Sonntag, 12. April 2026

Quitten müssen junge Christen roh essen

Von Quitten und neuer Hoffnung: Eine Reise durch die Osterzeit

Ostern ist vorbei, die Schokohasen sind meist schon verputzt, und in der Kirche kehrt der Alltag ein? Weit gefehlt! Die Wochen nach dem Auferstehungsfest sind eine ganz besondere Zeitreise. Wer sich jemals über die seltsamen lateinischen Namen der Sonntage gewundert hat, merkt schnell: Dahinter verbirgt sich eine emotionale Dramaturgie, die uns zeigt, was es eigentlich bedeutet, „nach Ostern“ zu leben.

Der Merksatz für alle Fälle

Damit wir im Dschungel der lateinischen Begriffe nicht den Faden verlieren, hilft ein klassischer (und kulinarisch fragwürdiger) Merkspruch:

„Quitten müssen junge Christen roh essen.“

Klingt sauer, hilft aber ungemein, die Reihenfolge von Quasimodogeniti bis Exaudi im Kopf zu behalten. Doch was steckt inhaltlich in diesen Wochen?

Die Dramaturgie der Freude: Die sechs Stationen

1. Quasimodogeniti – Der Neustart

Bedeutung: „Wie die neugeborenen Kindlein“

Das Lebensgefühl: Alles auf Anfang. Wer begreift, dass der Tod besiegt ist, darf sich fühlen wie frisch geschlüpft. Es ist die Einladung, den Ballast der Vergangenheit abzuwerfen.

Wochenspruch: „Gelobt sei Gott [...], der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung...“ (1. Petr 1, 3)

2. Misericordias Domini – Geborgenheit finden

Bedeutung: „Die Barmherzigkeit des Herrn“ (Der Sonntag vom Guten Hirten)

Das Lebensgefühl: Nach dem ersten Sturm der Begeisterung folgt die Erkenntnis: Wir müssen diesen Weg nicht alleine gehen. Es ist das tiefe Aufatmen in der Gewissheit, geführt und gekannt zu werden.

Wochenspruch: „Ich bin der gute Hirte. Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie...“ (Joh 10, 11a. 27)

3. Jubilate & 4. Kantate – Die Welt umarmen

Bedeutung: „Jauchzet“ & „Singet

Das Lebensgefühl: Jetzt wird es laut! Glaube ist kein stilles Kämmerlein-Event. Wenn das Alte vergangen ist (Jubilate) und Gott Wunder tut (Kantate), dann drängt das nach außen. Musik ist hier nicht nur Beiwerk, sondern die Muttersprache des Glaubens.

Wochensprüche: „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur...“ (2. Kor 5, 17) & „Singet dem Herrn ein neues Lied!“ (Ps 98, 1a)

5. Rogate – Das Gespräch suchen

Bedeutung: „Betet“

Das Lebensgefühl: Die erste Euphorie wandelt sich in eine feste Beziehung. Beten ist hier nicht als „Wunschliste an das Universum“ gemeint, sondern als bleibender Dialog mit dem Auferstandenen. Gott hört zu – das ist die österliche Freiheit.

Wochenspruch: „Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft...“ (Ps 66, 20)

6. Exaudi – Sehnsucht und Erwartung

Bedeutung: „Herr, höre“

Das Lebensgefühl: Kurz vor Pfingsten wird es spannend. Jesus ist „erhöht“, und wir bleiben zurück – aber nicht verwaist. Es ist eine Zeit der Erwartung. Die Sehnsucht nach dem Geist, der alles verbindet, wächst.

Wochenspruch: „Christus spricht: Wenn ich erhöht werde von der Erde, will ich alle zu mir ziehen.“ (Joh 12, 32)

Was bewegt Christen nach der Auferstehung?

Wenn wir uns diese Sonntage anschauen, wird klar: Die Osterzeit ist kein statischer Zustand, sondern eine Bewegung.

  • Identität: Wir sind keine „alten Sünder“ mehr, sondern „Neugeborene“.

  • Vertrauen: Wir laufen nicht planlos durch die Welt, sondern folgen einer Stimme, die uns liebt.

  • Ausdruck: Wir behalten die Freude nicht für uns – wir singen und jubeln sie in die Welt hinaus.

  • Verbindung: Wir bleiben durch das Gebet und die Hoffnung auf den Heiligen Geist im Kontakt mit einer Realität, die größer ist als das, was wir sehen.

Fazit

Die Osterzeit lädt uns ein, die „lebendige Hoffnung“ Schritt für Schritt zu buchstabieren. Vielleicht müssen wir dafür keine rohen Quitten essen, aber wir dürfen uns jeden Sonntag neu von dieser uralten und doch brandaktuellen Freude anstecken lassen.


In rechter Ordnung: Der Kompass durch die dunklen Tage - Rückblick auf die Passionszeit

Wenn wir Ostern als das Ziel betrachten, dann ist die Passionszeit das Training für das Herz. Sechs Sonntage führen uns tiefer hinein in das Geheimnis des Leidens und Sterbens Jesu. Und genau wie in der Osterzeit haben auch diese Sonntage klangvolle Namen, die uns wie Wegweiser leiten.

Der Merksatz für den Tiefgang

Damit man nicht den Überblick verliert, wenn die liturgischen Farben auf Violett wechseln, hilft dieser klassische Merkspruch:

„In rechter Ordnung lerne Jesu Passion.“

Jeder Anfangsbuchstabe steht für einen Sonntag und führt uns Schritt für Schritt näher ans Kreuz – und damit näher an das Verständnis dessen, was an Ostern eigentlich passiert ist.

Die sechs Stationen des Weges

1. Invokavit – Die erste Prüfung

Bedeutung: „Er ruft mich an“

Das Lebensgefühl: Die Passionszeit beginnt mit dem Ruf nach Gott. Es geht um die Versuchung Jesu in der Wüste und die Frage: Wem folge ich eigentlich, wenn es hart auf hart kommt?

Wochenspruch: „Dazu ist erschienen der Sohn Gottes, dass er die Werke des Teufels zerstöre.“ (1. Joh 3, 8b)

2. Reminiszere – Die Erinnerung an die Gnade

Bedeutung: „Gedenke (an deine Barmherzigkeit)“

Das Lebensgefühl: Wir schauen auf unsere Schwächen, aber Gott schaut auf seine Liebe. Ein Sonntag des Vertrauens: Gott vergisst uns nicht, auch wenn wir uns „unwürdig“ fühlen.

Wochenspruch: „Gott erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren.“ (Röm 5, 8)

3. Okuli – Den Blick schärfen

Bedeutung: „Meine Augen (sehen stets auf den Herrn)“

Das Lebensgefühl: Konsequenz ist gefragt. Wer auf Gott sieht, lässt sich nicht mehr so leicht ablenken. Es ist die Einladung zur Fokussierung auf das Wesentliche.

Wochenspruch: „Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.“ (Lk 9, 62)

4. Laetare – Das kleine Ostern

Bedeutung: „Freuet euch“

Das Lebensgefühl: Mitten in der Fastenzeit gibt es eine Atempause. Der strenge Ernst weicht für einen Moment der Vorfreude. Das Bild vom Weizenkorn verspricht: Aus dem Sterben wächst Frucht.

Wochenspruch: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.“ (Joh 12, 24)

5. Judika – Dienst und Hingabe

Bedeutung: „Schaffe mir Recht, Gott“

Das Lebensgefühl: Die Spannung steigt, das Leiden rückt näher. Hier wird deutlich: Jesu Macht ist keine Herrschaftsgewalt, sondern dienende Liebe. Er gibt sich hin, um uns „freizukaufen“.

Wochenspruch: „Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben zu einer Erlösung für viele.“ (Mt 20, 28)

6. Palmarum – Der königliche Ernst

Bedeutung: „Palmsonntag“ (Einzug in Jerusalem)

Das Lebensgefühl: Ein bizarrer Moment zwischen Jubel und Verrat. Wir feiern den König auf dem Esel. Die „Erhöhung“ Jesu meint hier ganz konkret den Weg ans Kreuz.

Wochenspruch: „Der Menschensohn muss erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben.“ (Joh 3, 14b-15)

Was bewegt Christen in der Passionszeit?

Die Namen der Sonntage zeigen: Die Passionszeit ist eine Schule der Empathie und der Selbsterkenntnis.

  • Ehrlichkeit: Wir geben zu, dass wir Gott „anrufen“ müssen, weil wir es alleine nicht schaffen (Invokavit).

  • Perspektivwechsel: Wir lernen bei Judika, dass wahre Größe im Dienen liegt – ein krasser Gegenentwurf zu unserer Leistungsgesellschaft.

  • Hingabe: Wir begreifen das Paradox des Glaubens: Dass Leben oft dort entsteht, wo etwas Altes „stirbt“ (Laetare).

  • Solidarität: Wir begleiten Jesus auf seinem Weg und erkennen darin Gottes Solidarität mit unserem eigenen Leid.

Fazit

Ohne die „rechte Ordnung“ der Passionszeit bliebe Ostern oberflächlich. Erst wer den Ruf (Invokavit), den Blick (Okuli) und den Dienst (Judika) Jesu versteht, kann an Ostern wirklich aus vollem Hals „Jubilate“ singen.

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