Das Fundament der Confessio Augustana als Kompass für eine evangelische Kirche der Zukunft
Einleitung
Jeder einzelne Sonn- und Feiertag im Verlauf des Kirchenjahres interpretiert einen spezifischen, existenziellen Aspekt unseres christlichen Glaubens. Diesem Rhythmus gehe ich hier in meinem Blog „Predigten nachgedacht“ fortlaufend nach. Als jetzt die beiden Sakramentssonntage anstanden – der 6. Sonntag nach Trinitatis mit dem Fokus auf die Taufe sowie der 7. Sonntag nach Trinitatis mit dem Blick auf das Abendmahl –, berührten die Auslegungen ganz zentrale Fragen der christlichen Existenz.
Beide Sakramente zielen im Kern auf die Versöhnung des Menschen mit Gott. Das setzt dann aber zwingend die Annahme voraus, dass das Verhältnis zwischen Schöpfer und Geschöpf tiefgreifend gestört sein muss.
Diese Einsicht provozierte für mich am 8. Sonntag nach Trinitatis - losgelöst von der üblichen Leseordnung - die radikale Frage nach der Sünde. Was meint „Sünde“ eigentlich, wenn wir sie von moralisierenden Verengungen befreien? So spannte sich schrittweise ein großer Bogen von der Entzweiung des Menschen hin zu seiner Befreiung und Versöhnung mit Gott.
Von der Suche nach sich selbst zur Versöhnung mit Gott
Ein Blick in die Theologiegeschichte zeigt, dass bereits die Reformatoren genau diesen Weg gingen. Martin Luther rang mit der existenziellen Frage: „Wie finde ich einen gnädigen Gott?“
Auch wenn Menschen in einer säkularisierten Gegenwart diese Frage heute kaum mehr in diesem historischen Wortlaut stellen würden, ist die dahinterliegende Not keineswegs verschwunden. Sie hat lediglich ihr Gewand gewechselt. Die moderne Hauptfrage lautet heute: „Wie finde ich zu mir selbst?“ oder „Wie komme ich zurecht mit meinem Leben?“
Die befreiende Antwort der christlichen Botschaft lautet: Die Suche des Menschen nach Identität, Selbstannahme und innerem Frieden kann letztendlich genau damit beantwortet werden, dass die Kirche den Weg zur Versöhnung mit Gott beschreibt. Denn die Versöhnung mit dem Schöpfer führt zwangsläufig auch zur Versöhnung des Menschen mit sich selbst und mit seinen Mitmenschen. Wer vor Gott nichts mehr beweisen muss, wird endlich frei von der Last der Selbsterlösung.
Ein Bekenntnis als Fundament für die Zukunft
Einer der wichtigsten Texte der Reformation – die Confessio Augustana (CA) von 1530, die den lutherischen Ständen damals die politische und theologische Anerkennung durch den Kaiser einbrachte – zeichnete schon vor fast 500 Jahren präzise diesen Weg vor.
Da sich die lutherische Kirche in ihren Leitbildern und Verfassungen bis heute unermüdlich auf die Bibel und die Bekenntnisschriften beruft und das 500-jährige Jubiläum der CA sich ankündigt, liegt es nahe, den einzelnen Artikeln dieses Gründungsdokuments neu nachzugehen. Die CA beschreibt kein verstaubtes Sonderwissen, sondern ein tragfähiges Fundament, auf das die lutherischen Kirchen bei ihrer gegenwärtigen Neuausrichtung aufbauen können – nein: aufbauen müssen, wenn sie denn an einer zukunftsfähigen Kirche arbeiten wollen, die ihren Namen zu Recht trägt.
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Zum Aufbau dieser Abhandlung
Die folgenden Ausführungen zu den Artikeln 1 bis 13 der Confessio Augustana sind naturgemäß ausführlicher ausgefallen. Sie spannen den Bogen von Gottes- und Sündenverständnis über die Christologie, die Rechtfertigung und die Gnadenmittel bis hin zur Ekklesiologie und den Sakramenten. Dabei beziehe ich mich auch immer wieder auf frühere Beiträge in diesem Blog. Das dort Beschriebene soll und kann natürlich nicht in ganzer Breite wiederholt werden. Deshalb wird es unumgänglich sein, das eine oder andere Mal die älteren Blogbeiträge aufzurufen.
Der Text ist so angelegt, dass er in einem Rutsch gelesen werden kann, um die innere Dramaturgie des reformatorischen Denkens im Zusammenhang zu erfassen. Es spricht jedoch nichts dagegen, abschnittsweise vorzugehen und die einzelnen Artikel als eigenständige Impulse zu reflektieren.
Der Blick in die Gegenwart
Allen Abschnitten gemeinsam ist der kritische, aufbauende Blick auf die Gegenwart: Jeder Artikel schließt mit der konkreten Frage ab, welche handfesten Auswirkung diese theologischen Überlegungen für die Praxis, die Verkündigung und die Strukturen der heutigen evangelischen Kirche haben müssen.
Wenn diese Kirche einen echten Neuanfang wagen will, hilft keine organisatorische Hektik und keine reine PR-Strategie. Die lutherische Kirche muss sich auf das besinnen, was sie im Innersten trägt. Die klassische Richtschnur hierfür ist das grundlegende lutherische Bekenntnis, die Confessio Augustana (CA) von 1530.
Doch Bekenntnisse von gestern sprechen nicht von selbst zur Welt von heute. Wer die Altarsprache des 16. Jahrhunderts nur wiederkäut, erntet Unverständnis. Wir müssen die Begriffe entmythologisieren – das bedeutet nicht, sie abzuschaffen, sondern ihre eigentliche, existentielle Stoßrichtung für das heutige Denken wieder lesbar zu machen.
Artikel 1 der Confessio Augustana: Von Gott (Trinität)
„Zuerst wird einträchtig laut Beschluss des Konzils von Nizäa gelehrt und festgehalten, dass ein einziges göttliches Wesen sei, das Gott genannt wird [...] und dass doch drei Personen in diesem einen göttlichen Wesen sind, alle drei gleich mächtig, gleich ewig: Gott Vater, Gott Sohn, Gott Heiliger Geist...“
— CA 1
Für viele moderne Menschen klingt das Dogma der Dreieinigkeit zunächst nach spekulativer Zahlenmystik oder verstaubter antiker Metaphysik. Wozu braucht es überhaupt einen dreieinigen Gott?
Versteht man CA 1 jedoch von der konkreten Glaubenspraxis und den Fundamenten unseres Denkens her, zeigt sich ein völlig anderes Bild: Die Trinitätslehre ist kein abstraktes Rechenexempel, sondern der Versuch, die vielschichtige Erfahrung zu beschreiben, die Menschen seit jeher mit dem lebendigen Gott machen. Christen begegnen Gott nicht als einer fernen, unbeweglichen Idee, sondern erfahren ihn in einer dreifachen Beziehungsdynamik: als den Schöpfer der Welt, als den Erlöser in Jesus Christus und als die gegenwärtige Kraft, die Glauben und Einsicht überhaupt erst ermöglicht.
Damit wird Artikel 1 zur entscheidenden Voraussetzung für jedes christliche Freiheitsverständnis.
1. Gott Vater: Der Ursprung jenseits des Zufalls
Am Anfang steht die Anerkennung einer Wirklichkeit, die größer ist als wir selbst. Dass da ein Gott ist, der sich in der Taufe Jesu als dessen Vater zu erkennen gibt und der Himmel und Erde erschaffen hat.
Wenn wir heute auf das Universum blicken, tun wir das im vollen Bewusstsein naturwissenschaftlicher Erkenntnisse (vom Urknall bis zur Evolution). Die biblische Schöpfungserzählung konkurriert nicht mit der Physik, sondern beantwortet eine ganz andere Frage: Ist all das ein sinnloser, mathematischer Zufall?
Der Glaube antwortet: Nein, die Welt ist von Gott gewollt und ins Dasein gerufen. Die Welt und das menschliche Leben sind nicht das bloße Produkt eines stummen, kalten Zufalls der Evolution, vielmehr gehen sie aus dem freien, liebevollen Willen eines Schöpfers hervor, den wir im Anschluss an Jesus liebevoll unseren Vater im Himmel nennen dürfen. Das verändert unsere Selbstwahrnehmung grundlegend. Wir verdanken unsere Existenz einem Gegenüber, das uns gewollt hat. Gott als Vater garantiert, dass die Welt einen Sinn hat und dass die Würde des Menschen nicht von seiner eigenen Leistung, Marktverwertbarkeit oder Selbstdarstellung abhängt, sondern in seinem Ursprung jenseits dieser Welt verankert ist.
2. Gott Sohn: Die Durchbrechung der menschlichen Disposition
Gott bleibt nicht eine abstrakte kosmische Macht. In Jesus Christus wird er greifbar: wahrer Mensch und wahrer Gott, vom Vater in der Taufe und bei der Verklärung als sein Sohn benannt.
Für unser anthropologisches Bild ist das entscheidend:
- Der Tod Christi: Jesus stirbt nicht, um einen zornigen Herrscher zu besänftigen, sondern er stirbt durch die menschliche Sünde und für sie.
- Sünde neu buchstabiert: Sünde ist keine Ansammlung kleinteiliger Moralverfehlungen, sondern die tief sitzende dispositionelle Unfähigkeit des Menschen, mit Gott im Frieden zu leben und das als richtig Erkannte aus eigener Kraft in die Tat umzusetzen.
- Der Tod als Trennung: Der Tod ist in dieser Lesart keine „Strafe“ Gottes für fehlerhaftes Betragen, sondern die radikale Konsequenz und das Symbol für die tiefe Entfremdung und Trennung des Menschen von seinem Schöpfer.
- Auferweckung: Indem Christus in die Wirklichkeit Gottes auferweckt wird, bricht Gott die Macht dieser Trennung auf. Der Teufelskreis aus Verfehlungsdruck, Selbsterhaltungsdrang und existentieller Angst ist am Kreuz und in der Begegnung mit dem Auferstandenen überwunden.
3. Gott Heiliger Geist: Die Ermöglichung der Erkenntnis
Wie wird diese historische und existentielle Zusage für uns im 21. Jahrhundert wirksam? Durch den Heiligen Geist!
Er ist es, der den Blick auf das Taufgeschehen Jesu und die Bedeutung des Kreuzes überhaupt erst öffnet. Der Geist ist keine magische Substanz, sondern die Wirkkraft Gottes, die uns in der Taufe zugesagt wird. Er ermöglicht es dem Menschen – entlastet von dem Zwang, sich selbst erlösen zu müssen –, als begnadigter Mensch Schritt für Schritt zu versuchen, dem Willen Gottes in Denken und Handeln zu entsprechen.
Was bedeutet das für den Neuanfang der Kirche?
CA 1 stellt klarsichtig fest: Gott ist das Subjekt, nicht der Mensch.
Eine Kirche, die wieder Zukunft haben will, muss hier anfangen. Sie muss aufhören, sich selbst zum Thema zu machen oder sich als reine Moralagentur aufzuführen. Wenn die Kirche Gott wieder als das Fundament versteht – den Vater als Grund des Lebens, den Sohn als Retter aus der menschlichen Selbstverstrickung und den Geist als Befreier zum Handeln –, dann gewinnt sie genau jene Nüchternheit und Tiefe zurück, die die Welt von ihr braucht.
Artikel 2 der Confessio Augustana: Von der Erbsünde
„Weiter wird bei uns gelehrt, dass seit dem Fall Adams alle natürlich geborenen Menschen in Sünde empfangen und geboren werden, das heißt, dass sie alle von Mutterleibe an voll böser Lust und Neigung sind und keine wahre Gottesfurcht, keinen wahren Glauben an Gott von Natur haben können [...]“
— CA 2
Wenn moderne Zeitgenossen das Wort „Erbsünde“ hören, winkt die Mehrheit ab. Diese Zeilen der Cofessio klingen nach biologischer Sippenhaft, mittelalterlicher Komplexbeladenheit oder einer dunklen Pädagogik, die schon Säuglingen eine Schuld aufbürdet. Doch wer CA 2 auf diese mittelalterliche Vorstellung reduziert, verfehlt den Kern dieses Artikels vollkommen. Nüchtern betrachtet bietet CA 2 eine erschreckend präzise Diagnose der menschlichen Natur.
1. Sünde als strukturelle Disposition (Die Ursünde)
Wie ich bereits im Beitrag zum 8. Sonntag nach Trinitatis herausgearbeitet und oben angerissen habe, ist Sünde im biblischen und reformatorischen Verständnis keine kleinteilige Moralverfehlung und kein Punktekonto für Fehlverhalten.
Sünde ist eine strukturelle menschliche Disposition – die tief sitzende Unfähigkeit des Menschen, mit Gott im Frieden zu leben und das als richtig Erkannte aus eigener Kraft konsequent in die Tat umzusetzen. Es ist der biologisch und existenziell verankerte Hamsterrad-Zwang zur Selbsterhaltung, zum Egoismus und zum Machtstreben. Wir werden in Verhältnisse hineingeboren, die von dieser Disposition geprägt sind, und tragen sie selbst in uns. Wir haben nicht nur Sünde – wir sind in diesen Zustand verstrickt.
2. Von der Ursünde zu den Tatsünden
Aus der grundlegenden Ursünde – dem Versuch des Menschen, selbst „sein zu wollen wie Gott“ (Gen 3) und sich sein Heil so eigenmächtig zu schaffen – erwachsen zwingend die konkreten Tatsünden:
- Aus der Angst um die eigene Existenz wird Gier.
- Aus dem Zwang zur Selbstbehauptung wird Machtmissbrauch und Ausbeutung.
- Aus dem Verlust von Vertrauen wird Feindschaft und Entfremdung.
Die kleinen und großen Verfehlungen des Alltags sind nur die Symptome; die dispositionelle Entfremdung von Gott ist die Ursache.
3. Das Chaos der Gegenwart: Die Anatomie einer gottlosen Welt
Schauen wir ungeschminkt auf die Krisen unserer Gegenwart – auf Kriege, Klimakatastrophen, gesellschaftliche Spaltung und das Zerbrechen friedlicher Ordnungen –, dann erleben wir das, was die Theologie die Folgen einer gottlosen Welt nennt.
„Gottlos“ bedeutet hier nicht primär das Fehlen kirchlicher Riten, sondern ein Leben, das nicht mehr mit Gott rechnet. Wenn der Mensch keinen Schöpfer mehr über sich anerkennt, muss er selbst der letzte Maßstab sein. Er schwingt sich auf zum Richter über Leben, Natur und Mitmenschen.
Das Resultat dieser totalen Überforderung sehen wir täglich in den Nachrichten: Eine Welt, die sich absolut setzt, endet unweigerlich im Chaos. Das Chaos der Gegenwart ist keine „Strafe“ eines willkürlichen Gottes, sondern die logische, krisenhafte Konsequenz des menschlichen Versuchs, ohne das göttliche Gegenüber zu existieren.
Was bedeutet das für die Kirche?
Eine Kirche, die den Mut hat, CA 2 so auszulegen, dass sie von der Ursünde als von einer menschlichen Disposition spricht, eine solche Kirche hört auf, Moralin zu verschreiben. Sie klagt nicht an, sondern sie diagnostiziert.
Sie sagt den Menschen nicht überheblich: „Ihr seid schlechte Menschen!“, sondern sie bietet eine nüchterne Analyse an: „Wir alle stecken in einer tiefen Disposition fest, die uns überfordert und die Welt ins Chaos stürzt, wenn wir uns selbst überlassen bleiben.“
Erst wenn diese Diagnose ehrlich gestellt ist, wird die Medizin des Evangeliums – die Befreiung durch die Gnade (CA 4) – überhaupt erst wieder als rettend begreifbar.
Artikel 3 der Confessio Augustana: Vom Sohn Gottes
„Weiter wird gelehrt, dass Gott der Sohn Mensch geworden ist, geboren von der reinen Jungfrau Maria, und dass die zwei Naturen, die göttliche und die menschliche, in einer Person [...] unzertrennlich vereinigt sind, ein Christus, wahrer Gott und wahrer Mensch [...]“
— CA 3
Wenn die Alt-Kirche und das Reformationszeitalter von den „zwei Naturen“ Christi sprechen – von wahrem Menschen und wahrem Gott –, geraten Theologie und Philosophie schnell in komplizierte Begriffssysteme. Doch der Glaube verlangt nicht, dieses Geheimnis philosophisch-logisch zu sezieren. CA 3 ist kein mathematisches Rätsel, das wir lösen müssen, sondern ein existenzielles Bekenntnis: In Jesus begegnet uns Gott nicht aus spekulativer Distanz, sondern mitten in unserer menschlichen Existenz.
Dass Christus wahrer Mensch und wahrer Gott ist, wahrt das Geheimnis Gottes, ohne es zu zerstören:
- Wahrer Mensch: Jesus kennt die Grenzen, die Ohnmacht und das Leid der menschlichen Existenz von innen heraus. Er ist kein erhabenes Wesen, das unberührt über den Dingen schwebt.
- Wahrer Gott: In ihm handelt nicht einfach ein reformerischer Ethiker oder ein gescheiterter Prophet, sondern Gott selbst macht sich im menschlichen Leben erfahrbar.
1. Das Kreuz: Nicht der Zorn Gottes, sondern der Griff des Menschen nach der Gottebenbildlichkeit
An dieser Stelle muss mit dem hartnäckigsten Missverständnis der Dogmengeschichte aufgeräumt werden: Der Tod Jesu ist kein Blutopfer für einen zornigen Gott, der durch den Tod seines Sohnes sanft gestimmt werden müsste. Gott verlangt kein Blut.
Jesus wird vielmehr das Opfer des gottlosen und gottvergessenen Menschen.
Weil der Mensch in seiner dispositionellen Sünde sein will wie Gott – Richter über Gut und Böse, Herr über Leben und Tod –, erträgt er den nicht, der ohne Herrschaftsanspruch und ohne Gewalt auftritt. Die religiösen und politischen Mächte wähnten sich aus ihrer Logik heraus völlig „im Recht“, als sie Jesus zum Tode verurteilten. Am Kreuz entlarvt sich die menschliche Gottlosigkeit: Der Mensch richtet seinen eigenen Schöpfer.
Doch Gottes Antwort ist keine Gegengewalt. Am Kreuz lässt Gott die Gewalt der Welt ins Leere laufen. Gott absorbiert das Unrecht, anstatt den Gewaltzirkel fortzusetzen.
2. Die Auferstehung: Gottes Antwort auf den Sündenfall
In der Auferweckung setzt Gott den entscheidenden Neuanfang. Die Jünger und Jüngerinnen haben diesen Durchbruch real erlebt und bezeugt – auch wenn dieses Geschehen mit den üblichen Kategorien unserer Welt, der Naturwissenschaften oder der Historik nicht adäquat zu beschreiben ist.
Die Auferstehung ist Gottes unmissverständliche Ansage an die Welt: Nicht der Tod und nicht die menschliche Gewalt behalten das letzte Wort.
Kreuz und Auferstehung sind Gottes direkte Antwort auf den Sündenfall aus Genesis 3:
- Wo der Mensch die Gemeinschaft mit Gott aufgibt, um selbst Gott zu sein, antwortet Gott nicht mit Vernichtung, sondern mit einem radikalen Beziehungsangebot.
- In seinem Sohn bietet Gott dem Menschen die Versöhnung an – bedingungslos und ohne Vorleistung.
Allein auf diesem Doppelgeschehen von Kreuz und Auferstehung gründet der christliche Glaube. Es ist das Fundament, mit dem alles steht oder fällt.
Was bedeutet das für die Kirche?
Eine Kirche, die aus CA 3 lebt, hört auf, Jesus als bloßen Sozialreformer oder Ethiklehrer zu verharmlosen. Sie verkündigt ihn als die historische Gestalt, in der Gott selbst die tiefste Not des Menschen getragen und durchbrochen hat.
Wenn die Kirche dieses Geheimnis von Kreuz und Auferstehung wieder unverfälscht in den Mittelpunkt stellt, bietet sie den Menschen keine billigen Trostpflaster, sondern eine Zusage von unvergleichlicher Tragweite: Die Mächte des Todes und der Selbstdestruktion sind bereits besiegt.
Artikel 4 der Confessio Augustana: Von der Rechtfertigung
„Weiter wird gelehrt, dass wir Vergebung der Sünde und Gerechtigkeit vor Gott nicht erlangen können durch unsere Verdienste, Werke und Genugtuung, sondern dass wir Vergebung der Sünde bekommen und vor Gott gerecht werden aus Gnade um Christi willen durch den Glauben [...]“
— CA 4
Es gehört zu den tragischsten Irrtümern der modernen evangelischen Kirche zu glauben, mit der Rechtfertigungslehre sei man heute nicht mehr „anknüpfungsfähig“. Oft wird behauptet, der heutige Mensch frage nicht mehr wie Luther nach einem „gnädigen Gott“.
Das Gegenteil ist wahr: Wenn wir – wie in CA 2 gezeigt – von der Sünde als der strukturellen Disposition des Menschen sprechen, vom Beziehungsabbruch zu Gott und von einer Gottlosigkeit im theologischen (nicht moralischen) Sinn, dann erweist sich die Rechtfertigungslehre als die genau passende, befreiende Antwort auf die existentielle Not unserer Zeit.
1. Biblische Gerechtigkeit: Tsedaka statt juristischer Maßstab (Iustitia)
Um die Tragweite von CA 4 heute neu zu verstehen, müssen wir den Begriff der „Gerechtigkeit“ aus seiner modernen Verengung befreien. Im abendländischen Denken wird Gerechtigkeit meist juristisch (iustitia) verstanden: im Sinne von Paragraphen, Vergeltung, Leistung und Gegenleistung oder einem richtenenden Urteil nach Verdienst.
Das biblische Verständnis hingegen meint etwas völlig anderes: Das hebräische Wort für Gerechtigkeit, Tsedaka, ist kein juristischer Maßstab, sondern ein Beziehungsbegriff. Es meint eine „gemeinschaftstreue“, heilvolle Ordnung. Wenn Gott den Menschen „gerecht macht“, bedeutet das nicht, dass er ein kühles Gerichtsurteil fällt. Es bedeutet, dass Gott das zerrüttete Verhältnis wieder zurecht-rückt.
Rechtfertigung ist das Handeln Gottes, durch das er den aus der Beziehung herausgefallenen Menschen wieder in das rechte, heilsame Verhältnis zu sich selbst, zu seinem Schöpfer und zu seiner Umwelt setzt.
2. Einordnung in die Schöpfung: Die Freiheit der Endlichkeit
Wer durch dieses Zurechtrücken an Gott den Schöpfer glaubt, ordnet sich nüchtern in die reale Welt ein. Dieser Glaube anerkennt: Schöpfung und Mensch sind endlich, vergänglich und verletzlich.
Der natürliche Tod, Krankheiten, Katastrophen und seelische Verletzungen gehören unsausweichlich zum menschlichen Leben dazu. Gott hat uns nicht als unsterbliche Halbgötter erschaffen, sondern als begrenzte Geschöpfe. Wer das akzeptiert, wird vom Wahn erlöst, das Leben perfekt, schmerzfrei und ewig gestalten zu müssen.
3. Das Leiden an der Welt: Keine Grausamkeit Gottes, sondern Folge der Eigenmächtigkeit
Durch den theologischen Sündenbegriff lassen sich die negativen Erfahrungen unserer Existenz realistisch einbinden:
Wenn wir unter den Krisen der Welt – unter Krieg, Zerstörung, Verunglimpfung und Ausbeutung – leiden, ist es keineswegs Gott, der dies grausam „zulässt“ oder schicksalhaft verhängt. Es ist der Mensch selbst, der all dies durch seine Gottlosigkeit, seine Eigenmächtigkeit und seinen Versuch, selbst Herrscher der Welt zu sein, provoziert. Das Leid der Welt ist in den seltensten Fällen eine „Prüfung Gottes“, sondern schlicht die logische Konsequenz unseres Versuchs, ohne die heilende Beziehungsordnung des Schöpfers zu leben.
4. Der Grabenbruch und das Geschenk des Glaubens
Hier setzt die Verheißung der Tsedaka an. Wie entsteht eine neue Gottesbeziehung, wenn der Mensch sich im Hamsterrad seiner Selbstbehauptung festgerannt hat?
- Gott überwindet den Graben: Nicht der Mensch muss eine steile Leiter zu Gott hinaufsteigen oder moralische Vorleistungen erbringen. Gott kommt von sich aus über den tiefen Graben, der uns von ihm trennt.
- Das getragene Schicksal: Jesus Christus hat die vollen Konsequenzen dieser menschlichen Gottlosigkeit getragen. Sein radikales Vertrauen zum Vater wird uns im Glauben zugerechnet – wie ein Geschenk, das wir nicht erarbeiten können.
- Glaube als reines Geschenkt-Befundensein: Dieser Glaube baut nicht auf den Leistungswilligen oder den intellektuellen Fähigkeiten des Menschen. Er ist ein reines Geschenk der Gnade, das der Mensch ergreifen und annehmen – oder eben auch ignorieren und ausschlagen – kann.
Was bedeutet das für die Kirche?
Erst wo der Mensch durch dieses Geschenk erfährt, dass er vor Gott ohne jedes Eigenverdienst in die heilsame Beziehungsordnung (Tsedaka) zurückgeholt wurde, wird er tiefgreifend verändert:
Aus dem geschenkten Vertrauen zu Gott erwächst überhaupt erst die Freiheit, ohne Angst auf sich selbst und auf den Mitmenschen zuzugehen. Wer seinen eigenen Wert nicht mehr krampfhaft durch Leistung, Wohlstand oder moralische Überlegenheit beweisen muss, wird mit sich selbst versöhnt. Er bekommt die Hände frei, um nun auch in der Horizontalen Recht zu tun, Güte zu leben und dem Nächsten ohne Eigennutz zu dienen.
Eine Kirche, die diese Zusage wieder unverkürzt ins Zentrum stellt, verlässt den Zeigefinger-Modus und wird zu einem Raum echter Entlastung – genau der Raum, den eine zutiefst verunsicherte Gesellschaft heute braucht.
Artikel 5 der Confessio Augustana: Vom Predigtamt
„Solchen Glauben zu erlangen, hat Gott das Predigtamt eingesetzt, Evangelium und Sakramente gegeben, dadurch er, als durch Mittel, den Heiligen Geist gibt, welcher den Glauben, wo und wann er will, in denen, so das Evangelium hören, wirkt [...]“
— CA 5
Nachdem CA 4 die befreiende Zusage der Rechtfertigung entfaltet hat, stellt CA 5 die entscheidende Frage nach der Vermittlung: Wie gelangt dieses Geschenk des Glaubens überhaupt zum Menschen?
Für die Reformatoren stand außer Frage: Dieser Glaube fällt nicht vom Himmel, er wird vermittelt. Gott nutzt dazu konkrete, irdische Werkzeuge – die sogenannten „Mittel der Gnade“. Das geschieht im gefeierten Gottesdienst, unter dem gesprochenen Wort der Predigt und in den sichtbaren Zeichen der Sakramente (Taufe und Abendmahl).
1. Das Wort, das den Geist wirkt: Bedingung der Schriftgemäßheit
CA 5 betont, dass Gott den Heiligen Geist durch das gehörte Wort wirkt. Auf die brennende Frage, wer genau dieses Predigtwort vermitteln darf, gehe ich an dieser Stelle bewusst nicht ein. Die entscheidende Bedingung liegt vielmehr inhaltlich:
Das Predigtwort muss auf dem Wort Gottes gründen, wie es in der Heiligen Schrift dargelegt ist. Das bedeutet keine buchstabengetreue Wiederholung antiker Texte, aber immer eine Auslegung im Sinn des bisher Gesagten: begründet auf dem Glauben an Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist. Wo diese trinitarische Mitte verlassen wird, hört die Predigt auf, Mittel der Gnade zu sein.
2. Die Tragik der Effizienzdebatte: Wenn der Gottesdienst zum Dispositionsmodell wird
Vor diesem theologischen Hintergrund ist es von einer besonderen Tragik, dass es in der evangelischen Kirche Strömungen gibt, die den Sonntagsgottesdienst – den eigentlichen Ort der Glaubensvermittlung – aus bloßen Effizienzgründen in Frage stellen.
- Die „ergebnisoffene“ Diskussion: Thies Gundlach, damals Vizepräsident des Kirchenamtes der EKD, vertrat 2019 die These, dass über den Sonntagsgottesdienst morgens um 10.00 Uhr ergebnisoffen diskutiert werden müsse.
- Die missverständliche Botschaft: Der hannoversche Landesbischof Ralf Meister sagte 2023 den Satz: „Jesus ist doch nicht durch Galiläa gezogen und hat gesagt, sonntags um 10 Uhr müsst Ihr kommen und beten!“ Auch wenn er dies vielleicht anders meinte, kam die Botschaft in der Öffentlichkeit fatalerweise so an: „Der 10-Uhr-Gottesdienst am Sonntag ist ein Auslaufmodell.“ Dass dieser Deutung von kirchenamtlicher Seite nicht vehement widersprochen wurde, spricht Bände über den aktuellen Zustand der theologischen Selbstvergewisserung.
3. Ein Armutszeugnis: Gemeindezusammenlegung und die hausgemachte Krise
Es ist ein Armutszeugnis, dass in der Folge von Gemeindezusammenlegungen und Strukturbereinigungen der Gottesdienst immer stärker unter dem kaufmännischen Blickwinkel der Effizienz betrachtet wird. Dass es mancherorts schwerfällt, Predigerinnen und Prediger zu finden, soll nicht abgestritten werden. Aber dies ist zu einem großen Teil ein hausgemachtes Problem:- Verprellter Nachwuchs: Der theologische Nachwuchs wurde teilweise verprellt. Neben Predigenden fehlen natürlich auch Musikerinnen und Musiker, weil die Bedingungen nicht mehr stimmen.
- Mangelnde Liebe und Gründlichkeit: Wenn Gottesdienste nicht ansprechend und gründlich vorbereitet sind – so, dass man die Liebe zum Gottesdienst bei den Akteuren nicht deutlich erkennt –, dann darf man sich nicht wundern, dass die Gemeinde ausbleibt. Dann kommen nur noch jene, die sich verpflichtet fühlen, zu erscheinen.
Was bedeutet das für die Kirche?
Eine Kirche, die CA 5 ernst nimmt, hört auf, den Gottesdienst als Verhandlungsmasse oder Last zu betrachten. Sie erkennt ihn als den Lebensquell ihrer Existenz.
Wenn der Gottesdienst der Ort ist, an dem Gott selbst den Heiligen Geist wirkt und Glauben schenkt, dann darf er nicht betriebswirtschaftlich „wegoptimiert“ werden. Die Kirche muss stattdessen alles daransetzen, die Qualität, die Liebe und die theologische Tiefenschärfe der Vorbereitung wiederzuentdecken. CA 5 ruft uns zu: Ohne das gepredigte Wort und die Sakramente verhungert der Glaube.
Artikel 6 der Confessio Augustana: Vom neuen Gehorsam
„Weiter wird gelehrt, dass solcher Glaube gute Früchte und gute Werke bringen soll und dass man allerlei gute Werke tun muss, die Gott geboten hat, um Gottes willen, und nicht auf solche Werke zu vertrauen, dadurch Vergebung der Sünden vor Gott zu verdienen [...]“
— CA 6
Artikel 6 klärt das Verhältnis von Glaube und Handeln: Gute Werke sind nicht die Voraussetzung für das Heil, sondern seine Frucht. Die CA macht dabei kompromisslos deutlich, dass der Mensch das wahre Gute nicht aus eigener Kraft oder um des eigenen Heils willen erringen kann.
Um diesen Artikel für die Gegenwart zu erschließen, müssen wir jedoch differenzieren – individuell wie auch gesamtgesellschaftlich.
1. Die Anerkennung des Humanismus vs. die Macht der Verfehlung
Niemand wird bestreiten, dass auch Menschen, die nicht an Gott glauben, zutiefst humanistisch, fürsorglich und uneigennützig handeln können. Es wäre anmaßend und falsch, nichtchristlichen Mitmenschen den Willen zur guten Tat abzusprechen.
Doch auf der Ebene der Menschheit als Ganzer erleben wir das Scheitern dieses rein menschlichen Optimismus. Seit Jahrzehnten überbieten sich Politik, Gesellschaft, NGOs und eben auch die Kirchen in moralischen Appellen. Und das Ergebnis? Die Krisen verschärfen sich, der Zynismus wächst, und das Gute setzt sich nicht automatisch durch.
Moralische Appelle führen nicht weiter. Sie erzeugen auf Dauer nur Erschöpfung, Schuldgefühle oder Abwehr. Würden die moralischen Appelle der Kirchen tatsächlich verfangen, müssten die Kirchenbänke sonntags voll sein. Das Gegenteil ist der Fall: Die Menschen gehen weg, weil sie des dauerhaften moralischen Zeigefingers überdrüssig sind.
2. Gute Werke erwachsen aus dem Glauben, nicht aus dem Appell
Hier erweisen sich die Reformatoren als verblüffend realistisch: Gute Werke lassen sich nicht erpressen oder verordnen. Sie erwachsen organischerweise erst aus dem Glauben – als Reaktion auf die erfahrene Befreiung und Entlastung (CA 4).
Wer begriffen hat, dass er vor Gott nichts mehr leisten oder beweisen muss, wird frei, dem Nächsten ohne Eigeninteresse zu dienen. Der Glaube setzt die Kraft zum Handeln frei, weil er den Menschen vom Zwang der Selbsterhaltung erlöst.
3. Das Fundament vor der Wirkung
Es ist deshalb höchste Zeit, dass die Kirche aufhört, sich selbst primär als ethische Mahnanstalt oder sozialpolitische NGO zu definieren. Sie muss für sich selbst diesen Glauben wieder in das Zentrum stellen.
Inwieweit diese Rückbesinnung auf das Fundament dann positive gesellschaftliche Auswirkungen hat, muss und wird sich zeigen. Aber daran kann und darf die Kirche letztlich nicht gemessen werden:
- Es geht der Kirche nicht um eine krampfhaft angestrebte Sozial-Wirkung oder um politische Relevanzpunkte.
- Es geht schlicht und ergreifend um das Fundament für einen echten Neuanfang.
Was bedeutet das für die Kirche?
Eine Kirche, die CA 6 ernst nimmt, verabschiedet sich vom moralischen Zeigefinger. Sie hört auf, der Welt ständig zu sagen, was diese zu tun hat, solange sie selbst ihr eigenes Fundament vernachlässigt.
Wenn Kirche wieder zu einem Ort wird, an dem der Glaube gefeiert und die Befreiung durch Gott verkündigt wird, entstehen die guten Werke ganz von selbst – unaufgeregt, praktisch und heilsam mitten in der Welt.
Artikel 7 und 8 der Confessio Augustana: Von der Kirche und ihrer Realität
„Es wird auch gelehrt, dass allezeit eine heilige, christliche Kirche sein und bleiben muss, welche die Versammlung aller Gläubigen ist, bei welchen das Evangelium rein gepredigt und die heiligen Sakramente laut dem Evangelium gereicht werden [...] Wiewohl die Kirche eigentlich die Versammlung der Heiligen und wahrhaft Glaubenden ist, so befinden sich doch in diesem Leben unter den Glaubenden viele falsche Christen und Heuchler [...]“
— CA 7 & 8
Wer nach dem Wesen der Kirche fragt, muss Artikel 7 und 8 zusammendenken: CA 7 definiert das Fundament der Kirche, während CA 8 den nüchternen Realismus beisteuert. Den historischen Kirchenstreit des 16. Jahrhunderts lassen wir an dieser Stelle bewusst außen vor; das Bekenntnis stellt uns zwei zeitlose Wahrheiten vor Augen.
1. Die beiden Erkennungszeichen (CA 7): Basis für Aufbruch und Ökumene
CA 7 benennt die zwei unverzichtbaren Wesensmerkmale, die sogenannten notae ecclesiae, an denen Kirche überhaupt erst als solche erkennbar wird:
- Das Evangelium rein zu predigen.
- Die Sakramente (insbesondere Taufe und Abendmahl) dem Evangelium gemäß zu reichen.
Wo dies geschieht, da ist Kirche – schlank, klar und befreiend. Das ist nicht nur die Richtschnur für die evangelische Kirche, sondern auch eine tragfähige Basis für das ökumenische Gespräch:
- Ökumenische Basis: Die Predigt des Evangeliums und die Spendung der Sakramente verbinden alle christlichen Konfessionen. Auf dieser Grundlage muss das Gespräch geführt werden – etwa mit der römisch-katholischen Kirche, die seit dem II. Vatikanischen Konzil die Gemeinschaft mit dem Papst und den Bischöfen als zentrales Merkmal betont. CA 7 erinnert daran, dass die Substanz von Kirche nicht an Bischofsämtern hängt, sondern an Wort und Sakrament.
- Selbstkritischer Spiegel: Die evangelische Kirche muss sich ehrlich fragen, woran sie sich heute selbst orientiert. Wenn in Leitbildern zwar formelhaft von der „Verkündigung des Evangeliums“ gesprochen wird, in der Praxis aber über den Sonntagsgottesdienst aus bloßen Effizienzgründen diskutiert wird, hat man sich weit von der Einsicht entfernt, dass Wort und Sakrament das unhinterfragbare Zentrum bilden.
2. Der Realismus der Unvollkommenheit (CA 8): Kirche ist nicht das Reich Gottes
Artikel 8 ergänzt diese Definition um einen wohltuenden Protektionsschutz gegen jede Form von kirchenfrommer Selbstüberschätzung: Die Kirche ist nicht das Reich Gottes und nicht der Himmel auf Erden.
In ihr versammeln sich keine makellosen Überheiligen, sondern begnadigte Sünder – und eben auch Menschen, die sich nur dem Namen nach Christen nennen, im Denken und Handeln dem Evangelium jedoch widersprechen.
Zur Zeit der Reformation stand die Frage im Raum, ob Sakramente wirksam bleiben, wenn sie von Priestern gespendet werden, deren Lebenswandel dem Evangelium widerspricht. Die Reformatoren antworteten mit einem klaren Ja: Die Wirksamkeit von Gottes Zusage hängt nicht an der moralischen Lauterkeit des Anstellers oder Amtsträgers, sondern an Gottes Zusage selbst.
3. Die Anfälligkeit der Gegenwart: Wenn das Fundament bröckelt
Für die Gegenwart lässt sich dieser Gedanke wie folgt übersetzen: Die Glaubwürdigkeit des Evangeliums und der Sakramente darf nicht am Fehlverhalten einzelner Personen festgemacht werden. Menschliches Scheitern, Unzulänglichkeiten und Schuld gab es in der Kirche zu allen Zeiten und wird es immer geben.
Doch hier liegt die große Warnung für die evangelische Kirche der Gegenwart:
Je weiter sich die Kirche von ihren eigentlichen notae (Wort und Sakrament) entfernt und je mehr sie sich als moralische Institution, Haltungs-Agentur oder Verwaltungskörper inszeniert, desto anfälliger wird das Bild der Kirche für das Verhalten einzelner Amtsträger.
Wenn der Inhalt – die befreiende Botschaft von der Rechtfertigung aus Gnade – im Hintergrund verschwindet, schauen die Menschen nur noch auf das Personal. Scheitert dann die Pfarrerin, der Bischof oder das Gemeindemitglied am eigenen moralischen Anspruch, bricht für die Beobachter das gesamte Gebilde zusammen. Erst die Rückbesinnung darauf, dass Gott durch sein Wort handelt (und nicht die fehlerhafte Person auf und neben der Kanzel), schenkt der Kirche jene Nüchternheit, die sie vor der Dauer-Skandalisierung bewahrt.
Was bedeutet das für den Neuanfang?
CA 7 und 8 rufen die Kirche zu einer gesunden Demut und zugleich zu klarer Profilierung auf.
Sie soll aufhören, so zu tun, als sei sie die bessere Gesellschaft. Sie ist ein Ort fehlerhafter Menschen, die gemeinsam von einer unfehlbaren Zusage leben. Ein Neuanfang gelingt nicht durch die Perfektionierung kirchlichen Personals oder moralischer Haltungen, sondern durch das unerschütterliche Festhalten an Wort und Sakrament als den einzigen echten Lebensadern der Kirche.
Artikel 9 der Confessio Augustana: Von der Taufe
„Von der Taufe wird gelehrt, dass sie zum Heil nötig sei und dass durch die Taufe die Gnade Gottes angeboten werde; und dass man auch die Kinder taufen soll, welche durch solche Taufe Gott überantwortet und ihm gefällig werden [...]“
— CA 9
Artikel 9 der CA bringt das Sakrament des Anfangs auf den Punkt: Die Taufe ist nicht bloß eine schöne Familienfeier oder ein Traditionssymbol, sondern das Handeln Gottes, durch das dem Menschen die Gnade bedingungslos angeboten wird. Wenn im Folgenden die Frage nach dem „richtigen“ Taufalter – Kindertaufe oder Gläubigentaufe? – aufgeworfen wird, hat einen doppelten Grund: Einerseits beruht sie auf der ganz praktischen Erfahrung einer Predigt, die ich in einer baptistischen Gemeinde halten durfte. Andererseits taucht genau diese Frage heute mitten in unseren Volkskirchen auf, weil immer mehr Familien ihre Kinder nicht mehr selbstverständlich im Säuglingsalter taufen lassen.
Die jahrhundertelangen, oft verbitterten Debatten erweisen sich allerdings bei genauerem Hinsehen als unfruchtbar, wenn man sie exegetisch an Römer 6 und Genesis 3 misst.
1. Sünde als Disposition und die Zusage der Befreiung (Römer 6)
Um die Taufe theologisch richtig zu verstehen, müssen wir mit dem Missverständnis einer biologisch-genetischen „Erbsünde“ im Sinne Augustinus’ aufräumen.
Wie es an verschiedenen Stellen immer wieder herausgearbeitet wurde, meint Sünde im biblischen Sinn nicht die bloße Summe moralischer Einzelfehler und erst recht keine Erbkrankheit, mit der Säuglinge infiziert wären. Sünde ist die existentielle Disposition des Menschen, autonom sein zu wollen – der Versuch, Gott vom Thron zu stoßen und selbst wie Gott zu sein (Genesis 3). Der Mensch will sich von seinem Schöpfer losreißen.
Genau in diese Auflehnung hinein wirkt die Taufe nach Römer 6:
- Das Mit-Sterben: Im Taufwasser stirbt der Anspruch, das Leben absolut eigenmächtig zu beherrschen. Der „alte Mensch“ – der Gott nicht zu brauchen glaubt – wird mit Christus begraben.
- Das Aufstehen: Wir tauchen auf in ein neues Verhältnis zu Gott. Wer getauft ist, ist der Herrschaftsmacht der Sünde gestorben. Wir haben es schlicht nicht mehr nötig, dem Egoismus und der Gottlosigkeit hinterherzulaufen.
2. Geschenk und Antwort: Warum beide Traditionen Recht behalten
Sowohl das lutherische als auch das baptistische Taufverständnis heben entscheidende Facetten dieser Wirklichkeit hervor:
- Das reine Geschenk (lutherische Sicht): Die Kindertaufe protestiert gegen jede Form von geistlicher Selbstermächtigung. Ein Säugling kann nichts leisten, nichts beweisen und keine Glaubensentscheidung fällen. Ihm wird über dem Taufbecken reine Gnade zugesprochen: „Fürchte dich nicht, ich habe dich erlöst [...] Du bist mein“ (Jes 43,1). Gott geht unverdient den ersten Schritt.
- Das ehrliche Bekenntnis (baptistische Sicht): Die Erwachsenentaufe erinnert daran, dass der Glaube das Wort hören, verstehen und ergreifen will. Sie ernst zu nehmen bewahrt davor, die Taufe zu einem magischen Automatismus zu verharmlosen.
Glaube ist nie zu 100 Prozent perfekt; er ist immer ein Ringen („Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“, Mk 9,24). Ob als Zusage an den Säugling oder als Entscheidung des Erwachsenen: Die Taufe gründet nie auf der Perfektion unseres Glaubens, sondern auf der Treue Gottes. Sie setzt das Leben in die Tsedaka – in die geheilte Beziehung zu Gott – zurück.
Was bedeutet das für die Kirche?
Eine Kirche, die CA 9 im Horizont der heutigen Lebenswirklichkeit ernst nimmt, begreift die Taufe nicht als isolierten Verwaltungsakt, sondern als Motor und Herzstück des Gemeindeaufbaus.
Der Glaube ist durch den Vollzug der Säuglingstaufe nicht einfach magisch „da“ – er muss wachsen, erprobt und eingeübt werden. Und das gilt heute längst nicht mehr nur für die Kinder, sondern genauso für junge Familien, die oft ohne jede christliche Prägung aufgewachsen sind.
Daraus erwachsen klare Aufgaben für die kirchliche Praxis:
- Räume für Familien schaffen: Die Kirche muss gezielt Gelegenheiten bieten, in denen kleine Kinder und ihre Eltern den Glauben als heilsame, lebensrelevante Gemeinschaft in der Kirche erfahren können.
- Einladung zur bewussten Entscheidung: Für ungetaufte Kinder und Jugendliche müssen kirchliche Angebote (von der Arbeit in Kitas und Gruppen über Freizeiten bis hin zum Konfirmandenunterricht) so attraktiv und substanziell sein, dass sie einen echten Anreiz bieten, die biblische Tradition kennenzulernen und sich schließlich aus eigener Überzeugung für die Taufe zu entscheiden.
Da biblische Geschichten und christliche Rituale im häuslichen Alltag kaum noch vermittelt werden, muss die Kirche hier als Bildungs- und Erfahrungsraum einspringen. Wenn die inhaltliche Ausgestaltung und die kontinuierliche Begleitung der Taufe vernachlässigt werden, darf man sich schlicht nicht wundern, wenn Menschen mit der Kirche am Ende nichts mehr anzufangen wissen.
Artikel 10 der Confessio Augustana: Vom Heiligen Abendmahl
„Vom Sakrament des Altars wird gelehrt, dass wahrer Leib und wahres Blut Christi wahrhaft unter der Gestalt des Brotes und Weines im Abendmahl gegenwärtig sei und da ausgeteilt und empfangen werde [...]“
— CA 10
Folgt man dem Weg vom Taufbecken an den Tisch des Herrn, führt CA 10 zum Sakrament des Weges – der wiederholbaren, stärkenden Gemeinschaft mit dem lebendigen Christus.
1. Das reformatorische Verständnis: Die Realpräsenz Christi
In CA 10 bekennt die lutherische Kirche die Realpräsenz Jesu Christi in den Elementen Brot und Wein. Um dieses Geheimnis greifbar zu machen, prägte die lutherische Tradition die prägnante Formel: Christus ist in, mit und unter (in, cum et sub) Brot und Wein (Traubensaft) gegenwärtig.
- In Brot und Wein: Seine Gegenwart ist nicht fern im Himmel, sondern vollzieht sich genau dort, wo die Elemente sind.
- Mit Brot und Wein: Die göttliche Wirklichkeit wird zusammen mit den irdischen Zeichen ausgeteilt und empfangen.
- Unter Brot und Wein: Seine Gegenwart verbirgt sich unter den wahrnehmbaren Gestalten von Brot und Wein.
Mit dieser Formulierung grenzten sich die Reformatoren scharf nach zwei Seiten ab:
- Gegen die katholische Transsubstantiationslehre: Luther lehnte die Vorstellung ab, dass Brot und Wein substanziell verwandelt werden und aufhören, biologisch Brot und Wein zu sein. Brot und Wein bleiben vollgültiges Brot und echter Wein.
- Gegen das rein symbolische Verständnis (Zwingli / Reformierte): Ebenso energisch wehrte sich Luther dagegen, das Mahl zu einem bloßen Gedächtnismahl, ein Zeichen der Erinnerung oder ein reines Sinnbild zu degradieren. Brot und Wein bedeuten nicht nur den Leib Christi, sondern gewähren seine reale Gegenwart.
Dieses Zusammenkommen von Irdischem und Göttlichem nennt die lutherische Theologie die Sacramentalis Unio (sakramentliche Vereinigung). Analog zur Christologie – wo göttliche und menschliche Natur in der einen Person Jesus Christus unvermischt und ungetrennt zusammenkommen – verbinden sich im Abendmahl das sichtbare irdische Zeichen und die unsichtbare göttliche Zusage zu einer unauflöslichen sakramentalen Einheit.
2. Der neutestamentliche Befund und die Wurzeln des Mahles
Einen komplementären Zugang zu diesem Bekenntnis eröffnet der Blick auf die neutestamentliche Befundlage. Zwar berichten die synoptischen Evangelien (Markus, Matthäus und Lukas), Jesus habe mit seinen Jüngern ein Passahmahl gefeiert. Doch wenn Jesus am Freitag vor dem Passahfest gekreuzigt wurde, kann das Abschiedsmahl am Donnerstagabend historisch kein Passahmahl im strikten Sinn gewesen sein. Es war vielmehr ein feierliches Abschiedsmahl, wie es das Johannesevangelium beschreibt und wie es auch hinter den Einsetzungsworten bei Paulus greifbar wird.
Tritt man von der fixen Vorstellung eines reinen Passahmahls ein Stück zurück, speist sich das Abendmahl der Urkirche aus einer dreifachen Bewegung:
- Den Tischgemeinschaften des irdischen Jesus: Wo Jesus mit Zöllnern, Sündern und Ausgegrenzten das Brot teilte, nahm er die kommende Welt Gottes mitten im Alltag vorweg.
- Den Ostermahlen: Der Auferstandene wird beim Brotbrechen erkannt (wie in Emmaus). Das Mahl ist kein Trauergottesdienst für einen Toten, sondern die jubelnde Feier seiner Auferstehung und Gegenwart.
- Dem Abschiedsmahl: Paulus verbindet das Brotbrechen mit dem gebrochenen Leib des Gottesknechtes und den Kelch mit dem „neuen Bund“ der Versöhnung.
Das schließt keineswegs aus, dass die christliche Gemeinde diese Mahlgemeinschaften im Verlauf der Zeit vom Passahmahl her neu gedeutet hat: Nach dem Bericht des Johannes stirbt Jesus exakt zu dem Zeitpunkt, als im Tempel die Lämmer für das Passahfest geschlachtet wurden. Die Gemeinde sah in seinem Tod und seiner Auferstehung das endgültige Angebot Gottes zur Versöhnung.
Die junge Kirche etablierte dabei jedoch keinen neuen blutigen Opferritus, sondern feierte das Mahl als Anamnese – als reale Vergegenwärtigung. Der Auferstandene ist mitten unter ihnen; er schenkt sich selbst in den Elementen Brot und Wein.
Was bedeutet das für die Praxis der Kirche?
Eine Kirche, die CA 10 ernst nimmt, schützt das Abendmahl vor Banalisierung. Es darf im evangelischen Gottesdienst weder an den Rand gedrängt noch zu einem nebensächlichen Anhang degradiert werden.
Das Abendmahl ist der geschützte Ort, an dem die befreiende Zusage der Rechtfertigung (CA 4) nicht nur gehört, sondern körperlich erfahren, geschmeckt und gegessen werden kann. Hier tritt der erhöhte Herr persönlich an den Tisch der feiernden Gemeinde, setzt sich zu den Suchenden und Gescheiterten und teilt seine Gemeinschaft bedingungslos aus.
Artikel 11 und 12 der Confessio Augustana: Von der Beichte und der Buße
„Von der Beichte wird gelehrt, dass man die private Absolution in der Kirche erhalten und nicht fallen lassen soll [...] Von der Buße wird gelehrt, dass diejenigen, die nach der Taufe gesündigt haben, jederzeit, wenn sie sich bekehren, Vergebung der Sünden erlangen können [...]“
— CA 11 & 12
In den Artikeln 11 und 12 nimmt die Confessio Augustana die seelsorgliche Praxis in den Blick. Obwohl die Reformatoren die Zahl der Hauptsakramente auf Taufe und Abendmahl beschränkten, rücken sie die Beichte und die Buße ganz nah an den sakramentalen Bereich heran.
Ein befreiender Raum statt moralisches Tribunal
Die Einzelbeichte ist im evangelischen Raum heute fast vollständig verdrängt worden. Und doch taucht in der Öffentlichkeit immer wieder dieselbe hochspekulative Frage auf: Was macht ein Pastor oder eine Pastorin, wenn ein Mord gebeichtet wird?
Diese Frage entspringt meist der Film- und Fernsehwelt; im tatsächlichen Pfarramtsalltag bleibt eine solche Situation die absolute Ausnahme. Dass das Thema dennoch die Gemüter bewegt, zeigt, wie tief das Bewusstsein für die Sonderstellung des Seelsorgegeheimnisses im Gedächtnis der Gesellschaft verankert ist.
Für die ehrliche theologische Praxis gilt hier zweierlei:
- Das unantastbare Beichtgeheimnis: Das Beichtgeheimnis steht absolut fest. Ohne diesen geschützten Raum verliert Seelsorge jede Glaubwürdigkeit.
- Ernsthafte Buße erfordert Taten: Zur echten Beichte gehört nach CA 12 die Reue und die Wende des Lebens (Buße). Wer ein schweres Verbrechen – wie etwa einen Mord – ehrlich bereut, kann nicht erwarten, die Lossprechung als billige Absolution ohne Konsequenzen einzustreichen. Zur echten Buße gehört unabdingbar, die Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen – was im Extremfall bedeutet, sich selbst den Behörden zu stellen.
Abseits solcher Extrembeispiele liegt in der evangelischen Beichte eine verschüttete Schatzkammer: Wo einem Menschen im Vertrauen die Zusage der Vergebung (Absolution) persönlich zugesprochen wird, öffnet sich ein zutiefst entlastender, befreiender Raum. Es ist der Ort, an dem die Lasten der Schuld nicht mehr allein getragen werden müssen, sondern vor Gott abgelegt werden dürfen.
Was bedeutet das für die Kirche?
Eine Kirche, die CA 11 und 12 ernst nimmt, begreift Seelsorge nicht als unverbindliches Gesprächsangebot oder bürokratische Pflichtübung. Sie bietet geschützte Räume an, in denen Schuld offen ausgesprochen, getragen und vergeben werden kann. Wo die Beichte wieder als Ort der echten Befreiung entdeckt wird, erfährt der gescheiterte Mensch, dass Gottes Gnade Neuanfänge ermöglicht.
Artikel 13 der Confessio Augustana: Vom Gebrauch der Sakramente
„Vom Gebrauch der Sakramente wird gelehrt, dass die Sakramente nicht eingesetzt sind, um bloße Zeichen zu sein, sondern Zeichen und Zeugnisse des Willens Gottes gegen uns, uns den Glauben zu erwecken und zu stärken [...]“
— CA 13
Artikel 13 stellt klar, dass Sakramente keine bloßen Äußerlichkeiten, keine gesellschaftlichen Rituale und keine „Erkennungszeichen“ zur bloßen Vergewisserung der Gläubigen untereinander sind. Sie sind vielmehr Zeichen und Zeugnisse des Willens Gottes, die den Glauben wecken und stärken sollen. Dieser Artikel beschreibt die heilsame Wirkweise der Sakramente und bezieht sich somit direkt auf die zuvor behandelte Taufe (CA 9) und das Abendmahl (CA 10).
Reale Vergegenwärtigung (Anamnese) in Taufe und Abendmahl
Hier trifft sich das Bekenntnis direkt mit dem Wesen der sakramentalen Praxis:
Als die jungen Christengemeinden begannen, das Mahl regelmäßig zu feiern, taten sie etwas völlig Revolutionäres. Sie wiederholten nicht das blutige Opfer, das Jesus ein für alle Mal am Kreuz gebracht hatte, und sie inszenierten kein neues Tempelritual. Sie taten das, was im Griechischen Anamnese heißt – ein Wort, das im Deutschen oft viel zu schwach mit „Erinnerung“ übersetzt wird. Es meint eine reale Vergegenwärtigung.
Wenn wir heute Abendmahl feiern, blicken wir nicht wehmütig zurück auf ein historisches Ereignis vor 2000 Jahren. Sondern in Brot und Wein wird die bleibende Gemeinschaft mit dem Auferstandenen im Hier und Jetzt erfahrbar. Das Kreuz ist das historische Fundament, aber der Tisch ist der Ort der lebendigen Gegenwart Christi.
Diese Überlegungen gelten in gleicher Weise für die Taufe: Auch sie ist kein historischer Rückblick oder reines Traditionsritual, sondern das einmalige, unauslöschliche Geschehen, in dem die Zusage Gottes an diesen einen, konkreten Menschen im Hier und Jetzt real gegenwärtig gesetzt wird.
Was bedeutet das für die Kirche?
Eine Kirche, die CA 13 ernst nimmt, begreift ihre Sakramente nicht als magische Kulisse oder historische Traditionspflege. Sie verkündigt Taufe und Abendmahl als lebendige, gegenwärtige Heilshandlungen Gottes:
- In der Taufe, wo dem Menschen bedingungslos und unverbrüchlich zugesprochen wird, dass er zu Gott gehört.
- Im Abendmahl, wo der auferstandene Herr sich an den Tisch der Menschen setzt und sie mit seiner Gegenwart stärkt.
Wo Taufe und Abendmahl in dieser biblischen und existenziellen Tiefe gefeiert werden, erübrigen sich alle krampfhaften Versuche, Kirche künstlich attraktiv machen zu wollen. Denn im Wasser der Taufe und am Tisch des Herrn schenkt Gott selbst das neue Leben. Indem die Kirche diese Heilszeichen wieder in ihrer vollen Wirksamkeit erfahrbar macht, verlässt sie den Raum des bloßen Redens über Gott – und wird zu dem, wozu sie berufen ist: zum Ort spürbarer Beziehungsheilung zwischen Gott und Mensch.
Zusammenfassender Schluss: Das Fundament steht – Zurück zur Mitte der Confessio Augustana
Die vorangegangene Interpretation der ersten dreizehn Artikel der Confessio Augustana macht eines unmissverständlich deutlich: Das reformatorische Bekenntnis ist keineswegs ein verstaubtes Relikt des 16. Jahrhunderts, sondern eine hochaktuelle, existentiell brennende Ansage an die Gegenwart.
Die krisenhafte Orientierungslosigkeit der heutigen evangelischen Kirche rührt nicht daher, dass ihre alten Bekenntnisse unverständlich oder unmodern geworden wären. Sie rührt vielmehr daher, dass die Kirche ihr eigenes Fundament verlassen hat. In dem krampfhaften Versuch, sich gesellschaftlich relevant zu machen, hat sie sich in moralischen Appellen, strukturellem Optimierungsdruck und administrativen Effizienzdebatten verfangen.
Schaut man jedoch durch die Brille der Bekenntnisschriften auf die Wirklichkeit des Menschen und der Kirche, fügen sich die Bausteine zu einem klaren, befreienden Gesamtbild zusammen:
- Der realistischen Blick auf den Menschen (CA 1, 2 & 3): Gott begegnet uns nicht als ferne Idee, sondern als Schöpfer, der uns in eine begrenzte, verletzliche Schöpfung hineingestellt hat. Der Mensch leidet nicht an mangelnder Moral, sondern an seiner tiefen, dispositionellen Gottlosigkeit – dem Drang, selbst Gott sein zu wollen. Das Kreuz ist nicht die Befriedigung eines zornigen Gottes, sondern die Entlarvung menschlicher Autonomie. In der Auferstehung Christi lässt Gott die Gewalt der Welt ins Leere laufen und eröffnet eine Hoffnung, die den Tod überwindet.
- Die befreiende Entlastung durch die Gnade (CA 4 & 6): Die Rechtfertigung ist kein veralteter Dogmenbegriff, sondern das Gegenmittel zu einer erschöpften Leistungsgesellschaft. Der Mensch muss und kann seinen Wert nicht selbst erarbeiten. Gott überwindet den Graben von sich aus. Aus dieser geschenkten Entlastung erwachsen gute Werke nicht als erpresste Pflicht oder moralischer Appell, sondern als freie, unaufgeregte Frucht des Glaubens.
- Die unaufgebbaren Lebensadern der Kirche (CA 5, 7, 8 & 9–13): Kirche ist nicht das Reich Gottes auf Erden und verheißt keine fehlerfreien Amtsträger. Doch sie hat einen unersetzbaren Auftrag, der an zwei Erkennungszeichen (notae ecclesiae) hängt: der reinen Verkündigung des Evangeliums und der schriftgemäßen Spendung der Sakramente.
- In der Taufe (CA 9) wird dem Menschen einmalig und bedingungslos zugesprochen: Du bist mein.
- Im Abendmahl (CA 10) wird in der Dynamik der Anamnese die heilvolle Gegenwart des auferstandenen Herrn am Tisch erfahrbar.
- In der Beichte (CA 11 & 12) wird dem gescheiterten Menschen ein geschützter Raum der Befreiung und der wirklichen Erneuerung eröffnet.
Die Konsequenz für den Neuanfang
Wenn die evangelische Kirche eine Zukunft haben will, wird diese nicht in den Etagen der Strukturreformen, Gemeindezusammenlegungen oder tagespolitischen Stellungnahmen entschieden. Eine Transformation gelingt erst dann wieder, wenn die Kirche aufhört, sich über ihre eigene Wirkung zu definieren, und stattdessen wieder aus ihrem Fundament lebt.
Der Sonntagsgottesdienst, das gesprochene Wort der Predigt, das Wasser der Taufe und das Brot des Abendmahls sind keine Verhandlungsmasse für Sparmaßnahmen, sondern die Lebensadern der Gemeinde. Wo die Kirche diese Quellen wieder gründlich, voller Liebe und theologischer Tiefenschärfe pflegt, hört sie auf, eine überforderte Moral-Agentur zu sein. Sie wird wieder zu dem, was sie von ihrem Ursprung her ist: ein Raum der Freiheit, der Vergebung und der echten Beziehungsheilung zwischen Gott und Mensch.

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