Sonntag, 9. August 2026

Israelsonntag

Zwischen Erwählung, Verantwortung und Kritik

Der 10. Sonntag nach Trinitatis – im Kirchenjahr der evangelischen Kirche als „Israelsonntag“ verankert – führt uns an die tiefen Wurzeln unseres eigenen Glaubens. Er reflektiert das unauflösbare Verhältnis zwischen Christentum und Judentum, zwischen der Kirche und dem Volk Israel als religiöser Größe, wie sie uns im Ersten Testament bezeugt wird.

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Rückblick - vor einem Jahr

Am 24. August 2025 feierten wir in der Gustav-Adolf-Kirche in Meppen einen besonderen Gottesdienst zum Israelsonntag. Es war zugleich der vorletzte Gottesdienst meiner aktiven Dienstzeit vor meiner Verabschiedung in den Ruhestand. Unser Organist Raimund Hagemann hatte diesen musikalischen Gottesdienst auch als ein ganz persönliches Abschiedsgeschenk für mich konzipiert. Der Gottesdienst war durchzogen von der geistlichen Musik Felix Mendelssohn Bartholdys (1809–1847). 

Der vollständige Gottesdienstentwurf steht hier als PDF-Datei zum Download bereit. 

Hier folgen die grundlegenden Überlegungen zum Gottesdienst im letzten Jahr, aber auch zum Verhältnis Juden und Christen. Mit Blick auf den Konflikt in Palästina muss natürlich auch das Verhältnis zum Islam berücksichtigt werden. 

1. Die musikalische Brücke und die Wurzeln des Glaubens

Wenn wir nach dem Verhältnis zwischen Christen und Juden fragen, blicken wir nicht auf Fremde, sondern auf den Ursprung unseres eigenen Betens. Der Gott der Väter – der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der Gott Mose und der Propheten – ist kein anderer als der Gott, den Jesus als seinen Vater verkündigte und den wir im Vaterunser anrufen.

Diese Verbundenheit wurde in unserem Gottesdienst besonders durch das Werk Felix Mendelssohn Bartholdys erfahrbar. Seine 6. Orgelsonate (op. 65, Nr. 6) verarbeitet Luthers Choral „Vater unser im Himmelreich“ und schlägt damit eine musikalische wie geistliche Brücke zwischen der jüdischen Herkunft des Komponisten und seiner christlichen Spiritualität.

Doch Mendelssohns Biografie weist auch auf eine nachdenklich stimmende historische Brisanz hin: Sein Vater Abraham ließ die Familie zum Protestantismus konvertieren, um den Kindern bessere soziale und berufliche Zukunftschancen in der christlich dominierten Gesellschaft des 19. Jahrhunderts zu eröffnen. Es stimmt bedenklich, dass eine jüdische Familie sich erst durch die Konversion eine vollständige gesellschaftliche Teilhabe versprechen konnte – eine Erinnerung an die wechselvolle Geschichte der Assimilation und die unauflösbare Verflechtung beider Glaubenswelten

2. Das Geheimnis von Römer 11: Gottes unverbrüchlicher Bund

In der Geschichte der Kirche gab es oft die verhängnisvolle Irrlehre der Substitutionstheologie – der Vorstellung, die Kirche habe das Volk Israel als Volk Gottes abgelöst oder ersetzt. Der Apostel Paulus erteilt dieser Haltung im 11. Kapitel des Römerbriefs von Anfang an eine klare Absage. Er erinnert in den Versen 17 bis 24 die Heidenchristen daran, dass sie nur die wilden Zweige sind, die in den edlen Ölbaum Israel eingepfropft wurden. Und wenig später heißt es:

„Ich will euch, Brüder und Schwestern, dieses Geheimnis nicht verhehlen, damit ihr euch nicht selbst für klug haltet: Verstockung ist einem Teil Israels widerfahren, bis die volle Zahl der Heiden hinzugekommen ist. Und so wird ganz Israel gerettet werden, wie geschrieben steht: ‚Es wird kommen aus Zion der Erlöser; der wird abwenden alle Gottlosigkeit von Jakob. Und dies ist mein Bund mit ihnen, wenn ich ihre Sünden wegnehmen werde.‘“

— Römer 11, 25–27

Paulus fasst dies in den unumstößlichen Satz zusammen: „Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen“ (Röm 11,29). Die Erwählung Israels ist durch nichts aufgehoben. Die Zusage Gottes an Abraham bleibt in Kraft: „Ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen … und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden“ (Gen 12,2–3).

3. Erwählung ist Privileg und prophetische Verpflichtung

Diese besondere Beziehung zu Gott ist jedoch kein Freibrief für Machtpolitik oder Selbstgerechtigkeit. Die Tora und die Propheten des Ersten Testaments betonen mit aller Schärfe, dass Erwählung vor allem eine ethische Verpflichtung bedeutet. Gott nimmt das Unrecht seines Volkes nicht einfach hin, nur weil es im Bund mit ihm steht. Der Prophet Amos bringt diese harte Wahrheit auf den Punkt:

„Euch allein habe ich erwählt aus allen Geschlechtern der Erde; darum will ich euch auch heimsuchen um all eurer Sünden willen.“

— Amos 3, 2

Was hier im Blick auf Israel gesagt wird, gilt natürlich uneingeschränkt auch für uns Christen.   

4. Die Realität des Konflikts: Empathie und politische Kritik

Ein solidarisches und theologisches Bekenntnis zu Israel schließt deutliche Kritik an konkreter Politik nicht aus – im Gegenteil: Die prophetische Tradition der Bibel fordert uns geradezu auf, Unrecht klar beim Namen zu nennen, egal von welcher Seite es ausgeht.

Der schreckliche Terrorüberfall der Hamas vom 7. Oktober 2023 mit seinen Morden und Geiselnahmen ist ein Ausbruch brutalen Antijudaismus und durch absolut nichts zu rechtfertigen.

Doch auch die Reaktion Israels und die Führung des Krieges im Gazastreifen mit Zehntausenden zivilen Opfern kann nicht unwidersprochen bleiben. Ebenso wenig wie der nach dem Völkerrecht illegale Siedlungsbau im Westjordanland, der dem palästinensischen Volk fortlaufend die Lebensgrundlage entzieht und dem biblischen Gebot widerspricht, den Fremdling im Land nicht zu unterdrücken.

Theologische Erwählung ist niemals eine Rechtfertigung für Gewalt, Landraub oder die Verletzung von Menschenrechten – sie verpflichtet stattdessen zu Barmherzigkeit und Gerechtigkeit.

5. Das Doppelgebot der Liebe als gemeinsames Fundament

Mit dem Blick auf den Nahostkonflikt tritt zwangsläufig die dritte abrahamitische Religion in unser Bewusstsein: der Islam. Judentum, Christentum und Islam berufen sich allesamt auf Abraham als ihren gemeinsamen Stammvater. Aus dieser gemeinsamen Wurzel folgt eine klare Logik: Ein Stammvater, ein Gott! Doch viel zu oft sind Vertreter aller drei Religionen im Laufe der Geschichte der Versuchung erlegen, ihr Bekenntnis exklusiv und ausgrenzend zu verstehen.

Sucht man nach einem tragfähigen Fundament, auf dem ein echter Dialog und ein friedliches Miteinander möglich werden, führt der Weg über das Gebot der Liebe.

Als Jesus im Evangelium nach der Grundausrichtung des Glaubens gefragt wird, zitiert er mit dem Schma Israel die Tora – das Fundament des Judentums – und verbindet es untrennbar mit der Nächstenliebe:

„Das höchste Gebot ist das: ‚Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr! Und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen…‘ Das andre ist dies: ‚Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.‘“ (Markus 12,29–31; vgl. 3. Mose 19,18)

Dieses Prinzip beschränkt sich nicht auf Bibel und Tora. Auch im Islam existiert ein tiefes Verständnis von Barmherzigkeit und Nächstenliebe, wie es eine bekannte Überlieferung auf den Punkt bringt:

„Keiner von euch hat den Glauben erlangt, solange er für seinen Nachbarn nicht liebt, was er für sich selbst liebt.“

Das Gebot, Gott und den Mitmenschen zu lieben, verbindet alle drei Glaubensweisen und fordert sie gleichermaßen heraus.

6. Fazit

Die besondere Auserwählung durch Gott ist kein Freibrief zur Gewalt, sondern eine kompromisslose Verpflichtung zum Leben nach Gottes Geboten. Im Geiste des einen Gottes, der der Schöpfer und Herr aller Völker ist, sind wir aufgerufen, der Gewalt zu wehren und für die unantastbare Würde jedes einzelnen Menschen einzustehen – ganz gleich, ob Jude, Christ oder Muslim, ob Israeli oder Palästinenser.

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