Christi Himmelfahrt: Den Kinderschuhen entwachsen
Am 14. Mai feiern wir Himmelfahrt. Während viele diesen Tag als „Vatertag“ mit Bollerwagen und Geselligkeit verbringen, lädt uns die christliche Tradition ein, tiefer zu blicken. Man könnte den Vatertag durchaus gelten lassen, wenn wir ihn als die Heimkehr Jesu zu seinem und unserem himmlischen Vater verstehen. Es ist das Fest der „Thronbesteigung Christi“, an dem er seine Herrschaft zur Rechten Gottes antritt. Er ist nun einerseits mitten in seiner Kirche anwesend, andererseits entzieht er sich unserer unmittelbaren Greifbarkeit. Doch was bedeutet dieser „Abschied“ eigentlich für seine Jünger und letztendlich für uns, die wir hierbleiben?
Glaube bedeutet Erwachsenwerden
In einer Predigt vor etlichen Jahren hatte ich diesen Einschnitt, den Himmelfahrt markiert, mit einem Paar Kinderschuhen verdeutlicht. So wie ein Kind aus seinen Lauflernschuhen herauswächst, muss auch unser Glaube wachsen. Hieran schließen sich fast automatisch Gedanken zur Konfirmation, die wir oft in dieser Zeit zwischen Ostern und Pfingsten feiern und die wir auch zur Deutung des Geschehens an Christi Himmelfahrt heranziehen können.
- Die Konfirmation markiert den Übergang zum Erwachsenwerden, in dem Jugendliche lernen, auf eigenen Beinen zu stehen.
- Himmelfahrt ist in diesem Sinne so etwas wie die „Konfirmation der Christen“.
- Wir sind aufgerufen, eine „kindlich infantile Haltung“ abzulegen, die im Gebet formuliert: „... lieber Gott, bitte mach ... “ Das war der Glaube in den Kindergebeten; erwachsener Glaube betet: "Nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe ... "
Vertrauen und Verantwortung
Das Bild der Familie hilft uns allerdings, dieses neue Verhältnis zu Gott zu verstehen. So wie wir uns ein Leben lang auf unsere Eltern verlassen können und Eltern für ihre Kinder da sind – auch wenn diese längst erwachsen und ausgezogen sind –, so wendet Gott sich uns immer wieder zu. Doch zu diesem Vertrauensverhältnis gehört untrennbar die Eigenverantwortung:
- Als „erwachsene“ Christen tragen wir Verantwortung für unseren Glauben und unser Leben.
- Wir sollen das, was Gott uns anvertraut hat, nicht gedankenlos „bespielen“, sondern verantwortlich gestalten.
- Mitten in einer oft herausfordernden Welt sind wir gerufen, als „Lichter“ zu scheinen.
Wie unterschiedlich wir dieses „Erwachsenwerden“ wahrnehmen, zeigt sich, wenn wir Symbole suchen. Gibt man bei dieser Bildersuche das deutsche Wort „Konfirmation“ ein, so werden traditionelle Motive angezeigt: Gruppenfotos von Jugendlichen in festlicher Kleidung, Kerzen, Tauben als Zeichen für den Heiligen Geist oder Blumensträuße für die Mädchen, Myrtensträußchen für die Jungs. Es sind Bilder, die zum Festtag passen.
Sucht man jedoch mit dem englischen Begriff „confirmation“, wandelt sich das Bild: Man findet den „Daumen nach oben“, den Handschlag oder einen Haken für eine erledigte Aufgabe.
Diese modernen Symbole passen erstaunlich gut zu einem erwachsenen Glauben, der über das Festliche hinausgeht:
- Es geht um Zustimmung und ein bewusstes „Ja“ zu Gott und zum eigenen Weg.
| Image by Gerd Altmann from Pixabay |
- Es geht um Vertrauen und den „Handschlag“ mit Gott.
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| Image by Wolfgang Eckert from Pixabay |
- Es geht darum, Aufgaben in Angriff zu nehmen und Verantwortung zu übernehmen.
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| Image by Clker-Free-Vector-Images from Pixabay |
Noch einmal zusammengefasst: Himmelfahrt fordert uns heraus, den Kinderschuhen auch im Glauben zu entwachsen. Wir können uns nicht auf eine kindlich-naive Haltung zurückziehen, nach dem Motto: „Der liebe Gott wird’s schon richten!“. Gott traut uns zu, als erwachsene Christen Verantwortung für unseren Glauben und die Welt zu übernehmen.
Der Blick nach vorn: Hoffnung als Ansporn
Die Apostelgeschichte beschreibt diesen Aspekt des Abschieds sehr eindrücklich: Während die Jünger Jesus sehnsüchtig nachschauen, stehen plötzlich zwei Männer in weißen Gewändern bei ihnen und fragen: „Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und seht zum Himmel? Dieser Jesus, der von euch weg gen Himmel aufgenommen wurde, wird so wiederkommen, wie ihr ihn habt gen Himmel fahren sehen.“
Diese Sätze weisen uns darauf hin, dass wir nicht wehmütig in die Vergangenheit blicken sollen. Die Wiederkunft Christi geht über unsere Zeit und unser begrenztes Leben hinaus. Es ist die Hoffnung, dass der Tod nicht das letzte Wort behält, sondern dass am Ende unseres irdischen Weges das steht, was wir als „ewiges Leben“ beschreiben – auch wenn wir uns dieses Leben bei Gott heute kaum vorstellen können.
Diese Hoffnung auf Gottes neue Welt ist jedoch keine Vertröstung auf ein Jenseits, in dem irgendwann alles besser wird. Im Gegenteil: Sie ist ein gewaltiger Ansporn für das Hier und Jetzt. Was wir für die jenseitige Welt erhoffen – Frieden, Gerechtigkeit, Liebe –, sollen wir, soweit es in unseren Kräften steht, bereits in dieser Welt umsetzen.
Die Lebensmelodie: Der Dreiklang der Liebe
Orientierung auf diesem Weg bietet uns das höchste Gebot, das wir als einen Dreiklang der Liebe verstehen können: die Liebe zu Gott, zum Nächsten und zu uns selbst.
- Gott lieben: Ohne die Liebe zu Gott gibt es keinen lebendigen Glauben; sie ist das Fundament, das uns mit unserem Ursprung verbindet.
- Sich selbst lieben: Den Nächsten zu lieben gelingt nur dann aufrichtig, wenn ich mit mir selbst im Reinen bin und mich selbst annehmen kann.
- Den Nächsten lieben: Ohne den Blick auf den Mitmenschen driftet die Selbstliebe unweigerlich in den Egoismus ab.
Getragen wird dieses Beziehungsgefüge durch Gottes Liebe, die uns auch angesichts unseres Scheiterns immer wieder die Chance zu einem ehrlichen Neuanfang gibt. Dabei bedeutet Gnade nicht ein belangloses „Schwamm drüber“, als wäre nichts gewesen. Vielmehr ist es ein ernsthafter Zuspruch, der uns aufrichtet, aber auch ermahnt: „Tu es nicht wieder.“
Wir müssen diesen Weg nicht allein gehen. Mit der Hilfe des Heiligen Geistes, der uns zu Pfingsten neu zugesagt wird, können wir den Auftrag annehmen, als „Lichter in der Welt“ zu leuchten und die Liebe, die Gott uns schenkt, verantwortlich zu gestalten.Wir sehen also nicht einem fortgehenden Jesus hinterher, sondern gehen dem kommenden Herrn entgegen.



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