Samstag, 17. Januar 2026

Wenn der Himmel die Erde berührt

Fülle in Kana und Weite in Kapernaum

In meinem ersten Beitrag zur Epiphaniaszeit haben wir gesehen, dass die Erscheinung Jesu Christi erst im Licht der Auferstehung ihre volle Tiefe gewinnt. Doch bevor Jesus den Weg zum Kreuz geht, hinterlässt er Spuren. Er setzt Zeichen. In der Epiphaniaszeit begegnen uns zwei Geschichten, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Eine ausgelassene Hochzeit (2. Sonntag nach Epiphanias) und das Sorgenhaus eines römischen Soldaten (3. Sonntag nach Epiphanias). Beide erzählen davon, wie Gottes Gegenwart hier auf Erden aufscheint – und dass sie keine Grenzen kennt.

Nach diesem Beitrag folgt eine Predigt zur biblischen Geschichte der Hochzeit zu Kana aus dem letzten Jahr. 

I. Das Fest der Fülle: Das Weinwunder von Kana

Die Geschichte von der Hochzeit zu Kana (Johannes 2) wirkt auf den ersten Blick fast profan. Da geht einer Partygesellschaft der Wein aus – ein gesellschaftliches Desaster, aber keine lebensbedrohliche Notlage. Doch für den Evangelisten Johannes ist dies das „erste der Zeichen“. Die Forschung vermutet hier den Rückgriff auf eine sehr alte Sammlung von Wundergeschichten, die sogenannte Semeiaquelle (von griechisch semeion = Zeichen).

Doch Johannes übernimmt diese Geschichten nicht als bloße Berichte über magische Taten. Für ihn ist ein „Zeichen“ ein Wegweiser. Wer am Wegweiser stehen bleibt und nur das Holz bewundert, kommt nie ans Ziel. Das Zeichen will uns nicht nur staunen lassen, sondern uns zeigen, wer dieser Jesus wirklich ist: wahrer Mensch und wahrer Gott.

Die Verwandlung der Tradition

Im Haus standen sechs steinerne Wasserkrüge, gedacht für die jüdische Reinigungssitte. Diese Krüge symbolisieren das religiöse System der Zeit: Mühsame rituelle Waschungen, um vor Gott „rein“ zu werden. Es war ein System des Wassers – notwendig, aber ohne Geschmack und ohne die Kraft, das Herz wirklich zu erfreuen.

Jesus nimmt genau diese Gefäße des Gesetzes und füllt sie bis zum Rand. Doch was er daraus schöpfen lässt, ist Wein. Damit transformiert er die Religion:

  • Aus der rituellen Pflicht wird festliche Freiheit.

  • Aus dem Wasser der Reinigung wird der Wein der Gemeinschaft.
Deshalb dürfen wir nicht beim Wein stehen bleiben. Es gilt: Schau auf den, der diesen Wein gibt. Der ist nur das Gefäß für die eigentliche Botschaft: Hier ist der, der die Schöpfung erneuert. Wo der Mensch an seine Grenzen stößt (wenn der Wein ausgeht), fängt Gott neu an. 

Ein Echo der Propheten

Wer die Bibel kennt, hört in Kana die alten Verheißungen mitschwingen. Wenn Jesus ca. 700 Liter besten Wein schenkt, ist das kein Zufall, sondern göttliche „Verschwendung“. Es ist die Antwort auf die Träume der Propheten:

  • Amos (9,13) und Joel (3,18) träumten von einer Zeit, in der die Berge von Wein „triefen“.

  • Jesaja (25,6) sah ein Festmahl für alle Völker voraus, bei dem Gott den Tod verschlingt und besten Wein ausschenkt.

In Kana wird klar: Das Reich Gottes ist kein Ort des Mangels. Es ist das himmlische Freudenmahl, das hier und jetzt auf Erden aufblitzt. Gott will nicht nur unser Überleben, er will auch unsere Freude.

II. Die Weite des Glaubens: Der Hauptmann von Kapernaum

Nachdem am 2. Sonntag der Epiphaniaszeit das himmlische Freudenmahl auf Erden aufblitzt, weitet das Thema des 3. Sonntags in dieser Reihe den Blick. Wir verlassen die jüdische Hochzeitsgesellschaft und begegnen einem „Außenseiter“: einem römischen Hauptmann in Kapernaum. Er ist ein Heide, ein Vertreter der Besatzungsmacht – und doch wird er zum Vorbild des Glaubens (Matthäus 8).

Obwohl der Text aus einem anderen Evangelium stammt, nimmt er einen spannender Zug von Johannes auf. Wie wir gesehen haben, griff dieser wohl auf eine alte Sammlung von Wundergeschichten (Semeiaquelle) zurück. Jedoch setzt Johannes oft einen kritischen Akzent gegenüber Menschen, die Jesus nur wegen seiner Wunder hinterherlaufen. „Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht, so glaubt ihr nicht“ (Joh 4,48). Jesus und mit ihm Johannes möchte, dass wir nicht an den Wundern hängen bleiben, sondern auf seine Person schauen, wahrer Mensch und wahrer Gott.

Genau diesen Aspekt bringt Matthäus mit seiner Wunderschichte zum Ausdruck. 

Die Macht des Wortes

Der Hauptmann bittet um Heilung für seinen Knecht, doch er verlangt kein sichtbares Wunder. Er sagt: „Sprich nur ein Wort, so wird mein Knecht gesund.“ Er erkennt die Vollmacht Jesu an, die wir bereits bei seiner Taufe thematisiert haben. Während andere nach Zeichen dürsten, reicht ihm das schiere Wort Jesu.

Eine Versöhnung ohne Grenzen

Jesus ist erschüttert über diesen Glauben und proklamiert: „Viele werden kommen von Osten und von Westen und mit Abraham, Isaak und Jakob im Himmelreich zu Tisch sitzen.“

Hier wird der Bezug zum Epiphaniasfest deutlich, an dem die Drei Weisen aus dem Morgenland, Magier, Sterndeuter, Heiden, dem göttlichen Kind huldigen:

  1. Gottes Gegenwart gilt allen: Die Versöhnung ist nicht das Privileg einer kleinen Gruppe. Sie gilt dem jüdischen Brautpaar ebenso wie dem römischen Soldaten.

  2. Die Überwindung der Schranken: So wie Jesus in Kana die Grenze zwischen Reinigungswasser und Festwein aufhob, hebt er in Kapernaum die Grenze zwischen „reinem Volk“ und „unreinen Heiden“ auf.

Fazit: Gottes Gegenwart als Einladung

Was sagen uns diese beiden Geschichten für unser Leben heute?

Die Epiphaniaszeit zeigt uns einen Gott, der sich nicht in Tempeln versteckt. Er zeigt sich im Alltag – im Feiern und im Sorgen. In Kana schenkt er uns die Fülle des Lebens, in Kapernaum schenkt er uns die Weite seines Herzens.

Die "Erscheinung der Gottheit", seine "Epiphanie" bedeutet: Gott ist da, wo Menschen an ihre Grenzen stoßen – wenn der Wein ausgeht oder die Kraft am Ende ist. Er lädt uns ein, an seinem Reich teilzuhaben. Es ist ein Reich der Versöhnung, das keine Mauern kennt und dessen Freude bereits jetzt, mitten in unserer Welt, aufleuchtet.


Im nächsten und letzten Teil unserer Reihe werden wir auf den Berg der Verklärung steigen. Dort sehen wir das strahlende Licht der Gottheit Jesu – und verstehen, warum dieses Licht nur über den Weg des Leidens zu uns kommen konnte.

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