Das Stichwort “Gerechtigkeit Gottes” beschäftigt mich, seit ich die Predigt von Pastor Hajo Rebers - Evangelsich-freikirchliche Gemeinde Meppen - Baptisten - zum 1. Sonntag nach Epiphanias gehört habe. Im Zusammenhang mit der Taufe Jesu erklärte Pastor Rebers:
Gerechtigkeit. Dieses Wort müssen wir auch im Neuen Testament vom Alten Testament her verstehen, also vom jüdischen hebräischen Denken, nicht vom griechischen oder römischen Denken aus der Zeit damals. Und im Alten Testament ist Gerechtigkeit ein Beziehungswort, kein juristisches Wort wie bei den Griechen oder Römern. Gerecht ist nicht der, der alles richtig macht, der alle Regeln einhält. Gerecht ist der, der die Dinge wieder ins richtige Verhältnis setzt, der eine Gemeinschaft stärkt oder heilt. Gerecht ist der, der eine Verbindung schafft, wo die Verbindung abgerissen war.
Das war für mich Grund genug, wieder einmal die im Regal vorhandene Literatur zur Hand zu nehmen, insbesondere:
- Die Artikel “Gerechtigkeit” und “Gerechtigkeit Gottes” im Lexikon “Religion in Geschichte und Gegenwart 4. Auflage” (RGG 4).
- Gerhard von Rad, Theologie des alten Testaments
- Walter Zimmerli, Grundriß der alttestamentliche Theologie
Das Verständnis von „Gerechtigkeit“ im Alten Testament unterscheidet sich fundamental vom griechisch-römisch geprägten Rechtsverständnis, das bei uns bis heute prägend ist.
Das griechisch-römische Erbe wird mit dem Bild der „Waage“ und der “blinden Justitia” eindrücklich beschrieben. Gerechtigkeit ist eine Tugend der Unparteilichkeit. Jeder bekommt genau das, was ihm nach Gesetz oder Leistung zusteht – nicht mehr und nicht weniger. Vor dem Gesetz sind alle Menschen gleich - zumindest in der Theorie. Das Gesetz wird abstrakt angewendet. Wer Unrecht tut, muss bestraft werden, um das Gleichgewicht der Waagschalen wiederherzustellen.
Nach dem alttestamentlichen Verständnis ist Gerechtigkeit kein statisches Ideal, sondern ein Ereignis. Es geht darum, einer Beziehung gerecht zu werden – sei es der Beziehung zu Gott oder zu den Mitmenschen. Danach ist Gerechtigkeit die Kraft, die eine Gemeinschaft heil macht. Wer „gerecht“ handelt, verhält sich so, dass das Leben des anderen gefördert wird.
Während die römische Justitia blind ist, hat die biblische Gerechtigkeit die Augen weit offen. Sie sieht besonders auf die Schwachen (Witwen, Waisen, Fremde). Gerechtigkeit bedeutet hier oft: Hilfe für die Hilflosen. „Gerechtigkeit“ und „Heil“ werden oft synonym gebraucht. Wenn Gott gerecht ist, bedeutet das nicht primär, dass er straft, sondern dass er seine Zusage hält und sein Volk rettet. Damit ist “Gerechtigkeit” in der Bibel ein zutiefst beziehungsorientierter Begriff.
So hatte es Pastor Rebers ja auch beschrieben.
Warum dieser Unterschied wichtig ist
Wenn wir heute in der Bibel lesen, dass Gott „gerecht“ ist, assoziieren wir oft sofort Drohung und Strafe. Im Kontext des Alten Testaments ist die Botschaft jedoch oft das Gegenteil: Es ist die Zusage, dass Gott treu zu seinem Bund steht und für Recht sorgt, wo Menschen unterdrückt werden. Während wir Gerechtigkeit oft als eine abstrakte, unpersönliche Norm begreifen, ist sie in der Bibel ein zutiefst beziehungsorientierter Begriff.
Nichts anderes ist im Neuen Testament gemeint. Wenn Paulus im Römerbrief von der „Gerechtigkeit Gottes“ spricht, meint er oft genau diese Heilsmacht. Er will sagen: „Schaut her, Gott ist gerecht, denn er hält sein Wort! Er lässt uns nicht im Tod, sondern kommt uns in Jesus bis ans Kreuz entgegen.“
Das Kreuz ist also nicht die Bedingung, damit Gott lieben kann, sondern der ultimative Ausdruck davon, dass er uns schon immer geliebt hat. Gott ist hier nicht der Empfänger des Opfers, sondern der Schenkende.
Soweit diese ersten Gedanken zum Thema "Gerechtigkeit Gottes". Wie mit der Überschrift schon angedeutet, wird es am Sonntag Judika eine Fortsetzung geben.
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