Warum die Herrlichkeit allein nicht rettet
Die Zeit zwischen dem Erscheinen der Weisen aus dem Morgenland am 6. Januar und dem Fest der Verklärung Jesu am Ende der Epiphaniaszeit bildet einen großen Spannungsbogen. Es ist ein Weg, der uns vom dunklen Stall in Bethlehem auf die lichte Höhe eines Berges führt und von dort aus doch wieder ins “finstere Tal”. Theologisch betrachtet geht es dabei um nichts Geringeres als die Frage: Wer ist dieser Jesus, von dem wir bekennen: “wahrer Mensch” und “wahrer Gott” von Ewigkeit zu Ewigkeit?
Predigt zum letzten Sonntag nach Epiphanias.
Aus den Gedenken, die ich mir hier im Block zum letzten Sonntag nach Epiphanias gemacht habe, ist die Predigt entstanden, die ich heute in der baptistischen Freikirche hier in Meppen gehalten habe.
Das Video startet mit dem Beginn der Predigt. Wer den ganzen Gottesdienst verfolgen will, schiebt den Regler einfach ganz nach vorn.
Nun folgen die Gedanken, die ich mir vorab zum Letzten Sonntag der Epiphaniaszeit gemacht habe.
Epiphanias – Mehr als eine idyllische Krippenszene
Wenn die Weisen aus dem Morgenland vor dem Kind in der Krippe niederknien, bringen sie Geschenke, die weit über eine nette Geste hinausgehen. In diesen Gaben steckt schon die ganze Biografie Jesu:
Gold: Für den König (den Messias).
Weihrauch: Für den Gott (göttliche Verehrung).
Myrrhe – eine bittere Heilpflanze, die auch zur Einbalsamierung genutzt wurde – als Vorverweis auf das Leiden und die Folter des Kreuzes.
Nach der Anbetung verschwinden die Weisen. Sie tauchen im Evangelium nicht mehr auf. Ihr Dienst ist getan: Sie haben die Weltöffentlichkeit repräsentiert, die zum göttlichen Kind kommt. Ob sie ihren wahren Heiland gefunden haben, wissen wir nicht.
Taufe und Verklärung
Zwei Ereignisse rahmen die Epiphaniaszeit ein und werden durch ein fast identisches Wort Gottes wie durch eine Klammer verbunden. Bei der Taufe im Jordan hört Jesus – und mit ihm die Leser der Evangelien – den Zuspruch: „Du bist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“ Wochen später, auf dem Berg der Verklärung, wiederholt sich dieser Satz fast wortgleich, doch diesmal ist er an die Zeugen gerichtet: „Dies ist mein lieber Sohn … den sollt ihr hören!“ Was am Jordan als persönliche Berufung begann, wird auf dem Berg zur öffentlichen Proklamation. Es ist eine „Epiphanie“, ein Aufleuchten der göttlichen Dimension in der menschlichen Gestalt Jesu.
Der Berg als Ort der Gottesnähe
Dass sich dieses Geschehen auf einem Berg abspielt, steht in einer langen biblischen Tradition. In der religiösen Geographie der Bibel ist der Berg kein bloßer Ort, sondern ein Symbol: Er ist der Berührungspunkt zwischen Himmel und Erde, zwischen Gott und Mensch.
Hier wird die Verbindung zu den beiden Gestalten deutlich, die plötzlich neben Jesus erscheinen: Mose und Elia.
Mose begegnete Gott auf dem Sinai im dichten Gewölk. Dort empfing er die Zehn Gebote, Gottes Weisung für das Leben. (2. Mose 20,1-21)
Elia erlebte am Berg Gottes, dem Horeb, wie der Sinai auch genannt wird, das Vorüberziehen Gottes im sanften Säuseln des Windes (1.Könige 19,11-13; übrigens wird dies von Mose auch erzählt). Durch diese Begegnung fand Elia, der zuvor verzweifelt war, wieder zu Gott und damit zu sich selbst und seinem Auftrag.
Mose und Elia sind Männer des Berges und Männer der Offenbarung. Wenn sie nun mit Jesus im Lichtglanz erscheinen, bedeutet das: Die Geschichte Gottes mit den Menschen bricht nicht ab. In Jesus tritt das „Gesetz“ (Mose) und die „Prophetie“ (Elia) in einen Dialog mit der Gegenwart. Jesus wird als derjenige beglaubigt, der diese Traditionen nicht nur fortsetzt, sondern in sich vereint und erfüllt.
Die Vorwegnahme des Osterlichts: Warum wir schweigen müssen
Ein theologisch entscheidender Punkt bleibt oft im Schatten des strahlenden Lichts: Das Schweigegebot beim Abstieg. Jesus untersagt den Jüngern, über das Erlebte zu sprechen, „bis der Menschensohn von den Toten auferstanden ist“.
Warum diese Zurückhaltung? Es drängt sich doch geradezu auf, von einer solch wunderbaren Erscheinung und Begegnung zu erzählen. Jesus weiß es, und die Erfahrung zeigt es bis heute: Ein Glaube, der sich nur an der Herrlichkeit auf dem Gipfel berauscht, wird am Kreuz scheitern. Die Verklärung ist kein vorzeitiges Happy End der Heilsgeschichte. Sie ist vielmehr ein „Osterlicht vor der Zeit“ – ein kurzer Durchblick auf das Ziel, um den schweren Weg durch die Passion auszuhalten.
Wenn alles zusammenbricht: Vom Berggipfel in den Hof des Hohepriesters
Der Fortgang der Geschichte macht deutlich, was gemeint ist. Auf dem Berg der Verklärung erleben die Jünger Petrus, Jakobus und Johannes den absoluten Höhepunkt. Doch diese Klarheit hält dem Sturm der Realität nicht stand. Nur wenig später, im Garten Gethsemane und im Hof des Hohenpriesters, ist die Herrlichkeit vom Berg wie weggeblasen.
Die Jünger, die eben noch im Licht standen, fliehen in die Dunkelheit.
Petrus, der Jesus vollmundig versprach, mit in den Tod zu gehen, verleugnet seinen Herrn.
Alles bricht zusammen. Die Erfahrung des Berges scheint wertlos, wenn die nackte Angst regiert. An dieser Stelle wird deutlich, was bis heute gilt: Der Glaube ist keine stetige Gewissheit, sondern er kennt auch die totale Katastrophe des Karfreitags.
Der Dreh- und Angelpunkt: Die Kraft der neuen Realität
„Tot ist doch eigentlich tot.“ Dieser nüchterne Satz beschreibt die Realität, in der die Jünger nach der Kreuzigung verharren. Ohne das Ereignis der Auferstehung wäre die Geschichte Jesu eine Tragödie unter vielen geblieben – und der christliche Glaube, wie Paulus später an die Korinther schreibt, „umsonst und nichtig“ (1. Kor 15).
Theologisch gesprochen: Die Herrlichkeit Gottes ist in der Welt nur durch die Linse der Auferstehung recht zu verstehen. Es geht um eine persönliche Begegnung mit Jesus, um ein Zulassen der Auferstehung.
Der Jünger Thomas glaubte den anderen ja nicht, dass sie den Auferstandenen gesehen hatten. Er wollte handfeste Beweise sehen. Aber in dem Moment, als der Auferstandene ihn dann anredet, kann er bekennen: Mein Herr und mein Gott. Der Brief an die Hebräer drückt dies im 11. Kapitel so aus: Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht auf das, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht. (Vers 1)
Ohne dieses Bekenntnis bliebe die Verklärung Jesu auf dem Berg eine bloße Legende. Erst im Licht der Auferstehung wird die Verklärung von einer rätselhaften Erscheinung zu einer verlässlichen Realität: der leidende Mensch Jesus und der verklärte Gottessohn sind derselbe.
Und jetzt ordnen sich die Puzzleteile neu:
Die Geschenke der Weisen aus dem Morgenland: Gold, Weihrauch und Myrrhe.
Gottes Wort bei der Taufe: Du bist mein geliebter Sohn …
Die Begegnung mit Mose und Elia und dann Gottes Wort auf dem Berg der Verklärung Dies ist mein geliebter Sohn, auf den sollt ihr hören.
Diese neue Erfahrung gibt den Jüngern die Kraft, die sie vorher nicht hatten: Sie werden von Flüchtigen zu Boten der Vergebung. Sie tragen die Botschaft weiter – nicht weil sie so stark waren, sondern weil sie erfahren haben, dass Gottes „Ja“ zum Leben stärker ist als ihr eigenes Versagen.
Haben die Weisen aus dem Morgenland ihren Heiland gefunden, so hatte ich eingangs gefragt. Die Jünger, die dem Auferstandenen begegneten, die haben ihren Heiland tatsächlich gefunden.
Fazit: Glaube im Rückspiegel
Die Verklärung Jesu ist keine isolierte Episode. Sie ist ein „Osterleuchten“, das uns zeigt: Gott offenbart sich - bildlich gesprochen - auf Bergen, aber der Glaube bewährt sich - wiederum bildlich - in den Tälern. Die Botschaft von Epiphanias bis Ostern ist die Einladung, Jesus Christus nicht nur als das Kind oder den strahlenden Helden zu sehen, sondern als den, der durch das Dunkel hindurchgegangen ist, um uns dort abzuholen und zum Leben zu führen.
Nächster Blogbeitrag zum Sonntag Invokavit - Wenn das Licht der Verklärung auf die Wüste trifft
Diesen Beitrag habe ich für den 21. Februar zum Sonntag Invokavit geplant. Ob ich mir zwischendurch noch Gedanken für die beiden Sonntag vor der Passionszeit mache, muss ich mal schauen.
Der Wochenspruch für Invokavit lautet:
Dazu ist erschienen der Sohn Gottes, dass er die Werke des Teufels zerstöre. (1. Johannes 3,8b )
Nachdem wir in der Epiphaniaszeit auf den Glanz von Weihnachten zurückgeblickt haben, hält in drei Wochen der erste Sonntag in der Passionszeit, der Sonntag Invokavit, einen neuen Schwerpunkt für uns bereit. Ich widme mich einem Thema, das wir in der modernen Kirche oft lieber totschweigen: Der Versuchung und dem Teufel.
Dabei begegnen wir einer Gestalt, die wir oft nur noch als mittelalterliches Klischee belächeln. Doch wie lässt Goethe seinen Mephistopheles so treffend sagen?
„Den Bösen sind sie los, die Bösen sind geblieben.“
In meinem kommenden Beitrag übertragen wir die biblischen Versuchungen auf unsere heutige Zeit:
Steine zu Brot: Die Versuchung, alle Nöte rein technokratisch lösen zu wollen, statt aus Gottes Wort zu leben.
Der Sprung von der Zinne: Die Gefahr der religiösen Selbstinszenierung, die Gott herausfordert, statt ihm zu vertrauen.
Die Reiche der Welt: Der fatale Glaube, Macht und Kontrolle durch die Preisgabe von Werten gewinnen zu können – ein Hohn angesichts heutiger Brüche des Völkerrechts.
Wir werden sehen: Der bloße Wille oder moralische Vorhaben reichen nicht aus. Wie Eva und Adam erliegen wir oft der Illusion, wir könnten es allein schaffen. Doch echter Widerstand gelingt nur, wenn wir von Ostern her auf die Wüste blicken. Nur weil Christus die Werke des Teufels bereits zerstört hat, müssen wir die Schuld nicht mehr von uns wegschieben.
Seien Sie gespannt auf eine Auseinandersetzung mit unserer „sündhaften Natur“ und der befreienden Gewissheit, dass Gott seinen Engeln befohlen hat, uns zu behüten.
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