Sonntag, 26. Juli 2026

Reden wir von der Sünde …

Wenn wir auf die beiden vergangenen „Sakramentssonntage“ zurückblicken, die im Kirchenjahr die Themen Taufe (6. Sonntag nach Trinitatis) und Abendmahl (7. Sonntag nach Trinitatis) in den Mittelpunkt stellen, kommen wir nicht umhin, noch einmal über die Sünde nachzudenken. Das müssen wir allerdings ohne jenen moralinen Unterton tun, der bis heute dem Begriff unterstellt und in manchen kirchlichen Kreisen gepflegt wird. Diese unzutreffende Redeweise schreckt Menschen verständlicherweise ab. Hinzu kommt, dass eine rein moralische Betrachtung dessen, was die Bibel unter „Sünde“ versteht, den Sachverhalt völlig verzerrt.

Deshalb gilt es, den Begriff der Sünde von seinem verstaubten Beigeschmack zu befreien. Wenn die Bibel von der Sünde spricht, meint sie selten die kleinteiligen Moralverfehlungen des Einzelnen. Sie beschreibt vielmehr eine grundlegende menschliche Disposition.

KI-generiert

In den ersten Kapiteln der Genesis zeichnen die biblischen Autoren mit dem Mythos der Schlange, die den Menschen im Paradies einflüstert, sie müssten nur vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen essen, um zu sein wie Gott, ein eindrückliches Bild. Der Mensch erliegt genau diesem Begehren. Das Drama folgt sogleich. Er erlangt zwar Urteilskraft, ist aber nicht in der Lage, dieses Wissen adäquat und heilvoll einzusetzen. Das ist es, was die Theologie als Entfremdung von Gott, als Sünde beschreibt – und genau das ist es, was wir heute am Chaos unserer Gegenwart ablesen können.

Der Psychiater, Neurologe und Publizist Hoimar von Ditfurth (1921–1989) hat dies in seinem Buch „Wir sind nicht nur von dieser Welt“ (1981) als eine unserer kardinalen Schwächen beschrieben, auf die man bei der evolutionären Betrachtung des Menschen zwangsläufig stößt, nämlich „unsere prinzipielle, aus unserer ‚Natur‘ entspringende Unfähigkeit, das, was wir als richtig erkannt haben, auch zu tun“. Der Apostel Paulus bringt dieselbe Tragödie im Römerbrief auf den Punkt: „Das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.“ (Röm 7,19)

Die Diagnose

Sünde ist nicht die kleinteilige Moralverfehlung, sondern die evolutionär und existenziell tief sitzende Disposition, trotz besserer Einsicht nicht das Gute tun zu können.

Das Erkenntnis-Handlungs-Dilemma

Dass von Ditfurth die Erbsünde evolutionär interpretiert, beschreibt der Paulus-Text aus dem Römerbrief fast wortgleich: Das Wissen reicht weiter als das Handeln.

  • Evolutionär: Das menschliche Gehirn – vor allem der präfrontale Kortex – hat gelernt, hochkomplexe, langfristige Zusammenhänge zu verstehen (Klimawandel, globale Ökonomie, soziale Gerechtigkeit). Unser Belohnungs- und Verhaltenssystem basiert aber im Kern immer noch auf den kurzfristigen Impulsen der Steinzeit (Ressourcen sichern, Bedrohungen im Hier und Jetzt abwehren, Selbstwert steigern).

  • Theologisch (Genesis): Der Griff nach den Früchten vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse beschreibt genau diese Tragödie. Der Mensch erlangt Urteilskraft, aber nicht die göttliche Macht oder Weisheit, dieses Wissen angemessen umzusetzen. Er ist „wie Gott“ im Wissen um die Maßstäbe, bleibt aber absolut menschlich (und begrenzt) in seinen Fähigkeiten. Das beschreiben die biblischen Autoren der Urgeschichte sehr einprägsam: 

    • Gen 3: Die Entfremdung zwischen Gott und Mensch.

    • Gen 4: Die Entfremdung zwischen Mensch und Mensch (Brudermord, maßlose Rache).

    • Gen 6–8: Die Zersetzung der gesamten Schöpfung durch menschliche Gewalt.

    • Gen 11: Der kollektive Größenwahn, der sich im Turmbau zu Babel manifestiert.

Der Blick auf das Chaos der Gegenwart 

Wenn wir Sünde als diese menschliche Disposition begreifen, erklärt das die Paradoxie unserer Gegenwart:

  • Wir haben mehr Daten, Forschung und moralische Einsichten als jede Generation vor uns.

  • Trotzdem scheitern wir regelmäßig an den drängendsten Problemen in Politik, Wirtschaft und Ökologie.

Das Scheitern geschieht oft nicht aus böser Absicht einzelner „Bösewichte“, sondern aus dieser kollektiven Unfähigkeit heraus, das als richtig Erkannte auch konsequent durchzusetzen. Die Entfremdung von Gott (im theologischen Sinn) übersetzt sich im Weltlichen als Entfremdung von unseren eigenen Idealen und von der Natur.

Der Brückenschlag zu den Sakramenten

Wenn Sünde keine Liste von Einzelfehlern ist, sondern ein existenzieller Zustand – eine Unfähigkeit, uns selbst am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen –, bekommen Taufe und Abendmahl eine ganz andere Bedeutung:

  • Taufe: Sie ist kein moralischer Notenpass, sondern die Zusage! „Du bist angenommen, obwohl du in diesem unvollkommenen, zerrissenen Zustand lebst.“ Sie entlastet den Menschen vom Zwang, sich seine Existenzberechtigung erst durch perfektes Handeln erarbeiten zu müssen.

  • Abendmahl: Es ist die wöchentliche oder monatliche Erinnerung an die eigene Begrenzung und Gemeinschaft. Nicht für die „Guten“, sondern gerade für die, die unter der Kluft zwischen Wollen und Können leiden. Es bietet Vergebung und Stärkung in dem Wissen, dass wir Woche für Woche neu an unseren Ansprüchen scheitern werden.

Eine solche Perspektive holt den Begriff der Sünde aus dem verstaubten Moralkabinett heraus und macht ihn zu einer erschreckend realistischen, psychologisch tiefen Diagnose des Menschseins.

Die Überforderung

Der Versuch der Aufklärung, das Chaos und die Probleme allein durch Vernunft zu lösen, scheitert an unserer Trägheit und der Sehnsucht nach Entlastung.

Oft wird auf die Aufklärung verwiesen, die Immanuel Kant einst als den „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“ definierte. Diese “Unmündigkeit” sah Kant in der Unfähigkeit gegründet, den eigenen Verstand ohne die Anleitung eines anderen zu benutzen. Sein berühmter Appell lautet: „Sapere aude!“ (Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!).

Kant war Optimist, er glaubte fest daran, dass der Mensch lediglich diesen Mut aufbringen müsse, um mündig zu werden. Doch die Gegenwart zeigt Ernüchterung. Das Konzept der Aufklärung hat die Menschheit offensichtlich nicht an den Punkt gebracht, ihre drängendsten Probleme in den Griff zu bekommen. Der Gebrauch des eigenen Verstandes scheint im Zeitalter digitaler Ablenkung und politischer Polarisierung sogar wieder spürbar zurückzugehen.

Was der Aufklärungsoptimismus nämlich unterschätzt hat, sind zwei zentrale Faktoren: die tief sitzende Gefallensein-Disposition des Menschen und seine enorme Sehnsucht nach Entlastung. Wo die Welt zu komplex wird, erweist sich der bloße Appell an die Vernunft als zu schwach gegenüber der Versuchung, die eigene Mündigkeit wieder an einfache Parolen abzutreten.

Das Scheitern am Ideal: Die Anstrengung der Freiheit

Selbstdenken ist extrem anstrengend. Es verlangt die Bereitschaft, Unsicherheit auszuhalten, Komplexität zuzulassen und vor allem: die Verantwortung für das eigene Handeln zu tragen. Der Psychologe Erich Fromm nannte die Flucht vor dieser Last die „Furcht vor der Freiheit“. Wenn die Welt – angesichts von Klimakrise, Geopolitik und globalen Märkten – unüberschaubar wird, überfordert der schlichte Aufruf „Nutze deinen Verstand!“ den Einzelnen schnell.

Die Folge ist ein kollektiver Rückzug ins Bequeme und ein lauter Ruf nach Entlastung. In der Politik – und keineswegs unähnlich in der Kirche – wird plötzlich wieder nach „starken Führern“ oder einer „neuen Männlichkeit“ gerufen. Man sehnt sich nach Akteuren, die einfache Lösungen vorgaukeln. Dieser Ruf nach Vereinfachung ist das direkte Resultat überforderter Mündigkeit, ein freiwilliger Rückfall in die Unmündigkeit, nur um die Last des Eigendenkens abzugeben.

Die Illusion der Steuerung: Großstrukturen statt Subsidiarität

Wo die Lebendigkeit an der Basis schwindet oder zu unübersichtlich wird, reagieren Organisationen – ob Staat oder Kirche – oft mit denselben Reflexen: Zentralisierung, Effizienzdenken und strammen Vorgaben von oben. In den Kirchen zeigt sich das etwa darin, dass kleine, überschaubare Ortsgemeinden zugunsten großer Einheiten aufgelöst werden (sollen), in denen zentral vorgegebene Raster einzuhalten sind.

Anstatt dem mündigen Gemeindeglied oder dem Bürger vor Ort zuzutrauen, das Zusammenleben eigenverantwortlich zu gestalten, entstehen Großstrukturen, die Verwaltung über Beziehung stellen. Das ist Technokratie in Reinkultur. Man versucht, existenzielle Krisen durch noch mehr bürokratische Steuerung und Reglementierung zu lösen, anstatt die Mündigkeit an der Basis zu stärken und Raum für echte Beziehungsarbeit zu lassen.

„Social Media“ als modernes Panem et Circenses

Es passt erschreckend gut ins Bild dieser entmündigten Gesellschaft, wie sich „das Volk“ derweil die Zeit vertreibt. Die Netzwerke der Social Media fungieren dabei als perfekte Verstandes-Ersatzmaschinen. Sie verlangen kein kritisches Nachdenken im Sinne des Sapere aude!, sondern bedienen gezielt reine Emotionen, Affekte und Bestätigungsmuster.

Sie schenken den Nutzern durch Liken, Kommentieren und Empören zwar eine Illusion von Partizipation, während der Einzelne in Wahrheit passiver Konsument bleibt und sich in Echoräumen stückweise weiter entmündigen lässt. Es ist die digitale Variante des antiken “Brot und Spiele” – die moderne Form von “Opium für das Volk”.

Was bleibt ohne Romantisierung?

Die Aufklärung hat uns Werkzeuge gegeben, aber sie hat die Natur des Menschen nicht verändert. Sie hat uns nicht vor unserer eigenen Trägheit gerettet.

Hier schließt sich der Kreis zu von Ditfurth und der Theologie: Der Mensch bleibt ein Wesen, das zwar theoretisch zur höchsten Vernunft fähig ist, praktisch aber immer wieder in die Bequemlichkeit, die Verführung durch einfache Wahrheiten und die eigene Unvermögenheit zurückfällt.

Mündigkeit ist eben kein dauerhafter Zustand, den die Menschheit einmal erreicht hat und nun besitzt, sondern ein täglicher, anstrengender Widerstand – gegen Algorithmen, gegen autoritäre Reflexe und gegen die eigene Bequemlichkeit.

Das Ethos

Die Bibel fordert keine religiöse Selbstbespiegelung, sondern das gelingende Miteinander in Gerechtigkeit und Güte.

Die beiden zurückliegenden „Sakramentssonntage“ – der 6. und 7. Sonntag nach Trinitatis – sprechen zentral von der Versöhnung, die Gott anbietet. Bevor wir diesen Gedanken vertiefen, lohnt sich der Blick auf eine fundamentale Erkenntnis: Die gesamte biblische Botschaft zielt im Kern darauf ab, dass der Mensch in die Lage versetzt wird, mit seiner gebrochenen Natur versöhnt zu leben und es dadurch zu einem heilsamen, versöhnten Miteinander kommt.

Hier liegt eine der größten Verwechslungen der Religionsgeschichte vor. Gott braucht keine religiöse Selbstbespiegelung im Kult oder rituelle “Bespaßung”. Der Mensch braucht ein gelingendes Miteinander.

Betrachtet man die prophetischen Stimmen des Ersten Testaments, wird unmissverständlich klar, dass der Kultus – also Opfer, Riten und Gottesdienste – nie der Endzweck war, sondern allenfalls eine Erinnerungsstütze. Wo der Ritus zum Selbstzweck verkommt, wird er bei Jesaja, Micha und Amos zum Ärgernis. Gott verzichtet dankend auf das „Geplärr der Lieder“ (Amos 5,23), wenn vor der Kirchentür das Recht getreten wird.

  • Jesaja (1,11–17): Gott lässt ausrichten, dass er ritualisierte Opferfeste verabscheut, und fordert stattdessen: „Lernt Gutes tun, sorgt für das Recht! Haltet die Gewalttätigen in Schranken! Tretet ein für das Recht der Waisen, verteidigt die Witwe!“

  • Micha (6,6–8): Auf die Frage, was Gott vom Menschen fordert, bringt Micha es prägnant auf den Punkt: „Nichts anderes als: Recht tun, Güte und Treue lieben und achtsam mitgehen mit deinem Gott.“

  • Amos (5,21–24): Ebenso drastisch erklärt Gott: „Ich hasse eure Feste und Feiern!“ Statt bloßen Ritualen fordert er: „Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.“

Der Bibel geht es also in erster Linie um das konkrete Zusammenleben der Menschheit.

Umkehr (Metanoia) ist eine Richtungsänderung, kein Schuldgefühl

Dieser Faden zieht sich nahtlos ins Zweite Testament weiter. Der Ruf des Täufers Johannes und die ersten Auftritte Jesu beginnen mit dem Aufruf: „Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!“ Wer bei Buße an moralische Zerknirschung, Selbstgeißelung oder das Abarbeiten von Schuldgefühlen denkt, verfehlt den Urtext. Das griechische Wort metanoeite meint wörtlich ein Umdenken oder eine Richtungsänderung.

Es ist das Nüchternwerden gegenüber unserer eigenen Disposition. Es ist das Erkennen, dass wir uns im Hamsterrad der Selbsterhaltung, des Machtstrebens und der Selbstgerechtigkeit festgerannt haben.

In Lukas 13 wird Jesus nach einer Erklärung für zwei Katastrophen gefragt – einem Blutbad, das Pilatus unter Galiläern anrichten ließ, und einem Arbeitsunfall beim Turmbau von Siloah. Jesus erteilt der damaligen Neigung eine klare Absage, Katastrophen als individuelle Strafe für Einzelsünden zu deuten. Stattdessen ruft er zur Einsicht auf: Blickt nicht mit Fingerzeig auf die Opfer, sondern seht, dass ihr alle im selben Boot sitzt und euch auf einem Holzweg befindet, wenn ihr in eurer Verblendung weitermacht.

Versöhnung als horizontale Wirklichkeit

Das Angebot der Versöhnung entlastet den Menschen genau an dieser existentiellen Schnittstelle:

Gottes Zusage (Vertikal)
"Du bist angenommen, trotz deiner Begrenzung."

Mensch im Versöhnungszustand 
"Entlastet vom Selbsterhaltungsdruck"

Menschliches Zusammenleben (Horizontal)
"Recht tun, Güte lieben, Waisen schützen"

Wenn Gott den Menschen mit seiner gebrochenen Natur annimmt, fällt der Zwang weg, sich ständig auf Kosten anderer behaupten zu müssen. Wer nicht mehr krampfhaft um die eigene Existenz und Selbstvergewisserung kämpfen muss, erlangt überhaupt erst die Freiheit, den Blick vom eigenen Ego abzuwenden. Die Haltung, die Micha fordert, wird dann nicht zu einer unerfüllbaren moralischen Pflichtübung, sondern zur praktischen Konsequenz einer erfahrenen Entlastung.

Das Ethos der Bibel ist zutiefst humanitär. Es schützt die Schwächsten (Witwen, Waisen, Fremde) – also genau jene, die in einer rein machtpolitik- oder marktgetriebenen Logik als Erste unter die Räder kommen. Die Bergpredigt ist in dieser Lesart kein Regelkatalog für Überheilige, sondern eine Überlebensarchitektur für eine friedliche Gesellschaft: Sie bricht den Teufelskreis aus Vergeltung, Gier und Egomanie auf.

Die biblische Botschaft fordert vom Menschen nicht, dass er aufhört, Mensch zu sein. Aber sie bietet ihm an, aus der Feindschaft mit sich selbst, mit den Mitmenschen und mit Gott auszusteigen – um mitten in einer unvollkommenen Welt ein tragfähiges Miteinander zu ermöglichen.

Die Befreiung

Da der Mensch sich aus seiner existenziellen Disposition nicht selbst befreien kann, entlastet Gott ihn am Kreuz von seinem unheilsamen Herrschaftsanspruch. In Taufe und Abendmahl wird diese Befreiung konkret erfahrbar: Wir müssen nicht Gott sein – wir dürfen endlich Menschen werden.

Um diese Versöhnung geht es in der gesamten biblischen Botschaft. Dabei muss ein zentraler Punkt betont werden. Nicht Gott muss versöhnt werden, sondern der Mensch. Paulus bringt dies im 2. Korintherbrief prägnant auf den Punkt: „So bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott!“ (2. Kor 5,20). Es handelt sich um eine Bitte, um ein werbendes Angebot von Gottes Seite – keineswegs um eine Anordnung.

Diese biblische Einsicht räumt mit einem der hartnäckigsten und schädlichsten Missverständnisse der Theologiegeschichte auf, nämlich mit der fatalen Vorstellung, ein zorniger Gott müsse durch ein blutiges Opfer besänftigt werden. Die biblische Stoßrichtung verläuft genau umgekehrt!

Nicht Gott verlangt Versöhnung – er bietet sie an

In 2. Korinther 5,18–20 wird deutlich: „Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber.“ Der Text nutzt den Passiv der Gnade. Es heißt eben nicht „Versöhnt gefälligst Gott!“, sondern „Lasst euch versöhnen!“ Gott fordert keine Vorleistungen, kein fehlerfreies Wohlverhalten und kein Selbstopfer. Er macht den ersten Schritt und übernimmt das volle Risiko des Beziehungsangebots.

Das Kreuz: Wie die Gewalt ins Leere läuft

Liest man das Geschehen von Golgatha im Licht von Genesis 3, wird der Mechanismus der Sünde radikal aufgedeckt. Wenn der Mensch sein will wie Gott – also Herr über Leben und Tod, Richter über Gut und Böse –, mündet das konsequent in eine Spirale der Gewalt. Sowohl die römische Besatzungsmacht als auch die religiösen Eliten handelten aus ihrer jeweiligen Logik heraus „im Recht“. Doch diese vermeintliche Vernunft mündete in die Hinrichtung des Unschuldigen.

Menschlicher Anspruch: "Sein wie Gott" (Gen 3)
Herrschaft, Richtgeist, Eigenmächtigkeit

Das Kreuz ist der Ort,
wo die menschliche Logik Gott selbst hinrichtet.

Gottes Antwort
Keine Gegengewalt, sondern Hingabe

Auferweckung
Das Durchbrechen der Gewaltspirale

Dass Jesus auf Gewalt nicht mit Gegengewalt antwortet, entlarvt die Macht der Sünde als tödliche Sackgasse. Am Kreuz absorbiert Gott die Gewalt der Welt, anstatt sie zu spiegeln. Die Gewalt hat keine Chance, ein zweites Mal zuzuschlagen. Sie hat ihre Macht ausgespielt. Denn die Auferweckung zeigt schließlich: Der Tod und seine Helfershelfer haben nicht das letzte Wort – dieses Wort behält Gott.

Taufe und Abendmahl als Ausstieg aus der Macht der Sünde

Vor diesem Hintergrund entfalten die beiden Sakramente ihre volle Befreiungskraft:

  • Die Taufe (Römer 6): Sie ist das rituelle Eintreten in das Mit-Sterben und Mit-Auferstehen mit Christus. Das Symbol des Untertauchens signalisiert: Der Zwang, mich selbst wie ein Gott aufführen zu müssen, stirbt hier. Die Sünde verliert ihre Herrschaft, weil der Getaufte nicht mehr im Hamsterrad der Selbsterhaltung und des Machtstrebens gefangen sein muss. Er ist der Illusion entkommen, sich selbst erlösen zu müssen.

  • Das Abendmahl: Es ist das reale Beziehungsgeschehen in der Gegenwart. Indem wir Brot und Wein oder Traubensaft teilen, vergewissern wir uns nicht eines abstrakten Dogmas, sondern treten in die lebendige Gemeinschaft mit dem Auferstandenen, der die Logik von Gewalt und Tod überwunden hat. Es ist das Mahl der Befreiten.

Ein Ausblick: Rückbesinnung statt Strukturhektik

Blickt man auf die Gesamtschau dieses Nachdenkens zurück, fügen sich die einzelnen Puzzleteile zu einem klaren Bild zusammen: Sünde ist keine kleinliche Moralverfehlung, sondern eine tief sitzende, menschliche Disposition. Der reine Appell an die Vernunft, dieses Problem zu lösen, scheitert regelmäßig an unserer eigenen Bequemlichkeit und der Sehnsucht nach Entlastung. Da sich der Mensch aus dieser Disposition nicht selbst befreien kann, entlastet Gott ihn am Kreuz von seinem unheilsamen Herrschaftsanspruch: Lasst euch versöhnen mit Gott – mit dem Schöpfer des Himmels und der Erde! In Taufe und Abendmahl wird genau diese Befreiung erfahrbar: Wir müssen nicht Gott sein – wir dürfen endlich Menschen werden.

Welche Konsequenzen hat diese Einsicht aber für die Kirche der Gegenwart?

Es ist kein Geheimnis: Die Kirche steckt in einer tiefen Krise. Sie verliert Mitglieder, Einfluss und – was vielen Kirchenleitungen besonders schmerzlich auffällt – erhebliche Finanzen. Auf diese Entwicklung reagiert der Apparat oft hektisch: Er taumelt von einem Strukturprozess zum nächsten, entwirft neue Zukunfts-Visionen am Reißbrett und bemüht sich um gesellschaftliche Anschlussfähigkeit.

Wie wäre es aber, wenn sich die Kirche stattdessen auf ihr eigentliches theologisches Fundament besinnen würde? Wie wäre es, wenn sie ehrlich und nüchtern vom gebrochenen Verhältnis des Menschen zu Gott sprechen würde – eben nicht mit dem erhabenen, moralischen Zeigefinger vergangener Zeiten, sondern auf Augenhöhe und der heutigen Zeit angemessen?

Wenn Kirche die existentielle Not des Menschen ungeschminkt beim Namen nennt und zugleich die befreiende Antwort Gottes verkündigt, könnte etwas Entscheidendes passieren: Menschen könnten wieder Vertrauen fassen. Sie würden erkennen, dass die Kirche eine Botschaft hat, die weit über das hinausgeht, was Politik, Psychologie oder Wohlfahrtsverbände zu sagen haben.

Darüber mache ich mir zum nächsten Sonntag Gedanken - zum 9. Sonntag nach Trinitatis.

Sonntag, 19. Juli 2026

Vom Taufbecken an den Tisch des Herrn - 7. Sonntag nach Trinitatis

Am vergangenen Sonntag stand die Taufe im Zentrum des Gottesdienstes – das Sakrament des Anfangs, das einmalige Ja Gottes zu unserem Leben. Logisch und konsequent weitet sich der Blick nun am 7. Sonntag nach Trinitatis hin zum zweiten großen Sakrament: dem Abendmahl. Es ist das Sakrament des Weges, der wiederholbaren Gemeinschaft. Doch wenn wir heute im Gottesdienst Brot und Wein bzw. Traubensaft empfangen, feiern wir oft mit einer Selbstverständlichkeit, die den Blick auf die tiefen, beinahe dramatischen Wurzeln dieses Mahls verstellt. Woher kommt das Abendmahl eigentlich?

Abendmahlstisch in der 
Ev.-luth. Gustav-Adolf-Kirche Meppen
am Gründonnerstag

Die Wurzeln im Wandel: Ein Blick in die Kirchengeschichte

Wer in eine theologische Enzyklopädie wie beispielsweise die “Religion in Geschichte und Gegenwart” (RGG 4) schaut, merkt schnell: Das, was wir heute als Abendmahl feiern, ist das Ergebnis einer jahrhundertelangen, bewegten Deutungsgeschichte.

Im Mittelalter entwickelte sich die Feier zu einem priesterlichen Opfergeschehen. Die Hostie wurde als der „wahre, historische Leib“ Christi verstanden, der Gott zur Besänftigung dargebracht und vom Volk voller Scheu am Ende nur noch bestaunt statt gegessen wurde. Aus Furcht, das “wahre Blut Christi" im Kelch zu verschütten, wurde den Laien der Kelch ganz entzogen. 

Die Reformation räumte mit diesem „Messopfer“-Verständnis radikal auf. Martin Luther stritt leidenschaftlich für die leibliche Realpräsenz Christi als reines Gnadengeschenk Gottes („für euch gegeben“), während Huldrych Zwingli im Mahl eher ein reines Gedächtnis- und Bekenntnismahl der Gemeinde sah.

Doch so unterschiedlich die Epochen das Mahl deuteten – sie alle beriefen sich auf dieselben biblischen Texte. Und genau dort beginnt ein faszinierender biblischer Kriminalfall.

Das liturgische Puzzle und das große Schweigen

Wenn wir sonntags in unseren Kirchen die Einsetzungsworte hören, lauschen wir einer harmonisierten Kombination der biblischen Berichte. Das Neue Testament überliefert uns nämlich zwei deutlich voneinander unterscheidbare Textfamilien:

  • Die Paulus/Lukas-Gruppe: Paulus liefert uns im 1. Korintherbrief (Kapitel 11) den historisch ältesten Bericht überhaupt. Lukas folgt ihm im Wesentlichen. Bei beiden liegt der Fokus beim Kelchwort auf dem Becher selbst und dem Bund: „Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut.“ Lukas baut dabei noch eine feine theologische Brücke, indem er personalisiert: „...das für euch vergossen wird.“

  • Die Markus/Matthäus-Gruppe: Sie wählen eine andere, symmetrische Parallelisierung: „Das ist mein Leib“ - „Das ist mein Blut“.

Matthäus 26,26-29 Markus 14,22-25 Lukas 22,18-29 1. Korinther 11,23–26
Denn ich sage euch: Ich werde von nun an nicht trinken von dem Gewächs des Weinstocks, bis das Reich Gottes kommt
Als sie aber aßen, nahm Jesus das Brot, dankte und brach's und gab's den Jüngern und sprach: Und als sie aßen, nahm er das Brot, dankte und brach's und gab's ihnen und sprach: Und er nahm das Brot, dankte und brach's und gab's ihnen und sprach: Der Herr Jesus, in der Nacht, da er verraten ward, nahm er das Brot, dankte und brach's und sprach:
Nehmet, esset; Nehmet; - -
das ist mein Leib. das ist mein Leib. Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird; Das ist mein Leib für euch;
- - das tut zu meinem Gedächtnis. das tut zu meinem Gedächtnis.
Und er nahm den Kelch und dankte, gab ihnen den und sprach: Und er nahm den Kelch, dankte und gab ihnen den; und sie tranken alle daraus. Und er sprach zu ihnen: --
Trinket alle daraus; - - -
- - Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut, Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut,
das ist mein Blut des Bundes, Das ist mein Blut des Bundes, - -
das vergossen wird für viele das vergossen wird für viele das für euch vergossen wird. -
zur Vergebung der Sünden. - - -
- - - das tut, sooft ihr daraus trinkt, zu meinem Gedächtnis.
Ich sage euch: Ich werde von nun an nicht mehr von diesem Gewächs des Weinstocks trinken bis an den Tag, an dem ich's neu trinken werde mit euch in meines Vaters Reich. Wahrlich, ich sage euch, dass ich nicht mehr trinken werde vom Gewächs des Weinstocks bis auf den Tag, an dem ich's neu trinke im Reich Gottes. s.o. Denn sooft ihr von diesem Brot esst und von dem Kelch trinkt, verkündigt ihr den Tod des Herrn, bis er kommt.

Synopse der Einsetzungsworte zum Abendmahl

Aus diesen Texten mit ihren unterschiedlichen Schwerpunkten wurden dann die Einsetzungsworte zusammengestellt. Sie folgen dem ältesten Text von Paulus, beziehen aber Elemente von Matthäus mit ein.

1. Korinther 11,23–26 Einsetzungsworte im Gottesdienst Matthäus 26,26-29

Der Herr Jesus Christus, in der Nacht, da er verraten ward, nahm er das Brot, dankte und brach's und sprach: Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird; das tut zu meinem Gedächtnis.

Unser Herr Jesus Christus, in der Nacht, da er verraten ward, nahm er das Brot, dankte und brach's und gab's seinen Jüngern und sprach: Nehmet hin und esset, das ist mein Leib, der für euch gegeben wird. Solches tut zu meinem Gedächtnis.

Als sie aber aßen, nahm Jesus das Brot, dankte und brach's und gab's den Jüngern und sprach: Nehmet, esset; das ist mein Leib.

Desgleichen nahm er auch den Kelch nach dem Mahl und sprach: Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut; das tut, sooft ihr daraus trinkt, zu meinem Gedächtnis.

Desgleichen nahm er auch den Kelch nach dem Abendmahl, dankte und gab ihnen den und sprach: Nehmet hin und trinket alle daraus; dieser Kelch ist das neue Testament in meinem Blut, das für euch vergossen wird zur Vergebung der Sünden. Solches tut, so oft ihr's trinket, zu meinem Gedächtnis.

Und er nahm den Kelch und dankte, gab ihnen den und sprach: Trinket alle daraus; das ist mein Blut des Bundes, das vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden.


So weit, so harmonisch. Unsere Liturgie hat aus diesen Puzzleteilen ein stimmiges Ganzes gefügt.

Das große Schweigen: Johannes und Paulus

Doch der Schein trügt. Sobald wir die Lupe anlegen, stolpern wir über zwei massive, theologische Stolpersteine.

Da ist zum einen Johannes. An der Stelle, an der die anderen drei Evangelisten ausführlich schildern, wie Jesus mit seinen Jüngern das jüdische Passahmahl vorbereitet und feiert, lässt Johannes diesen entscheidenden Punkt völlig weg. Bei ihm feiert Jesus zwar ein Abschiedsmahl, aber es gibt kein Einsetzungswort, kein Brotbrechen, keinen Kelch. Stattdessen wäscht Jesus den Jüngern die Füße. Warum verschweigt der vierte Evangelist das sakramentale Herzstück?  

Noch erstaunlicher ist der Befund bei Paulus. Er überliefert uns den ältesten Bericht und betont ausdrücklich, dass er diese Tradition direkt „vom Herrn empfangen“ hat. Doch wer seinen Text genau liest, sucht das Wort „Passah“ oder „Osterlamm“ im Zusammenhang mit jener Nacht vergeblich. Er spricht schlicht vom Brot und vom Kelch „nach dem Mahl“.

Wenn der älteste Zeuge (Paulus) und der theologisch tiefgründigste Evangelist (Johannes) das Passahfest an jenem Donnerstagabend mit keinem Wort erwähnen, während die anderen drei es vehement betonen – dann lässt dieser Befund nur eine Vermutung zu: Irgendetwas stimmt hier nicht.

Der jüdische Kalender und die Logik des Feiertags

Sortieren wir zunächst einmal die Tage und folgen wir dem jüdischen Tages- und Festablauf. Nach jüdischer Vorstellung beginnt ein neuer Tag nicht um Mitternacht, sondern mit dem Anbruch des Abends, sobald die ersten Sterne zu sehen sind. Das passt theoretisch noch zu unserer Tradition: Am Gründonnerstagabend feiert Jesus mit seinen Jüngern. Das Passahlamm hätte folglich am Donnerstagnachmittag im Tempel geschlachtet werden müssen, um für das abendliche Festmahl bereit zu sein. Damit würde die offizielle Passahfeier am Donnerstagabend beginnen und am Freitagabend enden.

Doch genau ab diesem Moment wird es historisch, rechtlich und kulturgeschichtlich völlig unplausibel. 

Denn das Passahfest ist dem Sabbat gleichgestellt. Es ist ein heiliger Ruhetag. Es darf absolut nicht gearbeitet werden – die einzige Ausnahme ist die Zubereitung des Festessens selbst. Wenn wir nun die Berichte von Matthäus, Markus und Lukas beim Wort nehmen, ergibt sich eine Kette von Ereignissen, die der jüdischen Alltagswelt und dem Gesetz radikal widersprechen:

  • Der Spaziergang: Jesus wäre an einem hochheiligen Festtag spätnachts mit seinen Jüngern draußen unterwegs gewesen, um zum Ölberg zu gehen?

  • Die Verhaftung: Die Häscher der Hohenpriester hätten ausgerechnet in der heiligen Festnacht eine bewaffnete Verhaftung durchgeführt?

  • Der Prozess: Der Hohe Rat – die religiöse Elite des Landes – wäre am Hauptfeiertag zu einer nächtlichen Gerichtsverhandlung zusammengetreten, um Zeugen zu verhören und ein Todesurteil zu fällen?

  • Die Diplomatie: Die jüdische Führung hätte am Festtag Kontakt mit dem heidnischen Statthalter Pontius Pilatus aufgenommen, um über eine Hinrichtung zu verhandeln, und damit eine massive rituelle Unreinheit riskiert?

  • Die Kreuzigung: Das Todesurteil an einem bekannten und populären Prediger wäre am Feiertag selbst öffentlich vollstreckt worden?

  • Das Publikum: Eine gottesfürchtige Menschenmenge hätte am Ruhetag ihre Häuser verlassen, um vor die Stadt zu ziehen und die Kreuzigung zu verfolgen?

  • Die Bestattung: Josef von Arimathäa wäre am Festtag zu Pilatus gegangen und über die Freigabe des Leichnams verhandelt, er hätte ein Leinentuch in einem Geschäft gekauft, den Toten vom Kreuz genommen, ihn transportiert und ins Grab gelegt?

Das alles passt hinten und vorne nicht. Es ist in der jüdischen Alltagswelt jener Zeit schlicht undenkbar.

Das Licht im Dunkeln: Die Chronologie des Johannes

Folgt man hingegen der Darstellung des Johannesevangeliums, kommt schlagartig Licht ins Dunkel. Johannes entwirrt den Knoten, indem er die Uhr um exakt 24 Stunden zurückdreht.

Bei Johannes feiert Jesus am Donnerstagabend eben nicht das jüdische Passahfest. Ja, sie essen gemeinsam, aber es steht kein Passahlamm auf dem Tisch. Es ist ein feierliches Abschiedsmahl am Abend vor dem Fest (dem 14. Nisan, dem Rüsttag, der dann von Donnerstagabend bis Freitagabend dauert).

Dadurch wird die Passionsgeschichte historisch plausibel: Jesus wird an einem normalen Werktag verhaftet, verhört und am Freitagmorgen verurteilt und das Urteil sofort vollstreckt. Er stirbt am Freitagnachmittag – und hier setzt Johannes einen genialen theologischen Akzent: Jesus stirbt am Kreuz exakt in jenen Stunden, in denen im Jerusalemer Tempel die Passahlämmer für das am Abend beginnende Fest geschlachtet werden.

Weil nun aber drei Stunden später, mit dem Sonnenuntergang am Freitagabend, der große Festtag beginnt, bricht ein immenser Zeitdruck los. Genau deshalb muss Josef von Arimathäa die Bestattung in allerhöchster Eile und nur notdürftig durchführen, bevor das absolute Arbeitsverbot des Ruhetags in Kraft tritt. Als die Sterne aufgehen und das jüdische Passahfest beginnt, liegt Jesus bereits im Grab.

Was feiern wir also eigentlich?

Wenn wir das Passah-Korsett abstreifen, weitet sich der Blick auf eine viel größere, lebendigere Wirklichkeit. Wie der Neutestamentler Ferdinand Hahn in der “Religion in Geschichte und Gegenwart” (RGG 4) darlegt, speist sich das Abendmahl der Urkirche nicht aus einer einzigen historischen Wurzel, sondern aus einer dreifachen Bewegung: den Mahlgemeinschaften des irdischen Jesus, seinem Abschiedsmahl und den Erscheinungsmahlen nach der Auferstehung.

1. Die Mahle des irdischen Jesus: Gottes neue Welt am Küchentisch

Jesus war dafür bekannt, dass er aß und trank – und zwar auch mit den “richtigen” und den „falschen“ Leuten. Seine Mahlgemeinschaften mit seinen Jüngern, mit den Geschwistern Maria, Martha und Lazarus, auch mit Pharisäern, mit Zöllnern, Sündern und gesellschaftlichen Außenseitern waren kein gemütliches Beisammensein. Sie waren pure Prophetie. Weil Jesus den Anbruch der Gottesherrschaft in naher Zukunft erwartete, inszenierte er an diesen Tischen die kommende Welt Gottes. Wo Menschen miteinander das Brot teilten, die sonst nie an einem Tisch gesessen hätten, wurde die grenzenlose Gemeinschaft mit Gott im Hier und Jetzt vorweggenommen.

2. Die Ostermahle: Das Erkennungszeichen des Lebendigen

Nach der Katastrophe von Golgatha bricht diese Gemeinschaft nicht ab. Im Gegenteil: Der Auferstandene begegnet seinen Jüngern – den Zweiflern auf dem Weg nach Emmaus oder den frustrierten Fischern am See von Tiberias. Und was tut er dort? Er tut das, was er immer getan hat: Er nimmt das Brot, spricht den Segen und bricht es. In diesem Moment öffnen sich den Jüngern die Augen. Das Brotbrechen wird zum ultimativen Erkennungszeichen des lebendigen Christus. Wenn die Urgemeinde danach zusammenkam, feierte sie kein Trauermahl für einen Toten, sondern ein jubelndes Freudenmahl im Bewusstsein: Er ist mitten unter uns, wenn wir das Brot brechen.

3. Das Abschiedsmahl bei Paulus: Die Tiefe des Kreuzes

Es ist schließlich der Apostel Paulus, der dieser gottesdienstlichen Praxis ihre theologische Tiefenschärfe verleiht, indem er das Abschiedsmahl der Passionsnacht ins Zentrum rückt. Paulus bringt den Tod Jesu ins Spiel und deutet ihn radikal um:

  • Der gebrochene Leib: Wenn das Brot gebrochen wird, ist das nicht mehr nur Nahrung, sondern Verweis auf den leidenden Gottesknecht aus Jesaja 53, der seinen Leib für uns dahingibt.

  • Der Becher des Bundes: Das gemeinsame Trinken aus dem Kelch besiegelt – ganz ohne alttestamentliche Opferrituale – den von Jeremia verheißenen „neuen Bund“ der Versöhnung. Ein Bund, der allein durch die bedingungslose Hingabe Jesu am Kreuz gestiftet ist.

Und weil auch Paulus in der glühenden Naherwartung lebt, dass Gott diese Welt bald vollenden wird, spannt er den Bogen vom Kreuz direkt in die Zukunft. Er gibt uns jenen eschatologischen Ausblick mit auf den Weg, den wir bis heute in der Liturgie sprechen:

„Denn sooft ihr von diesem Brot esst und aus dem Kelch trinkt, verkündigt ihr den Tod des Herrn, bis er kommt.“ (1. Korinther 11,26)

Die große Transformation: Wie das Passahfest abgelöst wurde

Das theologische Nachdenken der Urgemeinde blieb hier jedoch nicht stehen. Wenn Jesus tatsächlich genau in jenen Tagen starb und auferstand, in denen ganz Israel das Passahfest beging, dann drängte sich eine fundamentale Parallelisierung förmlich auf. Das alte Fest der Befreiung aus Ägypten und der Kreuzestod Jesu verschmolzen im Glauben der ersten Christen zu einer neuen Wirklichkeit: Die Ablösung des alten Passahopfers durch den Kreuzestod Jesu war vollzogen.

Paulus ist auch hier der Erste, der diese theologische Weiche stellt, indem er Jesus kühn als das wahre Opferlamm bezeichnet, das die Sünden der Menschen trägt und uns durch seinen Tod mit Gott versöhnt.

Johannes greift diesen Faden auf und setzt ihn – wie wir gesehen haben – historisch-chronologisch in Szene, indem er Jesus exakt in der Minute sterben lässt, in der die Opferlämmer im Tempel geschlachtet werden. Die Synoptiker (Matthäus, Markus, Lukas) wiederum gehen den umgekehrten Weg: Sie setzen das Abschiedsmahl direkt mit dem Passahmahl gleich und verbinden das Brot unlösbar mit Jesu Leib. Bei der Deutung des Kelches sehen wir dann das theologische Ringen der Urkirche in Echtzeit:

  • Lukas folgt der Auslegung des Paulus: Es geht um den Kelch, der den neuen Bund besiegelt, den Gott durch Jesu Blut am Kreuz mit den Menschen schließt.

  • Markus und Matthäus gehen einen Schritt weiter und parallelisieren Brot und Wein ästhetisch: So wie das Brot der Leib ist, so wird nun der Wein direkt mit dem Blut Jesu verbunden, das für die Vielen vergossen wird.

Die Feier der Gegenwart: Keine Wiederholung, sondern Vergegenwärtigung

Als die jungen Christengemeinden begannen, dieses Mahl regelmäßig zu feiern, taten sie deshalb etwas völlig Revolutionäres. Sie wiederholten nicht das blutige Opfer, das Jesus ein für alle Mal am Kreuz gebracht hatte. Sie inszenierten kein neues Tempelritual.

Sie taten das, was wir im Griechischen Anamnese nennen – ein Wort, das wir im Deutschen oft zu schwach mit „Erinnerung“ übersetzen. Es meint eine reale Vergegenwärtigung.

Wenn wir heute Abendmahl feiern, blicken wir nicht wehmütig zurück auf ein historisches Ereignis vor 2000 Jahren. Sondern in Brot und Wein wird die bleibende Gemeinschaft mit dem Auferstandenen im Hier und Jetzt erfahrbar. Das Kreuz ist das historische Fundament, aber der Tisch ist der Ort der lebendigen Gegenwart Christi.

Sonntag, 12. Juli 2026

Getauft auf Jesu Namen - 6. Sonntag nach Trinitatis

Spannende Aufgabe!

An diesem Sonntag war ich eingeladen, die Predigt in der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde (Baptisten) hier in Meppen zu halten. Das Besondere: Nach unserer lutherischen Tradition steht der 6. Sonntag nach Trinitatis ganz im Zeichen der Taufe. Ein lutherischer Pastor predigt bei den Baptisten über die Taufe? Ja, das war eine echte Herausforderung – aber vor allem eine wunderbare Fügung!

Auch wenn wir theologische Unterschiede im Taufverständnis haben, verbindet uns so viel mehr: Gottes bedingungslose Zusage und unser gemeinsamer Glaube.

Wochenspruch

So spricht der Herr, der dich geschaffen hat, Jakob, und dich gemacht hat, Israel: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein. (Jes 43, 1)

Gottesdienstablauf

Der Gottesdienstablauf wurde wie immer von den Mitarbeitern aus der Baptistischen Gemeinde zusammengestellt. Als Lesung hatte ich Apg. 8, 26 -39 vorgeschlagen - die Taufe des Kämmerers aus dem Äthiopien. 

Der Engel des Herrn redete zu Philippus und sprach: Steh auf und geh nach Süden auf die Straße, die von Jerusalem nach Gaza hinabführt und öde ist. 27 Und er stand auf und ging hin. Und siehe, ein Mann aus Äthiopien, ein Kämmerer und Mächtiger am Hof der Kandake, der Königin von Äthiopien, welcher ihren ganzen Schatz verwaltete, der war nach Jerusalem gekommen, um anzubeten. 28 Nun zog er wieder heim und saß auf seinem Wagen und las den Propheten Jesaja. 29 Der Geist aber sprach zu Philippus: Geh hin und halte dich zu diesem Wagen! 30 Da lief Philippus hin und hörte, dass er den Propheten Jesaja las, und fragte: Verstehst du auch, was du liest? 31 Er aber sprach: Wie kann ich, wenn mich nicht jemand anleitet? Und er bat Philippus, aufzusteigen und sich zu ihm zu setzen. 32 Der Inhalt aber der Schrift, die er las, war dieser (Jesaja 53,7.8): «Wie ein Schaf, das zur Schlachtung geführt wird, und wie ein Lamm, das vor seinem Scherer verstummt, so tut er seinen Mund nicht auf. 33 In seiner Erniedrigung wurde sein Urteil aufgehoben. Wer kann seine Nachkommen aufzählen? Denn sein Leben wird von der Erde weggenommen.» 34 Da antwortete der Kämmerer dem Philippus und sprach: Ich bitte dich, von wem redet der Prophet das, von sich selber oder von jemand anderem? 35 Philippus aber tat seinen Mund auf und fing mit diesem Wort der Schrift an und predigte ihm das Evangelium von Jesus. 36 Und als sie auf der Straße dahinfuhren, kamen sie an ein Wasser. Da sprach der Kämmerer: Siehe, da ist Wasser; was hindert's, dass ich mich taufen lasse? (37 Philippus aber sprach: Wenn du von ganzem Herzen glaubst, so kann es geschehen. Er aber antwortete und sprach: Ich glaube, dass Jesus Christus Gottes Sohn ist.) 38 Und er ließ den Wagen halten, und beide stiegen in das Wasser hinab, Philippus und der Kämmerer, und er taufte ihn. 39 Als sie aber aus dem Wasser heraufstiegen, entrückte der Geist des Herrn den Philippus, und der Kämmerer sah ihn nicht mehr; er zog aber seine Straße fröhlich.

Vor der Predigt sangen wir "Vergiss es nie". Das Lied "Vater, deine Liebe" rundete die Gedanken zur Predigt ab und leitete den Anbetungsteil ein. 

Die übrigen Lieder waren "Komm, jetzt ist die Zeit", "Vater, ich komme jetzt zu dir", "Ich weiß, wer ich bin", "Mutig komm ich vor den Thron" und "Wandle du mein Herz".

Im Video ...

Ich habe das Video so eingestellt, dass es mit der Predigt beginnt. Wer den ganzen Gottesdienst sehen will, schiebt die Zeitleiste ganz an den Anfang, auf Null. 

Predigt

Die Anfrage von Pastor Rebers, ob ich am 12.07. die Predigt übernehmen könnte, erreichte mich im Urlaub auf Sardinien. Ich schaute kurz in den Kalender und konnte spontan zusagen. Später fiel mir auf, dass der heutige Sonntag nach der lutherischen Zählung der 6. Sonntag nach Trinitatis ist und damit der Sonntag, an dem bei uns die Taufe im Mittelpunkt steht. Das ist doch eine echte Herausforderung, aber auch eine gute Fügung. 

Die Geschichte von der Taufe des Kämmerers aus Äthiopien ist eine der schönsten und dynamischsten Taufgeschichten des Neuen Testaments! Sie zeigt par excellence, was die Erwachsenen- bzw. die Gläubigentaufe betont: Hören des Wortes Gottes, Verstehen durch Philippus' Erklärung, der Wunsch des Kämmerers getauft zu werden, und das bewusste Bekenntnis. 

Es gibt natürlich weitere Taufberichte. 

Die "Ur-Taufe" und die Massentaufen

Diese Erzählungen betonen sehr stark die Predigt, die Umkehr und den anschließenden Glaubensschritt der Erwachsenen.

  • Jesus selbst (Matthäus 3,13–17 u.a.): Jesus lässt sich von Johannes im Jordan taufen - Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!. Obwohl Jesus ohne Sünde ist, tut er es, „um alle Gerechtigkeit zu erfüllen“. Bewusst lässt er sich als Erwachsener taufen.

  • Die Pfingstgemeinde (Apostelgeschichte 2,37–41): Nach Petrus’ fulminanter Predigt geht den Zuhörern das Wort „durchs Herz“. Sie fragen: „Was sollen wir tun?“ Petrus antwortet: „Tut Buße, und jeder von euch lasse sich taufen auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung eurer Sünden, so werdet ihr empfangen die Gabe des Heiligen Geistes.“ An diesem Tag ließen sich etwa 3.000 Menschen taufen.

  • Die Samariter und Simon der Magier (Apostelgeschichte 8,12–13): Bevor Philippus den Äthiopier taufte, predigte er in Samarien. Männer und Frauen kommen zum Glauben und lassen sich taufen – darunter sogar ein stadtbekannter Zauberer namens Simon.

Die "Oikos-Taufen"

In der Apostelgeschichte gibt es eine Gruppe von Erzählungen, die für die lutherische Tradition von Bedeutung sind. Hier wird nämlich nicht nur eine Einzelperson getauft, sondern der gesamte „Oikos“ (griechisch für das „Haus“, was die Familie, die Kinder, die Sklaven und Angestellten umfasste).

  • Die Purpurhändlerin Lydia (Apostelgeschichte 16,14–15): In Philippi hört die wohlhabende Geschäftsfrau Lydia Paulus zu. Gott öffnet ihr das Herz. Der Text sagt knapp: „Als sie aber und ihr Haus getauft war...“ Hier fragte niemand nach dem individuellen Glauben jedes einzelnen Hausbewohners; das Ja der Hausherrin schloss alle ein.

  • Der Gefängniswärter von Philippi (Apostelgeschichte 16,25–34): Nach einem Erdbeben, das das Gefängnis erschüttert hat, will sich der Aufseher verzweifelt das Leben nehmen, weil er meint, die Gefangenen seien geflohen. Doch Paulus rettet ihn. Darauf fragt der Gefängniswärter: „Was muss ich tun, dass ich gerettet werde?“ Paulus antwortet: „Glaube an den Herrn Jesus, so wirst du und dein Haus selig!“ Und der Text berichtet: „...und er ließ sich taufen und alle die Seinen.“

  • Krispus, der Synagogenvorsteher (Apostelgeschichte 18,8): In Korinth kommt Krispus zum Glauben an den Herrn „mit seinem ganzen Hause“, und viele Korinther, die zuhörten, wurden gläubig und ließen sich taufen.

  • Das Haus des Stephanas (1. Korinther 1,16): Paulus erinnert sich in seinem Brief beiläufig: „Ich habe aber auch Stephanas' Haus getauft.“

Besondere Bekehrungstaufen (Fokus: Gottes radikaler Eingriff)

  • Saulus / Paulus (Apostelgeschichte 9,17–19): Der größte Christenverfolger wird vor Damaskus blind. Hananias legt ihm die Hände auf, Saulus wird geheilt: „...und er stand auf und ließ sich taufen.“

  • Der Hauptmann Kornelius (Apostelgeschichte 10,44–48): Diese Taufe ist kirchengeschichtlich revolutionär, weil Kornelius ein Heide (Römer) ist. Während Petrus noch predigt, fällt der Heilige Geist bereits auf die heidnischen Zuhörer. Petrus erkennt: Gott hat hier längst gehandelt! Er sagt: Kann auch jemand denen das Wasser zur Taufe verwehren, die den Heiligen Geist empfangen haben ebenso wie wir? 48 Und er befahl, sie zu taufen in dem Namen Jesu Christi.

Von der Erwachsenentaufe zur Kindertaufe

In den ersten Generationen nach den Aposteln war die Erwachsenentaufe von Konvertiten logischerweise der Normalfall, die Kirche wuchs durch Mission. Doch schon sehr früh taucht die Kindertaufe als etablierte Praxis auf.

  • Irenäus von Lyon (um 185 n. Chr.) ist der Erste, der die Kindertaufe indirekt, aber deutlich bezeugt. Er schreibt, dass Jesus kam, um alle zu retten, die durch ihn „neu geboren“ werden, die also getauft werden: „Säuglinge, Kinder, Knaben, Jünglinge und Alte.“

  • Hippolyt von Rom (um 200 n. Chr.) beschreibt in seiner Kirchenordnung (Traditio Apostolica) den konkreten Ablauf eines Gottesdienstes: „Tauft zuerst die Kinder. Und alle, die für sich selbst sprechen können, sollen sprechen. Für die aber, die nicht für sich selbst sprechen können, sollen die Eltern sprechen oder jemand aus ihrer Familie.“ Das ist der älteste Beleg für das Patenamt!

Die Diskussion der Kirchenväter 

Durch Augustinus (354–430 n. Chr.) kam im 5. Jahrhundert der Wendepunkt zur flächendeckenden, unhinterfragten Praxis der Kindertaufe. Im Streit mit Pelagius zementierte Augustinus die Lehre von der Erbsünde. Er argumentierte, dass jeder Mensch von Geburt an verdammt und mit der Sünde Adams infiziert sei. Wenn ein Säugling ungetauft stirbt, geht er verloren. Durch diese sehr düstere Drohkulisse wurde die Kindertaufe im Laufe des 5. und 6. Jahrhunderts im gesamten Römischen Reich zur Pflichtpraxis.

Diese Diskussion nicht wieder aufnehmen. Die ist unfruchtbar. Unselige Geschichte im Zeitalter der Reformation. 

Was sagen unsere unterschiedlichen Traditionen?

Die baptistische Sicht – Das bewusste „Ja“ und seine Grenzen

Die Stärke: Das mündige Bekenntnis

Wenn ich auf die baptistische Tradition blicke, dann tue ich das mit großem Respekt. Ihre Stärke liegt in der Klarheit des Aufrufs: Glaube braucht eine Entscheidung. Die Gläubigentaufe setzt ein deutliches Zeichen: Hier sagt ein Mensch ganz bewusst und öffentlich 'Ja' zu Jesus Christus. Ihr geht eine Zeit des Fragens, des Unterrichts und der inneren Auseinandersetzung voraus. Das ist kostbar, denn es nimmt den Glauben und die Nachfolge radikal ernst.

Die Grenze: Das Ringen des Glaubens (Markus 9,24)

Aber wo liegt die Grenze, die wir alle – ob Baptist oder Lutheraner – als Menschen erleben? Die Grenze liegt dort, wo wir merken: Wie sicher kann ich mir meines eigenen Glaubens eigentlich sein?

Das Evangelium führt uns da an eine ganz feine, verletzliche Stelle. Ein verzweifelter Vater kommt zu Jesus und bittet um Hilfe für sein Kind. Und als Jesus das Thema Glauben anspricht, bricht es aus diesem Mann unter Tränen heraus: 'Ich glaube; hilf meinem Unglauben!' (Mk 9,24).

Was für ein ehrlicher Schrei! Er zeigt uns: Der menschliche Glaube ist selten zu 100 Prozent perfekt. Er ist oft ein Ringen. Da ist Vertrauen, ja, aber direkt daneben sitzt der Zweifel.

Ich habe das immer wieder in den Gesprächen mit meinen Konfirmandinnen und Konfirmanden erlebt. Jugendliche, die die Vorbereitung extrem ernst genommen haben, fragten mich manchmal mit bangem Blick: 'Darf ich mich überhaupt konfirmieren lassen, wenn ich doch noch so viele Zweifel habe? Reicht mein Glaube überhaupt aus?'

Und meine Antwort war immer dieselbe: Ja! Weil der Zweifel zum Glauben dazugehört. Wir müssen und wir können unseren Glauben nicht perfekt 'produzieren'. Wir dürfen unsere Zweifel, genau wie jener Vater im Evangelium, vertrauensvoll in Gottes Hand legen. Wenn die Taufe nur von der Perfektion meines Glaubens abhinge, stünde sie auf wackeligem Boden.

Die lutherische Sicht – Das Geschenk und die Begleitung

Was die Kindertaufe nach außen trägt: Reines Geschenk

Und genau an dieser Sollbruchstelle unseres menschlichen Vermögens setzt das an, was die Kindertaufe nach außen tragen möchte. Sie feiert, dass das Leben, der Glaube und die Liebe Gottes ein reines Geschenk sind. Ein Säugling kann sich nicht entscheiden, er kann nichts leisten, er kann noch nicht einmal glauben. Und doch wird ihm über dem Taufbecken zugesprochen: 'Fürchte dich nicht, ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein.' (Jes 43,1). Gott geht immer den ersten Schritt. Er liebt uns, bevor wir antworten können. - Das hat aber nichts mit der Sündenlehre zu tun, wie sie Augustinus vertreten hat. 

Die Verantwortung: Glauben lernen im Alltag

Aber dieses Geschenk ist kein magischer Automatismus. Die Kindertaufe entlässt uns nicht aus der Verantwortung – im Gegenteil. In jedem Taufgespräch habe ich den Eltern und Paten eine ganz praktische Frage gestellt: Wie wollt ihr diesem Kind helfen, in dieses 'Ja' Gottes hineinzuwachsen? Wie wollt ihr es christlich erziehen?

Denn Glaube fällt nicht vom Himmel, er wird vorgelebt. Es geht um die kleinen, kostbaren Rituale im Alltag:

  • Die Taufkerze, die vielleicht am Geburtstag angezündet wird, damit das Kind lernt: Ich bin getauft. Und Jesus ist das Licht, das mich in dieser Welt begleitet.

  • Das gemeinsame Beten. Ganz einfache, kleine Gebete am Mittagstisch oder am Bett vor dem Einschlafen.

  • Das Vorlesen aus der Kinderbibel, damit die großen Geschichten Gottes vertraute Wegbegleiter werden.

  • Und das gemeinsame Besuchen von Familiengottesdiensten, damit die Kinder von klein auf spüren: Diese Kirche, dieser Raum, diese Gemeinschaft – das ist mein Zuhause.

Manchmal hört man ja das Argument: 'Ich lasse mein Kind nicht taufen, es soll später selbst entscheiden.' Das klingt tolerant. Aber ich sage dann immer: Damit ein Kind sich später einmal fundiert für oder gegen etwas entscheiden kann, muss es doch erst einmal gelernt und geschmeckt haben, wofür oder wogegen es sich überhaupt entscheidet! Man muss ihm den Raum des Glaubens zeigen, damit es ihn später bewusst betreten kann.“

Der Ausblick: Der Konfirmandenunterricht und die Teamer

Der Ort, an dem diese beiden Linien – das lutherische Geschenk und die baptistische Entscheidung – dann wieder zusammenlaufen, war für mich immer der Konfirmandenunterricht. Wenn die Jugendlichen im Alter von 12 bis 14 Jahren beginnen, das als Kind empfangene Geschenk mit eigenen Augen zu prüfen - oder, wenn sie noch nicht getauft sind, sich auf die Taufe am Ende der Konfirmandenzeit vorzubereiten. Es war die große Chance, ihren eigenen, ganz persönlichen Glauben zu stärken.

Und das Schönste daran war zu sehen, was daraus erwächst: Aus diesen Konfirmanden rekrutierten sich später immer wieder unsere 'Teamer' – Jugendliche, die als Mitarbeiter auf Freizeiten mitfuhren. Und wenn diese Jugendlichen dann den Jüngeren aus ihrer Sicht, in ihrer Sprache vom Glauben erzählten, dann passierte genau das, was wir uns alle für unsere Gemeinden wünschen: Der Glaube wurde lebendig, mündig und ansteckend.

Am Ende merken wir: Ob wir nun die Entscheidung des Erwachsenen feiern oder das Geschenk an das Kind – wir wollen dasselbe. Wir wollen Menschen begleiten, damit sie aus der Gewissheit leben: Ich bin getauft. Ich gehöre zu Christus.

Exegetischer Exkurs zu Römer 6,3–11 

3 Wisst ihr nicht, dass alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind, die sind in seinen Tod getauft? 4 So sind wir ja mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, damit, wie Christus auferweckt ist von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, auch wir in einem neuen Leben wandeln. 

5 Denn wenn wir mit ihm verbunden und ihm gleichgeworden sind in seinem Tod, so werden wir ihm auch in der Auferstehung gleich sein. 6 Wir wissen ja, dass unser alter Mensch mit ihm gekreuzigt ist, damit der Leib der Sünde vernichtet werde, so dass wir hinfort der Sünde nicht dienen. 7 Denn wer gestorben ist, der ist frei geworden von der Sünde. 

8 Sind wir aber mit Christus gestorben, so glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden, 9 und wissen, dass Christus, von den Toten erweckt, hinfort nicht stirbt; der Tod kann hinfort über ihn nicht herrschen. 

10 Denn was er gestorben ist, das ist er der Sünde gestorben ein für allemal; was er aber lebt, das lebt er Gott. 11 So auch ihr, haltet dafür, dass ihr der Sünde gestorben seid und lebt Gott in Christus Jesus.

Die nachfolgenden Gedanken erläutern, was die Taufe für beide Konfessionen bedeutet, worauf sie zielt. Diesen Teil aber in Gänze vorzutragen, würde den Rahmen einer Predigt, auch wenn sie bei den Baptisten länger als 20 Minuten sein darf, sprengen. Am Ende dieses Exkurses stehen die Notizen für den Vortrag im Gottesdienst. 

1. Das Bild des Sterbens: Die existentiell-physische Dimension (V. 3–5)

Paulus nutzt hier die radikalste Metapher, die ihm zur Verfügung steht: Den Tod. Die Taufe ist kein oberflächliches Reinigungsritual, sie ist ein Mit-Sterben und Mit-Begrabenwerden.

  • Das baptistische und das lutherische Bild: Hier greift das baptistische Ur-Bild der Taufe durch Untertauchen par excellence. Es ist das, was ich meinen Konfirmanden im Bild des Freibads verdeutliche: Wenn man unter Wasser gedrückt wird, verliert man für einen Moment die Kontrolle. Man ringt nach Luft. Wenn man auftaucht, ist das wie ein Aufatmen, ein geschenktes neues Leben.

  • Die theologische Pointe: Im Wasser der Taufe bleibt etwas zurück. Es stirbt der Anspruch, das Leben komplett allein zu beherrschen. Und man taucht auf in die Tsedaka, in die Christus-Gemeinschaft. Wir sind ihm gleichgeworden im Tod, also werden wir es auch in der Auferstehung sein. Das verbindet Lutheraner und Baptisten im Kern: Die Taufe ist die radikale Wende des Lebens.

2. Die Neudefinition der Sünde: Die „religiöse Pubertät“ (V. 6–7)

Wenn Paulus davon spricht, dass der „Leib der Sünde vernichtet“ und der „alte Mensch gekreuzigt“ ist, müssen wir präzise definieren, was „Sünde“ im biblischen Sinne meint.

  • Kein moralischer Zeigefinger, keine biologische Erbsünde: Sünde meint hier eben nicht die Summe moralischer Verfehlungen (die „einzelnen Sünden“). Es meint aber auch nicht die Erbsünde im klassischen, augustinischen Sinn einer biologisch-genetischen Infektion von Geburt an.

  • Sünde als existentielle Disposition (Genesis 3): Sünde ist das Erwachen des Bewusstseins für die eigene Autonomie. Es ist die Verführung aus Genesis 3: „Ihr werdet sein wie Gott.“ Es ist der Drang des Menschen, absolut autonom zu sein, Gott vom Thron zu stoßen und das eigene Leben – und letztlich die Welt – völlig ohne Rückfrage nach Gottes Willen zu gestalten. Die heutige Weltlage in Politik und Wirtschaft zeigt das in erschreckender Deutlichkeit: Der Mensch agiert als sein eigener Gott. 

  • Das Bild der Pubertät: Dieses Streben nach Autonomie ist jedoch zutiefst menschlich und fast ein notwendiger Durchgangsstadium – wie die Pubertät. Ein Jugendlicher muss sich von den Eltern abgrenzen, sich auflehnen, um ein eigenes Selbstbewusstsein zu entwickeln. Verläuft dieser Prozess gut, finden Eltern und Kinder danach auf Augenhöhe zu einem neuen, reifen Verhältnis zurück. Genau so funktioniert die „religiöse Pubertät“: Wir durchleben die Abgrenzung von Gott, das Autonomiestreben. Aber wenn wir uns an unsere Taufe erinnern, wenn wir wissen, dass wir zu Jesus gehören, dürfen wir nach der Auflehnung zurückkehren in ein geheiltes, vertrauensvolles Verhältnis zu unserem Schöpfer. Der „alte Mensch“ (der rebellische Pubertierende, der Gott nicht braucht) stirbt; der „neue Mensch“ (der versöhnte Sohn, die versöhnte Tochter) lebt auf.

3. Der Sieg über den Tod (V. 8–9)

Paulus verbindet das Sterben mit Christus direkt mit der Gewissheit des Lebens: „...so glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden.“

  • Die Konsequenz: Wer mit Christus stirbt, für den verliert der physische Tod seinen ultimativen Schrecken. Weil das Entscheidende bereits im Taufwasser passiert ist: Unser Leben ist bereits in Gott geborgen. Der Tod hat über Christus keine Macht mehr – und damit auch nicht mehr über uns.

4. Die neue Freiheit des Christenmenschen (V. 10–11)

Die Schlussfolgerung des Paulus ist von bestürzender, fast humorvoller Logik: Tote können nicht sündigen. Ein Leichnam reagiert nicht mehr auf Einflüsse, er kann nicht mehr gegen die Beziehung verstoßen.

  • Die Machtlosigkeit der Sünde: Wenn wir in der Taufe mit Jesus gestorben sind, hat die Sünde als Herrschaftsmacht ausgespielt. Natürlich ist sie in der Welt noch aktiv, natürlich versucht sie uns wie eine Schwerkraft von Gott wegzuziehen. Aber als bewusste, getaufte Christen müssen wir ihr keinen Raum mehr geben. 

  • Für die Praxis (Konfi-Unterricht): Ich sage den Jugendlichen immer: Seit der Taufe habt ihr es einfach nicht mehr nötig, der Sünde, dem Egoismus, dem Trend zur Gottlosigkeit hinterherzulaufen. Ihr seid frei! Ihr seid der Sünde gestorben und lebt für Gott. Aus dieser Freiheit heraus, aus diesem tiefen Aufatmen nach dem Untertauchen, können wir jetzt ganz befreit das Gute tun – nicht um etwas zu verdienen, sondern weil wir bereits alles geschenkt bekommen haben.

Fazit:

Diese Auslegung zeigt: Römer 6 ist das gemeinsame theologische Fundament. Während das Bild des Untertauchens die Baptisten schmerzhaft an den Ernst der Entscheidung erinnert, erinnert die Zusage der Freiheit die Lutheraner an die unverdiente Gnade. Am Ende zielt die Taufe bei beiden auf dasselbe: Das Sterben des Egotrips und das Aufstehen zu einem Leben in der Beziehungs-Treue (Tsedaka) mit Gott.

Zurück zum Predigtvortrag:

Worauf zielt die Taufe nach der Beschreibung von Römer 6

Wisst ihr nicht, dass alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind, die sind in seinen Tod getauft? ... 6 Wir wissen ja, dass unser alter Mensch mit ihm gekreuzigt ist, damit der Leib der Sünde vernichtet werde, so dass wir hinfort der Sünde nicht dienen. 7 Denn wer gestorben ist, der ist frei geworden von der Sünde. 

8 Sind wir aber mit Christus gestorben, so glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden, ... 10 Denn was er (Jesus) gestorben ist, das ist er der Sünde gestorben ein für allemal; was er aber lebt, das lebt er Gott. 11 So auch ihr, haltet dafür, dass ihr der Sünde gestorben seid und lebt Gott in Christus Jesus.

Was ist Sünde? 

Nicht die Summe der Tatsünden, nicht die "Erbsünde" im augustinischen Sinn, mit der wir im Grunde genommen seit der Zeugung infiziert sind und vor der wir durch die Taufe möglichst schnell nach der Geburt geschützt werden müssen. Sünde ist eine Disposition in uns Menschen, wie sie die Bibel in Genesis 3 beschreibt. Die Schlange flüstert den Menschen ein: Wenn ihr vom Baum der Erkenntnis esst, werde ihr sein wie Gott. Das ist die Versuchung und Verführung der Sünde: Sein wollen wie Gott. - Vergleich mit der Pubertät.

Was bewirkt die Taufe?

Die Taufe befreit uns von der Macht der Sünde. Die Sünde und die Versuchung bleiben zwar, aber wir haben es nicht mehr nötig, ihr Raum zu geben. Wir können als Menschen, die sich auf ihre Taufe besinnen, damit beginnen, Gutes zu tun, nicht weil wir müssen, nicht weil wir uns etwas verdienen wollen, sondern ganz allein, weil unser Glaube uns dazu in die Lage versetzt. 

Fazit

s.o.

Taufe Jesu

Ich möchte zum Schluss noch einmal auf die Taufe Jesu zu sprechen kommen, wie Matthäus sie uns beschreibt. Jesus kommt zu Johannes an den Jordan. Obwohl er ohne Sünde ist, besteht er darauf, sich taufen zu lassen, und sagt diesen monumentalen Satz: 'Denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen.'

Vielleicht erinnert sich der eine oder die andere von Ihnen noch daran, was Ihr Pastor Rebers zu genau dieser Stelle am 1. Sonntag nach Epiphanias im Januar gesagt hat. Er erklärte dieses schwere Wort 'Gerechtigkeit' damals so:

Dieses Wort müssen wir auch im Neuen Testament vom Alten Testament her verstehen – vom hebräischen Denken, nicht vom juristischen Denken der Griechen oder Römer. Im Alten Testament ist Gerechtigkeit ein Beziehungswort. Gerecht ist nicht der, der fehlerfrei alle Regeln einhält. Gerecht ist der, der die Dinge wieder ins richtige Verhältnis setzt, der eine Gemeinschaft stärkt oder heilt. Gerecht ist der, der eine Verbindung schafft, wo sie abgerissen war.

Genau das dürfen wir auf die Taufe Jesu – und auf unsere eigene Taufe – anwenden! Gott antwortet am Jordan nicht mit einem juristischen Protokoll: 'Das habt ihr formal richtig gemacht.' Nein, der Himmel bricht auf und Gott antwortet mit einer puren Liebeserklärung: 'Dies ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.'

Die 'Gerechtigkeit' der Taufe erfüllt sich darin, dass unsere Beziehung zu Gott wieder zurechtgerückt wird. Jesus stellt sich hier ganz bewusst mit uns in die Reihe der Sünder. Er geht mit uns ins Wasser, er geht mit uns nach ganz unten. Und genau damit stiftet er – und in ihm Gott selbst – diese unzertrennliche Gemeinschaft mit uns Menschen. Er heilt die Verbindung, die durch unsere Schuld abgerissen war. Er gibt uns die Kraft, dass die Sünde keine Macht mehr über uns hat. 

Und so schließt sich heute der Kreis zu unserem Wochenspruch für diesen Sonntag:

'So spricht der Herr, der dich geschaffen hat, Jakob, und dich gemacht hat, Israel: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein.' (Jes 43,1)

Egal, ob wir als Säugling oder als Erwachsener getauft wurden: Auf diesen Zuspruch dürfen wir Tag für Tag unser Leben aufbauen. Wir sind gerufen. Wir gehören dazu. Im Leben und im Sterben sind wir geborgen in der Hand dessen, auf dessen Namen wir getauft sind: Gott der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.

Amen.