Der Geist Gottes setzt in Bewegung ...
Das erste Jahr Pfingsten, dass ich nicht im Einsatz bin. Deshalb habe ich wieder einmal Frau Heidemann gebeten, mit ihre Predigt für den Blog zur Verfügung zu stellen. Jetzt, da Sie den Text lesen können, ist der Gottesdienst zu Ende. Vielleicht war der eine oder die andere da und genießt es jetzt, alles noch einmal nachlesen zu können.
Ich wünsche ein gesegnetes Pfingstfest!
P r e d i g t zum Pfingstsonntag
Text: 1. Kor. 2, 12-16
Liebe Gemeinde!
„Hör mal, gehst Du nächsten Sonntag mit in die Kirche?“
„Weiß nicht - wer predigt denn?“ Ein Name wird genannt.
„Ach nee, dann schlafe ich lieber aus, der predigt immer so langweilig und findet kein Ende. Ein anderes Mal vielleicht wieder.“
Solch vorsonntägliches Gespräch ist nicht selten, die Argumente wechseln. Aber oft wird die Qualität des Gottesdienstes gemessen an der Person, die den Gottesdienst hält. Der kann nicht singen, der redet zu leise, der betet immer so schön, der hat immer so tolle Beispiele in der Predigt, der hat so ein nettes Gesicht. Ähnliches erlebe ich durchaus nach manchem Gottesdienst: „Heute kam in der Predigt ja kaum etwas von Jesus vor, und dabei bin ich deshalb eigentlich überhaupt nur gekommen.“
„Wie können Sie im Fürbittengebet sagen ‚Guter Gott‘, das heißt doch wohl immer noch ‚Lieber Gott‘!“
Der eine möchte, dass ich mich zur Politik äußere, der andere nimmt es mir übel, wenn ich es tue. Der eine hat am Ende des Gottesdienstes gefunden, was er gesucht hat und geht erfüllt nach Hause, der andere findet etwas zum Ärgern und ist für den Rest des Gottesdienstes blockiert.
Es ist nicht anders als in der Schule oder im Beruf. Der Lernerfolg wird in erster Linie als vom Lehrer abhängig beurteilt, im Beruf steht und fällt der Wert des Menschen mit seiner messbar erbrachten Leistung. Wir lassen gern nur eine Meinung gelten, am liebsten die eigene. Wenn ich als Ehrenamtliche nicht genug Anerkennung für mein Bemühen von den anderen bekomme, dann kann ich es ja auch einfach mal lassen, dann mache ich eben nicht mehr mit. Wenn der Lehrer schon wieder auf diesem Thema herumreitet, dann schwänze ich den Unterricht. Wenn der oder die etwa auch zur Geburtstagsfete kommt, dann gehe ich gar nicht erst hin.
Und was wir für richtig oder falsch erachten, was wir glauben oder nicht glauben, ist oft mehr eine Frage, wem wir glauben.
Ob es nun der neueste Tratsch und Klatsch ist, ob es sich um aktuelle Forschungsergebnisse handelt oder ob um Gottes Wort - die Glaubwürdigkeit des Gehörten ist meistens gekoppelt an die Glaubwürdigkeit der übermittelnden Person. Zunächst lassen wir uns von einer Person begeistern und in den Bann ziehen, erst in zweiter Linie von dem, worum es geht. Oft ist das Auftreten eines Politikers wichtiger und überzeugender als sein politisches Konzept; oft ist die Melodie eines Liedes oder eines Songs das Entscheidende für den Erfolg, der Sinn des Textes eher zweitrangig. Unsere Maßstäbe heißen Aussehen, Auftreten, Leistungsfähigkeit, Beweisbarkeit, Sicherheit, Effektivität, Nutzen, bahnbrechende Sensation, Beliebtheit, Erfolg. Und wenn bei einer Person der Funke überspringt, dann wächst die Zahl der Fans, und die Begeisterung kennt keine Schranken und Grenzen mehr, die jubelnde Menschenmasse reißt mit, man braucht seine Idole und seine Helden, man braucht sie aus der Nähe, am besten zum Anfassen. Letztendlich war es das, was die Israeliten dazu bewegte, sich ein goldenes Kalb hinzustellen.
Alle Versprechungen, Hoffnungen und Zusagen waren so wenig beweiskräftig, so wenig greifbar. Der menschliche Geist sucht nach Handfestem, Greifbarem und Begreifbarem, Konkretem, Handhabbarem und nicht zuletzt nach seinen geistigen Führern.
Das war schon immer so. Das war so auch in Korinth.
Wir befinden uns in einer bedeutenden, internationalen, ausgesprochen turbulenten, lebendigen, bunten Hafenstadt. Korinth ist römische Kolonie; fremdländische Einflüsse aller Art, Menschen aller Hautfarben in unterschiedlichster Kleidung, fremdartige Traditionen und Gebräuche, ein babylonisches Sprachengewirr, eine Vielzahl von Kulturen und religiösen Riten prägen das Straßenbild. An jeder Ecke steht ein anderer Prediger und verkündet den Vorübergehenden und Stehen-Bleibenden seine allein selig machende Weisheit und versucht, mit seinen Argumenten überzeugender als all die anderen zu sein.
In dieser Umgebung hat es die kleine christliche Gemeinde, die Paulus gegründet hat, nicht leicht, ihren Weg zu finden und zu gehen. Die Wiederkunft Christi lässt auf sich warten, man muss sich in dieser Welt irgendwie einrichten, dem christlichen Glauben eine Wohnstatt in dieser Welt geben, sich mit der Welt arrangieren und den Alltag zu seinem Recht kommen lassen. Wie das alles gehen soll – darüber sind sie inzwischen geteilter Meinung. Es gibt Eifersüchteleien, Flügelkämpfe, Grundsatzstreitigkeiten. Man lebt sich auseinander, man folgt verschiedenen Richtungen, verschiedenen Wortführern, verschiedenen Leitfiguren. Da ist der Wundertäter Apollonius; da ist Petrus, der die jüdische Beschneidung nach wie vor für unbedingt notwendig erachtet für einen Christen; da gibt es Christusschwärmer, die besonders fromm tun, dabei aber Jesu Namen für ihre eigenen Interessen vermarkten und nutzen und alle anderen verketzern.
Auch heute gibt es Frömmigkeitsmagneten, die die Masse zu begeistern und in ihren Bann zu ziehen verstehen, und es gibt Streitfragen, die nur allzu schnell spaltend wirken und einen Riss durch die Christenheit ziehen – z. B. die Frage nach der Stellung der Frau in der Kirche, die Frage der Abendmahlspraxis, die Frage, wie streng man mit Konfirmanden umgehen soll, ob kleine schreiende Kinder in den Gottesdienst gehören, die Frage des Zölibats etc., und es gibt unterschiedlich große Sympathien für diesen oder jenen Geistlichen. So fremd ist uns also die Situation in Korinth keineswegs.
Paulus gefällt das alles nicht. So schreibt er vorbeugend einen Brief – einen Brief gegen die Gefahr des Auseinanderlebens, gegen Flügelkämpfe, Eifersüchteleien und Grundsatz-streitigkeiten. Verschiedene Wellenlängen sollen sich nicht gegenseitig unterkriegen und wirkungslos machen, sondern verschiedene Wellenlängen sollen sich gerade ergänzen, um mehr erreichen zu können. Es ist egal, durch wen und wie die Betreffenden dem Glauben nähergekommen sind,
egal, wer für wen den Christus-Glauben glaubwürdiger verkörpert – Christus ist nicht auseinanderzudividieren. Christus ist geboren, hat gelebt und gewirkt, ist gestorben und auferstanden, gerade um alle Grenzen zwischen Gott und Mensch, aber auch zwischen Mensch und Mensch aufzusprengen. Wer die Gemeinschaft spaltet, hat Christus gegen sich, arbeitet gegen Christus, auch wenn er meint, in Christi Namen zu handeln.
Die Verabsolutierung eines noch so gut und christlich gemeinten Standpunktes ist Demontage. Das heißt nicht, dass man nicht seinen Standpunkt haben dürfte – oh nein, jeder hat seinen bestimmten Platz am Tisch des Herrn, aber die Plätze sind gleichwertig, die Speise am Tisch des Herrn ist für alle gleich, egal, von welcher Seite man zugreift. Da verweist man einander nicht vom Tisch. Pluralismus statt Polarisierung, vielfältiges Miteinander statt einfältiges Entweder-Oder - der Leib Christi hat viele Glieder und Organe.
Es geht nicht um selbstruhmreiche, glanzvolle Nachfolge Einzelner in christlichem Rampenlicht, es geht um das Einander-Dienen. Es gibt nicht Christen unterschiedlicher Qualitätsstufen.
Für alle gleichermaßen richtungsweisend ist dabei das Kreuz, dort hat Christus sich für uns verausgabt. Die Theologie mit ihrer wissenschaftstheoretischen Auseinandersetzung ist Weggehilfe, ein wichtiger Weggehilfe, aber eben auch nur Weggehilfe. Der Weg selbst will von jedem selber unter die Füße genommen werden, gehen muss jeder selber, mit Stehenbleiben ist niemandem gedient. Aber gemeinsam geht es sich besser. Und wir haben die Sicherheit unseres Zieles; denn im Gegensatz zu all den falschen Propheten in Korinth und den falschen Versprechen unserer Zeit legt Jesus nicht uns aufs Kreuz, sondern sich selbst.
Deshalb mahnt Paulus auch uns, zu bedenken, wessen Geistes Kinder wir sind. Menschliches Wissen, menschliche Weisheit – das braucht man in dieser Welt.
Aber wenn das unser einziger Maßstab ist, dann sind wir auch der menschlichen Weisheit ausgeliefert und werden an ihr gemessen. Dann ist aber nicht sehr viel los mit uns.
Erst der Geist Gottes hilft unserer Schwachheit auf, erst der Geist Gottes lehrt zu unterscheiden. Glaube ist nichts Angelerntes, Erlernbares. Glaube stärkt sich nicht durch Frömmigkeits-klimmzüge. Vielmehr sollen wir uns als Gefäß verstehen, das den Geist Gottes einlässt und aufnimmt. Wenn wir uns auf ihn einlassen, ihn einlassen, dann wird er uns verändern; und zwar nicht dadurch, dass er wie die Geister dieser Welt unsere Begabungen, unser Denken, Fühlen und Wollen an sich reißt und sich derer bemächtigt und unser Innerstes umkrempelt und unsere Persönlichkeit auslöscht und für die eigenen Zwecke ausnutzt, sondern indem er sich dieser unserer Begabungen, unseres Denkens, Fühlens und Wollens ganz individuell in Liebe annimmt und zum Wirken Gottes werden lässt. Dieses Wirken muss durchaus nicht spektakulär sein oder sensationelle
Schlagzeilen aufwerfen, dieses Wirken kann ganz in der Stille geschehen. Aber es wird auf jeden Fall die Welt verändern.
Ausschlaggebend ist nur, dass wir uns von Gott erreichen lassen, uns von seiner Liebe und seinem Geist anstecken lassen, entflammen lassen, mit unauslöschlicher brennender Be-Geist-erung Feuer und Flamme sind, so wie es die Pfingstgeschichte von den Jüngern bildhaft berichtet. Sie haben sich anstecken lassen – und schon war es vorbei mit all ihrer zaghaften Unsicherheit und Ratlosigkeit. Welche der Geist Gottes treibt ..... Sie haben sich antreiben lassen, sie haben den Geist Gottes mit ihren Stimmen zu Worte kommen lassen, haben alle zwischenmenschlichen Grenzen gesprengt, und der Funke ist übergesprungen, sie wurden von allen verstanden. Das war die Initialzündung, die Geburtsstunde ökumenischen Glaubens-verständnisses. Und dieser Funke darf nicht auslöschen. Lassen wir uns ebenfalls anstecken und die Flamme weitertragen – gerade in dieser unserer Welt.
Das Ganz-Andere ist nicht an Diesem-Hier zu messen. Der Glaube hat mit Wahrheiten zu tun, die dem Geist der Welt einfach unzugänglich sind, die nicht begriffen werden können, aber auch nicht bestritten oder widerlegt werden können. Als Christ in dieser Welt habe ich nun diesen Glauben zu vertreten, als Mensch dieser Welt lebe ich aber auch gleichzeitig in ständiger Anfechtung und bin mit den Alltagsrealitäten dieser Welt verstrickt. Das kann ich nicht immer unter einen Hut bringen. Aber seit Pfingsten weiß ich eines ganz sicher:
Bei allem, was ich in dieser Welt bin und tu, in Glauben und Unglauben, in Stärke und im Versagen bin ich doch auch der geistliche Mensch, der davon und darin lebt, dass der Geist Gottes in mir ist. Wenn ich auch versage – Gottes Geist in mir versagt aber nicht. Mir geht der Mut verloren – aber er hilft meiner Schwachheit auf. Mein Gebet mag erlahmen oder in Angst und Zweifeln ersticken – aber Gottes Geist vertritt mich. Ich zweifle – aber Gottes Geist ist meine Rechtfertigung. Gottes Gerechtigkeit ist keine begrenzte Gesetzesgerechtigkeit menschlicher Gerichte.
Ich kann mich zeitweise ganz weit weg von Gott fühlen – aber sein Geist wohnt in mir. Wo ich versage, da nimmt er mir die Dinge aus der Hand und macht sich für mich stark. Ich brauche mich von keiner menschlichen Instanz kontrollieren und beurteilen zu lassen. Für mich steht Gottes Geist ein. Das macht mich in einem letzten Sinne unangreifbar. Das ist meine Gewissheit. Welch anderer Sicherheiten und Versicherungen könnte ich da noch bedürfen? Ich habe nichts zu verlieren, ich bin in seiner Geborgenheit, sein Geist wohnt in mir. Und darum darf ich mich mutig anstecken lassen von der Triebkraft dieses Geistes, darf mich in Bewegung versetzen lassen und selbst in seinem Sinne in Bewegung setzen.
Gottes Geist wird oft als Windhauch beschrieben oder auch als Sturmwind, ein Wind, der überall weht.
Kann ich Wind sehen? Nein. Wenn ich auf eine Hauswand gegenüber oder in einen Innenhof sehe, dann erkenne ich weder Jahreszeiten noch Luftbewegungen.
Erst wenn ich Bäume, altes Laub beobachte, erst wenn ich den Wind auf meiner Haut und in meinen Haaren spüre, nehme ich den Wind wahr. Was die Kraft des Windes vorantreibt und bewirkt, erkenne ich an Windmühlen, die die Kraft des Windes zum Mahlen nutzen, erkenne ich an Windrädern, die die Energie des Windes in Strom umwandeln.
Jedes Kind kann die Kraft seiner eigenen kleinen Pustekraft sichtbar machen und sich daran freuen. ~ WINDRAD ~
Kann ich Gottes Geist sehen? Nein.
Auch Gottes Geist ist in erstarrter Umgebung nicht zu spüren. Aber da wo Leben stattfindet, da ist Bewegung. Ich erkenne das Wirken des Geistes Gottes an dem, der sich anstoßen lässt, in Bewegung setzen lässt. Da werden die Energien frei, die andere anstoßen und in Bewegung setzen. Das bringt die Sache Gottes voran.
Nicht zufällig heißt der Leitsatz unserer Gemeinde:
Seid nicht träge in dem, was Ihr tun sollt. Seid brennend im Geist. Dient dem Herrn.
Ja, ich darf mich mutig von der Triebkraft dieses Geistes in Bewegung versetzen lassen und selbst in seinem Sinne stets etwas anstoßen und in Bewegung setzen, damit Pfingsten nicht schon in Korinth oder am Pfingstmontag in Meppen vorüber und nur ein freier Schultag im Kalender ist, sondern sich lebendig fortsetzt in und durch einen jeden von uns nach seiner Gabe.
Damit wir das nicht vergessen - man braucht ja nun mal hin und wieder eine kleine Gedächtnisstütze im Alltag - mag sich nachher am Ausgang jeder ein kleines buntes, fröhliches Windrädchen in Kreuzform mit nach Hause nehmen.
A m e n .

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