Wenn wir auf die beiden vergangenen „Sakramentssonntage“ zurückblicken, die im Kirchenjahr die Themen Taufe (6. Sonntag nach Trinitatis) und Abendmahl (7. Sonntag nach Trinitatis) in den Mittelpunkt stellen, kommen wir nicht umhin, noch einmal über die Sünde nachzudenken. Das müssen wir allerdings ohne jenen moralinen Unterton tun, der bis heute dem Begriff unterstellt und in manchen kirchlichen Kreisen gepflegt wird. Diese unzutreffende Redeweise schreckt Menschen verständlicherweise ab. Hinzu kommt, dass eine rein moralische Betrachtung dessen, was die Bibel unter „Sünde“ versteht, den Sachverhalt völlig verzerrt.
Deshalb gilt es, den Begriff der Sünde von seinem verstaubten Beigeschmack zu befreien. Wenn die Bibel von der Sünde spricht, meint sie selten die kleinteiligen Moralverfehlungen des Einzelnen. Sie beschreibt vielmehr eine grundlegende menschliche Disposition.
![]() |
| KI-generiert |
In den ersten Kapiteln der Genesis zeichnen die biblischen Autoren mit dem Mythos der Schlange, die den Menschen im Paradies einflüstert, sie müssten nur vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen essen, um zu sein wie Gott, ein eindrückliches Bild. Der Mensch erliegt genau diesem Begehren. Das Drama folgt sogleich. Er erlangt zwar Urteilskraft, ist aber nicht in der Lage, dieses Wissen adäquat und heilvoll einzusetzen. Das ist es, was die Theologie als Entfremdung von Gott, als Sünde beschreibt – und genau das ist es, was wir heute am Chaos unserer Gegenwart ablesen können.
Der Psychiater, Neurologe und Publizist Hoimar von Ditfurth (1921–1989) hat dies in seinem Buch „Wir sind nicht nur von dieser Welt“ (1981) als eine unserer kardinalen Schwächen beschrieben, auf die man bei der evolutionären Betrachtung des Menschen zwangsläufig stößt, nämlich „unsere prinzipielle, aus unserer ‚Natur‘ entspringende Unfähigkeit, das, was wir als richtig erkannt haben, auch zu tun“. Der Apostel Paulus bringt dieselbe Tragödie im Römerbrief auf den Punkt: „Das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.“ (Röm 7,19)
Die Diagnose
| Sünde ist nicht die kleinteilige Moralverfehlung, sondern die evolutionär und existenziell tief sitzende Disposition, trotz besserer Einsicht nicht das Gute tun zu können. |
Das Erkenntnis-Handlungs-Dilemma
Dass von Ditfurth die Erbsünde evolutionär interpretiert, beschreibt der Paulus-Text aus dem Römerbrief fast wortgleich: Das Wissen reicht weiter als das Handeln.
- Evolutionär: Das menschliche Gehirn – vor allem der präfrontale Kortex – hat gelernt, hochkomplexe, langfristige Zusammenhänge zu verstehen (Klimawandel, globale Ökonomie, soziale Gerechtigkeit). Unser Belohnungs- und Verhaltenssystem basiert aber im Kern immer noch auf den kurzfristigen Impulsen der Steinzeit (Ressourcen sichern, Bedrohungen im Hier und Jetzt abwehren, Selbstwert steigern).
- Theologisch (Genesis): Der Griff nach den Früchten vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse beschreibt genau diese Tragödie. Der Mensch erlangt Urteilskraft, aber nicht die göttliche Macht oder Weisheit, dieses Wissen angemessen umzusetzen. Er ist „wie Gott“ im Wissen um die Maßstäbe, bleibt aber absolut menschlich (und begrenzt) in seinen Fähigkeiten. Das beschreiben die biblischen Autoren der Urgeschichte sehr einprägsam:
- Gen 3: Die Entfremdung zwischen Gott und Mensch.
- Gen 4: Die Entfremdung zwischen Mensch und Mensch (Brudermord, maßlose Rache).
- Gen 6–8: Die Zersetzung der gesamten Schöpfung durch menschliche Gewalt.
- Gen 11: Der kollektive Größenwahn, der sich im Turmbau zu Babel manifestiert.
Der Blick auf das Chaos der Gegenwart
Wenn wir Sünde als diese menschliche Disposition begreifen, erklärt das die Paradoxie unserer Gegenwart:
- Wir haben mehr Daten, Forschung und moralische Einsichten als jede Generation vor uns.
- Trotzdem scheitern wir regelmäßig an den drängendsten Problemen in Politik, Wirtschaft und Ökologie.
Das Scheitern geschieht oft nicht aus böser Absicht einzelner „Bösewichte“, sondern aus dieser kollektiven Unfähigkeit heraus, das als richtig Erkannte auch konsequent durchzusetzen. Die Entfremdung von Gott (im theologischen Sinn) übersetzt sich im Weltlichen als Entfremdung von unseren eigenen Idealen und von der Natur.
Der Brückenschlag zu den Sakramenten
Wenn Sünde keine Liste von Einzelfehlern ist, sondern ein existenzieller Zustand – eine Unfähigkeit, uns selbst am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen –, bekommen Taufe und Abendmahl eine ganz andere Bedeutung:
- Taufe: Sie ist kein moralischer Notenpass, sondern die Zusage! „Du bist angenommen, obwohl du in diesem unvollkommenen, zerrissenen Zustand lebst.“ Sie entlastet den Menschen vom Zwang, sich seine Existenzberechtigung erst durch perfektes Handeln erarbeiten zu müssen.
- Abendmahl: Es ist die wöchentliche oder monatliche Erinnerung an die eigene Begrenzung und Gemeinschaft. Nicht für die „Guten“, sondern gerade für die, die unter der Kluft zwischen Wollen und Können leiden. Es bietet Vergebung und Stärkung in dem Wissen, dass wir Woche für Woche neu an unseren Ansprüchen scheitern werden.
Eine solche Perspektive holt den Begriff der Sünde aus dem verstaubten Moralkabinett heraus und macht ihn zu einer erschreckend realistischen, psychologisch tiefen Diagnose des Menschseins.
Die Überforderung
| Der Versuch der Aufklärung, das Chaos und die Probleme allein durch Vernunft zu lösen, scheitert an unserer Trägheit und der Sehnsucht nach Entlastung. |
Oft wird auf die Aufklärung verwiesen, die Immanuel Kant einst als den „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“ definierte. Diese “Unmündigkeit” sah Kant in der Unfähigkeit gegründet, den eigenen Verstand ohne die Anleitung eines anderen zu benutzen. Sein berühmter Appell lautet: „Sapere aude!“ (Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!).
Kant war Optimist, er glaubte fest daran, dass der Mensch lediglich diesen Mut aufbringen müsse, um mündig zu werden. Doch die Gegenwart zeigt Ernüchterung. Das Konzept der Aufklärung hat die Menschheit offensichtlich nicht an den Punkt gebracht, ihre drängendsten Probleme in den Griff zu bekommen. Der Gebrauch des eigenen Verstandes scheint im Zeitalter digitaler Ablenkung und politischer Polarisierung sogar wieder spürbar zurückzugehen.
Was der Aufklärungsoptimismus nämlich unterschätzt hat, sind zwei zentrale Faktoren: die tief sitzende Gefallensein-Disposition des Menschen und seine enorme Sehnsucht nach Entlastung. Wo die Welt zu komplex wird, erweist sich der bloße Appell an die Vernunft als zu schwach gegenüber der Versuchung, die eigene Mündigkeit wieder an einfache Parolen abzutreten.
Das Scheitern am Ideal: Die Anstrengung der Freiheit
Selbstdenken ist extrem anstrengend. Es verlangt die Bereitschaft, Unsicherheit auszuhalten, Komplexität zuzulassen und vor allem: die Verantwortung für das eigene Handeln zu tragen. Der Psychologe Erich Fromm nannte die Flucht vor dieser Last die „Furcht vor der Freiheit“. Wenn die Welt – angesichts von Klimakrise, Geopolitik und globalen Märkten – unüberschaubar wird, überfordert der schlichte Aufruf „Nutze deinen Verstand!“ den Einzelnen schnell.
Die Folge ist ein kollektiver Rückzug ins Bequeme und ein lauter Ruf nach Entlastung. In der Politik – und keineswegs unähnlich in der Kirche – wird plötzlich wieder nach „starken Führern“ oder einer „neuen Männlichkeit“ gerufen. Man sehnt sich nach Akteuren, die einfache Lösungen vorgaukeln. Dieser Ruf nach Vereinfachung ist das direkte Resultat überforderter Mündigkeit, ein freiwilliger Rückfall in die Unmündigkeit, nur um die Last des Eigendenkens abzugeben.
Die Illusion der Steuerung: Großstrukturen statt Subsidiarität
Wo die Lebendigkeit an der Basis schwindet oder zu unübersichtlich wird, reagieren Organisationen – ob Staat oder Kirche – oft mit denselben Reflexen: Zentralisierung, Effizienzdenken und strammen Vorgaben von oben. In den Kirchen zeigt sich das etwa darin, dass kleine, überschaubare Ortsgemeinden zugunsten großer Einheiten aufgelöst werden (sollen), in denen zentral vorgegebene Raster einzuhalten sind.
Anstatt dem mündigen Gemeindeglied oder dem Bürger vor Ort zuzutrauen, das Zusammenleben eigenverantwortlich zu gestalten, entstehen Großstrukturen, die Verwaltung über Beziehung stellen. Das ist Technokratie in Reinkultur. Man versucht, existenzielle Krisen durch noch mehr bürokratische Steuerung und Reglementierung zu lösen, anstatt die Mündigkeit an der Basis zu stärken und Raum für echte Beziehungsarbeit zu lassen.
„Social Media“ als modernes Panem et Circenses
Es passt erschreckend gut ins Bild dieser entmündigten Gesellschaft, wie sich „das Volk“ derweil die Zeit vertreibt. Die Netzwerke der Social Media fungieren dabei als perfekte Verstandes-Ersatzmaschinen. Sie verlangen kein kritisches Nachdenken im Sinne des Sapere aude!, sondern bedienen gezielt reine Emotionen, Affekte und Bestätigungsmuster.
Sie schenken den Nutzern durch Liken, Kommentieren und Empören zwar eine Illusion von Partizipation, während der Einzelne in Wahrheit passiver Konsument bleibt und sich in Echoräumen stückweise weiter entmündigen lässt. Es ist die digitale Variante des antiken “Brot und Spiele” – die moderne Form von “Opium für das Volk”.
Was bleibt ohne Romantisierung?
Die Aufklärung hat uns Werkzeuge gegeben, aber sie hat die Natur des Menschen nicht verändert. Sie hat uns nicht vor unserer eigenen Trägheit gerettet.
Hier schließt sich der Kreis zu von Ditfurth und der Theologie: Der Mensch bleibt ein Wesen, das zwar theoretisch zur höchsten Vernunft fähig ist, praktisch aber immer wieder in die Bequemlichkeit, die Verführung durch einfache Wahrheiten und die eigene Unvermögenheit zurückfällt.
Mündigkeit ist eben kein dauerhafter Zustand, den die Menschheit einmal erreicht hat und nun besitzt, sondern ein täglicher, anstrengender Widerstand – gegen Algorithmen, gegen autoritäre Reflexe und gegen die eigene Bequemlichkeit.
Das Ethos
| Die Bibel fordert keine religiöse Selbstbespiegelung, sondern das gelingende Miteinander in Gerechtigkeit und Güte. |
Die beiden zurückliegenden „Sakramentssonntage“ – der 6. und 7. Sonntag nach Trinitatis – sprechen zentral von der Versöhnung, die Gott anbietet. Bevor wir diesen Gedanken vertiefen, lohnt sich der Blick auf eine fundamentale Erkenntnis: Die gesamte biblische Botschaft zielt im Kern darauf ab, dass der Mensch in die Lage versetzt wird, mit seiner gebrochenen Natur versöhnt zu leben und es dadurch zu einem heilsamen, versöhnten Miteinander kommt.
Hier liegt eine der größten Verwechslungen der Religionsgeschichte vor. Gott braucht keine religiöse Selbstbespiegelung im Kult oder rituelle “Bespaßung”. Der Mensch braucht ein gelingendes Miteinander.
Betrachtet man die prophetischen Stimmen des Ersten Testaments, wird unmissverständlich klar, dass der Kultus – also Opfer, Riten und Gottesdienste – nie der Endzweck war, sondern allenfalls eine Erinnerungsstütze. Wo der Ritus zum Selbstzweck verkommt, wird er bei Jesaja, Micha und Amos zum Ärgernis. Gott verzichtet dankend auf das „Geplärr der Lieder“ (Amos 5,23), wenn vor der Kirchentür das Recht getreten wird.
- Jesaja (1,11–17): Gott lässt ausrichten, dass er ritualisierte Opferfeste verabscheut, und fordert stattdessen: „Lernt Gutes tun, sorgt für das Recht! Haltet die Gewalttätigen in Schranken! Tretet ein für das Recht der Waisen, verteidigt die Witwe!“
- Micha (6,6–8): Auf die Frage, was Gott vom Menschen fordert, bringt Micha es prägnant auf den Punkt: „Nichts anderes als: Recht tun, Güte und Treue lieben und achtsam mitgehen mit deinem Gott.“
- Amos (5,21–24): Ebenso drastisch erklärt Gott: „Ich hasse eure Feste und Feiern!“ Statt bloßen Ritualen fordert er: „Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.“
Der Bibel geht es also in erster Linie um das konkrete Zusammenleben der Menschheit.
Umkehr (Metanoia) ist eine Richtungsänderung, kein Schuldgefühl
Dieser Faden zieht sich nahtlos ins Zweite Testament weiter. Der Ruf des Täufers Johannes und die ersten Auftritte Jesu beginnen mit dem Aufruf: „Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!“ Wer bei Buße an moralische Zerknirschung, Selbstgeißelung oder das Abarbeiten von Schuldgefühlen denkt, verfehlt den Urtext. Das griechische Wort metanoeite meint wörtlich ein Umdenken oder eine Richtungsänderung.
Es ist das Nüchternwerden gegenüber unserer eigenen Disposition. Es ist das Erkennen, dass wir uns im Hamsterrad der Selbsterhaltung, des Machtstrebens und der Selbstgerechtigkeit festgerannt haben.
In Lukas 13 wird Jesus nach einer Erklärung für zwei Katastrophen gefragt – einem Blutbad, das Pilatus unter Galiläern anrichten ließ, und einem Arbeitsunfall beim Turmbau von Siloah. Jesus erteilt der damaligen Neigung eine klare Absage, Katastrophen als individuelle Strafe für Einzelsünden zu deuten. Stattdessen ruft er zur Einsicht auf: Blickt nicht mit Fingerzeig auf die Opfer, sondern seht, dass ihr alle im selben Boot sitzt und euch auf einem Holzweg befindet, wenn ihr in eurer Verblendung weitermacht.
Versöhnung als horizontale Wirklichkeit
Das Angebot der Versöhnung entlastet den Menschen genau an dieser existentiellen Schnittstelle:
Gottes Zusage (Vertikal)
"Du bist angenommen, trotz deiner Begrenzung."
Mensch im Versöhnungszustand
"Entlastet vom Selbsterhaltungsdruck"
Menschliches Zusammenleben (Horizontal)
"Recht tun, Güte lieben, Waisen schützen"
Wenn Gott den Menschen mit seiner gebrochenen Natur annimmt, fällt der Zwang weg, sich ständig auf Kosten anderer behaupten zu müssen. Wer nicht mehr krampfhaft um die eigene Existenz und Selbstvergewisserung kämpfen muss, erlangt überhaupt erst die Freiheit, den Blick vom eigenen Ego abzuwenden. Die Haltung, die Micha fordert, wird dann nicht zu einer unerfüllbaren moralischen Pflichtübung, sondern zur praktischen Konsequenz einer erfahrenen Entlastung.
Das Ethos der Bibel ist zutiefst humanitär. Es schützt die Schwächsten (Witwen, Waisen, Fremde) – also genau jene, die in einer rein machtpolitik- oder marktgetriebenen Logik als Erste unter die Räder kommen. Die Bergpredigt ist in dieser Lesart kein Regelkatalog für Überheilige, sondern eine Überlebensarchitektur für eine friedliche Gesellschaft: Sie bricht den Teufelskreis aus Vergeltung, Gier und Egomanie auf.
Die biblische Botschaft fordert vom Menschen nicht, dass er aufhört, Mensch zu sein. Aber sie bietet ihm an, aus der Feindschaft mit sich selbst, mit den Mitmenschen und mit Gott auszusteigen – um mitten in einer unvollkommenen Welt ein tragfähiges Miteinander zu ermöglichen.
Die Befreiung
| Da der Mensch sich aus seiner existenziellen Disposition nicht selbst befreien kann, entlastet Gott ihn am Kreuz von seinem unheilsamen Herrschaftsanspruch. In Taufe und Abendmahl wird diese Befreiung konkret erfahrbar: Wir müssen nicht Gott sein – wir dürfen endlich Menschen werden. |
Um diese Versöhnung geht es in der gesamten biblischen Botschaft. Dabei muss ein zentraler Punkt betont werden. Nicht Gott muss versöhnt werden, sondern der Mensch. Paulus bringt dies im 2. Korintherbrief prägnant auf den Punkt: „So bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott!“ (2. Kor 5,20). Es handelt sich um eine Bitte, um ein werbendes Angebot von Gottes Seite – keineswegs um eine Anordnung.
Diese biblische Einsicht räumt mit einem der hartnäckigsten und schädlichsten Missverständnisse der Theologiegeschichte auf, nämlich mit der fatalen Vorstellung, ein zorniger Gott müsse durch ein blutiges Opfer besänftigt werden. Die biblische Stoßrichtung verläuft genau umgekehrt!
Nicht Gott verlangt Versöhnung – er bietet sie an
In 2. Korinther 5,18–20 wird deutlich: „Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber.“ Der Text nutzt den Passiv der Gnade. Es heißt eben nicht „Versöhnt gefälligst Gott!“, sondern „Lasst euch versöhnen!“ Gott fordert keine Vorleistungen, kein fehlerfreies Wohlverhalten und kein Selbstopfer. Er macht den ersten Schritt und übernimmt das volle Risiko des Beziehungsangebots.
Das Kreuz: Wie die Gewalt ins Leere läuft
Liest man das Geschehen von Golgatha im Licht von Genesis 3, wird der Mechanismus der Sünde radikal aufgedeckt. Wenn der Mensch sein will wie Gott – also Herr über Leben und Tod, Richter über Gut und Böse –, mündet das konsequent in eine Spirale der Gewalt. Sowohl die römische Besatzungsmacht als auch die religiösen Eliten handelten aus ihrer jeweiligen Logik heraus „im Recht“. Doch diese vermeintliche Vernunft mündete in die Hinrichtung des Unschuldigen.
Dass Jesus auf Gewalt nicht mit Gegengewalt antwortet, entlarvt die Macht der Sünde als tödliche Sackgasse. Am Kreuz absorbiert Gott die Gewalt der Welt, anstatt sie zu spiegeln. Die Gewalt hat keine Chance, ein zweites Mal zuzuschlagen. Sie hat ihre Macht ausgespielt. Denn die Auferweckung zeigt schließlich: Der Tod und seine Helfershelfer haben nicht das letzte Wort – dieses Wort behält Gott.
Taufe und Abendmahl als Ausstieg aus der Macht der Sünde
Vor diesem Hintergrund entfalten die beiden Sakramente ihre volle Befreiungskraft:
- Die Taufe (Römer 6): Sie ist das rituelle Eintreten in das Mit-Sterben und Mit-Auferstehen mit Christus. Das Symbol des Untertauchens signalisiert: Der Zwang, mich selbst wie ein Gott aufführen zu müssen, stirbt hier. Die Sünde verliert ihre Herrschaft, weil der Getaufte nicht mehr im Hamsterrad der Selbsterhaltung und des Machtstrebens gefangen sein muss. Er ist der Illusion entkommen, sich selbst erlösen zu müssen.
- Das Abendmahl: Es ist das reale Beziehungsgeschehen in der Gegenwart. Indem wir Brot und Wein oder Traubensaft teilen, vergewissern wir uns nicht eines abstrakten Dogmas, sondern treten in die lebendige Gemeinschaft mit dem Auferstandenen, der die Logik von Gewalt und Tod überwunden hat. Es ist das Mahl der Befreiten.
Ein Ausblick: Rückbesinnung statt Strukturhektik
Blickt man auf die Gesamtschau dieses Nachdenkens zurück, fügen sich die einzelnen Puzzleteile zu einem klaren Bild zusammen: Sünde ist keine kleinliche Moralverfehlung, sondern eine tief sitzende, menschliche Disposition. Der reine Appell an die Vernunft, dieses Problem zu lösen, scheitert regelmäßig an unserer eigenen Bequemlichkeit und der Sehnsucht nach Entlastung. Da sich der Mensch aus dieser Disposition nicht selbst befreien kann, entlastet Gott ihn am Kreuz von seinem unheilsamen Herrschaftsanspruch: Lasst euch versöhnen mit Gott – mit dem Schöpfer des Himmels und der Erde! In Taufe und Abendmahl wird genau diese Befreiung erfahrbar: Wir müssen nicht Gott sein – wir dürfen endlich Menschen werden.
Welche Konsequenzen hat diese Einsicht aber für die Kirche der Gegenwart?
Es ist kein Geheimnis: Die Kirche steckt in einer tiefen Krise. Sie verliert Mitglieder, Einfluss und – was vielen Kirchenleitungen besonders schmerzlich auffällt – erhebliche Finanzen. Auf diese Entwicklung reagiert der Apparat oft hektisch: Er taumelt von einem Strukturprozess zum nächsten, entwirft neue Zukunfts-Visionen am Reißbrett und bemüht sich um gesellschaftliche Anschlussfähigkeit.
Wie wäre es aber, wenn sich die Kirche stattdessen auf ihr eigentliches theologisches Fundament besinnen würde? Wie wäre es, wenn sie ehrlich und nüchtern vom gebrochenen Verhältnis des Menschen zu Gott sprechen würde – eben nicht mit dem erhabenen, moralischen Zeigefinger vergangener Zeiten, sondern auf Augenhöhe und der heutigen Zeit angemessen?
Wenn Kirche die existentielle Not des Menschen ungeschminkt beim Namen nennt und zugleich die befreiende Antwort Gottes verkündigt, könnte etwas Entscheidendes passieren: Menschen könnten wieder Vertrauen fassen. Sie würden erkennen, dass die Kirche eine Botschaft hat, die weit über das hinausgeht, was Politik, Psychologie oder Wohlfahrtsverbände zu sagen haben.
Darüber mache ich mir zum nächsten Sonntag Gedanken - zum 9. Sonntag nach Trinitatis.

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen