Sonntag, 28. Dezember 2025

Heiligabend 2025

Dieses Mal war ich nicht als Pastor im Dienst. Als Gottesdienstbesucher und ehrenamtlicher "Küster" habe ich diesen Nachmittag und Abend erlebt. 

Die weihnachtliche Gustav-Adolf-Kirche

Drei Gottesdienste, ein Licht ...

Vom Kinderkrippenspiel über den Jugendgottesdienst bis zur traditionellen Christvesper: Wie unsere Gemeinde am Heiligabend 2025 in drei sehr unterschiedlichen Feiern die eine Botschaft von der Menschwerdung Gottes entfaltet hat.

  • Krippenspiel: Die Kinder erzählen mit Benjamin und der „letzten Hütte von Bethlehem“ von Gottes Nähe am Rand der Welt.

  • Jugendgottesdienst: Unsere Teamerinnen und Teamer ringen mit dem Wunsch nach Perfektion – und entdecken: Gott sucht das Echte, nicht das Glatte.

  • Traditionelle Christvesper: Viele Krippenformen – eine Botschaft: In uns soll Christus seine Krippe finden.

In allen drei Feiern leuchtete dieselbe Spur auf:

  • Gott kommt nicht in die Welt der Perfekten, sondern mitten ins Chaos, an den Rand, in die letzte Hütte.

  • Weihnachten geschieht, wo wir uns von dieser Liebe berühren lassen – und sie weitergeben.

  • Überall dort, wo Ehrenamtliche „brennend im Geist“ dienen, wird Gemeinde zum Ort der Hoffnung.

1. Gottesdienst – Familien mit kleineren Kindern

Die letzte Hütte von Bethlehem – wenn der kleinste Engel den Weg weist

Der Heiligabend begann in diesem Jahr wie immer mit einem Gottesdienst für Familien mit kleineren Kindern – lebendig, farbenfroh und zugleich theologisch tief. Unsere Popkantorin Julia Uhlenwinkel hatte nach den Herbstferien mit rund 25 Kindern das musikalische Krippenspiel „Die letzte Hütte von Bethlehem“ einstudiert, unterstützt von Eltern und dem Vorbereitungsteam der „Gottesdienste mit kleinen und großen Leuten“. Der Chor „Just for Fun“ unter der Leitung von Maike R. Hofmann, die zugleich als Liturgin durch den Gottesdienst führte, unterstützte den Gesang der Kinder.

Impressionen vom Krippenspiel

Im Mittelpunkt der Geschichte standen nicht die Mächtigen und Glänzenden, sondern ein kleiner Engel: Benjamin. Während die „großen“ Engel, Seraphinen und Cherubinen, davon überzeugt waren, dass Gottes Sohn selbstverständlich in Rom oder im Palast des Herodes zur Welt kommen müsse, jagten sie Glanz, Macht und vermeintlicher Bedeutung hinterher – und scheiterten. Rom und Jerusalem erwiesen sich als die falschen Adressen für Gottes Kommen in die Welt.

Es war der unscheinbare Benjamin, der hinhörte, wo andere sich selbst genug waren. Er ließ sich von Gabriel senden, fand Maria und Josef in ihrer Not und führte sie in die „letzte Hütte von Bethlehem“, an den Rand der Welt, zu einfachen Hirten und ihren Schafen. Dort – im Schafstall, in der Armut, in der Improvisation – wurde das Licht der Welt geboren. Die Kinder spielten und sangen die Weihnachtsgeschichte als Bewegung vom Zentrum der Macht an den Rand, hin zu den Übersehenen. Sie zeigten uns: Gott sucht sich nicht das Perfekte und Glänzende, sondern das Echte, Bedürftige, Kleine.

Die Kinder haben uns damit eine uralte Wahrheit neu erzählt: Gottes Nähe findet man nicht zuerst in den Palästen dieser Welt, sondern in der „letzten Hütte“ – dort, wo Menschen Hilfe brauchen, miteinander teilen, improvisieren und einander Raum schenken.

2. Gottesdienst – Jugendliche & junge Erwachsene

„Nicht perfekt – aber echt“: Weihnachten im Chaos des Lebens

Der zweite Gottesdienst am Heiligabend richtete sich an Familien mit größeren Kindern, an Jugendliche und junge (und junggebliebene) Erwachsene. In diesem Jahr war er in besonderer Weise ein Gottesdienst der Ehrenamtlichen: Nach meiner Pensionierung im Herbst hatten unsere jugendlichen Teamerinnen und Teamer die Gestaltung komplett übernommen – von der Dramaturgie über die Texte bis hin zu Moderation und Gebeten. Da die Älteren wegen des Studiums nicht immer vor Ort sind, tauschten sich Caroline, Johannes, Nils, Helena, Marieke und Paul übers Internet aus.

Unser Team - Checkliste - Deko - Lesung - Auslegung - Gebet

Schon der Einstieg holte die Gemeinde in ihrer Wirklichkeit ab: Hektik der letzten Tage, der Anspruch, dass „alles perfekt“ werden müsse, und die Erschöpfung, die damit einhergeht. In der Begrüßung hieß es: „Hier ist ein Raum, in dem Weihnachten nicht perfekt sein muss – sondern authentisch.“ Damit war der Ton gesetzt, den Marieke dann auch im Eingangsgebet aufnahm.

Im Rollenspiel rangen Caro, Johannes, Nils und später Paul genau mit dieser Frage nach Perfektion: Wie „muss“ ein Heiligabend-Gottesdienst sein, wenn der langjährige Pastor nicht mehr da ist? Dürfen Dinge misslingen? Ist eine winzige Gipskrippe „genug“? Passt ein Rocksong in den Gottesdienst? Und was wäre, wenn es wirklich der „unperfekteste Gottesdienst aller Zeiten“ würde?

Schritt für Schritt begriffen die Protagonisten – und mit ihnen die Gemeinde: Die erste Weihnacht war selbst alles andere als perfekt. Eine überfüllte Stadt, keine Unterkunft, ein Stall als Notlösung, völliges Chaos – und genau dort kam Gottes Licht zur Welt. Nicht im „perfekten Hotel“, sondern mitten im echten Leben.

In der Auslegung fasste Helena diese Bewegung in klare, eindrückliche Sätze: Gott entscheidet sich nicht für Glanz, Luxus und große Bühne, sondern für einen Stall, eine Futterkrippe, ein erschöpftes junges Paar, das improvisieren muss. Gott kommt „mitten hinein in das echte Leben – mit seinen Problemen, seinen Sorgen, seinem Durcheinander“. Und er begegnet uns so, wie wir sind – mit „unseren Stärken und Schwächen, unseren erfüllten und unerfüllten Wünschen, unserer Freude und unserem Chaos“.

Die Jugendlichen haben uns nicht nur „vertretungsweise“ durch den Abend geführt. Sie haben mit eigenen Worten bezeugt: Gott sucht keine Perfektion, sondern Menschen. Weihnachten gelingt nicht, weil alles glatt läuft – sondern weil Gott im Unvollkommenen ankommt.

Musikalisch wurde dieser Gottesdienst getragen vom Posaunenchor unter der Leitung von Johannes Drenger. Unsere Teamer konnten noch Lukas und Harald Kopatschek gewinnen, die sich mit Klavier und Saxophon einfühlsam in den Gottesdienst einbrachten.

3. Gottesdienst – Traditionelle Christvesper

Viele Krippen, eine Botschaft: In uns muss Jesus seine Krippe finden

Die dritte Feier des Abends, die traditionelle Christvesper, stand unter der liturgischen Leitung unserer Prädikantin Petra Heidemann. Sie nahm die Gemeinde mit auf einen geistlichen Weg durch die bekannten Texte: prophetische Verheißungen aus Jeremia und Jesaja, das Glaubensbekenntnis, dann die Weihnachtsgeschichte nach Lukas in ihrer vertrauten Sprachmelodie. Passend zu den Texten erklangen die bekannten Weihnachtslieder, begleitet und geführt von Karsten Opitz an der Orgel. Doch dann stellte Petra Heidemann eine Frage, die mitten ins Heute zielt: Hören wir diese Texte noch, singen wir die Lieder bewusst – oder sind sie nur „akustische Deko“?

Christus will nicht nur in Bethlehem eine Krippe finden, sondern in uns.
Weihnachten wird dort Wirklichkeit,
wo sein Licht unser Leben erhellt –
und durch uns weiterleuchtet.

In ihrer Predigt stellte Petra Heidemann zunächst die Frage nach der Bedeutsamkeit der Weissagungen und führte dann hinein in die Entstehung der Evangelien, in die besonderen Perspektiven von Markus, Johannes, Matthäus und Lukas. Sie zeigte, wie Lukas bewusst die Form einer „Frohen Botschaft“ aus der Antike aufnimmt – und sie inhaltlich radikal umdreht: Keine vorbereitete Hof-Zeremonie, kein Palast, kein Glanz, stattdessen ein Stall, eine mühsame Reise, Armut, Bedrohung, Flucht.

Die Präsentation mit sehr unterschiedlichen Krippenbildern – von kunstvollen Holzfiguren bis zu Krippen aus Erdnüssen, Knete, Playmobil oder als bayerischer Schafstall – machte sichtbar: Es gibt nicht „die eine richtige“ Darstellung. Entscheidend ist nicht das Material, sondern die innere Erkenntnis: „In mir muss Jesus seine Krippe finden.“ Bei jedem einzelnen Menschen will Christus einziehen, das Leben hell machen und zum Leuchten bringen. Christus möchte keine teuren Geschenke in die Kippe gelegt bekommen, sondern, wir dürfen all das, was immer in unseren Herzen und Köpfen nicht zur Ruhe kommen lässt, was immer belastet oder umtreibt - unsere Ängste und Zweifel, unsere Einsamkeit und unsere Fehler, unseren Stress und unseren Stolz, unsere Ungeduld und unsere Hoffnungslosigkeit, unsere Ungerechtigkeiten und Lieblosigkeiten, - in der Krippe ablegen, um in uns Platz zu schaffen, damit wir ihn in uns aufnehmen und uns ganz ausfüllen, lassen können von dem, was uns verkündet wird: ”Euch ist heute der Heiland geboren!”

So wurde die Christvesper zu einer Einladung, sich persönlich von der Weihnachtsbotschaft „auf den Kopf stellen“ zu lassen: Christus als Dennoch und Trotzdem in einer aufgewühlten Welt, als Licht inmitten von Unrecht, Gewalt, Flucht, Angst und Überforderung. Wer dieses Licht im Herzen trägt, soll es nicht für sich behalten, sondern „da, wo Finsternis herrscht, ein Licht anzünden“.

Die vielen unterschiedlichen Krippendarstellungen sind Spiegelungen der Krippe in uns und bezeugen alle nur das Eine: Christus will nicht nur in Bethlehem eine Krippe finden, sondern in uns. Weihnachten wird dort Wirklichkeit, wo sein Licht unser Leben erhellt – und durch uns weiterleuchtet.

Ein Heiligabend, der in die Zukunft weist

Drei Gottesdienste, drei Formen, drei Zielgruppen – und doch eine gemeinsame Spur: Gott wird Mensch mitten in unserer Wirklichkeit.

Vom Kinderkrippenspiel mit dem kleinen Engel Benjamin über den jugendlichen Gottesdienst, der ehrlich mit dem Druck der Perfektion ringt, bis zur theologischen Weite der Christvesper mit ihren vielen Krippenbildern: An diesem Heiligabend 2025 hat unsere Gemeinde auf unterschiedliche Weise dieselbe Botschaft gefeiert. Sie wurde gesungen, gespielt, ausgelegt, gebetet – und immer wieder übersetzt in unser Leben heute.

Dass diese drei so unterschiedlichen Gottesdienste trotz der Vakanz der Pfarrstelle so kraftvoll gefeiert werden konnten, ist ein großes Geschenk. Unsere Ehrenamtlichen haben nicht „nur“ Vertretung gemacht – sie haben die Botschaft von der Menschwerdung Gottes mit eigenem Profil und brennendem Herzen verkündet.

Das zeigt: Unsere Gemeinde lebt. Sie ist bereit für die Zukunft, weil Menschen da sind, die ihren Glauben als tätigen Dienst verstehen. Ich bin dankbar und auch ein wenig stolz auf diesen Heiligabend, der gezeigt hat: Wenn wir im Geist brennen, wird die Kirche zum Ort der Hoffnung – für alle Generationen.

Mittwoch, 24. Dezember 2025

Weihnachten: Die Tür zum Paradies wird wieder geöffnet

Von der Vertreibung zur Versöhnung: Warum der Sündenfall die wichtigste Weihnachtsgeschichte ist.

Für die Lesung an Heiligabend ist oft die Weihnachtsgeschichte aus Lukas 2 vorgesehen. Doch wer tiefer in die theologische Bedeutung eintauchen will, kommt an einem anderen Text nicht vorbei: Genesis 3, die Geschichte vom Sündenfall und der Vertreibung aus dem Paradies.

Dieser Zusammenhang mag auf den ersten Blick ungewohnt erscheinen, doch er bildet die dramatische Klammer der christlichen Heilsgeschichte. Die Weihnachtsbotschaft kann nur verstanden werden, wenn wir wissen, was wir verloren haben – und warum wir Erlösung brauchen.

Das Bild des Neubeginns


Die Theologie des Gehorsams in der Kunst

Dieser tiefe theologische Zusammenhang wurde schon in der Kunst der Renaissance eindrücklich dargestellt. Eines der schönsten Beispiele ist die "Verkündigung" von Fra Angelico (Prado, Madrid).

Fra Angelico, Public domain, via Wikimedia Commons

Im Vordergrund sehen wir den Erzengel Gabriel, der der jungen Frau Maria die Geburt ihres Kindes verkündet – den Beginn der Erlösung. Doch im linken Hintergrund, als würde sie gerade erst geschehen, ist die Szene der Vertreibung von Adam und Eva aus dem Garten Eden dargestellt.

Dieses Bild ist die perfekte theologische Kurzfassung: Die Ursache des menschlichen Leidens (die Vertreibung) und der Beginn ihrer Aufhebung (die Menschwerdung Christi) sind in einem einzigen Moment vereint.

Die Theologie des Gehorsams – Von Irenäus bis Luther

  • Bereits der frühe Kirchenvater Irenäus von Lyon (2. Jh. n. Chr.) fasste diese Botschaft zusammen:

"Wie nämlich Eva, noch Jungfrau und unverdorben, durch ihren Ungehorsam die Ursache des Todes [...] wurde, so ist Maria, die Jungfrau, durch ihren Gehorsam die Ursache des Heils [...] geworden."

Wir dürfen uns hier nicht am Bild der Jungfrau festhalten, das tatsächlich beide Theologen verwenden. Das ist aber nicht das entscheidende. Es kommt auf den Moment des Gehorsams an. Das betonen sowohl Irenäus als auch Luther. 

  • Auch Martin Luther sah in Marias Haltung den entscheidenden Kontrast zum Sündenfall. In seiner Auslegung des Magnificat (Marias Lobgesang) betont er ihren Gehorsam und ihre Demut als "Magd des Herrn" im scharfen Gegensatz zum Hochmut des Menschen im Paradies. Die Vertreibung geschah durch Eigenmacht, die Erlösung beginnt durch Hingabe.
Warum der Gehorsam oder auch die Demut so wichtig sind und einen Neuanfang ermöglichen, wird im nächsten Abschnitt deutlich,. 

Der Sündenfall als menschliche Disposition

Traditionell wird der Sündenfall oft als ein moralisches Vergehen betrachtet, für das wir kollektiv bestraft werden. Diese moralische Perspektive verfehlt die eigentliche, existenzielle Tiefe des Textes.

Die zentrale Versuchung in Genesis 3 ist nicht der Apfel, sondern die Verheißung: "Ihr werdet sein wie Gott."

Der Sündenfall ist daher besser als eine menschliche Disposition zu verstehen: der Drang, das Leben vollständig in die eigene Hand nehmen zu wollen, das Dasein selbst zu kontrollieren und sich an die Stelle Gottes zu setzen.

Die Verantwortung Adams und unsere Gegenwart

Es ist wichtig zu sehen, dass in dieser Urszene nicht nur Eva der Versuchung erliegt. Adam erhält die Frucht von Eva und greift ohne Zögern zu. Er handelt mit gleicher Verantwortungslosigkeit, erliegt dem Hochmut genauso. Fast könnte man im Bild des biblischen Mythos sagen: Während Eva von der Schlange noch überzeugt werden musste, greift Adam bedenkenlos zu.

Was dabei herauskommt, sehen wir in der Gegenwart:

  • Chaos: Der Versuch, perfekt und allwissend zu sein (der moderne Drang zur Selbstoptimierung), führt zu Burnout und Entfremdung.
  • Schuldzuweisung: Nach der Tat verschieben Adam und Eva die Schuld. Adam schiebt sie auf Eva und in letzter Konsequenz auf Gott selbst: "Die Frau, die Du mir gegeben hast..." (Gen 3,12). Dieses Muster ist bis heute aktuell. Die Frage "Warum macht Gott... / warum macht Gott nicht...?" ist oft ein Versuch, die Verantwortung für das eigene Handeln auf das Göttliche oder Schicksal abzuschieben.
  • Entfremdung: Die Vertreibung ist der Verlust des Urvertrauens, das Zerbrechen der ursprünglichen Harmonie mit Gott, dem Nächsten und uns selbst.

Wir sind die Kinder, die aus dem Paradies vertrieben wurden und nun in "Dornen und Disteln" (Gen 3,18) mühsam ackern.

Weihnachten: Das Angebot zur Versöhnung

Genau in diese mühsame Welt kommt Gott in der Krippe. Weihnachten ist nicht die Anklage des Menschen, sondern die unverhoffte Initiative Gottes zur Wiederherstellung der Beziehung.

Der Liedvers aus "Lobt Gott, ihr Christen alle gleich" bringt die Botschaft auf den Punkt:

"Heut schließt er wie auf sein Himmelreich und schenkt uns seinen Sohn."

Die Tür, die der Mensch in seinem Hochmut zugeschlagen hat, wird von Gott in seiner Demut wieder geöffnet. Gott kommt in die Gestalt eines wehrlosen Kindes und heilt so den tödlichen Hochmut, der im Paradies begann.

Das ist die Botschaft der Versöhnung. Sie ist so wichtig, dass Paulus sie in die Osterzeit weiterträgt, aber ihr Ursprung liegt in der Menschwerdung. Daher gilt der Appell immer, auch an Weihnachten:

"So bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott." (2. Kor 5,20)

Aufeinander Acht haben wie bei einem Kind

Diese göttliche Versöhnung hat eine ganz konkrete Konsequenz für unser Handeln. Wie können wir das Chaos und die Entfremdung der Welt heute heilen? Indem wir lernen, so miteinander umzugehen, wie es uns in der Krippe vorgelebt wird:

Ein kleines Kind braucht Schutz, Achtsamkeit und bedingungslose Liebe. Es lädt uns ein, unsere eigenen Verteidigungsmechanismen und unseren Hochmut abzulegen.

An dieser Stelle ist auch Josef ein wichtiges Vorbild. Obwohl er im Rahmen der biblischen Erzählungen den ganzen übernatürlichen Zusammenhang nicht verstehen konnte, traf er die verantwortungsvolle Entscheidung, treu zu Maria und dem neugeborenen Kind zu stehen (Matthäus 1). Er steht für die menschliche Haltung des Gehorsams im Kleinen – die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, statt die Schuld abzuwälzen.

Weihnachten erinnert uns daran: Werdet wieder wie die Kinder. Indem wir lernen, aufeinander Acht zu haben, die Verletzlichkeit des Nächsten und unsere eigene anzuerkennen, finden wir den Weg zurück aus der selbst verschuldeten Vertreibung.

Die Geburt Jesu ist die Zusage Gottes, dass die Wiederherstellung der vertrauensvollen Verhältnisses möglich ist - wenn wir uns denn darauf einlassen!

Sonntag, 21. Dezember 2025

Magnificat - meine Seele erhebt den Herrn ...

 Magnificat ...

Zum 4. Advent grüße ich alle mit dem Magnificat, dem Lobgesang der Maria. 

Meine Seele erhebt den Herren,
und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes;
denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen.
Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder.
Denn er hat große Dinge an mir getan,
der da mächtig ist und dessen Name heilig ist.
Und seine Barmherzigkeit währt von Geschlecht zu Geschlecht
bei denen, die ihn fürchten.
Er übt Gewalt mit seinem Arm
und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn.
Er stößt die Gewaltigen vom Thron
und erhebt die Niedrigen.
Die Hungrigen füllt er mit Gütern
und lässt die Reichen leer ausgehen.
Er gedenkt der Barmherzigkeit
und hilft seinem Diener Israel auf,
wie er geredet hat zu unsern Vätern,
Abraham und seinen Kindern in Ewigkeit.

Lukas 1, 39-56

Joseph Andreas Mörz (1698 – 1764);
photographed by Hermetiker,
Public domain, via Wikimedia Commons
Link zu allen Fresken aus der Kirche

Am 4. Advent 2020 habe ich einen Gottesdienst zum Magnificat und zu den Fresken aus der römisch-katholische Pfarrkirche Mariä Verkündigung von Leeder in Oberbayern gestaltet. Die Fotos habe ich über Wikimedia gefunden. Den Blogbeitrag zum Gottesdienst kann man mit diesem Link aufrufen. 

Und hier ist noch ein Lied, das wir 2021 in der Gustav-Adolf-Kirche aufgenommen haben. 

Mit dir, Maria singen wir - freiTöne Nr. 94

An der Orgel spielt Heinz Detlau-Keire, Flöte und Gesang Elke Fredewehs, Schnitt Ralf Krüger

Sonntag, 14. Dezember 2025

Der Friedenskönig im Schatten der Panzer

Adventsbotschaft und Weltlage

Wenn wir am 1. Advent hören “Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel …”, dann steht dieses Bild des Friedens und der Demut im schärfsten Kontrast zur heutigen Realität:

  • Russland greift mit steigender Aggressivität die Ukraine an.

  • Die Sorgen vor einem Krieg zwischen China und Taiwan verdichten sich.

  • Die Attacken Amerikas auf Venezuela nehmen zu. 

  • Viele Staaten rüsten massiv auf.

Unter diesem Eindruck stellt sich die unausweichliche Frage: Was sagt uns das Königtum Jesu im Angesicht der Notwendigkeit militärischer Verteidigung? Das Ideal des Friedenskönigs, der den Völkern Frieden gebietet (Sach 9,10), erscheint angesichts von Aggression und Angriffskriegen, Propaganda, Fake News und Desinformation wie eine Illusion. 

I. Die Notwendigkeit der Abgrenzung: Schalom ist kein naiver Pazifismus

Der Kern des Missverständnisses liegt oft darin, dass "Friede" als passiver Zustand interpretiert wird. Biblischer Friede – Schalom – ist jedoch ein umfassender Zustand des Gottvertrauens, des Wohlergehens, der Gerechtigkeit, der Unversehrtheit und der richtigen Beziehungen - untereinander und eben auch und gerade zu Gott.

Der Friedenskönig gebietet nicht mit einem Befehl den Frieden; er ist der Maßstab, der uns zwingt, jede Gewaltanwendung als Versagen und letzte Notlösung zu sehen, die stets auf das Ziel der universellen Versöhnung ausgerichtet sein muss.

Der Friede Jesu ist ein Zustand der Gerechtigkeit: Der Friedenskönig Jesus ist zuerst ein Gerechter, wie Sacharja 9,9 betont. Ein Friede, der auf Unterdrückung, Unrecht oder der Verletzung von Souveränität basiert, ist kein Schalom.

Aktive Friedensarbeit: Jesus fordert nicht, die Augen vor Gewalt zu verschließen, sondern gegen die Ursachen von Gewalt anzugehen. Die Krönung Salomos stand für Pracht und materielle Macht. Dagegen steht die Krönung Jesu unter dem Zeichen der Gottesherrschaft: “Das Himmelreich ist nah herbeigekommen …” (etwa Mk 1,15) Und diese Inthronisation steht für die Priorität der Gerechtigkeit über die Herrschaft.

Für uns heute bedeutet das: Friedenskönigtum äußert sich im aktiven Bekennen unseres christlichen Glaubens und dann im Eintreten für die Schwachen, im Kampf gegen Korruption und im Aufbau internationaler Rechtsstrukturen. Die aktive Verteidigung der Schwachen oder der Unversehrtheit des Rechts auch mit Waffen kann in einer gefallenen Welt ein schmerzhafter Akt sein, der paradoxerweise dem Ziel des Friedens dient.

Angst ist kein guter Ratgeber: Schon beim Einzug in Jerusalem sahen die Pharisäer das Problem (Lk 19,39). Die Inszenierung Jesu als König gefährdete den fragilen, von Rom garantierten Frieden. Der göttliche Anspruch kollidierte mit der brutalen Realpolitik. Dieses Dilemma – das Ideal gegen die Realität – ist bis heute gültig. Aber es kann nicht sein, dass deswegen der Ungerechtigkeit und der Gewalt Tor und Tür geöffnet werden.

II. Die Spannung zwischen Ideal und Realität

Die EKD hat in einer bemerkenswerten Bewegung ihr Konzept vom tendenziell absoluten Pazifismus hin zu einem Konzept des "Gerechten Friedens" verändert. Damit wird keineswegs das frühere Verständnis eines 'gerechten Krieges' wiederbelebt. Es gibt allerdings eine Akzentverschiebung hin zu der Einsicht, dass Gerechtigkeit und Freiheit - auch die des Glaubens - unter Umständen auch mit Mitteln verteidigt werden müssen, die aus Glaubensgründen eigentlich abzulehnen sind.

Realistischer Gehorsam: Die EKD erkennt an, dass militärische Gewalt in einer „Welt in Unordnung“ (Titel der neuen Denkschrift) das äußerste Mittel sein kann, um Menschen und territoriale Integrität zu schützen. Dieser Realismus ist keine Abkehr von Jesus, sondern ein schmerzhaftes Dilemma angesichts der sündhaften Realität der Welt.

Friedenskönigtum als ethische Messlatte: Der Anspruch Jesu wird in diesem Kontext zur Messlatte. Er ist der unantastbare Idealzustand (Sach 9,10), den wir anstreben müssen. Jede militärische Handlung, jede Waffenlieferung, jede Aufrüstung muss sich daran messen lassen, ob sie letztlich dem Ziel des Friedens für die Völker dient und nicht der Eskalation oder der Machtprojektion. Der Friedenskönig ist somit nicht die Lösung in diesem Moment, sondern das Kriterium für unsere Entscheidungen.

III. Das Maultier als ethische Messlatte: Die Logik der Macht entlarven

Die eigentliche Kraft des Friedenskönigs liegt in seiner Absage an die Logik der weltlichen Macht. Jesus wählt das Maultier (Demut) und nicht das Schlachtross (Krieg). In einer Zeit, in der die Staaten wieder stark in Waffen investieren und auch die Evangelische Kirche die Notwendigkeit militärischer Verteidigungsfähigkeit anerkennt, wird der Friedenskönig zur ethischen Messlatte. Die Botschaft Jesu entbindet uns nicht von der Verantwortung für Schutz und Sicherheit, aber sie stellt das Handeln unter ein strenges Kriterium.

Priorität der Prävention: Wenn wir aufrüsten müssen, weil wir im Krieg die letzte Notlösung sehen, wie viel mehr müssen wir dann in Diplomatie, zivile Konfliktlösung und Entwicklungshilfe investieren! Es ist fatal, dass die westlichen Staaten aktuell ihre Entwicklungshilfen radikal kürzen. Der Friedenskönig fragt: Setzen wir unsere Hoffnungen zuerst auf Entwicklung - auch und gerade bei den benachteiligten Menschen -, auf Verhandlungen und Gerechtigkeit, oder zuerst auf Waffen und Ausbeutung und Gewinn?

Entlarvung der Aggression: Das Friedenskönigtum verurteilt entschieden jede Form der Aggression oder des Machtmissbrauchs, bei dem militärische Gewalt zur Verfolgung egoistischer nationaler oder wirtschaftlicher Interessen dient (etwa die Drohung mit einer Invasion, um sich Bodenschätze zu sichern). Ein Angriff auf andere Länder zur Machtabsicherung ist das genaue Gegenteil des Friedenskönigtums.

VI. Der Anspruch des Advents: Der radikale Aufruf zur Prioritätenverschiebung

Die Geburt des Friedenskönigs zu Weihnachten ist die Konsequenz des Einzugs an diesem 1. Advent. Die Botschaft ist:

Wahre Sicherheit und dauerhafter Schalom werden niemals durch militärische Überlegenheit oder das Festhalten an alter Machtlogik (dem "Königtum Salomos") erreicht.

Die Ankunft Jesu ist ein radikaler Auftrag zur Prioritätenverschiebung. Wir werden ständig herausgefordert, uns neu zu entscheiden:

  • Wollen wir einen König, der uns gegen unsere Feinde beschützt?

  • Oder wollen wir einen König, der uns auffordert, mit unseren Feinden den Weg zur Gerechtigkeit und zum Frieden zu suchen?

Der Advent ist somit keine Vertröstung auf bessere Zeiten, sondern eine Aufforderung, schon heute dort Schalom zu leben und zu fordern, wo wir ihn am dringendsten brauchen. Inmitten der Debatten über Aufrüstung ist die Erinnerung an den König auf dem Esel unsere wichtigste spirituelle Waffe.


Okay, wenn ich bei diesem Gedanken - Spiritualität, Bekenntnis, Theologie und vieles mehr - die EKD vor Augen habe, sehe ich schon das nächste Problem. Aber das will ich an dieser Stelle (noch) nicht weiter ausführen. 


Montag, 1. Dezember 2025

Der 1. Advent – Ankunft eines Königs, der anders reitet

Der Erste Advent feiert den Beginn der Erwartung. Unsere Lieder sind gefüllt mit der Sehnsucht nach einem Licht in der Dunkelheit und der Ankunft des Herrn. Die Liturgie lenkt unseren Blick an diesem Sonntag allerdings nicht auf die Krippe, sondern auf eine andere, viel dramatischere Szene: den Einzug Jesu in Jerusalem.

Warum lesen wir am 1. Advent die Geschichte von Palmsonntag? Weil dieser Einzug wie ein Manifest ist. Er zeigt uns, welcher König kommt und mit welcher Absicht.

I. Der Anspruch auf den Thron Davids: Eine bewusste Inszenierung


Die biblischen Berichte

Die Szene aus Matthäus 21, 1–11 ist mehr als eine spontane Demonstration. Sie ist eine sorgfältige Inszenierung, die tief in der israelitischen Geschichte verwurzelt ist. 

Als Jesus Jerusalem erreicht, reitet er auf einem Esel in das Zentrum der Macht. 

Als sie nun in die Nähe von Jerusalem kamen, nach Betfage an den Ölberg, sandte Jesus zwei Jünger voraus 2 und sprach zu ihnen: Geht hin in das Dorf, das vor euch liegt, und gleich werdet ihr eine Eselin angebunden finden und ein Füllen bei ihr; bindet sie los und führt sie zu mir! 3 Und wenn euch jemand etwas sagen wird, so sprecht: Der Herr bedarf ihrer. Sogleich wird er sie euch überlassen. 4 Das geschah aber, damit erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten, der da spricht (Sacharja 9,9): 5 „Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir sanftmütig und reitet auf einem Esel und auf einem Füllen, dem Jungen eines Lasttiers.” 6 Die Jünger gingen hin und taten, wie ihnen Jesus befohlen hatte, 7 und brachten die Eselin und das Füllen und legten ihre Kleider darauf, und er setzte sich darauf. 8 Aber eine sehr große Menge breitete ihre Kleider auf den Weg; andere hieben Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg. 9 Die Menge aber, die ihm voranging und nachfolgte, schrie: Hosianna dem Sohn Davids! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe!

10 Und als er in Jerusalem einzog, erregte sich die ganze Stadt und fragte: Wer ist der? 11 Die Menge aber sprach: Das ist Jesus, der Prophet aus Nazareth in Galiläa. (Matthäus 21, 1-11)

Diese Geschichte ist den meisten wohlvertraut. Und dass diese Geschichte ihre Deutung aus dem Wort des Propheten Sacharja 9,9 zieht, das haben Sie beim Lesen Textes auch erkannt.

Die wenigsten aber werden wissen, dass es schon einmal solch einen triumphalen Einzug in Jerusalem gegeben hat. Dieses Ereignis liegt etwa 1000 Jahre zurück. Es ist die Zeit von König David und König Salomo, also ungefähr die Zeit um 960 vor Christus. David spürt, dass sich sein Leben dem Ende entgegenneigt und er will die Thronfolge regeln. Da setzt die alte Geschichte ein: 

König David sprach: Ruft mir den Priester Zadok und den Propheten Nathan und Benaja, den Sohn Jojadas! Und als sie hineinkamen vor den König, 33 sprach der König zu ihnen: Nehmt mit euch die Großen eures Herrn und setzt meinen Sohn Salomo auf mein Maultier und führt ihn hinab zum Gihon. 34 Und der Priester Zadok samt dem Propheten Nathan salbe ihn dort zum König über Israel. Und blast die Posaunen und ruft: Es lebe der König Salomo! 35 Und zieht wieder hinauf hinter ihm her, und er soll kommen und sitzen auf meinem Thron und für mich König sein. Denn ihn setze ich zum Fürsten über Israel und Juda ein. (1. Könige 1,32-35)

Damit sie sich die Szenerie etwas besser vorstellen können, veranschauliche ich die beiden Geschichten mal mit Kartenmaterial. Die Karten stammen aus Wikimedia, die eingefügten Beschriftungen von mir. Dazu kommen zwei Fotos vom „Holyland Model of Jerusalem“, ebenfalls gefunden auf wikimedia und zwei Zeichnungen aus dem großen Fundus des Amerikaners Jim Padgett, der mit seinen ca. 3.000 Bildern fast die ganze Bibel illustrierte.

linke Karte
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:MACCOUN(1899)_p097_JERUSALEM_-_TIME_OF_DAVID_AND_SOLOMON.jpg
https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/5/5f/MACCOUN%281899%29_p097_JERUSALEM_-_TIME_OF_DAVID_AND_SOLOMON.jpg
Für den Autor, siehe / Public domain
rechte Karte
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:MACCOUN(1899)_p191_JERUSALEM_-_TIME_OF_AGRIPPA.jpg
https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/2/2c/MACCOUN%281899%29_p191_JERUSALEM_-_TIME_OF_AGRIPPA.jpg
Für den Autor, siehe / Public domain

Bild auf der linken Seite - Davidstadt: 
https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Holyland_Model_of_Jerusalem?uselang=de
Bild auf der rechten Seite - Salbung Salomos
https://www.unfoldingword.org/sweet-publishing - 1. Könige

wie auf dem Bild zuvor - oberhalb der Davidstadt der Herodianische Tempel

Ich habe die Geschichte vom Einzug Jesu in Jerusalem vor 5 Jahren am Palmsonntag 2020 sehr ausführlich beschrieben. Der Beitrag kann mit diesem Link aufgerufen werden. Während der Beitrag 2020 die biblischen Berichte in das Geschehen der Karwoche einordnete, geht es mit diesem Blogbeitrag am Anfang eines neuen Kirchenjahres in erster Linie um das Vorzeichen, das durch diese bewusste liturgische Entscheidung im Grunde genommen über die ganze christliche Verkündigung gesetzt wird.

Davids Sohn

Die Menge, die Jesus jubelnd empfängt und vor ihm ihre Kleider und Palmzweige ausbreitet, tut genau das, was die Bevölkerung Israels bei der Inthronisation Salomos tat: Sie vollzieht einen königlichen Rechtsakt.

Das Reittier: In der Geschichte aus dem Ersten Testament war das persönliche Maultier des Königs das Gefährt der Legitimation. Wer darauf ritt, beanspruchte den Thron Davids.

Der Jubel: Die Rufe, mit denen die Menge Jesus begrüße – "Hosanna dem Sohn Davids!" – waren ein klarer politischer Slogan. Sie erwarteten die Wiederherstellung der alten, glorreichen Macht.

Da Jesus dem ganzen Treiben nicht widerspricht, bekennt er: Ich bin der legitime Nachfolger Davids. Ich bin der König.

II. Die Korrektur: Die Verheißung des Friedenskönigs

Hätte Jesus es bei dieser Botschaft belassen, wäre er sofort als politischer Revolutionär von den Römern verhaftet worden. Doch die eigentliche theologische Pointe liegt im zweiten Schriftwort, das diese Szene erklärt: der Prophet Sacharja (Sach 9, 9–10).

Der Einzug ist ein königlicher Anspruch, aber er ist bewusst kontrastiert durch die Art der Ankunft:

"Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitend auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin." (Sach 9,9)

Jesus reitet nicht in der Stärke, sondern in der Demut. Er bricht die politische Erwartung der Salomo-Geschichte zugunsten der prophetischen Ankündigung:

Die Erwartung (Salomo-Typus): Ein König, der die Feinde besiegt und Reichtum bringt.

Die Intention Jesu (Sacharja-Typus): Ein König, der durch Demut Frieden stiftet.

Und das ist der entscheidende, adventsrelevante Punkt, den uns Matthäus ans Herz legt – der Friede gilt universal (Vers 10):

"Und er wird die Streitwagen aus Efraim vernichten und die Rosse aus Jerusalem, und der Kriegsbogen wird zerbrochen werden. Denn er wird den Völkern Frieden gebieten." (Sach 9,10)

Die wahre Intention Jesu ist somit nicht die Errichtung eines irdischen Nationalreiches, sondern das Reich Gottes – ein Reich, das nicht durch militärische Macht, sondern durch Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und universalem Frieden bestimmt wird.

III. Adventliche Ankunft und die wahre Botschaft von Weihnachten

Was sagt uns der Einzug in Jerusalem am 1. Advent über die Geburt in Bethlehem?

Der Einzug definiert das Königtum Jesu im Kontrast zur weltlichen Macht. Jesus kommt als König – aber als ein König, der die Gewalt und den Krieg ablehnt.

Die Ankunft Jesu ist die Ankunft des Friedenskönigs.

Diese Intention findet ihre Erfüllung in der Weihnachtsgeschichte. Derjenige, der am Ende seines Lebens auf einem Esel in die Stadt reitet, um das Friedensreich Gottes zu proklamieren, beginnt sein Leben nicht in einem Palast (wie Salomo), sondern:

  • in einem Stall (Demut).
  • umgeben von Hirten und Weisen, die nach der biblischen Geschichte einen langen Weg auf sich nahmen (Universalität - für die ganze Welt).
  • begleitet vom Gesang der Engel: "Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen."

Der Einzug ist die königliche Bestätigung, die die Krippe erst verständlich macht. Am 1. Advent erinnern wir uns: Wir erwarten einen König, aber wir erwarten den Friedenskönig.

Er ist nicht gekommen, um einen Thron zu besteigen, sondern um die Menschheit mit Gott zu versöhnen.