Gerechtigkeit Gottes - Teil 2
So war es am Ende des letzten Beitrags (Gerechtigkeit Gottes - Teil 1) zu lesen:
Wenn Paulus im Römerbrief von der "Gerechtigkeit Gottes" spricht, meint er genau diese Heilsmacht. Er will sagen: "Schaut her, Gott ist gerecht, denn er hält sein Wort! Er lässt uns nicht im Tod, sondern kommt uns in Jesus bis ans Kreuz entgegen."
Das Kreuz ist also nicht die Bedingung, damit Gott lieben kann, sondern der ultimative Ausdruck davon, dass er uns schon immer geliebt hat. Gott ist hier nicht der Empfänger des Opfers, sondern der Schenkende.
Mit diesem Link kann der ganze Text zum Thema "Gerechtigkeit Gottes" als pdf-Datei aufgerufen werden.
Satisfaktionslehre
Auch wenn sie heute keine oder kaum noch Bedeutung hat, muss ich an dieser Stelle kurz auf die "klassische Satisfaktionslehre" zu sprechen kommen. Anselm von Canterbury (11. Jh.) entwickelte diese Lehre in seinem Hauptwerk Cur Deus Homo ("Warum Gott Mensch wurde"). Sie ist tief im mittelalterlichen Feudalsystem verwurzelt, in dem die rechtliche Pflicht eines Herrschers darin bestand, die Ordnung der Gesellschaft zu bewahren.
Kernkonzept der Genugtuung: Für Anselm bedeutet Gottes Gerechtigkeit nicht zwangsläufig, dass Sünde bestraft werden muss. Vielmehr verlangt sie, dass mit der Sünde umgegangen wird – entweder durch Strafe oder durch Genugtuung (satisfactio).
Juridischer Hintergrund: Diese Lehre basiert auf dem ciceronischen Rechtsbegriff der Iustitia (reddens unicuique quod suum est - "jedem das Seine geben"). Die Sünde wird als Verletzung der Ehre Gottes (als oberster "Lehensherr") verstanden, die das Gefüge der Welt stört.
Notwendigkeit des Gottmenschen: Da der Mensch die unendliche Schuld gegenüber Gott nicht selbst begleichen kann, muss ein "Gottmensch" (Jesus) stellvertretend Genugtuung leisten, um die göttliche Ordnung wiederherzustellen.
Diese Satisfaktionslehre prägte über Jahrhunderte massiv die westliche Soteriologie (Erlösungslehre). Wenn noch im letzten Jahrhundert Menschen Angst vor der Strafe Gottes hatten - übrigens sowohl in der katholischen als auch in den evangelischen Kirchen -, war dies in meinen Augen noch eine Nachwirkung der mittelalterlichen Theologie.
Die Entdeckung der Reformation
Dagegen hatte Martin Luther im 16. Jahrhundert das wiederentdeckt, was das Erste Testament unter "Gerechtigkeit" (Tsedaka) verstand: Dass Gott nicht ein Buchhalter ist, der unsere Taten wiegt, sondern ein treuer Bundespartner, der uns mit seiner Gerechtigkeit beschenkt.
Von der "aktiven" zur "passiven" Gerechtigkeit (Heil statt Strafe)
In seinen frühen Jahren litt Luther unter dem lateinischen Begriff Iustitia. Er verstand darunter die "aktive Gerechtigkeit", mit der Gott den Sünder bestraft (das römische Prinzip der Vergeltung).
Sein "Turmerlebnis" war die Entdeckung, dass die Gerechtigkeit in Röm 1,17 eine passive Gerechtigkeit ist, eine Gerechtigkeit, durch die Gott uns gerecht macht.
Luther erkannte, dass Gottes Gerechtigkeit nicht sein Urteil über uns ist, sondern seine Zuwendung zu uns. Gott erweist sich als "gerecht", indem er rettet, seine Gerechtigkeit ist eine "heilvolle Relation" zu uns Menschen. (vgl. Peter Plank, Gerechtigkeit, I. Biblisch - RGG4)
Gerechtigkeit als Beziehungsereignis (Glaube statt Werke)
Für Luther ist der Glaube nichts anderes als das Eintreten in eine neue Gottesbeziehung. Der Reformator spricht hier auch von einem "fröhlichen Wechsel". Danach betrachtet er die Rechtfertigung als einen Austausch zwischen Christus und der menschlichen Seele. Christus nimmt die Sünde, der Mensch erhält die Gerechtigkeit Christi.
Diese Deutung ist zutiefst biblisch im Sinne der Gemeinschaftstreue Gottes. Gerechtigkeit ist hier kein Punktekonto, das man abarbeitet (römisch), sondern ein Status, den man in einer Beziehung geschenkt bekommt. Der Christ ist "gerecht", weil er zu Gott gehört, nicht weil er fehlerfrei ist oder sich um einen tugendhaften Lebenswandel bemüht.
Die Sprachfalle: Wie die Gnade verloren ging
Um Luthers reformatorische Entdeckung zu verstehen, müssen wir einen Blick auf einen der folgenschwersten Übersetzungsfehler der Kirchengeschichte werfen. Das ursprüngliche Wort im Ersten Testament für Gerechtigkeit (Tsedaka) bildete im Hebräischen eine untrennbare Einheit mit der Barmherzigkeit. Es bedeutete: Jemandem zum Sieg verhelfen, ihn retten, die Beziehung heil machen. (vgl. Peter Plank, Gerechtigkeit, III. Theologiegeschichtlich und dogmatisch - RGG4)
Doch auf dem Weg durch die Sprachen ging etwas Entscheidendes verloren:
- Die griechische Trennung: Als das Erste Testament ins Griechische übersetzt wurde (Septuaginta), spaltete man das eine hebräische Wort in zwei Begriffe auf: Gerechtigkeit (δικαιοσύνη) einerseits und Barmherzigkeit (ἐλεημοσύνη - mit lateinischen Buchstaben geschrieben: eleēmosýně - vgl. Kyrie eleison!) andererseits. Damit schlich sich eine Trennung in das Denken ein, die der Bibel eigentlich fremd ist.
Die große Tragweite dieser Aufspaltung wird deutlich, wenn wir darauf schauen, wie Aristoteles δικαιοσύνη verstand. Besonders in seiner Nikomachischen Ethik, Buch V, ist Gerechtigkeit die ordnende Kraft des Staates (der Polis). Sie ist die Tugend, die das Zusammenleben von freien Bürgern überhaupt erst ermöglicht. Ohne Gerechtigkeit gibt es keine stabile Gemeinschaft. In diesem Sinne fungiert sie wie ein "Sozialvertrag": Sie ist die (ungeschriebene oder gesetzliche) Übereinkunft, nach welchen Regeln Güter, Ehre und Strafen verteilt werden. Aristoteles bricht dabei die Gerechtigkeit auf rationale, fast mathematische Prinzipien herunter. Wer mehr leistet oder einen höheren Status hat, bekommt mehr vom "Kuchen" der Polis (Ehre, Geld). Verträge werden exakt ausgehandelt und bei Verbrechen korrespondiert die Strafe mit dem entstandenen Schaden. (vgl. Peter Plank, Gerechtigkeit, III. Theologiegeschichtlich und dogmatisch - RGG4)
- Paulus verwendet den Begriff δικαιοσύνη in fast allen seinen Briefen, allerdings nicht im aristotelischen Sinn, sondern im biblischen. Gleich zu Beginn des Römerbriefes "definiert" er Gerechtigkeit als Gottes rettende Kraft. In den Versen Römer 1,16-17 heißt es, dass im Evangelium die Gerechtigkeit Gottes offenbart wird - und zwar "aus Glauben in Glauben" oder "aus Glauben zum Glauben". An diesem Satz entdeckte Martin Luther, dass Gottes Gerechtigkeit kein Strafgericht ist, sondern eine Gabe, die den Menschen rettet. Im Abschnitt Römer 3,21-26 erklärt Paulus, dass die Gerechtigkeit Gottes nun "ohne Zutun des Gesetzes" offenbart ist durch den Glauben an Jesus Christus. Er beschreibt somit das Kreuz als den Ort, an dem Gott seine Treue erweist und den Sünder gerecht spricht.
- Die römische Verrechtlichung: Die lateinische Übersetzung ging noch einen Schritt weiter als die griechische. Sie wählte als Übersetzung für Tsedaka bzw. δικαιοσύνη den Begriff Iustitia. Damit wurde ein Begriffsapparat importiert, der im römischen Recht über Jahrhunderte geschliffen worden war.
- Was bedeutet Iustitia in diesem Kontext genau? Suum cuique (jedem das Seine) - diese berühmte Formel von Cicero definiert Gerechtigkeit als den festen Willen, jedem das zuzuteilen, was ihm rechtlich zusteht. Das klingt fair, verschiebt aber den Fokus. In der Bibel (Tsedaka) geht es darum, was der andere zum Leben braucht (z.B. Hilfe für die Witwen und Waisen). In der römischen Iustitia geht es darum, was der andere verdient hat.
- Während die biblische Gerechtigkeit "parteilich" für das Leben und die Schwachen ist, muss die römische Iustitia blind sein. Sie ist eine Tugend der objektiven Verteilung. Gott wird in dieser Logik zum unbestechlichen Oberrichter, der genau Buch führt.
- Gerechtigkeit wird zu einem "Vergeltungsbegriff". Wer die Norm erfüllt, wird belohnt; wer sie bricht, muss durch Strafe oder Genugtuung (satisfactio) die Ordnung wiederherstellen. (vgl. Peter Plank, Gerechtigkeit, III. Theologiegeschichtlich und dogmatisch - RGG4)
Aus dem biblischen "Gott verleiht den Sieg" wurde im Lateinischen ein "Gott belohnt oder bestraft nach Verdienst". Plötzlich hieß "gerecht sein" nicht mehr, von Gott gnädig befreit zu werden, sondern vor Gott ohne Gnade bestehen zu können. Gott wurde vom rettenden Bundespartner zum unbestechlichen Buchhalter.
An eben dieser Stelle setzte Martin Luther an. Seine reformatorische Entdeckung war im Kern eine Befreiungstat der Sprache. Er riss die Mauern zwischen Gerechtigkeit und Barmherzigkeit wieder ein. Er verstand, dass Gottes Gerechtigkeit nicht die Waage ist, die uns misst, sondern die Hand, die uns aus dem Schlamm zieht. In seinem "Gerecht aus Glauben" schwingt das alte hebräische Tsedaka wieder voll mit: Gerechtigkeit ist Gottes Barmherzigkeit. Man kann sagen: Luther hat die "Gerechtigkeit Gottes" aus dem Gefängnis der römischen Iustitia befreit und sie zurück in den Raum der biblischen Tsedaka geführt.
Sünde
Im bisherigen Text wurde immer wieder von der Sünde gesprochen, die uns von Gott trennt. Wer noch einmal nachlesen möchte, wie ich Sünde verstehe, kann dies mit den nachfolgenden Blogbeiträgen tun.
⇒ Weihnachten: Die Tür zum Paradies wird wieder geöffnet
Dazu ist erschienen der Sohn Gottes (Teil 1)
⇒ Dazu ist erschienen der Sohn Gottes (Teil 2)
Die Wüste als Schule des Vertrauens (Dazu ist erschienen der Sohn Gottes - Teil 3)
Die Kreuzestheologie der Tsedaka (Biblische Logik)
Wenn wir so weit den biblischen Sprachgebrauch des Wortes "Gerechtigkeit" bedacht haben, dann drängt sich natürlich die Frage auf, wie die biblische Gerechtigkeit und der Kreuzestod Jesu zusammenzudenken sind. Während in der "Satisfaktionslehre" Gott als der beleidigte "Lehensherr" oder "Oberrichter" gedacht wird, der erst vergeben kann, nachdem für seine durch die Sünde verletzte Ehre entweder durch Strafe oder durch eine gleichwertige "Satisfactio" (Wiedergutmachung) ein Opfer gebracht wurde, sieht die biblische Vorstellung in Gott nicht den Richter, der eine Bezahlung braucht, vielmehr ist Gott der treue Bundespartner, der die zerbrochene Beziehung retten will.
- Das Problem: Die Sünde ist kein "Schuldschein", sondern ein Beziehungsabbruch, der in den Tod führt. Genau das war gemeint, wenn Gott im Paradies dem Menschen sagt: "Esst nicht vom Baum der Erkenntnis. Ihr werdet sterben." Genau in diesem Tod, in dieser Gottesferne, in diesem "Sein wollen wie Gott" ist der Mensch gefangen.
- Die Lösung (Der Tod Jesu): Gott fordert kein Opfer, sondern er bringt das Opfer selbst. In Jesus Christus geht Gott bis an den dunkelsten Ort der menschlichen Existenz (das Leid, die Gottverlassenheit, den Tod), um dort bei uns zu sein.
- Gottes Gerechtigkeit erweist sich darin, dass er seine Zusage ("Ich bin euer Gott") nicht bricht, selbst wenn die Menschen ihn ans Kreuz schlagen. Gerechtigkeit bedeutet hier: Gott macht die Welt wieder recht, indem er die Distanz zwischen sich und uns aufhebt.
- Der fundamentale Unterschied: In der römischen Logik stirbt Jesus, um einen zornigen Gott zu besänftigen. In der biblischen Logik stirbt Jesus, um einer verlorenen Welt Gottes Liebe zu beweisen.
Warum musste Jesus sterben?
Wenn man die mittelalterliche Idee streicht, dass Gott ein "Opfer braucht", um seinen Zorn zu beruhigen, stellt sich die berechtigte Frage: Warum dann der ganze Schmerz? Warum konnte Gott nicht einfach "per Dekret" vergeben?
Aus der Perspektive der biblischen Tsedaka (Beziehungsgerechtigkeit) ergibt sich die "Notwendigkeit" nicht aus einer rechtlichen Forderung, sondern aus einer existentiellen Konsequenz.
Hier sind die drei entscheidenden "Logiken" hinter dieser Notwendigkeit:
1. Die Logik der Solidarität: "Gott ganz unten"
Im Verständnis der Tsedaka erweist sich Gerechtigkeit dadurch, dass der Stärkere sich dem Schwächeren zuneigt.
- Die Notwendigkeit: Wenn Gott den Menschen wirklich gerecht werden will, darf er nicht als unbeteiligter Zuschauer im Himmel bleiben. Um die Beziehung zum Menschen in dessen tiefster Not (Angst, Verlassensein, Tod) zu heilen, muss er diese Not teilen.
- Das Ziel: Das Leiden ist notwendig, damit es keinen Ort der menschlichen Existenz mehr gibt, an dem Gott nicht ist. Die Gerechtigkeit Gottes "erfolgt" dadurch, dass er die Einsamkeit des Sterbenden durchbricht.
2. Die Logik der Konsequenz: "Licht trifft auf Finsternis"
In einer Welt, die nach den Regeln der "Iustitia" (Auge um Auge) oder nach dem Recht des Stärkeren funktioniert, ist ein Mensch, der bedingungslose Liebe lebt, eine Provokation.
- Die Notwendigkeit: Das Leiden Jesu war kein "Plan", den Gott im Labor entworfen hat, sondern die unvermeidliche Folge davon, dass Jesus die biblische Gerechtigkeit radikal gelebt hat. Wer Machtstrukturen hinterfragt und sich auf die Seite der Ausgestoßenen stellt, gerät in Konflikt mit den "Mächten der Welt".
- Das Ziel: Das Kreuz zeigt, wie weit Gott bereit ist zu gehen. Er flieht nicht vor der Gewalt, sondern hält ihr stand, ohne selbst gewalttätig zu werden. Er bleibt seiner Gerechtigkeit (Beziehungstreue) treu, selbst wenn es ihn das Leben kostet.
3. Die Logik der Transformation: Den Kreislauf durchbrechen
Hier kommt der entscheidende Unterschied zum römischen Rechtsdenken zum Tragen. Das römische Recht (und die Satisfaktionslehre) denkt in Kreisläufen von Schuld und Sühne.
- Römisches Denken: Unrecht -> Strafe -> Ordnung wiederhergestellt.
- Biblisches Denken (Tsedaka): Unrecht -> Vergebung/Mitleiden -> Heilung der Beziehung.
Die Notwendigkeit des Leidens am Kreuz liegt darin, dass Jesus die Gewalt der Welt "schluckt", anstatt sie zurückzugeben. Er wird zum "Lamm Gottes", das die Sünde der Welt trägt. Er unterbricht die endlose Kette von Schlag und Gegenschlag.
- Gerechtigkeit bedeutet hier: Gott rechtfertigt nicht die Gewalt, sondern er rechtfertigt den Leidenden, indem er ihn auferweckt.
In diesem Sinne ist das Kreuz das "Sichtbarwerden" der göttlichen Gerechtigkeit: Es zeigt ein Herz, das sich lieber zerbrechen lässt, als die Beziehung zum Menschen aufzugeben.
Auferstanden von den Toten
Dieser Gedanke führt direkt zur Auferstehung. Wenn das Kreuz die Solidarität Gottes zeigt, dann ist die Auferstehung der Moment, in dem Gott endgültig "Recht spricht" - aber nicht gegen die Sünder, sondern für das Leben.
Das ist der "Schlussstein" der biblischen Gerechtigkeit. Wenn wir Gerechtigkeit als Tsedaka (Beziehungstreue und Lebensförderung) verstehen, dann ist der Tod nicht einfach ein natürliches Ende, sondern der ultimative Bruch dieser Beziehung.
Dass Gott "gerecht" ist, bedeutet in dieser Logik, dass er den Tod nicht das letzte Wort haben lassen kann.
1. Der Tod als "Ungerechtigkeit" im biblischen Sinn
Für das römische Denken ist der Tod die "große Gleichmacherin" (Mors aequat omnia). Es ist nur "gerecht", dass jeder Mensch sterben muss - es ist das Gesetz der Natur.
In der biblischen Theologie ist das anders:
- Gott ist der Gott des Lebens: Wenn Gott eine Beziehung mit dem Menschen eingeht, dann ist diese auf Ewigkeit angelegt.
- Der Tod als Feind: Paulus nennt den Tod im 1. Korintherbrief den "letzten Feind". Er ist die Macht, die Gottes Schöpfung und seine Gemeinschaft mit uns zerstört.
- Die Forderung der Gerechtigkeit: Wenn Gott gerecht (= treu) ist, dann muss er die Macht brechen, die seine geliebten Geschöpfe vernichtet.
2. Die Auferstehung als Gottes "Einspruch"
Man kann die Auferstehung Jesu als den größten juristischen und existentiellen Widerspruch der Weltgeschichte betrachten:
- Das Urteil der Welt: Die weltlichen Mächte (Rom und die religiöse Elite) erklärten Jesus für "schuldig" und verurteilten ihn zum Tod. Das war die menschliche Iustitia.
- Gottes Urteil: Durch die Auferweckung spricht Gott Jesus "gerecht". Er hebt das Todesurteil auf. Gott sagt damit: "Das System der Gewalt und des Todes hat Unrecht, das Leben und die Liebe haben Recht."
Gerechtigkeit als Sieg: Die Auferstehung ist der Moment, in dem Gottes Gerechtigkeit die biologische und juristische Grenze des Todes überspringt. Gott erweist sich als treu über das Grab hinaus.
3. Das Ende der Geschichte: Abrechnung oder Neuschöpfung?
Wenn wir auf das Ende der Zeit blicken, offenbart sich der tiefste Graben zwischen dem antiken Rechtsdenken und der biblischen Hoffnung. In der griechisch-römischen Vorstellung folgt auf das Ende eine große Abrechnung im Sinne der Vergeltung. Gerechtigkeit ist hier ein statisches Urteil über die Vergangenheit: Die Taten des Lebens werden gewogen, und daraus folgt die Zuweisung ins Elysium (Insel der Seligen) oder den Tartarus (Strafort der Unterwelt). Der Tod bleibt in diesem System die unüberwindbare Grenze; er ist der Schlusspunkt, an dem die Bilanz gezogen wird.
Die biblische Gerechtigkeit im Ersten und Zweiten Testament hingegen blickt nicht zurück auf ein Sündenkonto, sondern nach vorne auf eine Wiederherstellung. Gerechtigkeit bedeutet hier, dass Gott alles neu macht. Es ist ein dynamisches Geschehen, in dem Gott das Chaos und den Tod selbst besiegt. In dieser Logik wird der Tod nicht als neutrale Grenze akzeptiert, sondern als "letzter Feind" regelrecht verschlungen.
Das Schicksal des Menschen entscheidet sich also nicht an einer gerichtlichen Waage, sondern an der Treue Gottes, die die Beziehung über das Grab hinaus aufrechterhält und alle Tränen abwischt. Das Ende der Geschichte ist damit kein Gerichtstag im Sinne einer kalten Bilanz, sondern der Tag, an dem Gottes Beziehungsangebot seine Vollendung findet.
4. Was das für den Menschen bedeutet: "Rechtfertigung"
Hier schließt sich der Kreis. Wenn wir sagen, wir werden "aus Gnade gerechtfertigt", dann bedeutet das:
- Wir müssen keine Angst mehr vor dem "Endabrechnungs-Richter" (der römischen Iustitia) haben.
- Wir sind Teil einer Gerechtigkeit, die stärker ist als unsere Fehler und sogar stärker als unser Sterben.
- "Gerecht" zu sein bedeutet nun einfach: In der lebensspendenden Beziehung zu Gott zu stehen, die den Tod bereits besiegt hat.
Fazit
Biblische Gerechtigkeit ist kein "Wiegen" der Vergangenheit, sondern ein "Öffnen" der Zukunft. Sie ist der Sieg Gottes über alles, was das Leben einschränkt, bedroht oder vernichtet.
Ausblick
Der nächste Sonntag ist der Sonntag Judika. Der Name leitet sich ab von der lateinischen Antiphon "iudica me Deus et discerne causam meam a gente non sancta a viro doloso et iniquo salva me" (Psalm 43,1 Gott, schaffe mir Recht und führe meine Sache wider das unheilige Volk und errette mich von den falschen und bösen Leuten!)
Manfred Senftleben beschreibt auf seiner Website das Anliegen dieses Sonntags so:
Der "Sonntag Judika [betont] den Gehorsam Christi genauso wie unseren Gehorsam. Es geht also um unsere Antwort auf Gottes Handeln und Gebot, die unaufgebbare Dualistik der Gnade Gottes: wenn sie nicht angenommen wird, kann sie auch nicht wirken. ..."
Ich veröffentliche dann eine Predigt aus dem Jahr 2021 zu einem Abschnitt aus dem Hiobbuch. Wer die Geschichte Hiobs kennt, der ahnt, dass die Frage nach der Gerechtigkeit Gottes da natürlich auf ganz besondere Weise gestellt wird.

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