Wer etwas zum Thema des Sonntags Palmarum lesen mochte, der kann den Blogbeitrag zum 1. Advent aufrufen und noch einmal nachlesen, was ich da zum Einzug Jesu in Jerusalem geschrieben habe.
In diesem aktuellen Beitrag soll es um den Jünger Judas Iskariot gehen. In den letzten Jahren habe ich seine Geschichte oft am Gründonnerstag thematisiert.
Eine Spurensuche in den Schriften
Wer war Judas Iskariot? In der christlichen Tradition ist sein Name fast zum Synonym für Verrat geworden. Doch wenn wir den Blick in die biblischen Quellen werfen, zeigt sich ein differenzierteres Bild. Für eine fundierte Auseinandersetzung in der Karwoche lohnt es sich, zunächst genau zu schauen, wo Judas in der Bibel überhaupt vorkommt – und wo er auffällig fehlt.
Das Schweigen der Briefe
Tatsächlich beschränkt sich die Erwähnung des Judas fast ausschließlich auf die Evangelien und den Beginn der Apostelgeschichte. In den Briefen des Neuen Testaments – etwa bei Paulus, Petrus oder Johannes – taucht sein Name nicht auf. Die frühen Briefschreiber konzentrierten sich ganz auf die theologische Bedeutung von Tod und Auferstehung Jesu; die historische Person des "Auslieferers" scheint für ihre Argumentation zweitrangig gewesen zu sein. Sogar Paulus, der im Korintherbrief die Einsetzung des Abendmahls beschreibt, erwähnt Judas nicht namentlich, sondern spricht lediglich von der Nacht, in der Jesus "überliefert" (paredidōto) wurde (1. Korinther 11,23).
Die Evangelien: Vier Perspektiven auf eine Tat
In den Evangelien hingegen ist Judas fest verankert, wobei jeder Verfasser eigene Akzente setzt:
- Markus: Er zeichnet Judas als einen der Zwölf, dessen Handeln rätselhaft bleibt. Ein Motiv für die “Auslieferung” wird nicht explizit genannt.
- Matthäus: Hier wird die Tat mit der Erfüllung alttestamentlicher Prophetie verknüpft. Matthäus berichtet als Einziger von der Reue des Judas, den 30 Silberlingen und seinem anschließenden Suizid. Er zieht dabei Parallelen zur Verwerfung des "guten Hirten" bei Sacharja.
- Lukas: Bei ihm tritt die geistige Dimension stärker hervor; er schreibt, dass der "Satan in Judas fuhr" (Lukas 22,3). Judas handelt hier als Werkzeug einer finsteren Macht, die dennoch innerhalb von Gottes Plan agiert.
- Johannes: Das vierte Evangelium betont die Vorherwissens Jesu. Judas wird hier fast schon als Antagonist gezeichnet, dessen innerer Bruch mit Jesus bereits vor dem letzten Mahl begann (Johannes 12,4-6).
Die Apostelgeschichte: Das Ende und der Neuanfang
In der Apostelgeschichte wird das Schicksal des Judas noch einmal aufgegriffen, um die Notwendigkeit zu begründen, seinen Platz im Kreis der Zwölf neu zu besetzen (Apostelgeschichte 1,15-26). Seine Tat wird hier als Teil dessen gesehen, was durch den Rat und die Vorkenntnis Gottes beschlossen war.
Warum diese Übersicht?
Diese biblische Bestandsaufnahme zeigt uns: Judas ist keine Randfigur. Seine Bedeutung liegt weniger in seiner psychologischen Individualität als vielmehr in seiner Funktion für die Heilsgeschichte. Er ist derjenige, durch dessen Handeln die "Überlieferung" Jesu erst in Gang gesetzt wird – ein Geschehen, das wir theologisch sowohl als menschliche Schuld als auch als göttliche Hingabe deuten müssen.
Verrat oder Überlieferung? Das Zeugnis der Synoptiker
Wenn wir heute von Judas sprechen, nutzen wir fast automatisch das Wort "Verräter". Doch ein genauer Blick in den griechischen Urtext der Evangelien zeigt, dass die biblische Charakterisierung seiner Tat weitaus vielschichtiger ist. Hier begegnen uns zwei unterschiedliche Perspektiven auf dasselbe Geschehen.
Lukas: Die klare Benennung als Verrat
Lukas ist der einzige der Evangelisten, der Judas explizit mit dem negativ besetzten Begriff des Verräters (prodotēs) belegt. In seinem Evangelium wird die Tat als ein Akt der Untreue gerahmt, der unter dem Einfluss des Satans geschieht. Für Lukas ist die Trennlinie zwischen der Treue der Jünger und dem Abfall des Judas klar gezogen.
Markus und Matthäus: Das Mysterium der "Überlieferung"
Interessanterweise nutzen Markus und Matthäus ein anderes Wort: paradidōmi. Dieses Wort bedeutet wertneutral zunächst "übergeben", "ausliefern" oder "überliefern".
- Die menschliche Tat: Judas liefert Jesus an die Hohepriester aus.
- Die göttliche Dimension: Es ist dasselbe Wort, das Paulus verwendet, wenn er beschreibt, dass Gott seinen eigenen Sohn für uns alle "dahingegeben" hat (Römer 8,32).
Diese sprachliche Wahl rückt die Tat des Judas in einen größeren Zusammenhang. Was auf der menschlichen Ebene wie eine böse Auslieferung aussieht, ist auf der Ebene des göttlichen Heilsplans eine notwendige "Hingabe".
Das Wissen Jesu und die Notwendigkeit des Geschehens
Alle Evangelisten betonen, dass Jesus um das Handeln des Judas wusste. Dies macht deutlich: Die “Überlieferung” Jesu war kein Betriebsunfall der Heilsgeschichte, sondern ein zentrales Element. Ohne diese “Auslieferung” gäbe es:
- Keine Verhaftung,
- Keine Kreuzigung,
- Keinen Tod und somit keine Auferstehung.
Obwohl Judas frei und somit schuldhaft handelt, schreibt Gott mit dieser Tat seine Geschichte der Erlösung. Judas wird zum tragischen Werkzeug eines Plans, den er selbst vermutlich in seiner ganzen Tragweite nicht erfassen konnte.
Im Kraftfeld der Souveränität – Satan, Judas, Petrus und die Erbsünde
Um die Tat des Judas zu verstehen, müssen wir sie in den Kontext der biblischen Erzählungen über das Wirken des Bösen und die Souveränität Gottes stellen. Die extremste Position hierzu liefert das Johannesevangelium mit dem Satz: "Der Satan fuhr in ihn" (Johannes 13,27). Doch was bedeutet das für das Gottesbild?
Der Satan als begrenzter Akteur
Blicken wir in das Erste Testament, so begegnet uns Satan im Buch Hiob nicht als autonomer Gegenspieler, sondern als Teil des himmlischen Hofstaats, der nur mit ausdrücklicher Erlaubnis Gottes handeln darf (Hiob 1,6-12). Auch bei der Versuchung Jesu in der Wüste ist es der Geist Gottes, der Jesus in die Konfrontation führt (Matthäus 4,1).
Dies legt nahe: Wenn Satan Raum in einem Menschen gewinnt, geschieht dies nie außerhalb der Souveränität Gottes. Gott behält das letzte Wort, selbst wenn er zulässt, dass das Böse scheinbar die Oberhand gewinnt.
Judas und Petrus: Das "Sieben wie Weizen"
Eine oft übersehene Parallele findet sich in Jesu Worten an Simon Petrus: "Der Satan hat begehrt, euch zu sieben wie den Weizen" (Lukas 22,31).
- Die Gemeinsamkeit: Sowohl Petrus als auch Judas geraten in das Visier des Versuchers. Petrus steht mit seiner dreimaligen Verleugnung Jesu in dieser Nacht dem Handeln des Judas erschreckend nah. Auch er bricht die Treue, auch er versagt fundamental.
- Der Unterschied: Jesus sagt zu Petrus: "Ich aber habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre" (Lukas 22,32). Während Petrus nach seinem Fall zur Umkehr findet, endet der Weg des Judas in der Verzweiflung.
Die Wurzel der Erbsünde: Autonomie statt Beziehung
Hinter beiden Fällen steht das Ur-Motiv des Sündenfalls: "Ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist" (1. Mose 3,5). Sünde bedeutet im Kern den Versuch des Menschen, autonom – also ohne Gott – über den Wert von Dingen und Menschen zu entscheiden.
Judas ist in diesem Sinne eine radikale Offenlegung der Erbsünde: Ein Mensch, der um Gut und Böse weiß und dennoch bereit ist, Gott selbst (in der Gestalt Jesu) auszuliefern, um eigene Vorstellungen oder Pläne zu verfolgen. Er setzt sein eigenes Urteil über das Handeln Gottes.
Gott schreibt auf krummen Linien
In all diesen Berichten bleibt Gott der Souverän. Seine Allmacht zeigt sich nicht darin, dass er das Wirken des Satans oder das Versagen der Menschen verhindert. Sie zeigt sich darin, dass er selbst den "Verrat" oder die "Überlieferung" – den Moment der tiefsten menschlichen Rebellion – in sein Heilswerk einwebt. Das Kreuz, das Ergebnis menschlicher Schuld und satanischer Verführung, wird so zum Ort der endgültigen Erlösung.
Der "fromme" Judas – Die Rolle des Stellvertreters im Aufstand gegen Gott
Nachdem wir die biblischen Begriffe der "Überlieferung" betrachtet haben, treten wir nun in den Dialog mit der provokanten Deutung von Walter Jens. In seinem Werk wird Judas nicht als niederträchtiger Egoist gezeichnet, sondern als derjenige, der bereit ist, die "Sünde aller Sünden" stellvertretend für die ganze Menschheit sichtbar zu machen.
Das Rollenspiel auf Leben und Tod
Bei Jens sind Jesus und Judas Vertraute, die ein schwindelerregendes gemeinsames Geheimnis teilen: Sie wissen, dass es eines Menschen bedarf, um Jesus zu überliefern. Judas übernimmt diese Rolle aus einer paradoxen Frömmigkeit heraus. Er verleiht dem "Verrat über allem Verrat" Leib, Seele und Stimme, um eine These zu beweisen, die sonst abstrakt bliebe.
Die Vollendung der Erbsünde: Autonomie gegen Gott
Hier gipfelt die Linie, die im Garten Eden mit dem Versprechen "Ihr werdet sein wie Gott" begann. Judas demonstriert am eigenen Leib die totale Autonomie des Menschen.
- Der Mensch als eigenes Schicksal: Seit dem Sündenfall zieht sich das Bewusstsein "Wir sind wie Gott geworden" durch die Geschichte. Die Menschheit denkt, ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen zu können – und in diesem Plan stört Gott.
- Der Anschlag auf das Gute: Judas zeigt in abgrundtiefer Klarheit, wohin Menschen geraten, die vor keinem Anschlag zurückschrecken, um "ganz sie selbst" zu sein. Dieser Anschlag richtet sich letztlich gegen Gott selbst, verkörpert in Jesus.
Warum Jesus sterben musste: Die Störung des Systems
Die Tat des Judas offenbart, dass die gesamten damaligen religiösen und politischen Akteure – stellvertretend für die Menschheit aller Zeiten – bereit waren, diesen Gott-Menschen zu töten:
- Die religiöse Elite: Obwohl Jesus fromm war und die Menschen zur Seite stand, man konnte nur Gutes von ihm berichten, störte er das zurechtgelegte theologische Geflecht. Seine Vollmacht stellte die religiöse Position und Funktion des Hohenrates, der Schriftgelehrten, der Pharisäer und der Sadduzäer infrage.
- Die politische Macht: Für die römischen Besatzer war der “König der Juden”, der aber jeder Gewalt abgeschworen hatte, ein Fremdkörper. Allein der “Titel” reichte, um ihn ans Kreuz zu schlagen.
Judas als Beweisstück
Walter Jens lässt Judas sagen: "Ich hatte zu beweisen, wohin Menschen geraten im Aufstand gegen Gott." Judas ist hier derjenige, der das Zerstörungspotenzial der menschlichen Freiheit offenlegt. Er liefert Gott aus, um zu zeigen, dass der Mensch in seinem Streben nach Autonomie Gott nicht neben sich duldet.
In dieser Sichtweise ist Judas der "fromme" Märtyrer des Bösen: Er übernimmt die Verachtung der Welt, um die bittere Wahrheit über den menschlichen Zustand ans Licht zu bringen – eine Wahrheit, die erst durch die Auferstehung eine Antwort findet.
"Weh diesem Menschen" – Werkzeug Gottes und Sündenbock der Geschichte
In Markus 14,21 spricht Jesus ein Wort, das die Spannung zwischen göttlichem Plan und menschlichem Schicksal zerreißt: "Der Menschensohn geht zwar hin, wie von ihm geschrieben steht; weh aber dem Menschen, durch den der Menschensohn verraten wird! Es wäre für diesen Menschen besser, wenn er nie geboren wäre."
Das Werkzeug im göttlichen Plan
Der erste Teil des Satzes – "wie geschrieben steht" – bestätigt Judas als Teil des Heilsplans. Sein Handeln ist kein Zufall, sondern erfüllt, was Gott durch sein Wort im Ersten Testament angekündigt hat. Doch während die Christenheit das Heil feiert, das durch die "Überlieferung" ermöglicht wurde, wird der “Überlieferer” selbst zum Inbegriff des Verfluchten. Das Urteil über ihn wurde nicht Gott überlassen, sondern von Menschen, von christlichen Theologen mit unerbittlicher Härte selbst gefällt.
Die dunkle Linie des Hasses über Luther bis zur Shoah
Als überzeugter Lutheraner ist es für mich besonders erschütternd, wie Jesu "Weheruf" instrumentalisiert wurde, um den Hass auf das gesamte jüdische Volk zu rechtfertigen, dem Judas angehörte.
- Martin Luther: Der Reformator, der durch seine theologische Entdeckung - gerechtfertigt allein aus Gnade durch Glauben - eine Kirche ins Leben rief, in der das Wort Gottes wieder gepredigt wurde, der griff Judas mit einer Sprache an, die an Abscheulichkeit kaum zu überbieten ist. Er verknüpfte das Ende des Judas (das Platzen des Bauches) mit ekelerregenden judenfeindlichen Fantasien.
- Die Nationalsozialisten: Diese Tradition des Judenhasses, die sich durch alle gesellschaftlichen Schichten zog, bot den Nationalsozialisten einen fruchtbaren Boden. Sie konnten sich auf Größen der deutschen Geschichte beziehen, um ihre mörderische Ideologie religiös zu verbrämen.
Jesus und Judas: Gemeinsam im Gas
Walter Jens deckt diese fatale Logik - sie haben den Herrn getötet - auf. In seiner Deutung wird klar, dass die Nationalsozialisten zwischen dem "Verräter" und dem "Erlöser" keinen Unterschied gemacht hätten. Judas, der den "gelben Fleck" und das "J" im Ausweis getragen hätte, wäre ebenso “ins Gas gejagt” worden wie sein Herr. Jens lässt seinen Judas sagen: "Jesus den Juden, Judas den Juden". Beide gehören demselben Volk an, und der Hass, der Judas traf, traf letztlich auch den, den er auslieferte.
Das zugelassene Leid
“Weh aber dem Menschen, durch den der Menschensohn verraten wird!” – Vielleicht müssen wir diesen Satz auch so verstehen: "Weh dem Volk, dem dieser Überlieferer angehört!" Dieser Schrei zieht sich durch die Jahrhunderte. Es bleibt ein theologisches Mysterium, dass Gott selbst diesen Missbrauch seines Wortes und das daraus resultierende unsagbare Leid der jüdischen Menschen und vieler anderer verfolgter Gruppen zugelassen hat. Judas bleibt das tragische Werkzeug, an dem sich nicht nur die Sünde der Welt, sondern auch die Grausamkeit einer Kirche offenbarte, die den Verräter verfluchte und dabei den Geist des Erlösers vergaß.
Das Scheitern zweier Felsen – Judas und Petrus
Am Ende der Passionsgeschichte stehen zwei Männer vor den Trümmern ihrer Treue. Beide haben Jesus “ausgeliefert” – der eine faktisch an die Behörden, der andere verleugnend an die Angst.
Die Hybris des Lenkers
Der Dichter Anton Dietzenschmidt (1930) lenkt den Blick auf eine psychologische und theologische Falle: Judas scheitert innerlich nicht nur an der Tat selbst, sondern an dem Glauben, er sei der “Lenker von Gottes Schicksal” gewesen. Er ist an der menschlichen Hybris zerbrochen – an der Einbildung, durch sein Handeln Gott zu steuern. In diesem Moment schließt sich der Kreis zum Sündenfall: Der Mensch will wie Gott sein und zerbricht an der Last, die diese Autonomie mit sich bringt.
Der tiefe Fall des Petrus
Petrus scheint zunächst das Gegenbild zu sein, doch bei Lichte besehen ist er Judas erschreckend nah. Er, der vollmundig versprach: “Und wenn ich mit dir in den Tod gehen müsste”, knickt bei der kleinsten Frage einer Magd ein. Satan hat ihn “gesiebt”. Der Unterschied liegt vielleicht nur in einem Moment der Erinnerung: Während Judas in die absolute Einsamkeit der Reue flieht (“Ich habe unschuldiges Blut verraten”), bleibt für Petrus im Hintergrund das Versprechen Jesu: “Ich habe für dich gebeten.”
Doch wir dürfen uns nicht täuschen: Ohne die Erfahrung der Auferstehung wäre auch Petrus ein Verzweifelter geblieben. Sein „Fels-Sein“ ist keine Eigenschaft seines Charakters – denn der war schwankend –, sondern eine Frucht der Begegnung mit dem Auferstandenen.
Die Auferweckung – Wenn Gott die Macht des Bösen durchkreuzt
Der christliche Glaube steht und fällt mit der Realität der Auferstehung. Sie ist der Moment, in dem Gott alle „krummen Linien“ der Geschichte – auch die Tat des Judas – endgültig geradezieht.
Rehabilitation durch Liebe
Hiob wurde rehabilitiert, Jesus erfuhr in der Auferweckung, dass Gott ihn nicht verlassen hatte. Die Liebe Gottes erweist sich als stärker als der Tod, aber sie rettet nicht vor dem Leid. Judas und Jesus treten, wie Walter Jens es beschreibt, fast gleichzeitig vor Gott. Während der eine noch die Verzweiflung des Stricks spürt, verheißt der andere dem Schächer am Kreuz das Paradies.
Das Urteil Gott überlassen
Was bleibt für uns heute? Der Weg des Judas mahnt uns zur Vorsicht vor schnellen Verurteilungen. Wenn seine Tat – wie wir gesehen haben – ein zentrales Element im Heilsplan Gottes war, dann steht es uns nicht zu, den Stab über ihn zu brechen. Die Geschichte der Kirche, die aus dem „Weheruf“ Jesu einen hasserfüllten Antisemitismus formte, ist eine eigene Form des Verrats an der Botschaft Christi.
Glaube ist keine Leistung
Der Weg von Judas und Petrus lehrt uns: Glaube ist keine moralische Kraftanstrengung. Petrus musste erst tief fallen – in die Verleugnung, in die Tränen –, um zu begreifen: Ich kann Jesus nicht aus eigener Kraft folgen. Erst als der Auferstandene ihn am See neu anspricht, wird er zum Fundament der Kirche.
Judas Iskariot bleibt eine offene Wunde der Theologie. Er erinnert uns daran, wohin der Mensch gerät, wenn er versucht, sein Schicksal ohne Gott zu lenken. Er erinnert uns aber auch daran, dass Gottes Heilsplan selbst dort noch wirkt, wo wir nur Abgrund und Verrat sehen. Am Ende bleibt nur das Vertrauen, dass Gott auch dort das letzte Wort hat, wo wir verstummen müssen.
Ausblick
Mit dem heutigen Sonntag Palmarum beginnt die Karwoche. Der nächste Beitrag ist die Karfreitagspredigt aus dem Jahr 2022: So bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott! (2.Korinther 5,20)

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