Sonntag, 12. April 2026

Quitten müssen junge Christen roh essen

Von Quitten und neuer Hoffnung: Eine Reise durch die Osterzeit

Ostern ist vorbei, die Schokohasen sind meist schon verputzt, und in der Kirche kehrt der Alltag ein? Weit gefehlt! Die Wochen nach dem Auferstehungsfest sind eine ganz besondere Zeitreise. Wer sich jemals über die seltsamen lateinischen Namen der Sonntage gewundert hat, merkt schnell: Dahinter verbirgt sich eine emotionale Dramaturgie, die uns zeigt, was es eigentlich bedeutet, „nach Ostern“ zu leben.

Der Merksatz für alle Fälle

Damit wir im Dschungel der lateinischen Begriffe nicht den Faden verlieren, hilft ein klassischer (und kulinarisch fragwürdiger) Merkspruch:

„Quitten müssen junge Christen roh essen.“

Klingt sauer, hilft aber ungemein, die Reihenfolge von Quasimodogeniti bis Exaudi im Kopf zu behalten. Doch was steckt inhaltlich in diesen Wochen?

Die Dramaturgie der Freude: Die sechs Stationen

1. Quasimodogeniti – Der Neustart

Bedeutung: „Wie die neugeborenen Kindlein“

Das Lebensgefühl: Alles auf Anfang. Wer begreift, dass der Tod besiegt ist, darf sich fühlen wie frisch geschlüpft. Es ist die Einladung, den Ballast der Vergangenheit abzuwerfen.

Wochenspruch: „Gelobt sei Gott [...], der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung...“ (1. Petr 1, 3)

2. Misericordias Domini – Geborgenheit finden

Bedeutung: „Die Barmherzigkeit des Herrn“ (Der Sonntag vom Guten Hirten)

Das Lebensgefühl: Nach dem ersten Sturm der Begeisterung folgt die Erkenntnis: Wir müssen diesen Weg nicht alleine gehen. Es ist das tiefe Aufatmen in der Gewissheit, geführt und gekannt zu werden.

Wochenspruch: „Ich bin der gute Hirte. Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie...“ (Joh 10, 11a. 27)

3. Jubilate & 4. Kantate – Die Welt umarmen

Bedeutung: „Jauchzet“ & „Singet

Das Lebensgefühl: Jetzt wird es laut! Glaube ist kein stilles Kämmerlein-Event. Wenn das Alte vergangen ist (Jubilate) und Gott Wunder tut (Kantate), dann drängt das nach außen. Musik ist hier nicht nur Beiwerk, sondern die Muttersprache des Glaubens.

Wochensprüche: „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur...“ (2. Kor 5, 17) & „Singet dem Herrn ein neues Lied!“ (Ps 98, 1a)

5. Rogate – Das Gespräch suchen

Bedeutung: „Betet“

Das Lebensgefühl: Die erste Euphorie wandelt sich in eine feste Beziehung. Beten ist hier nicht als „Wunschliste an das Universum“ gemeint, sondern als bleibender Dialog mit dem Auferstandenen. Gott hört zu – das ist die österliche Freiheit.

Wochenspruch: „Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft...“ (Ps 66, 20)

6. Exaudi – Sehnsucht und Erwartung

Bedeutung: „Herr, höre“

Das Lebensgefühl: Kurz vor Pfingsten wird es spannend. Jesus ist „erhöht“, und wir bleiben zurück – aber nicht verwaist. Es ist eine Zeit der Erwartung. Die Sehnsucht nach dem Geist, der alles verbindet, wächst.

Wochenspruch: „Christus spricht: Wenn ich erhöht werde von der Erde, will ich alle zu mir ziehen.“ (Joh 12, 32)

Was bewegt Christen nach der Auferstehung?

Wenn wir uns diese Sonntage anschauen, wird klar: Die Osterzeit ist kein statischer Zustand, sondern eine Bewegung.

  • Identität: Wir sind keine „alten Sünder“ mehr, sondern „Neugeborene“.

  • Vertrauen: Wir laufen nicht planlos durch die Welt, sondern folgen einer Stimme, die uns liebt.

  • Ausdruck: Wir behalten die Freude nicht für uns – wir singen und jubeln sie in die Welt hinaus.

  • Verbindung: Wir bleiben durch das Gebet und die Hoffnung auf den Heiligen Geist im Kontakt mit einer Realität, die größer ist als das, was wir sehen.

Fazit

Die Osterzeit lädt uns ein, die „lebendige Hoffnung“ Schritt für Schritt zu buchstabieren. Vielleicht müssen wir dafür keine rohen Quitten essen, aber wir dürfen uns jeden Sonntag neu von dieser uralten und doch brandaktuellen Freude anstecken lassen.


In rechter Ordnung: Der Kompass durch die dunklen Tage - Rückblick auf die Passionszeit

Wenn wir Ostern als das Ziel betrachten, dann ist die Passionszeit das Training für das Herz. Sechs Sonntage führen uns tiefer hinein in das Geheimnis des Leidens und Sterbens Jesu. Und genau wie in der Osterzeit haben auch diese Sonntage klangvolle Namen, die uns wie Wegweiser leiten.

Der Merksatz für den Tiefgang

Damit man nicht den Überblick verliert, wenn die liturgischen Farben auf Violett wechseln, hilft dieser klassische Merkspruch:

„In rechter Ordnung lerne Jesu Passion.“

Jeder Anfangsbuchstabe steht für einen Sonntag und führt uns Schritt für Schritt näher ans Kreuz – und damit näher an das Verständnis dessen, was an Ostern eigentlich passiert ist.

Die sechs Stationen des Weges

1. Invokavit – Die erste Prüfung

Bedeutung: „Er ruft mich an“

Das Lebensgefühl: Die Passionszeit beginnt mit dem Ruf nach Gott. Es geht um die Versuchung Jesu in der Wüste und die Frage: Wem folge ich eigentlich, wenn es hart auf hart kommt?

Wochenspruch: „Dazu ist erschienen der Sohn Gottes, dass er die Werke des Teufels zerstöre.“ (1. Joh 3, 8b)

2. Reminiszere – Die Erinnerung an die Gnade

Bedeutung: „Gedenke (an deine Barmherzigkeit)“

Das Lebensgefühl: Wir schauen auf unsere Schwächen, aber Gott schaut auf seine Liebe. Ein Sonntag des Vertrauens: Gott vergisst uns nicht, auch wenn wir uns „unwürdig“ fühlen.

Wochenspruch: „Gott erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren.“ (Röm 5, 8)

3. Okuli – Den Blick schärfen

Bedeutung: „Meine Augen (sehen stets auf den Herrn)“

Das Lebensgefühl: Konsequenz ist gefragt. Wer auf Gott sieht, lässt sich nicht mehr so leicht ablenken. Es ist die Einladung zur Fokussierung auf das Wesentliche.

Wochenspruch: „Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.“ (Lk 9, 62)

4. Laetare – Das kleine Ostern

Bedeutung: „Freuet euch“

Das Lebensgefühl: Mitten in der Fastenzeit gibt es eine Atempause. Der strenge Ernst weicht für einen Moment der Vorfreude. Das Bild vom Weizenkorn verspricht: Aus dem Sterben wächst Frucht.

Wochenspruch: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.“ (Joh 12, 24)

5. Judika – Dienst und Hingabe

Bedeutung: „Schaffe mir Recht, Gott“

Das Lebensgefühl: Die Spannung steigt, das Leiden rückt näher. Hier wird deutlich: Jesu Macht ist keine Herrschaftsgewalt, sondern dienende Liebe. Er gibt sich hin, um uns „freizukaufen“.

Wochenspruch: „Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben zu einer Erlösung für viele.“ (Mt 20, 28)

6. Palmarum – Der königliche Ernst

Bedeutung: „Palmsonntag“ (Einzug in Jerusalem)

Das Lebensgefühl: Ein bizarrer Moment zwischen Jubel und Verrat. Wir feiern den König auf dem Esel. Die „Erhöhung“ Jesu meint hier ganz konkret den Weg ans Kreuz.

Wochenspruch: „Der Menschensohn muss erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben.“ (Joh 3, 14b-15)

Was bewegt Christen in der Passionszeit?

Die Namen der Sonntage zeigen: Die Passionszeit ist eine Schule der Empathie und der Selbsterkenntnis.

  • Ehrlichkeit: Wir geben zu, dass wir Gott „anrufen“ müssen, weil wir es alleine nicht schaffen (Invokavit).

  • Perspektivwechsel: Wir lernen bei Judika, dass wahre Größe im Dienen liegt – ein krasser Gegenentwurf zu unserer Leistungsgesellschaft.

  • Hingabe: Wir begreifen das Paradox des Glaubens: Dass Leben oft dort entsteht, wo etwas Altes „stirbt“ (Laetare).

  • Solidarität: Wir begleiten Jesus auf seinem Weg und erkennen darin Gottes Solidarität mit unserem eigenen Leid.

Fazit

Ohne die „rechte Ordnung“ der Passionszeit bliebe Ostern oberflächlich. Erst wer den Ruf (Invokavit), den Blick (Okuli) und den Dienst (Judika) Jesu versteht, kann an Ostern wirklich aus vollem Hals „Jubilate“ singen.

Sonntag, 5. April 2026

Der Herr ist wahrhaftig auferstanden - Halleluja

Ostersonntag 2026 - nachdem ich in den letzten Wochen mir grundsätzliche Gedanken zur zurückliegenden Passionszeit gemacht und auf Predigten aus den zurückliegenden Jahren zugegriffen habe, will ich heute an dieser Stelle die aktuelle Predigt von Petra Heidemann veröffentlichen, die sie im Festgottesdienst gehalten hat. Viel Freude beim (Nach)Lesen.

In meinem Blog "Krügers Studien" gehe ich auf die Predigt von Petra Heidemann ein: »Wenn die Augen „gehalten“ sind«.

Orgelvorspiel


Begrüßung

Wochenspruch: Christus spricht: Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle. (Offb 1, 18)

EG 302,1+2+8  Du meine Seele singe


EG 747 Psalm 118

Danket dem HERRN; denn er ist freundlich,
und seine Güte währet ewiglich.
Der HERR ist meine Macht und mein Psalm
und ist mein Heil.
Man singt mit Freuden vom Sieg /
in den Hütten der Gerechten:
Die Rechte des HERRN behält den Sieg!
Die Rechte des HERRN ist erhöht;
die Rechte des HERRN behält den Sieg!
Ich werde nicht sterben, sondern leben
und des HERRN Werke verkündigen.
Der HERR züchtigt mich schwer;
aber er gibt mich dem Tode nicht preis.
Tut mir auf die Tore der Gerechtigkeit,
dass ich durch sie einziehe und dem HERRN danke.
Das ist das Tor des HERRN;
die Gerechten werden dort einziehen.
Ich danke dir, dass du mich erhört hast
und hast mir geholfen.
Der Stein, den die Bauleute verworfen haben,
ist zum Eckstein geworden.
Das ist vom HERRN geschehen
und ist ein Wunder vor unsern Augen.
Dies ist der Tag, den der HERR macht;
lasst uns freuen und fröhlich an ihm sein.
O HERR, hilf!
O HERR, lass wohlgelingen!
Gelobt sei, der da kommt im Namen des HERRN!
Wir segnen euch, die ihr vom Hause des HERRN seid.
Der HERR ist Gott, der uns erleuchtet.
Schmückt das Fest mit Maien bis an die Hörner des Altars!
Du bist mein Gott und ich danke dir;
mein Gott, ich will dich preisen.
Danket dem HERRN; denn er ist freundlich,
und seine Güte währet ewiglich.

Gloria Patri


Kyrie


Salutatio


Gebet


1. Korinther 15,1-11

1 Ich erinnere euch aber, liebe Brüder und Schwestern, an das Evangelium, das ich euch verkündigt habe, das ihr auch angenommen habt, in dem ihr auch fest steht, 2 durch das ihr auch selig werdet, wenn ihr's festhaltet in der Gestalt, in der ich es euch verkündigt habe; es sei denn, dass ihr umsonst gläubig geworden wärt. 3 Denn als erstes habe ich euch weitergegeben, was ich auch empfangen habe: Dass Christus gestorben ist für unsre Sünden nach der Schrift; 4 und dass er begraben worden ist; und dass er auferstanden ist am dritten Tage nach der Schrift; 5 und dass er gesehen worden ist von Kephas, danach von den Zwölfen. 6 Danach ist er gesehen worden von mehr als fünfhundert Brüdern auf einmal, von denen die meisten noch heute leben, einige aber sind entschlafen. 7 Danach ist er gesehen worden von Jakobus, danach von allen Aposteln. 8 Zuletzt von allen ist er auch von mir als einer unzeitigen Geburt gesehen worden. 9 Denn ich bin der geringste unter den Aposteln, der ich nicht wert bin, dass ich ein Apostel heiße, weil ich die Gemeinde Gottes verfolgt habe. 10 Aber durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin. Und seine Gnade an mir ist nicht vergeblich gewesen, sondern ich habe viel mehr gearbeitet als sie alle; nicht aber ich, sondern Gottes Gnade, die mit mir ist. 11 Es sei nun ich oder jene: so predigen wir, und so habt ihr geglaubt.

EG 103,1-4 Gelobt sei Gott im höchsten Thron


Markus 16,1-8

Und als der Sabbat vergangen war, kauften Maria von Magdala und Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um hinzugehen und ihn zu salben. 2 Und sie kamen zum Grab am ersten Tag der Woche, sehr früh, als die Sonne aufging. 3 Und sie sprachen untereinander: Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür? 4 Und sie sahen hin und wurden gewahr, daß der Stein weggewälzt war; denn er war sehr groß.

5 Und sie gingen hinein in das Grab und sahen einen Jüngling zur rechten Hand sitzen, der hatte ein langes weißes Gewand an, und sie entsetzten sich. 6 Er aber sprach zu ihnen: Entsetzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Siehe da die Stätte, wo sie ihn hinlegten. 7 Geht aber hin und sagt seinen Jüngern und Petrus, dass er vor euch hingehen wird nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat. 8 Und sie gingen hinaus und flohen von dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemandem etwas; denn sie fürchteten sich.

Glaubensbekenntnis


Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? 
Er ist nicht hier, er ist auferstanden.
(Lukas 24,5f)

EG 115,1+4+5 Jesus lebt, mit ihm auch ich 


Predigt

Liebe Festgemeinde !

Der Herr ist auferstanden !

Er ist wahrhaftig auferstanden!

Halleluja!

Wir haben die frohe Botschaft gehört, wir kennen sie alle, deshalb sind wir hier. Aber so ganz und gar verstehen, die Tragbreite begreifen, was da geschehen ist, das ist gar nicht so leicht. Markus hat es uns verkündet und bezeugt, was die Frauen am Grab erlebt haben und wie verstört sie zunächst waren, sodass sie nichts zu sagen wagten, obwohl sie zu den Jüngern gehen und berichten sollten. Paulus schreibt deshalb an die Korinther und damit auch an uns in der heutigen Epistel einen Brief, in dem er auf die Botschaft des Evangeliums hinweist. Es ist die Grundlage unseres Glaubensbekenntnisses: Jesu Kreuzigung für unser Versagen, sein Begräbnis und das unserer Schuld und seine Auferstehung als Christus, damit auch wir die Dunkelheit des Todes durchschreiten, um wieder in Gottes alles überstrahlende lebendige Helligkeit zu gelangen. Und Paulus nennt gleich eine ganze Liste von Menschen, die Jesu Auferstehung bezeugen können. Und schließlich benennt er sich selbst als Zeuge, obwohl er ja damals gar nicht direkt dabei gewesen war, er ist ja erst später geboren. Er hatte ja sogar das aufkommende Christentum bekämpft Aber Gottes Gnade hat ihn eingeholt, sein Leben komplett umgekrempelt und ausgerechnet ihn zum unermüdlichen Bezeuger gemacht. Und somit sind auch wir gefordert, es ihm gleich zu tun.

Leichter gesagt als getan. Auch wir sind alle hier erst viele Jahrhunderte später geboren. Und wir alle kennen die Texte der Bibel und die Geschehnisse der Geschichte. 

Versetzen wir uns doch einmal in die Situation derer, die Jesus zurückließ. Maria und Johannes hatte er einander anbefohlen, bevor er starb. Und die beiden mussten all die Qualen mit anschauen. Nun war das Grab, in dem all ihre Hoffnungen begraben worden waren, leer. De Frauen um Jesus konnten ihm nicht einmal die letzten Zuwendungen angedeihen lassen. Und wie sollten sie das verstehen, was die Engelserscheinung ihnen gesagt hatte.

Wir haben es leichter, haben den Karfreitag hinter uns gelassen, lassen uns von der Osterfreude, dem Sieg des Lebens anstecken. Kinderjubel beim Eiersuchen, Familientreffen, Erzählen, Lachen, gutes Essen - das ist doch heute dran. Und jetzt fange ich hier wieder davon an, wie wenig fröhlich die frohe Botschaft von der Auferstehung zunächst einmal für die Betroffenen war. Wie sollte das alles nun denn weitergehen?

Die Bibel lässt uns nun mal nicht aus ihrem Griff und kriegt uns mitten in der Osterfreude zu packen mit einer Geschichte, die eigentlich für jeden bis heute aktuell ist und uns sehr nahe. 

Und siehe, zwei von ihnen gingen an demselben Tage in ein Dorf, das war von Jerusalem etwa zwei Wegstunden entfernt; dessen Name ist Emmaus. Und sie redeten miteinander von allen diesen Geschichten. Und es geschah, als sie so redeten und sich miteinander besprachen, da nahte sich Jesus selbst und ging mit ihnen. Aber ihre Augen wurden gehalten, dass sie ihn nicht erkannten.

Er sprach aber zu ihnen: Was sind das für Dinge, die Ihr miteinander verhandelt unterwegs? Da blieben sie traurig stehen. Und der eine, mit Namen Kleopas, antwortete und sprach zu ihm: Bist Du der Einzige unter den Fremden in Jerusalem, der nicht weiß, was in diesen Tagen dort geschehen ist? Und er sprach zu ihnen: Was denn? Sie aber sprachen zu ihm: Das mit Jesus von Nazareth, der ein Prophet war, mächtig in Taten und Worten vor Gott und allem Volk; wie ihn unsre Hohenpriester und Oberen zur Todesstrafe überantwortet und gekreuzigt haben. Wir aber hofften, er sei es, der Israel erlösen werde. Und über das alles ist heute der dritte Tag, dass dies geschehen ist. Auch haben uns erschreckt einige Frauen aus unserer Mitte, die sind früh bei dem Grab gewesen, haben seinen Leib nicht gefunden, kommen und sagen, sie haben eine Erscheinung von Engeln gesehen, die sagen, er lebe. Und einige von uns gingen hin zum Grab und fanden’s so, wie die Frauen sagten; aber ihn sahen sie nicht.

Und er sprach zu ihnen: O Ihr Toren, zu trägen Herzens, all dem zu glauben, was die Propheten geredet haben! Musste nicht Christus dies erleiden und in seine Herrlichkeit eingehen? Und er fing an bei Mose und allen Propheten und legte ihnen aus, was in der ganzen Schrift von ihm gesagt war. Und sie kamen nahe an das Dorf, wo sie hingingen. Und er stellte sich, als wollte er weitergehen. Und sie nötigten ihn und sprachen: Bleibe bei uns; denn es will Abend werden und der Tag hat sich geneigt. Und er ging hinein, bei ihnen zu bleiben.

Und es geschah, als er mit ihnen zu Tisch saß, nahm er das Brot, dankte, brach’s und gab’s ihnen. Da wurden ihre Augen geöffnet und sie erkannten ihn. Und er verschwand vor ihnen. Und sie sprachen untereinander: Brannte nicht unser Herz in uns, als er mit uns redete auf dem Wege und uns die Schrift öffnete?

Und sie standen auf zu derselben Stunde, kehrten zurück nach Jerusalem und fanden die Elf versammelt und die bei ihnen waren; die sprachen: Der Herr ist wahrhaftig auferstanden und Simon erschienen. Und sie erzählten ihnen, was auf dem Wege geschehen war und wie er von ihnen erkannt wurde, als er das Brot brach.

Gerade, wenn eine Gemeinschaft, eine Familie, eine Freundschaft, eine Partnerschaft besonders innig und miteinander verbunden, zusammengeschweißt ist, gerade dann ist es unfassbar, wenn wir hilflos zusehen müssen, wenn ein Mensch da herausgerissen wird und wir ihn nicht festhalten können. Jeder und jede von uns verliert im Lauf des Lebens Menschen, die einem ans Herz gewachsen sind, die einen geprägt haben, die ein Stück von einem selbst sind. Es ist so schwer, das dann zu begreifen, gar anzunehmen, loslassen zu können, wenn der Schmerz größer ist als ein Schrei laut sein kann, wenn der Schmerz einen zerreißt. 

Den beiden Männern in unserer Geschichte ging es geradeso; sie waren daher völlig verzweifelt, waren am Ende. Das, worauf sie ihr ganzes Leben eingestellt hatten, alles, woran sie hingen, alles, wofür sie bislang gelebt hatten – all das war ihnen genommen worden. Sie fühlten sich total leer, entwurzelt und sinnlos. Sie wussten nicht, wofür es sich noch lohnen sollte zu leben. Sie hatten damals alles zu Hause stehen und liegen lassen, um dem Sinn ihres Lebens zu folgen, hatten sich Jesus angeschlossen, hatten viele Strapazen auf sich genommen. Ihnen war nichts geschenkt worden im Leben. Oft waren sie missverstanden worden, ausgelacht, nicht ernst genommen worden. Oft hatten sie nicht gewusst, wie es weitergehen sollte. Aber das war alles nicht so wichtig gewesen, denn sie hatten ja einander. Solange sie zusammen waren, war alles gut, ging es weiter, gab es immer ein sinnvolles Morgen, hatten sie in einer tragfähigen Lebensgemeinschaft gelebt, wo der eine für den anderen da war und sie in jeder Lebenssituation füreinander einstanden. 

Da war immer ein vertrautes „Du“, da hieß es immer „Wir“ und „uns“. Sie hatten ein gemeinsames Anliegen, ein gemeinsames Ziel, gemeinsames Erleben, gemeinsame Erfahrungen. 

Und all das war ihnen plötzlich durch den Tod genommen worden. In diesem Fall sogar durch einen grausamen, politisch herbeigeführten Foltertod, und sie hatten hilflos zusehen müssen. Wo war da Gott gewesen ? Wie hatte er das zulassen können ? Wie konnte er seinen geliebten Sohn so zwischen Himmel und Erde hängen lassen und so viel himmelschreiende Ungerechtigkeit zulassen ? 

Es war das Schlimmste gewesen, was sie je erlebt hatten. Sie hatten so unter Schock gestanden, und dann der Ostersonntag, die Auferstehung, jedenfalls hatten die Frauen davon erzählt. Total aufgeregt waren die gewesen, völlig von der Rolle, eben Frauen. Was die gesehen hatten, ob das alles so stimmte? 

Sie wagten es kaum zu glauben, nicht nach all dem, was sie vorher erleben mussten. Erst der Schock der Kreuzigung, dann der Schock – er lebt. Wie soll das einer verkraften? Und außerdem, was hilft es, der Alltag will jetzt wieder gelebt werden, und zwar ein Alltag ohne Jesus, und das in einer Gegend, in der man nicht gerade sicher war, wenn man als Anhänger Jesu erkannt wurde. Wer sagte ihnen nun, wie sie sich verhalten sollten, wer war ihr Schutz. Und so irrten sie herum wie Schafe, die ihren Hirten verloren haben. Was sollte jetzt aus ihnen werden ?  War die Sache Gottes, war alles, woran sie geglaubt hatten, worauf sie vertraut und sich verlassen hatten, war das alles gescheitert oder vielleicht gar nicht wahr ?  Alles Illusion ? Nichts da mit „lieber Gott“ ?  Wo sollten sie jetzt hin ?  Was und wo war jetzt noch ein Zuhause ?  Nichts als schmerzliche Erinnerung, nichts als Zukunftslosigkeit, Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung, Schmerz und Trauer.

Wohin sollten sie jetzt gehen? Es gab kein Bleiben, es gab kein Ziel. Und wohin geht man dann? Dahin, von wo man einmal hergekommen ist, dahin, wo sie einmal zuhause gewesen waren, wo sie jetzt aber fremd sein würden.

Und so machten sie sich enttäuscht auf ihren Weg. Immer und immer wieder durchlebten sie innerlich die schrecklichen Stunden und diskutierten, ob es nicht vielleicht doch einen anderen Ausweg gegeben haben könnte, um das Schreckliche abzuwenden. Es machte sie ganz verrückt. Und immer wieder durchlebten sie, was sie zusammen erlebt hatten. Und es kamen immer mehr Erinnerungen, aber sie erfüllten sie nur mit schmerzlicher Wehmut. Sie konnten diese Erinnerungen einfach nicht als Geschenk, das ihnen über die Jahre gemacht worden war, empfinden. Die Erinnerungen, die immer lebendiger wurden, so als sei alles erst gestern gewesen, rissen die Wunde des Verlusts immer nur noch größer auf. Warum musste der Tod alles zerstören und das letzte Machtwort haben ? Ihnen konnte niemand mehr helfen. Sie einander schon gar nicht. Und wer oder was von außen sollte hier schon ein Trost sein können ? 

Wie sie es auch drehten und wendeten, wie gut es auch tat, darüber zu reden, gedanklich drehten sie sich im Kreis. Mit den Füßen gingen sie vorwärts, ihre Herzen traten auf der Stelle. Ihre Füße wollten nach Hause, aber ihre Seelen waren heimatlos. 

Und so waren die beiden Traurigen so sehr auf ihren jetzigen Zustand fixiert und so in ihren Schmerz vertieft, dass sie gar nicht merkten, dass sie schon lange nicht mehr allein auf ihrem Weg waren, sondern einen Wegbegleiter neben sich hatten. Und als dieser sie schließlich ansprach und mit ihnen über ihre Trauer redete, ihre Erinnerungen teilte und sie ihr Herz ausschütten konnten, da war der Weg plötzlich gar nicht mehr so erdrückend. 

Irgendwie fühlten sie sich wieder geborgen, begleitet, verstanden, wichtig und ernst genommen. Ihre Gefühle, Sorgen, Zweifel und Ängste hatten wieder eine Adresse. Der Sonnenschein galt auch ihnen und wärmte ihre Herzen, nach denen der Tod mit kalten Fingern gegriffen hatte. Sie hörten wieder das Raunen des Windes, den Gesang der Vögel, das Geschrei von Kindern, sie rochen den Duft des Frühlings und sie spürten wieder die Hand eines Freundes und die Wärme eines Menschen neben ihnen, der sie bis ins Tiefste verstand. Um sie herum war Leben. Sie spürten plötzlich, der Tod hatte gar nicht das letzte Wort, nur das vorletzte.  

Erst viel später merkten sie, dass sie Jesus nicht an den Tod verloren hatten, sondern dass er es war, der sie begleitete und nicht allein ließ.  Sie, die ihn so gut gekannt hatten, sie hatten ihn nicht erkannt. Erst die vertrauten Handbewegungen und Worte öffneten ihnen die Augen. Es ging ihnen wie uns, manchmal ist man blind vor den Gefühlen, die einen im Augenblick beherrschen. Aber jetzt erkennen sie: 

Der Tod konnte ihn nicht auslöschen. Er ging durch ihn hindurch, damit auch wir durch ihn hindurch zu neuem Leben gehen können an der Hand Jesu, damit wir wissen, dass wir unsere Angehörigen und letztendlich auch uns selbst ebenfalls nicht an den Tod verlieren, sondern dass Sterben heißt, den Lebenden ein Stück voraus zu sein an der Hand Jesu.

Das Leben endet nicht mit dem Tod, sondern bekommt nur eine andere Qualität. Der Tod ist nur ein Durchgang zum Osterlicht. Und in diesem Licht dürfen wir unsere Lieben und uns gut aufgehoben wissen. Und dieses Osterlicht macht es auch möglich, dass unsere Erinnerungen immer ein bisschen weniger schmerzlich werden und immer ein bisschen mehr als ein schöner Besitz, den uns keiner nehmen kann, empfunden werden können, auch wenn das Zeit und viel Geduld braucht. Durch die Erinnerungen bleiben Liebe und Wärme über den Tod hinaus lebendig.

Deshalb ist Jesus ans Kreuz gegangen, damit nicht wir all unsere Hoffnungen kreuzigen müssen. Deshalb ist er durchs Grab gegangen, damit er uns aus dem Grab mit sich ins Licht nehmen kann. 

Deshalb kann keiner tiefer fallen als in Gottes Hand, und deshalb trägt er mit an unseren Lasten und geht jeden Weg mit uns. Er nimmt uns nicht das Leiden, aber geht mit uns durch das Leiden hindurch. Ostern – das ist Hoffnung, wo keiner mehr zu hoffen wagt, Ostern – das ist neues Leben, wo nichts Lebenswertes mehr zu sein scheint.

Keiner kann ohne Zweifel und ohne Ängste durch sein Leben gehen – weder die Jünger noch wir. Aber wir sollen nicht im Karfreitag stecken bleiben. Angst wird dann nicht mehr zur Panik, Zweifel nicht mehr zur Verzweiflung, Alleinsein nicht mehr Vereinsamung, Verlust nicht mehr zur Trostlosigkeit, der alles im Dunkel zu verschlingen drohende Abgrund wird zum Tunnel, an dessen Ende schon das Osterlicht herein auf unseren Weg strahlt. Es gilt, sich daran zu orientieren. Denken wir an Petrus, der voll Begeisterung ohne zu zögern, über den Bootsrand stieg und über die Wasserfläche hinweg zu Jesus zu laufen begann. Aber als er auf seine eigenen Füße sah und damit Jesus aus den Augen ließ, da verlor er den Halt und drohte unterzugehen.

Wenn wir also nicht ständig ängstlich darauf bedacht sind, auf unsere eigenen Füße zu schauen, sondern unseren Blick geradeaus und frei auf das Osterlicht lenken, wenn wir nicht nur unsere Kerzen an ihm entzünden, sondern uns selbst entzünden lassen, wenn der Funken überspringt und wir selbst Feuer und Flamme sind, wenn wir auf dieses Licht zuhalten, bekommt unser Weg wieder eine Richtung und ein Ziel und einen Sinn, und der Weg wird bei jedem Schritt immer heller, sodass wir wieder erkennen können, dass noch so viel auf unserem Weg auf uns wartet, wofür uns unsere Trauer vorübergehend blind gemacht hat, wofür es sich aber zu leben lohnt. Dann werden wir auch für andere etwas ausstrahlen von diesem Licht, das wir in uns tragen und das uns trägt und lebendig macht. Dann bekommt Gottes Wort für andere erkennbare Farben und Konturen – wie bei einem Dia, das erst durchleuchtet werden muss, um dann riesengroß zu zeigen, was ohne Licht kaum erkennbar in ihm steckt. Dieses Licht in uns darf nicht in ein paar Tagen oder Wochen mit dem Tischschmuck, den bunten Eierschalen, den verblühten Osterglocken und dem bunten Papier der Süßigkeiten entsorgt werden, wenn im Kalender wieder Alltag angesagt ist. Dieses Licht soll uns ja gerade unsere Alltagswege begleiten und die Schattenecken ausleuchten, sodass keine Dunkelheit der Welt mehr nach unserem  Innersten greifen kann. 

Da öffneten sich ihnen die Augen – so heißt es im Evangeliumstext. Lasst auch uns die Augen weit aufmachen, damit das Licht uns erfüllt, dass wir mit offenen, strahlenden Augen in die Welt blicken.

Der Herr ist auferstanden ! Er ist wahrhaftig auferstanden!

Halleluja! Amen.

EG 100,1-5 Wir wollen alle fröhlich sein


Abkündigungen

Abends laden unsere Teamerinnen und Teamer zusammen mit den jugendlichen Mitarbeiter der Paulus-Kirchengemeinde zum ökumenischen  Osterfeuer an der Orde ein. 

Am Ostermontag lädt das Team morgens um 10.00 Uhr zu einem Gottesdienst mit kleinen und großen Leuten in die Gustav-Adolf-Kirche ein. Im Anschluss an den Gottesdienst ist ein Osterfrühstück im Gemeindehaus vorbereitet.


EG 225,1-3 Komm, sag es allen weiter


Abendmahl


EG 585,1-3 Ich lobe meinen Gott, der aus der Tiefe mich holt


Dank und Fürbitte


Entsendung, Segen


Orgelnachspiel

Ein musikalischer Ostergruß

Der HERR ist auferstanden!

Er ist wahrhaftig auferstanden!

Halleluja!


Christus spricht: Ich war tot,
und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit
und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.
(Offb 1, 18)

Mitwirkende:

  • Dominique Eising - Psalmlesung
  • Elke Fredewehs - Gesang (Exsultet [Osterlob]; EG 116) und Flöte (EG 100)
  • Julia Uhlenwinkel - Gesang (Christ, unser Licht; Osterevangelium; EG 116) und Orgel (EG 116 und EG 100)
  • Ralf Krüger - Gesang (Exsultet [Osterlob]) und Schnitt

Um 10.00 Uhr am Ostersonntag hält Prädikantin Petra Heidemann den Festgottesdienst. Die Predigt dieses Gottesdienstes wird um 12.00 Uhr in diesem Blog freigeschaltet. 

Abends laden unsere Teamerinnen und Teamer zusammen mit den jugendlichen Mitarbeiter der Paulus-Kirchengemeinde zum ökumenischen  Osterfeuer an der Orde ein. 

Am Ostermontag lädt das Team morgens um 10.00 Uhr zu einem Gottesdienst mit kleinen und großen Leuten in die Gustav-Adolf-Kirche ein. Im Anschluss an den Gottesdienst ist ein Osterfrühstück im Gemeindehaus vorbereitet.



Freitag, 3. April 2026

So bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott

Zum diesjährigen Karfreitag (03.04.2026) will ich an dieser Stelle noch einmal den Gottesdienst aus dem Jahr 2022 veröffentlichen.  


Karfreitag 2022

Evangelisches Gesangbuch

Im Evangelischen Gesangbuch findet man die Texte zum Karfreitag unter der Nummer 954.30. Digital findet man alles auf der Seite "Das Kirchenjahr".

Die Farben des Kirchenjahres lassen sich in dieser Grafik finden. Den liturgischen Kalender bieten die bayrischen Landeskirche und die Vereinigte Evangelisch-Lutherische Kirche Deutschlands an.

Für alle zitierten Bibeltexte gilt: Lutherbibel 1984, © Deutsche Bibelgesellschaft

Wochenspruch:

Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. (Joh 3, 16)

Wochenlied:

  • O Haupt voll Blut und Wunden (EG 85)
  • In einer fernen Zeit (Singt Jubilate 17)

Lieder im Gottesdienst

  • EG 421 Verleih uns Frieden gnädiglich
  • EG 709 Psalm 22 (Herr, sei nicht ferne)
  • EG 382,1-3 - Ich steh vor dir mit leeren Händen
  • EG 98,1-3 - Korn das in die Erde
  • EG 97,1-3.5 - Holz auf Jesu Schulter
Dornenkrone auf der geschlossenen und zugedeckten Bibel

Lk 23, 32-49 - JESU KREUZIGUNG UND TOD

32Es wurden aber auch andere hingeführt, zwei Übeltäter, dass sie mit ihm hingerichtet würden. 33Und als sie kamen an die Stätte, die da heißt Schädelstätte, kreuzigten sie ihn dort und die Übeltäter mit ihm, einen zur Rechten und einen zur Linken. 34Jesus aber sprach: Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun! Und sie verteilten seine Kleider und warfen das Los darum.

35Und das Volk stand da und sah zu. Aber die Oberen spotteten und sprachen: Er hat andern geholfen; er helfe sich selber, ist er der Christus, der Auserwählte Gottes. 36Es verspotteten ihn auch die Soldaten, traten herzu und brachten ihm Essig 37und sprachen: Bist du der Juden König, so hilf dir selber! 38Es war aber über ihm auch eine Aufschrift: Dies ist der Juden König.

39Aber einer der Übeltäter, die am Kreuz hingen, lästerte ihn und sprach: Bist du nicht der Christus? Hilf dir selbst und uns! 40Da wies ihn der andere zurecht und sprach: Und du fürchtest dich auch nicht vor Gott, der du doch in gleicher Verdammnis bist? 41Wir sind es zwar mit Recht, denn wir empfangen, was unsre Taten verdienen; dieser aber hat nichts Unrechtes getan. 42Und er sprach: Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst! 43Und Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein.

44Und es war schon um die sechste Stunde, und es kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde, 45und die Sonne verlor ihren Schein, und der Vorhang des Tempels riss mitten entzwei. 46Und Jesus rief laut: Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände! Und als er das gesagt hatte, verschied er.

47Als aber der Hauptmann sah, was da geschah, pries er Gott und sprach: Fürwahr, dieser ist ein frommer Mensch gewesen! 48Und als alles Volk, das dabei war und zuschaute, sah, was da geschah, schlugen sie sich an ihre Brust und kehrten wieder um. 49Es standen aber alle seine Bekannten von ferne, auch die Frauen, die ihm aus Galiläa nachgefolgt waren, und sahen das alles.

Predigt zu 2. Kor 5,19-21

Das Göttliche, Johann Wolfgang von Goethe


Edel sei der Mensch,
Hülfreich und gut!
Denn das allein
Unterscheidet ihn
Von allen Wesen,
Die wir kennen.

Heil den unbekannten
Höhern Wesen,
Die wir ahnen!
Ihnen gleiche der Mensch!
Sein Beispiel lehr’ uns
Jene glauben.

Denn unfühlend
Ist die Natur:
Es leuchtet die Sonne
Über Bös’ und Gute,
Und dem Verbrecher
Glänzen, wie dem Besten
Der Mond und die Sterne.

Wind und Ströme,
Donner und Hagel
Rauschen ihren Weg
Und ergreifen
Vorüber eilend
Einen um den andern.

Auch so das Glück
Tappt unter die Menge,
Faßt bald des Knaben
Lockige Unschuld,
Bald auch den kahlen
Schuldigen Scheitel.

Nach ewigen, ehrnen,
Großen Gesetzen
Müssen wir alle
Unseres Daseins
Kreise vollenden.

Nur allein der Mensch
Vermag das Unmögliche:
Er unterscheidet,
Wählet und richtet;
Er kann dem Augenblick
Dauer verleihen.

Er allein darf
Den Guten lohnen,
Den Bösen strafen,
Heilen und retten,
Alles Irrende, Schweifende
Nützlich verbinden.

Und wir verehren
Die Unsterblichen,
Als wären sie Menschen,
Täten im Großen,
Was der Beste im Kleinen
Tut oder möchte.

Der edle Mensch
Sei hülfreich und gut!
Unermüdet schaff’ er
Das Nützliche, Rechte,
Sei uns ein Vorbild
Jener geahneten Wesen!

zitiert nach: https://de.wikipedia.org/wiki/Das_G%C3%B6ttliche

Ein gewaltiger Text - aber beschreibt er wirklich unser Menschsein?

Edel sei der Mensch, 
Hülfreich und gut!

???

Nach ewigen, ehrnen,
Großen Gesetzen
Müssen wir alle
Unseres Daseins
Kreise vollenden.

Es sind doch wohl eher die Gesetze des Marktes, des Gewinns und der Macht, die uns bestimmen. 

Der edle Mensch
Sei hülfreich und gut!
Unermüdet schaff’ er
Das Nützliche, Rechte …

Das Geschehen des Karfreitags - kurzer Prozess, Folter, Kreuzigung - und auch das, was wir gerade erleben, widerspricht dem großen deutschen Dichter diametral. 

Mit dem Krieg in der Ukraine kehrt sich die ganze menschliche Verderbtheit nach außen. Schon der Krieg an sich widerspricht dem, was Goethe im Menschen zu erkennen glaubt. Die jetzt zutage tretenden Kriegsverbrechen zeigen wieder einmal, zu welcher Grausamkeit Menschen fähig sind. Dabei sind es nicht alles Kriminelle oder Gewalttäter, die diese Greueltaten begehen. Es werden Männer - und vielleicht auch Frauen - sein, die zu Hause sich liebevoll um ihre Kinder kümmern - genauso, wie deutsche Männer und Frauen in den Konzentrationslagern den Befehlen des Führers gehorchten. 

Darüber dürfen wir das, was wir der Umwelt und damit den nachfolgenden Generationen antun, nicht vergessen. Und auch das, was Menschen sonst einander antun - abgesehen vom Krieg - Ausbeutung, Besitzstreben - die einen haben vieles, die anderen nichts - sich gegenseitig mit Vorwürfen überziehen, den anderen verunglimpfen, Gerüchte und bewusste Lügen in die Welt setzen - auch das kann ich nicht mit Goethes Sicht zusammendenken. Edel sei der Mensch, hülfreich und gut? - Ein Satz aus der Geschichte von der Sintflut beschreibt das menschliche Wesen doch wohl viel treffender: “Das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend an.” Das alles nahm seinen Ursprung - bildlich gesprochen - im Paradies, als Eva und Adam nach der verbotenen Frucht griffen, weil die Schlage ihnen eingeflüstert hatte: Ihr werdet sein wie Gott. Und genau dieses Streben findet sich doch auch heute beim nüchternen Blick in die Welt wider: Wir wollen sein wie Gott, meinen, die Welt ohne Gott regieren, gestalten zu können. Oder um in dieser Passionszeit den Psychiater und Neurologe, Fernsehmoderator und populärwissenschaftlicher Autor Hoimar von Ditfurth ein drittes Mal zu zitieren, der in der Erbsünde „jene unserer kardinalen Schwächen (sieht), auf die auch die evolutionäre Betrachtung des heutigen Menschen uns hat stoßen lassen: unsere prinzipielle, aus unserer ‚Natur‘ entspringende Unfähigkeit, das, was wir als richtig erkannt haben, auch zu tun“.

In diese Situation hinein spricht 2. Kor 5,19-21

19 Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. 20 So sind wir nun Botschafter an Christi Statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi Statt: Lasst euch versöhnen mit Gott! 21 Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.

Bemerkenswert sind die Stichworte im Text - Versöhnung und Sünde, aber kein Wort von Strafe. 

Von der Sünde habe ich schon ausführlich gesprochen. Was hat es mit der Versöhnung auf sich? Wer muss hier mit wem versöhnt werden? 

Wir meinen, Gott müsse versöhnt werden. Darüber haben sich Theologen ausführlich Gedanken gemacht und manches Buch mit diesen Gedanken gefüllt. Wir wissen ja selbst nur zu gut, was wir falsch machen. Wenn wir mit Gott rechnen, dass wissen wir auch, dass dieses menschliche Fehlverhalten Gott betrüben muss. Menschlich gesehen überlegen wir, was getan werden kann und muss, damit Gott nicht mehr so enttäuscht ist, weil wir ihm nicht folgen. Weil wir mit unseren eigenen Möglichkeiten nicht weiterkommen - so denken wir - springt Gott ein und opfert seinen Sohn. So könne die Rechtsordnung Gottes wiederhergestellt werden, meinen einige Theologen. 

Aus meiner Sicht lässt sich diese Vorstellung mit den biblischen Berichten nicht vereinbaren. Schon im Ersten, im Alten Testament macht Gott deutlich, dass er keine Opfer will, die ihn besänftigen oder gar bestechen sollen. Gott will vielmehr, dass die Menschen in Gerechtigkeit miteinander leben, dass die Schwachen nicht unterdrückt, sondern gestützt werden. “Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert: nämlich Gottes Wort halten, Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.”

So bleibe ich dabei: Gott muss ganz bestimmt nicht versöhnt werden. Vielmehr denke ich, dass wir Menschen mit Gott versöhnt werden müssen. Deshalb sagt der Apostel ja auch: “So bitten wir nun an Christi Statt: Lasst euch versöhnen mit Gott.”

Wir müssen unsere Blickrichtung verändern! Wir müssen uns mit Gottes Augen sehen. Gott fragt sich - ganz menschlich gesagt - , was getan werden muss, damit wir uns ändern. Er hat es versucht mit Strafe - Sintflut, mit den Geboten, mit den Propheten, mit liebevollem Verzeihen. - All das hat nichts geholfen. “Das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend an.” Oder um es noch einmal mit von Ditfurth zu sagen: Es gibt bei uns Menschen eine “prinzipielle, aus unserer ‚Natur‘ entspringende Unfähigkeit, das, was wir als richtig erkannt haben, auch zu tun”.

Deshalb schickt Gott uns zum Schluss seinen eigenen Sohn, kommt er selbst. Er teilt unser Leben - und erleidet das Schlimmste, das Menschen einander zufügen können: den gewaltsamen und qualvollen Tod an einem Folterinstrument - verurteilt von religiösen Fundamentalisten im Hohenrat der jüdischen Gemeinde und vom herrschsüchtigen römischen Statthalter Pontius Pilatus. 

Heute können wir an diese Stellen setzen: 

  • Machthaber Putin und die russisch-Orthodoxe Kirche

vor ein paar Jahren: 

  • die Terroristen des Islamischen Staats missbrauchten den Islam 
  • Nordirlandkonflikt, der 1998 durch das Karfreitagsabkommen zumindest formal beendet wurde

in den 1930er und 40er Jahren 

  • standen die Deutschen Christen an Hitlers Seite, so, wie es jetzt der russ.-orth. Patriarch von Moskau tut; auch die Hann. Landeskirche spielte eine unrühmliche Rolle

nach der Reformation 

  • gab es zahlreiche Kriege, in denen sich machtpolitische Interessen mit Religion verbanden - 30jähriger Krieg - Schwedenkönig Gustav-Adolf

im Mittelalter 

  • wurden Frauen und Männer als Hexen und Hexer verfolgt
  • christliche Ritter wollten das Heilige Land von Ungläubigen befreien und brachten dabei Frauen und Kinder, Alte und Kranke, Soldaten und Unbewaffnete um - wie heute in der Ukraine

Bei dieser Aufzählung wird deutlich, wo das Problem liegt

  • nicht bei Gott, 
  • sondern bei uns, bei unserer Art, das Leben zu führen - als ob ob es Gott nicht gäbe, als ob wir selbst Gott seien - aber was für ein Gott könnte das dann sein, doch wohl eher der Satan

Diese Selbst-Bezogenheit / Ich-Bezogenheit bestimmt unser Leben von Anfang an. Deshalb muss sich bei uns etwas ändern! Sonst geht es schief! Sonst führt uns dieser Lebensstil, führen uns unsere Sünden ins Verderben!

Paulus sagt: “So bitten wir nun an Christi statt: Lasst Euch versöhnen mit Gott!” Mittwoch mussten wir in der Zeitung lesen: Weniger als 50% der Deutschen gehören einer Kirche an. Und von diesen Kirchengliedern halten sich nicht alle an das, was die Zehn Gebote oder die anderen Regeln Gottes vorgeben. Nicht ohne Grund läuft bei uns so vieles aus dem Ruder. Wir haben die Mitte, den Ankerplatz unseres Lebens verloren. 

In Jesu Tod am Kreuz von Golgatha können wir sehen, wohin uns ein “gottloses” Leben führt - in den Tod! Jesus ist gekommen, durch seinen Tod die Sünde aufzuheben, nicht um Gott zu versöhnen, sondern um uns die Folgen unserer Sünde vor Augen zu führen, um UNS zu versöhnen mit Gott!

Wenn wir das erkennen, wenn wir unseren Friedens schließen mit uns selbst und mit unserem Gott, wenn wir unsere Mitte in Jesus Christus finden, wenn wir versöhnt sind mit Gott, dann können wir das Leben gewinnen, dann können wir versuchen, unserem Herrn und Heiland zu folgen, seinem Gebot nachzufolgen. 

Ich habe einige Zeilen aus dem Gedicht von Johann Wolfgang von Goethe ein wenig umformuliert:

Edel sei der Christ,
hilfreich und gut!

Nach Gottes Geboten, 
den ewigen, ehernen und großen Gesetzen
können wir alle
unseres Daseins
Kreise vollenden.

Der edle Mensch
Sei hülfreich und gut!
Unermüdet schaff’ er
im Vertrauen auf Gott
das Nützliche, Rechte …

So könnte das Leben nach Ostern aussehen. 


Am Ostersonntag wird um 6.00 Uhr ein musikalischer Beitrag freigeschaltet, der an die Osterfrühgottesdienste der letzten Jahre erinnert. 

Um 10.00 Uhr gestaltet Prädikantin Heidemann den Festgottesdienst. Der Beitrag mit der Predigt dieses Gottesdienstes wird um 12.00 Uhr freigeschaltet. 

Abends laden unsere Teamerinnen und Teamer zusammen mit den jugendlichen Mitarbeiter der Paulus-Kirchengemeinde zum ökumenischen  Osterfeuer an der Orde ein. 

Am Ostermontag lädt das Team morgens um 10.00 Uhr zu einem Gottesdienst mit kleinen und großen Leuten in die Gustav-Adolf-Kirche ein. Im Anschluss an den Gottesdienst ist ein Osterfrühstück im Gemeindehaus vorbereitet.