Spannende Aufgabe!
An diesem Sonntag war ich eingeladen, die Predigt in der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde (Baptisten) hier in Meppen zu halten. Das Besondere: Nach unserer lutherischen Tradition steht der 6. Sonntag nach Trinitatis ganz im Zeichen der Taufe. Ein lutherischer Pastor predigt bei den Baptisten über die Taufe? Ja, das war eine echte Herausforderung – aber vor allem eine wunderbare Fügung!
Auch wenn wir theologische Unterschiede im Taufverständnis haben, verbindet uns so viel mehr: Gottes bedingungslose Zusage und unser gemeinsamer Glaube.
Wochenspruch
So spricht der Herr, der dich geschaffen hat, Jakob, und dich gemacht hat, Israel: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein. (Jes 43, 1)
Gottesdienstablauf
Der Gottesdienstablauf wurde wie immer von den Mitarbeitern aus der Baptistischen Gemeinde zusammengestellt. Als Lesung hatte ich Apg. 8, 26 -39 vorgeschlagen - die Taufe des Kämmerers aus dem Äthiopien.
Der Engel des Herrn redete zu Philippus und sprach: Steh auf und geh nach Süden auf die Straße, die von Jerusalem nach Gaza hinabführt und öde ist. 27 Und er stand auf und ging hin. Und siehe, ein Mann aus Äthiopien, ein Kämmerer und Mächtiger am Hof der Kandake, der Königin von Äthiopien, welcher ihren ganzen Schatz verwaltete, der war nach Jerusalem gekommen, um anzubeten. 28 Nun zog er wieder heim und saß auf seinem Wagen und las den Propheten Jesaja. 29 Der Geist aber sprach zu Philippus: Geh hin und halte dich zu diesem Wagen! 30 Da lief Philippus hin und hörte, dass er den Propheten Jesaja las, und fragte: Verstehst du auch, was du liest? 31 Er aber sprach: Wie kann ich, wenn mich nicht jemand anleitet? Und er bat Philippus, aufzusteigen und sich zu ihm zu setzen. 32 Der Inhalt aber der Schrift, die er las, war dieser (Jesaja 53,7.8): «Wie ein Schaf, das zur Schlachtung geführt wird, und wie ein Lamm, das vor seinem Scherer verstummt, so tut er seinen Mund nicht auf. 33 In seiner Erniedrigung wurde sein Urteil aufgehoben. Wer kann seine Nachkommen aufzählen? Denn sein Leben wird von der Erde weggenommen.» 34 Da antwortete der Kämmerer dem Philippus und sprach: Ich bitte dich, von wem redet der Prophet das, von sich selber oder von jemand anderem? 35 Philippus aber tat seinen Mund auf und fing mit diesem Wort der Schrift an und predigte ihm das Evangelium von Jesus. 36 Und als sie auf der Straße dahinfuhren, kamen sie an ein Wasser. Da sprach der Kämmerer: Siehe, da ist Wasser; was hindert's, dass ich mich taufen lasse? (37 Philippus aber sprach: Wenn du von ganzem Herzen glaubst, so kann es geschehen. Er aber antwortete und sprach: Ich glaube, dass Jesus Christus Gottes Sohn ist.) 38 Und er ließ den Wagen halten, und beide stiegen in das Wasser hinab, Philippus und der Kämmerer, und er taufte ihn. 39 Als sie aber aus dem Wasser heraufstiegen, entrückte der Geist des Herrn den Philippus, und der Kämmerer sah ihn nicht mehr; er zog aber seine Straße fröhlich.
Die übrigen Lieder waren "Komm, jetzt ist die Zeit", "Vater, ich komme jetzt zu dir", "Ich weiß, wer ich bin", "Mutig komm ich vor den Thron" und "Wandle du mein Herz".
Im Video ...
Ich habe das Video so eingestellt, dass es mit der Predigt beginnt. Wer den ganzen Gottesdienst sehen will, schiebt die Zeitleiste ganz an den Anfang, auf Null.
Predigt
Die Anfrage von Pastor Rebers, ob ich am 12.07. die Predigt übernehmen könnte, erreichte mich im Urlaub auf Sardinien. Ich schaute kurz in den Kalender und konnte spontan zusagen. Später fiel mir auf, dass der heutige Sonntag nach der lutherischen Zählung der 6. Sonntag nach Trinitatis ist und damit der Sonntag, an dem bei uns die Taufe im Mittelpunkt steht. Das ist doch eine echte Herausforderung, aber auch eine gute Fügung.
Die Geschichte von der Taufe des Kämmerers aus Äthiopien ist eine der schönsten und dynamischsten Taufgeschichten des Neuen Testaments! Sie zeigt par excellence, was die Erwachsenen- bzw. die Gläubigentaufe betont: Hören des Wortes Gottes, Verstehen durch Philippus' Erklärung, der Wunsch des Kämmerers getauft zu werden, und das bewusste Bekenntnis.
Es gibt natürlich weitere Taufberichte.
Die "Ur-Taufe" und die Massentaufen
Diese Erzählungen betonen sehr stark die Predigt, die Umkehr und den anschließenden Glaubensschritt der Erwachsenen.
- Jesus selbst (Matthäus 3,13–17 u.a.): Jesus lässt sich von Johannes im Jordan taufen - Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!. Obwohl Jesus ohne Sünde ist, tut er es, „um alle Gerechtigkeit zu erfüllen“. Bewusst lässt er sich als Erwachsener taufen.
- Die Pfingstgemeinde (Apostelgeschichte 2,37–41): Nach Petrus’ fulminanter Predigt geht den Zuhörern das Wort „durchs Herz“. Sie fragen: „Was sollen wir tun?“ Petrus antwortet: „Tut Buße, und jeder von euch lasse sich taufen auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung eurer Sünden, so werdet ihr empfangen die Gabe des Heiligen Geistes.“ An diesem Tag ließen sich etwa 3.000 Menschen taufen.
- Die Samariter und Simon der Magier (Apostelgeschichte 8,12–13): Bevor Philippus den Äthiopier taufte, predigte er in Samarien. Männer und Frauen kommen zum Glauben und lassen sich taufen – darunter sogar ein stadtbekannter Zauberer namens Simon.
Die "Oikos-Taufen"
In der Apostelgeschichte gibt es eine Gruppe von Erzählungen, die für die lutherische Tradition von Bedeutung sind. Hier wird nämlich nicht nur eine Einzelperson getauft, sondern der gesamte „Oikos“ (griechisch für das „Haus“, was die Familie, die Kinder, die Sklaven und Angestellten umfasste).
- Die Purpurhändlerin Lydia (Apostelgeschichte 16,14–15): In Philippi hört die wohlhabende Geschäftsfrau Lydia Paulus zu. Gott öffnet ihr das Herz. Der Text sagt knapp: „Als sie aber und ihr Haus getauft war...“ Hier fragte niemand nach dem individuellen Glauben jedes einzelnen Hausbewohners; das Ja der Hausherrin schloss alle ein.
- Der Gefängniswärter von Philippi (Apostelgeschichte 16,25–34): Nach einem Erdbeben, das das Gefängnis erschüttert hat, will sich der Aufseher verzweifelt das Leben nehmen, weil er meint, die Gefangenen seien geflohen. Doch Paulus rettet ihn. Darauf fragt der Gefängniswärter: „Was muss ich tun, dass ich gerettet werde?“ Paulus antwortet: „Glaube an den Herrn Jesus, so wirst du und dein Haus selig!“ Und der Text berichtet: „...und er ließ sich taufen und alle die Seinen.“
- Krispus, der Synagogenvorsteher (Apostelgeschichte 18,8): In Korinth kommt Krispus zum Glauben an den Herrn „mit seinem ganzen Hause“, und viele Korinther, die zuhörten, wurden gläubig und ließen sich taufen.
- Das Haus des Stephanas (1. Korinther 1,16): Paulus erinnert sich in seinem Brief beiläufig: „Ich habe aber auch Stephanas' Haus getauft.“
Besondere Bekehrungstaufen (Fokus: Gottes radikaler Eingriff)
- Saulus / Paulus (Apostelgeschichte 9,17–19): Der größte Christenverfolger wird vor Damaskus blind. Hananias legt ihm die Hände auf, Saulus wird geheilt: „...und er stand auf und ließ sich taufen.“
- Der Hauptmann Kornelius (Apostelgeschichte 10,44–48): Diese Taufe ist kirchengeschichtlich revolutionär, weil Kornelius ein Heide (Römer) ist. Während Petrus noch predigt, fällt der Heilige Geist bereits auf die heidnischen Zuhörer. Petrus erkennt: Gott hat hier längst gehandelt! Er sagt: Kann auch jemand denen das Wasser zur Taufe verwehren, die den Heiligen Geist empfangen haben ebenso wie wir? 48 Und er befahl, sie zu taufen in dem Namen Jesu Christi.
Von der Erwachsenentaufe zur Kindertaufe
In den ersten Generationen nach den Aposteln war die Erwachsenentaufe von Konvertiten logischerweise der Normalfall, die Kirche wuchs durch Mission. Doch schon sehr früh taucht die Kindertaufe als etablierte Praxis auf.
- Irenäus von Lyon (um 185 n. Chr.) ist der Erste, der die Kindertaufe indirekt, aber deutlich bezeugt. Er schreibt, dass Jesus kam, um alle zu retten, die durch ihn „neu geboren“ werden, die also getauft werden: „Säuglinge, Kinder, Knaben, Jünglinge und Alte.“
- Hippolyt von Rom (um 200 n. Chr.) beschreibt in seiner Kirchenordnung (Traditio Apostolica) den konkreten Ablauf eines Gottesdienstes: „Tauft zuerst die Kinder. Und alle, die für sich selbst sprechen können, sollen sprechen. Für die aber, die nicht für sich selbst sprechen können, sollen die Eltern sprechen oder jemand aus ihrer Familie.“ Das ist der älteste Beleg für das Patenamt!
Die Diskussion der Kirchenväter
Durch Augustinus (354–430 n. Chr.) kam im 5. Jahrhundert der Wendepunkt zur flächendeckenden, unhinterfragten Praxis der Kindertaufe. Im Streit mit Pelagius zementierte Augustinus die Lehre von der Erbsünde. Er argumentierte, dass jeder Mensch von Geburt an verdammt und mit der Sünde Adams infiziert sei. Wenn ein Säugling ungetauft stirbt, geht er verloren. Durch diese sehr düstere Drohkulisse wurde die Kindertaufe im Laufe des 5. und 6. Jahrhunderts im gesamten Römischen Reich zur Pflichtpraxis.
Diese Diskussion nicht wieder aufnehmen. Die ist unfruchtbar. Unselige Geschichte im Zeitalter der Reformation.
Was sagen unsere unterschiedlichen Traditionen?
Die baptistische Sicht – Das bewusste „Ja“ und seine Grenzen
Die Stärke: Das mündige Bekenntnis
Wenn ich auf die baptistische Tradition blicke, dann tue ich das mit großem Respekt. Ihre Stärke liegt in der Klarheit des Aufrufs: Glaube braucht eine Entscheidung. Die Gläubigentaufe setzt ein deutliches Zeichen: Hier sagt ein Mensch ganz bewusst und öffentlich 'Ja' zu Jesus Christus. Ihr geht eine Zeit des Fragens, des Unterrichts und der inneren Auseinandersetzung voraus. Das ist kostbar, denn es nimmt den Glauben und die Nachfolge radikal ernst.
Die Grenze: Das Ringen des Glaubens (Markus 9,24)
Aber wo liegt die Grenze, die wir alle – ob Baptist oder Lutheraner – als Menschen erleben? Die Grenze liegt dort, wo wir merken: Wie sicher kann ich mir meines eigenen Glaubens eigentlich sein?
Das Evangelium führt uns da an eine ganz feine, verletzliche Stelle. Ein verzweifelter Vater kommt zu Jesus und bittet um Hilfe für sein Kind. Und als Jesus das Thema Glauben anspricht, bricht es aus diesem Mann unter Tränen heraus: 'Ich glaube; hilf meinem Unglauben!' (Mk 9,24).
Was für ein ehrlicher Schrei! Er zeigt uns: Der menschliche Glaube ist selten zu 100 Prozent perfekt. Er ist oft ein Ringen. Da ist Vertrauen, ja, aber direkt daneben sitzt der Zweifel.
Ich habe das immer wieder in den Gesprächen mit meinen Konfirmandinnen und Konfirmanden erlebt. Jugendliche, die die Vorbereitung extrem ernst genommen haben, fragten mich manchmal mit bangem Blick: 'Darf ich mich überhaupt konfirmieren lassen, wenn ich doch noch so viele Zweifel habe? Reicht mein Glaube überhaupt aus?'
Und meine Antwort war immer dieselbe: Ja! Weil der Zweifel zum Glauben dazugehört. Wir müssen und wir können unseren Glauben nicht perfekt 'produzieren'. Wir dürfen unsere Zweifel, genau wie jener Vater im Evangelium, vertrauensvoll in Gottes Hand legen. Wenn die Taufe nur von der Perfektion meines Glaubens abhinge, stünde sie auf wackeligem Boden.
Die lutherische Sicht – Das Geschenk und die Begleitung
Was die Kindertaufe nach außen trägt: Reines Geschenk
Und genau an dieser Sollbruchstelle unseres menschlichen Vermögens setzt das an, was die Kindertaufe nach außen tragen möchte. Sie feiert, dass das Leben, der Glaube und die Liebe Gottes ein reines Geschenk sind. Ein Säugling kann sich nicht entscheiden, er kann nichts leisten, er kann noch nicht einmal glauben. Und doch wird ihm über dem Taufbecken zugesprochen: 'Fürchte dich nicht, ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein.' (Jes 43,1). Gott geht immer den ersten Schritt. Er liebt uns, bevor wir antworten können. - Das hat aber nichts mit der Sündenlehre zu tun, wie sie Augustinus vertreten hat.
Die Verantwortung: Glauben lernen im Alltag
Aber dieses Geschenk ist kein magischer Automatismus. Die Kindertaufe entlässt uns nicht aus der Verantwortung – im Gegenteil. In jedem Taufgespräch habe ich den Eltern und Paten eine ganz praktische Frage gestellt: Wie wollt ihr diesem Kind helfen, in dieses 'Ja' Gottes hineinzuwachsen? Wie wollt ihr es christlich erziehen?
Denn Glaube fällt nicht vom Himmel, er wird vorgelebt. Es geht um die kleinen, kostbaren Rituale im Alltag:
- Die Taufkerze, die vielleicht am Geburtstag angezündet wird, damit das Kind lernt: Ich bin getauft. Und Jesus ist das Licht, das mich in dieser Welt begleitet.
- Das gemeinsame Beten. Ganz einfache, kleine Gebete am Mittagstisch oder am Bett vor dem Einschlafen.
- Das Vorlesen aus der Kinderbibel, damit die großen Geschichten Gottes vertraute Wegbegleiter werden.
- Und das gemeinsame Besuchen von Familiengottesdiensten, damit die Kinder von klein auf spüren: Diese Kirche, dieser Raum, diese Gemeinschaft – das ist mein Zuhause.
Manchmal hört man ja das Argument: 'Ich lasse mein Kind nicht taufen, es soll später selbst entscheiden.' Das klingt tolerant. Aber ich sage dann immer: Damit ein Kind sich später einmal fundiert für oder gegen etwas entscheiden kann, muss es doch erst einmal gelernt und geschmeckt haben, wofür oder wogegen es sich überhaupt entscheidet! Man muss ihm den Raum des Glaubens zeigen, damit es ihn später bewusst betreten kann.“
Der Ausblick: Der Konfirmandenunterricht und die Teamer
Der Ort, an dem diese beiden Linien – das lutherische Geschenk und die baptistische Entscheidung – dann wieder zusammenlaufen, war für mich immer der Konfirmandenunterricht. Wenn die Jugendlichen im Alter von 12 bis 14 Jahren beginnen, das als Kind empfangene Geschenk mit eigenen Augen zu prüfen - oder, wenn sie noch nicht getauft sind, sich auf die Taufe am Ende der Konfirmandenzeit vorzubereiten. Es war die große Chance, ihren eigenen, ganz persönlichen Glauben zu stärken.
Und das Schönste daran war zu sehen, was daraus erwächst: Aus diesen Konfirmanden rekrutierten sich später immer wieder unsere 'Teamer' – Jugendliche, die als Mitarbeiter auf Freizeiten mitfuhren. Und wenn diese Jugendlichen dann den Jüngeren aus ihrer Sicht, in ihrer Sprache vom Glauben erzählten, dann passierte genau das, was wir uns alle für unsere Gemeinden wünschen: Der Glaube wurde lebendig, mündig und ansteckend.
Am Ende merken wir: Ob wir nun die Entscheidung des Erwachsenen feiern oder das Geschenk an das Kind – wir wollen dasselbe. Wir wollen Menschen begleiten, damit sie aus der Gewissheit leben: Ich bin getauft. Ich gehöre zu Christus.
Exegetischer Exkurs zu Römer 6,3–11
3 Wisst ihr nicht, dass alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind, die sind in seinen Tod getauft? 4 So sind wir ja mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, damit, wie Christus auferweckt ist von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, auch wir in einem neuen Leben wandeln.
5 Denn wenn wir mit ihm verbunden und ihm gleichgeworden sind in seinem Tod, so werden wir ihm auch in der Auferstehung gleich sein. 6 Wir wissen ja, dass unser alter Mensch mit ihm gekreuzigt ist, damit der Leib der Sünde vernichtet werde, so dass wir hinfort der Sünde nicht dienen. 7 Denn wer gestorben ist, der ist frei geworden von der Sünde.
8 Sind wir aber mit Christus gestorben, so glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden, 9 und wissen, dass Christus, von den Toten erweckt, hinfort nicht stirbt; der Tod kann hinfort über ihn nicht herrschen.
10 Denn was er gestorben ist, das ist er der Sünde gestorben ein für allemal; was er aber lebt, das lebt er Gott. 11 So auch ihr, haltet dafür, dass ihr der Sünde gestorben seid und lebt Gott in Christus Jesus.
Die nachfolgenden Gedanken erläutern, was die Taufe für beide Konfessionen bedeutet, worauf sie zielt. Diesen Teil aber in Gänze vorzutragen, würde den Rahmen einer Predigt, auch wenn sie bei den Baptisten länger als 20 Minuten sein darf, sprengen. Am Ende dieses Exkurses stehen die Notizen für den Vortrag im Gottesdienst.
1. Das Bild des Sterbens: Die existentiell-physische Dimension (V. 3–5)
Paulus nutzt hier die radikalste Metapher, die ihm zur Verfügung steht: Den Tod. Die Taufe ist kein oberflächliches Reinigungsritual, sie ist ein Mit-Sterben und Mit-Begrabenwerden.
- Das baptistische und das lutherische Bild: Hier greift das baptistische Ur-Bild der Taufe durch Untertauchen par excellence. Es ist das, was ich meinen Konfirmanden im Bild des Freibads verdeutliche: Wenn man unter Wasser gedrückt wird, verliert man für einen Moment die Kontrolle. Man ringt nach Luft. Wenn man auftaucht, ist das wie ein Aufatmen, ein geschenktes neues Leben.
- Die theologische Pointe: Im Wasser der Taufe bleibt etwas zurück. Es stirbt der Anspruch, das Leben komplett allein zu beherrschen. Und man taucht auf in die Tsedaka, in die Christus-Gemeinschaft. Wir sind ihm gleichgeworden im Tod, also werden wir es auch in der Auferstehung sein. Das verbindet Lutheraner und Baptisten im Kern: Die Taufe ist die radikale Wende des Lebens.
2. Die Neudefinition der Sünde: Die „religiöse Pubertät“ (V. 6–7)
Wenn Paulus davon spricht, dass der „Leib der Sünde vernichtet“ und der „alte Mensch gekreuzigt“ ist, müssen wir präzise definieren, was „Sünde“ im biblischen Sinne meint.
- Kein moralischer Zeigefinger, keine biologische Erbsünde: Sünde meint hier eben nicht die Summe moralischer Verfehlungen (die „einzelnen Sünden“). Es meint aber auch nicht die Erbsünde im klassischen, augustinischen Sinn einer biologisch-genetischen Infektion von Geburt an.
- Sünde als existentielle Disposition (Genesis 3): Sünde ist das Erwachen des Bewusstseins für die eigene Autonomie. Es ist die Verführung aus Genesis 3: „Ihr werdet sein wie Gott.“ Es ist der Drang des Menschen, absolut autonom zu sein, Gott vom Thron zu stoßen und das eigene Leben – und letztlich die Welt – völlig ohne Rückfrage nach Gottes Willen zu gestalten. Die heutige Weltlage in Politik und Wirtschaft zeigt das in erschreckender Deutlichkeit: Der Mensch agiert als sein eigener Gott.
- Das Bild der Pubertät: Dieses Streben nach Autonomie ist jedoch zutiefst menschlich und fast ein notwendiger Durchgangsstadium – wie die Pubertät. Ein Jugendlicher muss sich von den Eltern abgrenzen, sich auflehnen, um ein eigenes Selbstbewusstsein zu entwickeln. Verläuft dieser Prozess gut, finden Eltern und Kinder danach auf Augenhöhe zu einem neuen, reifen Verhältnis zurück. Genau so funktioniert die „religiöse Pubertät“: Wir durchleben die Abgrenzung von Gott, das Autonomiestreben. Aber wenn wir uns an unsere Taufe erinnern, wenn wir wissen, dass wir zu Jesus gehören, dürfen wir nach der Auflehnung zurückkehren in ein geheiltes, vertrauensvolles Verhältnis zu unserem Schöpfer. Der „alte Mensch“ (der rebellische Pubertierende, der Gott nicht braucht) stirbt; der „neue Mensch“ (der versöhnte Sohn, die versöhnte Tochter) lebt auf.
3. Der Sieg über den Tod (V. 8–9)
Paulus verbindet das Sterben mit Christus direkt mit der Gewissheit des Lebens: „...so glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden.“
- Die Konsequenz: Wer mit Christus stirbt, für den verliert der physische Tod seinen ultimativen Schrecken. Weil das Entscheidende bereits im Taufwasser passiert ist: Unser Leben ist bereits in Gott geborgen. Der Tod hat über Christus keine Macht mehr – und damit auch nicht mehr über uns.
4. Die neue Freiheit des Christenmenschen (V. 10–11)
Die Schlussfolgerung des Paulus ist von bestürzender, fast humorvoller Logik: Tote können nicht sündigen. Ein Leichnam reagiert nicht mehr auf Einflüsse, er kann nicht mehr gegen die Beziehung verstoßen.
- Die Machtlosigkeit der Sünde: Wenn wir in der Taufe mit Jesus gestorben sind, hat die Sünde als Herrschaftsmacht ausgespielt. Natürlich ist sie in der Welt noch aktiv, natürlich versucht sie uns wie eine Schwerkraft von Gott wegzuziehen. Aber als bewusste, getaufte Christen müssen wir ihr keinen Raum mehr geben.
- Für die Praxis (Konfi-Unterricht): Ich sage den Jugendlichen immer: Seit der Taufe habt ihr es einfach nicht mehr nötig, der Sünde, dem Egoismus, dem Trend zur Gottlosigkeit hinterherzulaufen. Ihr seid frei! Ihr seid der Sünde gestorben und lebt für Gott. Aus dieser Freiheit heraus, aus diesem tiefen Aufatmen nach dem Untertauchen, können wir jetzt ganz befreit das Gute tun – nicht um etwas zu verdienen, sondern weil wir bereits alles geschenkt bekommen haben.
Fazit:
Diese Auslegung zeigt: Römer 6 ist das gemeinsame theologische Fundament. Während das Bild des Untertauchens die Baptisten schmerzhaft an den Ernst der Entscheidung erinnert, erinnert die Zusage der Freiheit die Lutheraner an die unverdiente Gnade. Am Ende zielt die Taufe bei beiden auf dasselbe: Das Sterben des Egotrips und das Aufstehen zu einem Leben in der Beziehungs-Treue (Tsedaka) mit Gott.
Zurück zum Predigtvortrag:
Worauf zielt die Taufe nach der Beschreibung von Römer 6
Wisst ihr nicht, dass alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind, die sind in seinen Tod getauft? ... 6 Wir wissen ja, dass unser alter Mensch mit ihm gekreuzigt ist, damit der Leib der Sünde vernichtet werde, so dass wir hinfort der Sünde nicht dienen. 7 Denn wer gestorben ist, der ist frei geworden von der Sünde.
8 Sind wir aber mit Christus gestorben, so glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden, ... 10 Denn was er (Jesus) gestorben ist, das ist er der Sünde gestorben ein für allemal; was er aber lebt, das lebt er Gott. 11 So auch ihr, haltet dafür, dass ihr der Sünde gestorben seid und lebt Gott in Christus Jesus.
Was ist Sünde?
Nicht die Summe der Tatsünden, nicht die "Erbsünde" im augustinischen Sinn, mit der wir im Grunde genommen seit der Zeugung infiziert sind und vor der wir durch die Taufe möglichst schnell nach der Geburt geschützt werden müssen. Sünde ist eine Disposition in uns Menschen, wie sie die Bibel in Genesis 3 beschreibt. Die Schlange flüstert den Menschen ein: Wenn ihr vom Baum der Erkenntnis esst, werde ihr sein wie Gott. Das ist die Versuchung und Verführung der Sünde: Sein wollen wie Gott. - Vergleich mit der Pubertät.
Was bewirkt die Taufe?
Die Taufe befreit uns von der Macht der Sünde. Die Sünde und die Versuchung bleiben zwar, aber wir haben es nicht mehr nötig, ihr Raum zu geben. Wir können als Menschen, die sich auf ihre Taufe besinnen, damit beginnen, Gutes zu tun, nicht weil wir müssen, nicht weil wir uns etwas verdienen wollen, sondern ganz allein, weil unser Glaube uns dazu in die Lage versetzt.
Fazit
s.o.
Taufe Jesu
Ich möchte zum Schluss noch einmal auf die Taufe Jesu zu sprechen kommen, wie Matthäus sie uns beschreibt. Jesus kommt zu Johannes an den Jordan. Obwohl er ohne Sünde ist, besteht er darauf, sich taufen zu lassen, und sagt diesen monumentalen Satz: 'Denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen.'
Vielleicht erinnert sich der eine oder die andere von Ihnen noch daran, was Ihr Pastor Rebers zu genau dieser Stelle am 1. Sonntag nach Epiphanias im Januar gesagt hat. Er erklärte dieses schwere Wort 'Gerechtigkeit' damals so:
Dieses Wort müssen wir auch im Neuen Testament vom Alten Testament her verstehen – vom hebräischen Denken, nicht vom juristischen Denken der Griechen oder Römer. Im Alten Testament ist Gerechtigkeit ein Beziehungswort. Gerecht ist nicht der, der fehlerfrei alle Regeln einhält. Gerecht ist der, der die Dinge wieder ins richtige Verhältnis setzt, der eine Gemeinschaft stärkt oder heilt. Gerecht ist der, der eine Verbindung schafft, wo sie abgerissen war.
Genau das dürfen wir auf die Taufe Jesu – und auf unsere eigene Taufe – anwenden! Gott antwortet am Jordan nicht mit einem juristischen Protokoll: 'Das habt ihr formal richtig gemacht.' Nein, der Himmel bricht auf und Gott antwortet mit einer puren Liebeserklärung: 'Dies ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.'
Die 'Gerechtigkeit' der Taufe erfüllt sich darin, dass unsere Beziehung zu Gott wieder zurechtgerückt wird. Jesus stellt sich hier ganz bewusst mit uns in die Reihe der Sünder. Er geht mit uns ins Wasser, er geht mit uns nach ganz unten. Und genau damit stiftet er – und in ihm Gott selbst – diese unzertrennliche Gemeinschaft mit uns Menschen. Er heilt die Verbindung, die durch unsere Schuld abgerissen war. Er gibt uns die Kraft, dass die Sünde keine Macht mehr über uns hat.
Und so schließt sich heute der Kreis zu unserem Wochenspruch für diesen Sonntag:
'So spricht der Herr, der dich geschaffen hat, Jakob, und dich gemacht hat, Israel: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein.' (Jes 43,1)
Egal, ob wir als Säugling oder als Erwachsener getauft wurden: Auf diesen Zuspruch dürfen wir Tag für Tag unser Leben aufbauen. Wir sind gerufen. Wir gehören dazu. Im Leben und im Sterben sind wir geborgen in der Hand dessen, auf dessen Namen wir getauft sind: Gott der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.
Amen.

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