ich Wind sehen? Nein. Wenn ich auf eine Hauswand gegenüber oder in einen Innenhof sehe, dann erkenne ich weder Jahreszeiten noch Luftbewegungen. 

Erst wenn ich Bäume, altes Laub beobachte, erst wenn ich den Wind auf meiner Haut und in meinen Haaren spüre, nehme ich den Wind wahr. Was die Kraft des Windes vorantreibt und bewirkt, erkenne ich an Windmühlen, die die Kraft des Windes zum Mahlen nutzen, erkenne ich an Windrädern, die die Energie des Windes in Strom umwandeln.

Jedes Kind kann die Kraft seiner eigenen kleinen Pustekraft sichtbar machen und sich daran freuen.     ~ WINDRAD ~

Kann ich Gottes Geist sehen? Nein.

Auch Gottes Geist ist in erstarrter Umgebung nicht zu spüren. Aber da wo Leben stattfindet, da ist Bewegung. Ich erkenne das Wirken des Geistes Gottes an dem, der sich anstoßen lässt, in Bewegung setzen lässt. Da werden die Energien frei, die andere anstoßen und in Bewegung setzen. Das bringt die Sache Gottes voran.

Nicht zufällig heißt der Leitsatz unserer Gemeinde:

Seid nicht träge in dem, was Ihr tun sollt. Seid brennend im Geist. Dient dem Herrn.

Ja, ich darf mich mutig von der Triebkraft dieses Geistes in Bewegung versetzen lassen und selbst in seinem Sinne stets etwas anstoßen und in Bewegung setzen, damit Pfingsten nicht schon in Korinth oder am Pfingstmontag in Meppen vorüber und nur ein freier Schultag im Kalender ist, sondern sich lebendig fortsetzt in und durch einen jeden von uns nach seiner Gabe.

Damit wir das nicht vergessen - man braucht ja nun mal hin und wieder eine kleine Gedächtnisstütze im Alltag - mag sich nachher am Ausgang jeder ein kleines buntes, fröhliches Windrädchen in Kreuzform mit nach Hause nehmen.

A m e n .

Rückblick - Pfingsten 2025

Kirche und Kunst in geistlicher Wechselwirkung 

Rückblick - Gedenktafel-Enthüllung an der Gustav-Adolf-Kirche Meppen

Am Pfingstsonntag 2025, es war der 8. Juni, wurde an der Evangelisch-lutherischen Gustav-Adolf-Kirche in Meppen eine besondere Bronzetafel enthüllt, die die bewegte Baugeschichte der Kirche sowie das künstlerische Schaffen von Hans Ohlms (Fenster 1967) und Jo Klose (Altarraum 1994/2017) würdigt. Die Werke dieser beiden Künstler prägen das Gotteshaus maßgeblich.

Der Tag begann um 10:00 Uhr mit einem Festgottesdienst. Im Anschluss daran beleuchtete Dr. Guido Dahl aus Nordhorn in seinem Vortrag "Verflechtung zwischen Himmel und Erde" das Wirken der beiden Künstler Hans Ohlms und Jo Klose. Gegen 12:00 Uhr, im strömenden Regen, erfolgte die Enthüllung der Bronzetafel.

Der Enkel des verstorbenen Künstlers Hans Ohlms,
Parviz Farhoudi (links), und der Künstler Jo Klose
enthüllen die Plakette.

Neben den Namen der Künstler gibt die neu angebrachte Tafel Auskunft über die Baujahre der Kirche: 1858 im neugotischen Stil errichtet und 1967 neu konzipiert und gebaut, weil eine Instandsetzung wegen immer wieder aufgetretene Kriegsschäden letztendlich nicht rentabel war. 

v.l.n.r.: Reinhold Hilbers (Nordhorn, MdL), Pastor Ralf Krüger,
Reinhardt Ohlms, Jo Klose,
Marc-André Burgdorf (Landrat), Gerd Gels (stellv. Bürgermeister)

Predigt 2025

Schrifttext: Apostelgeschichte 2 | 1. Korinther 12

Liebe Gemeinde,

die Botschaft des heutigen Gottesdienstes ist eigentlich ganz einfach. Wir müssen dafür zunächst einmal nur auf das zurückgreifen, was der Apostel Petrus in der allerersten Pfingstpredigt verkündet hat. Seine Worte waren damals glasklar: 

„Jesus von Nazareth, von Gott unter euch ausgewiesen durch mächtige Taten und Wunder und Zeichen... diesen Mann habt ihr durch die Hand der Ungerechten ans Kreuz geschlagen und umgebracht. Diesen Jesus hat Gott auferweckt; des sind wir alle Zeugen.“

Hier stehen wir vor dem absoluten Fundament des christlichen Glaubens: Es ist die Auferstehung Jesu von den Toten, wie sie Petrus und die Apostel bezeugen. Ohne diese Auferstehung gibt es kein Christentum. Sie ist und bleibt der Dreh- und Angelpunkt unserer Hoffnung.

Als die Menschen damals diese Botschaft hörten, so berichtet die Apostelgeschichte, ging es ihnen durchs Herz. Sie spürten, dass diese Nachricht sie ganz persönlich anging, und fragten: „Ihr Männer, liebe Brüder, was sollen wir tun?“ Und Petrus antwortete ihnen: „Tut Buße ..."

 „Tut Buße“ – das heißt übersetzt schlicht und ergreifend: „Kehrt um!“ Und wenn wir ehrlich sind, gibt es in unserer heutigen Welt wahrlich Grund genug, dass wir umkehren und uns neu orientieren. Die Stichworte dazu hat jeder von uns sofort präsent: Wir sehen den verheerenden Krieg in der Ukraine, wir sehen das Leid und den Krieg im Gazastreifen. Wir erleben, wie sich Lügen ungehindert ausbreiten, wie Verträge und Zusagen plötzlich nichts mehr gelten und immer öfter nur noch das Recht des Stärkeren triumphiert. Man ist auf den schnellen „Deal“ aus – nur noch das zählt, was im Moment nützlich erscheint. Das alles, und noch viel mehr, macht unsere Welt und das zwischenmenschliche Beisammensein kaputt. Genau in diese Wunde hinein sagt Petrus auch zu uns: Tut Buße. Kehrt um.

"... und jeder von euch lasse sich taufen auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung eurer Sünden ..."

Dazu gehört auch, dass wir wieder neu lernen müssen, von der „Sünde“ zu reden. Im biblischen Kontext meint Sünde eben nicht primär die kleinen, alltäglichen Verfehlungen eines Einzelnen. Es geht um einen tiefer liegenden Zustand, um eine Haltung, die den Menschen von Gott und von seiner eigentlichen Bestimmung trennt. Die Bibel beschreibt dies im mythischen Bild des Sündenfalls im Buch Genesis : „Ihr werdet sein wie Gott!“ Der Mensch will sein eigener Gott sein. Er duldet keinen Gott neben sich. Und weil das so ist, zählt eben am Ende auch all das nicht mehr, was früher einmal das Fundament des menschlichen und staatlichen Miteinanders war.

Doch Gott antwortet auf diese Sünde nicht mit Vernichtung oder Strafe. Seine Antwort ist die Vergebung. Allerdings bedeutet das nicht einfach: „Schwamm drüber, war nicht so schlimm.“ Gott verharmlost nichts. Mit den Geboten benennt er unsere Verfehlungen sehr klar, und auch Petrus spricht die Kreuzigung und die menschliche Verantwortung dafür ungeschminkt an.

Wie echte Vergebung aussieht, zeigt uns Jesus selbst. Denken wir an die Geschichte der Ehebrecherin. Zu der Szene gehörte damals natürlich auch ein Mann – doch der konnte entweder entkommen oder die anklagenden Männer ließen ihn einfach laufen. Aber diesem geflohenen Mann und allen anderen Beteiligten gilt Jesu Wort ganz genauso. Er fragt die Frau: „Hat dich niemand verurteilt?“ Sie antwortet: „Niemand.“ Und Jesus spricht: „Dann tue ich es auch nicht. Geh nach Hause und tu es nie wieder.“ Das ist christliche Vergebung: Sie deckt die Schuld nicht zu, aber sie befreit den Menschen von ihrer Last und eröffnet eine völlig neue Zukunft.

... so werdet ihr empfangen die Gabe des Heiligen Geistes.“

Und genau hier schließt sich der Kreis zu Pfingsten: Der Heilige Geist schließt uns als diese begnadigten Sünder zu einer Gemeinde zusammen. Er befreit uns von unserem Egoismus, sodass wir wieder offen und vertrauensvoll auf den anderen zugehen können.

Denn Gemeinde Jesu Christi kann niemals eine One-Man- oder One-Woman-Show sein. Sie ist ein Gemeinschaftswerk. Das wird an einem Festgottesdienst wie dem heutigen besonders deutlich: Der Dienst des Predigers und der Musiker ergänzt sich zum Lob Gottes. Die Kirchenvorsteher übernehmen die Lesung. Der Küster hat im Hintergrund alles liebevoll vorbereitet, und der Hausmeister hat die Anlage um die Kirche herum herausgeputzt. Aber machen wir uns klar: Ohne die Gemeinde, ohne Sie alle, die sie heute gekommen sind, kann kein Gottesdienst gefeiert werden. Und ohne das engagierte Vorbereitungsteam im Hintergrund könnten wir uns später auch nicht so unbeschwert zum Kirchenkaffee zusammensetzen.

Wir dürfen uns heute an unserer wunderschönen Kirche erfreuen, die einst von einem Architekten klug geplant wurde. Wenn Sie heute durch die Kirchentür gehen, können Sie dort eine Plakette sehen. Auf ihr stehen zwei Namen: Hans Ohlms und Jo Klose. Hans Ohlms machte sich tiefe Gedanken über die spirituelle Gestaltung der Fenster. Jo Klose entwarf das Altarbild und gestaltete später den gesamten Altarraum. Jo Klose heute ist zusammen mit seiner Frau hier bei uns, Hans Ohlms ist mittlerweile verstorben, dafür ist sein Sohn Reinhardt zusammen mit seiner Frau und weiteren Familienangehörigen da. 

Wenn wir uns dann weiter in unserer Kirche umsehen, dann fällt der Blick auf unsere wunderschöne Orgel, die von Orgelbauern speziell für unsere Kirche gefertigt wurde. Heizungsbauer, Fliesenleger und Tischler arbeiteten bei der Renovierung 2017 mit dem Amt für Bau- und Kunstpflege und den Verantwortlichen in der Gemeinde zusammen. Das alles ist nicht selbstverständlich. Es ereignet sich in einem Landkreis und in einer Stadt, die immer noch christlich geprägt sind und sich für die Belange der Kirchen durchaus einsetzen. Landrat Burgdorf und unser stellvertretender Bürgermeister Gels sind heute bei uns. 

Der Apostel Paulus schreibt im 1. Korintherbrief: 

„Es sind verschiedene Gaben; aber es ist ein Geist.
Und es sind verschiedene Ämter; aber es ist ein Herr.
Und es sind verschiedene Kräfte; aber es ist ein Gott, der da wirkt alles in allen.

In einem jeden von uns offenbart sich dieser Geist zum Nutzen aller.“

Er teilt jedem das Seine zu, wie er will – dem Künstler die Kreativität, dem Handwerker das Geschick, den Helfern die Tatkraft und uns allen die Fähigkeit, einander im Vertrauen zu begegnen.

All das geschieht, damit auch in unserer Gegenwart Menschen das lebenspendende Wort Gottes hören und sich danach ausrichten können : Jesus Christus, Gottes Sohn von Ewigkeit zu Ewigkeit, gestorben und auferstanden von den Toten – uns zur Hoffnung und zum Leben.

Amen.

Pressebericht

Kirche und Kunst in geistlicher Wechselwirkung

Gedenktafel-Enthüllung an der Gustav-Adolf-Kirche Meppen

(eb) Im Anschluss des musikalisch-festlichen Pfingstgottesdienstes ist neben der Kirchentür der Gustav-Adolf-Kirche eine Gedenktafel enthüllt worden, die auf die künstlerisch bedeutsamen Besonderheiten der Kirche hinweist.

Die Gustav-Adolf-Kirchengemeinde feierte einen Gottesdienst  ganz besonderer Art, in dem sich die auf Pfingsten ausgerichtete Predigt und der sich anschließende Festakt gedanklich immer wieder aufeinander bezogen und Gottesdienst, Vortrag und die Enthüllung der Gedenktafel ineinander übergingen. In seiner Predigt stellte Pastor Krüger Pfingsten als Voraussetzung  für das Miteinander in einer Gemeinde heraus; nur wo alle mit ihren Begabungen in dem einen von Gott gegebenen Geist zusammenarbeiteten und man sich unabhängig von Sprache und Herkunft verstehe, könne man etwas bewirken und sei die Basis für Frieden gegeben - im Großen wie im Kleinen.

Daran knüpfte Dr. Guido Dahl, ehemaliger Geschäftsführer des Kulturforums Ochtrup, mehrfach in seinem Vortrag an, in dem er die Kirchenfenster aus der Hand des Künstlers Hans Ohlms (1967) und die künstlerischen Reliefs der Altar- und Wandbilder von Jo Klose (1994 und 2017) deutend würdigte, welche die Ausstrahlung des sakralen Raumes maßgeblich prägen. Sein Vortrag zog wortwörtlich mit, denn die Anwesenden folgten ihm an die einzelnen Orte der Betrachtung.

"Figürlich wie abstrakt" symbolisiere und enthülle diese kirchliche Kunst im Dienste der Verkündigung "religiöse Spannung" eines beständigen "Unterwegsseins zu einem Ziel" - so zu sehen in den 6 mal 4 geometrischen Einzelbildern der Turmfenster, deren Linien als Strahlen in einem "energetischem Zentrum" zusammenliefen bzw. von dort zu den Rändern führten. Das Spiel mit dem Licht zeige im Hell-Dunkel die Glaubensbewegung vom Zweifel zur Glaubensgewissheit. Die Vertikalfenster an der rechten Kirchenwand nähmen die Unruhe auf; in Wellenlinien verwandelt, zeigten sie das Auf und Ab "in der eschatologischen Spanne von 'Schon und noch nicht' gemäß der Offenbarung des Johannes". Im Seitenschiff reflektiere das Fenster die "geordnete Unruhe" und vermittle fühlbare Transzendenz. Schließlich lasse die Dreiergruppe der kleinen schmalen Fenster oben in der Altarwand in ihrer spezifischen Farbgestaltung die Dreifaltigkeit aufleuchten.

Auch den Holzarbeiten des Nordhorner Künstlers Jo Klose sei die Perfektion der Linienführung zu eigen, hier jedoch in expressionistischen Reliefschraffuren, die sich über die Werke legten. Die beiden Tafeln an der Eingangswand mit den auf das Wesentlich reduzierten Kreuzmodellen - deren unterschiedliche Farbgebung jeweils für die nördliche und die südliche Erdhälfte stehen - zeigten einen sich bereits vom Kreuz lösenden Christus. Die "Quintessenz des Kreuzmittelpunkts" offenbare über die irdischen Elemente hinausgehende spirituelle Wesenheit.

Beim Betreten der Kirche wird der Blick hineingezogen in die Abendmahlszene des kreuzförmigen Altarbildes, in dessen Mittelpunkt Jesus Brot und Wein zum Mahl bereitet. In den Königsfarben Rot und Blau heben sich er und die ihn umgebenden 12 Jünger plastisch vom hellen Untergrundholz ab. Mit dem sich aus Augen- und Nasenlinien ergebenden "T" stehe allen bereits die bevorstehende Kreuzigung ins Gesicht geschrieben. Ganz im Sinn von Pfingsten werde auf diesem Altarbild die babylonische Sprachverwirrung aufgehoben, da Jesu Einsetzungsworte auf Griechisch, Lateinisch, Kyrillisch, Englisch, Deutsch und Swahili weltumfassend zum Mahl einlüden, während der hebräische Text im unteren Bildteil auf die Verbindung zum jüdischen Pessachfest verweise.

Im Anschluss wurde die auf Initiative von Reinhardt Ohlms, Sohn des verstorbenen Künstlers, aus Bronze gefertigte Gedenktafel für Kirche und Künstler im Beisein der beiden Künstlerfamilien enthüllt. "Verflechtung zwischen Himmel und Erde", so der Titel, hatte alle Sinne angesprochen - Sehen und Hören, (Be)Greifen und beim anschließenden Imbiss auch das Schmecken.

Petra Heidemann

Für die größere Ansicht können die Collagen angeklickt werden. 

Donnerstag, 14. Mai 2026

Himmelfahrt - erwachsen werden

Christi Himmelfahrt: Den Kinderschuhen entwachsen

Am 14. Mai feiern wir Himmelfahrt. Während viele diesen Tag als „Vatertag“ mit Bollerwagen und Geselligkeit verbringen, lädt uns die christliche Tradition ein, tiefer zu blicken. Man könnte den Vatertag durchaus gelten lassen, wenn wir ihn als die Heimkehr Jesu zu seinem und unserem himmlischen Vater verstehen. Es ist das Fest der „Thronbesteigung Christi“, an dem er seine Herrschaft zur Rechten Gottes antritt. Er ist nun einerseits mitten in seiner Kirche anwesend, andererseits entzieht er sich unserer unmittelbaren Greifbarkeit. Doch was bedeutet dieser „Abschied“ eigentlich für seine Jünger und letztendlich für uns, die wir hierbleiben?


Glaube bedeutet Erwachsenwerden

In einer Predigt vor etlichen Jahren hatte ich diesen Einschnitt, den Himmelfahrt markiert, mit einem Paar Kinderschuhen verdeutlicht. So wie ein Kind aus seinen Lauflernschuhen herauswächst, muss auch unser Glaube wachsen. Hieran schließen sich fast automatisch Gedanken zur Konfirmation, die wir oft in dieser Zeit zwischen Ostern und Pfingsten feiern und die wir auch zur Deutung des Geschehens an Christi Himmelfahrt heranziehen können.

  • Die Konfirmation markiert den Übergang zum Erwachsenwerden, in dem Jugendliche lernen, auf eigenen Beinen zu stehen.

  • Himmelfahrt ist in diesem Sinne so etwas wie die „Konfirmation der Christen“.

  • Wir sind aufgerufen, eine „kindlich infantile Haltung“ abzulegen, die im Gebet formuliert: „... lieber Gott, bitte mach ... “ Das war der Glaube in den Kindergebeten; erwachsener Glaube betet: "Nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe ... "

Vertrauen und Verantwortung

Das Bild der Familie hilft uns allerdings, dieses neue Verhältnis zu Gott zu verstehen. So wie wir uns ein Leben lang auf unsere Eltern verlassen können und Eltern für ihre Kinder da sind – auch wenn diese längst erwachsen und ausgezogen sind –, so wendet Gott sich uns immer wieder zu. Doch zu diesem Vertrauensverhältnis gehört untrennbar die Eigenverantwortung:

  • Als „erwachsene“ Christen tragen wir Verantwortung für unseren Glauben und unser Leben.

  • Wir sollen das, was Gott uns anvertraut hat, nicht gedankenlos „bespielen“, sondern verantwortlich gestalten.

  • Mitten in einer oft herausfordernden Welt sind wir gerufen, als „Lichter“ zu scheinen.

Wie unterschiedlich wir dieses „Erwachsenwerden“ wahrnehmen, zeigt sich, wenn wir Symbole suchen. Gibt man bei dieser Bildersuche das deutsche Wort „Konfirmation“ ein, so werden traditionelle Motive angezeigt: Gruppenfotos von Jugendlichen in festlicher Kleidung, Kerzen, Tauben als Zeichen für den Heiligen Geist oder Blumensträuße für die Mädchen, Myrtensträußchen für die Jungs. Es sind Bilder, die zum Festtag passen. 

Sucht man jedoch mit dem englischen Begriff „confirmation“, wandelt sich das Bild: Man findet den „Daumen nach oben“, den Handschlag oder einen Haken für eine erledigte Aufgabe.

Diese modernen Symbole passen erstaunlich gut zu einem erwachsenen Glauben, der über das Festliche hinausgeht:

  • Es geht um Zustimmung und ein bewusstes „Ja“ zu Gott und zum eigenen Weg. 

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  • Es geht um Vertrauen und den „Handschlag“ mit Gott. 

Image by Wolfgang Eckert from Pixabay

  • Es geht darum, Aufgaben in Angriff zu nehmen und Verantwortung zu übernehmen.  

Image by Clker-Free-Vector-Images from Pixabay

Noch einmal zusammengefasst: Himmelfahrt fordert uns heraus, den Kinderschuhen auch im Glauben zu entwachsen. Wir können uns nicht auf eine kindlich-naive Haltung zurückziehen, nach dem Motto: „Der liebe Gott wird’s schon richten!“. Gott traut uns zu, als erwachsene Christen Verantwortung für unseren Glauben und die Welt zu übernehmen. 

Der Blick nach vorn: Hoffnung als Ansporn

Die Apostelgeschichte beschreibt diesen Aspekt des Abschieds sehr eindrücklich: Während die Jünger Jesus sehnsüchtig nachschauen, stehen plötzlich zwei Männer in weißen Gewändern bei ihnen und fragen: „Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und seht zum Himmel? Dieser Jesus, der von euch weg gen Himmel aufgenommen wurde, wird so wiederkommen, wie ihr ihn habt gen Himmel fahren sehen.“

Diese Sätze weisen uns darauf hin, dass wir nicht wehmütig in die Vergangenheit blicken sollen. Die Wiederkunft Christi geht über unsere Zeit und unser begrenztes Leben hinaus. Es ist die Hoffnung, dass der Tod nicht das letzte Wort behält, sondern dass am Ende unseres irdischen Weges das steht, was wir als „ewiges Leben“ beschreiben – auch wenn wir uns dieses Leben bei Gott heute kaum vorstellen können.

Diese Hoffnung auf Gottes neue Welt ist jedoch keine Vertröstung auf ein Jenseits, in dem irgendwann alles besser wird. Im Gegenteil: Sie ist ein gewaltiger Ansporn für das Hier und Jetzt. Was wir für die jenseitige Welt erhoffen – Frieden, Gerechtigkeit, Liebe –, sollen wir, soweit es in unseren Kräften steht, bereits in dieser Welt umsetzen.

Die Lebensmelodie: Der Dreiklang der Liebe

Orientierung auf diesem Weg bietet uns das höchste Gebot, das wir als einen Dreiklang der Liebe verstehen können: die Liebe zu Gott, zum Nächsten und zu uns selbst.  

  • Gott lieben: Ohne die Liebe zu Gott gibt es keinen lebendigen Glauben; sie ist das Fundament, das uns mit unserem Ursprung verbindet.  

  • Sich selbst lieben: Den Nächsten zu lieben gelingt nur dann aufrichtig, wenn ich mit mir selbst im Reinen bin und mich selbst annehmen kann.  

  • Den Nächsten lieben: Ohne den Blick auf den Mitmenschen driftet die Selbstliebe unweigerlich in den Egoismus ab.

Getragen wird dieses Beziehungsgefüge durch Gottes Liebe, die uns auch angesichts unseres Scheiterns immer wieder die Chance zu einem ehrlichen Neuanfang gibt. Dabei bedeutet Gnade nicht ein belangloses „Schwamm drüber“, als wäre nichts gewesen. Vielmehr ist es ein ernsthafter Zuspruch, der uns aufrichtet, aber auch ermahnt: „Tu es nicht wieder.“ 

Wir müssen diesen Weg nicht allein gehen. Mit der Hilfe des Heiligen Geistes, der uns zu Pfingsten neu zugesagt wird, können wir den Auftrag annehmen, als „Lichter in der Welt“ zu leuchten und die Liebe, die Gott uns schenkt, verantwortlich zu gestalten.

Wir sehen also nicht einem fortgehenden Jesus hinterher, sondern gehen dem kommenden Herrn entgegen.